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Auf einmal waren alle Geräusche um sie herum in einem Augenblick höchster Konzentration ausgeblendet, und in der vollkommenen Stille erinnerte Rhapsody sich an Ashes Worte: Er war wie eine Schlingpflanze, die sich um mein Innerstes rankte und sanft wie ein Windhauch Teil von mir wurde, sich ohne Zögern ausbreitete, bis er meinen Brustkorb zur Gänze ausfüllte. Das Grauen, das allmählich in ihr Bewusstsein drang dass sie Jo getötet hatte, wich einem noch größeren Entsetzen.

»Ihr Götter! Achmed! Achmed! Sie ist gefangen!«

Die drei sahen Jo an und blickten dann auf den Boden. Der Raureif auf dem Gras stieg in einem Nebel auf und verdickte sich zu einer seilartigen Wolke, die sich von Jos Bauch bis zu dem Feld hinter ihnen erstreckte. Die Wolke wurde dunkler und fester, bis sie sich schließlich zu einer fasrigen Ranke verflocht, dornig und bedeckt von silbern glänzender Rinde. Sie drehte sich, erhob sich langsam, zog Jo ruckartig zu Boden und zerrte sie in Richtung ihres verborgenen Ursprungs.

Gelbe Schaumflocken drangen aus Jos Mund, und ihre Haut verfärbte sich grau, während das Blut aus ihren Adern spritzte und ihre Freunde benetzte; in stummem Protest hatte sich ihr Mund geöffnet, ihr Gesicht war im Todeskampf verzerrt. Schwaches Licht trat aus ihrem Inneren hervor, in die Fesseln der Ranke verstrickt, und ihr Körper erstarrte. Physisches und Metaphysisches flössen zusammen, während Körper und Seele sich zur Trennung bereit machten.

Grunthor und Rhapsody warfen sich auf Jo und packten ihre steifen Gliedmaßen, während sie am Boden Halt suchten. Mit grimmiger Entschlossenheit zogen sie ihre Waffen, Grunthor seinen Spieß, Rhapsody den Krallendolch, und schlugen mit aller Kraft auf die Ranke ein, um sie aus Jos Eingeweiden herauszuschneiden. Fetzen von Fleisch und Innereien flogen ihnen um die Ohren. Jo gab ein letztes, gurgelndes Röcheln von sich, dann hörte man nur noch das Zischen der aus ihren Eingeweiden entweichenden Luft, das Reißen von Muskeln und Haut, das Spritzen von Blut. Die Ranke kämpfte, als wäre sie lebendig. Ihre Seitenarme streckten sich und schlössen sich zusammen, sodass sie eine schuppige Klaue bildeten, die wild auf die Angreifer einhieb und Grunthor das Handgelenk aufriss, dass es heftig zu bluten begann. Ein Tentakel wand sich im Würgegriff um Rhapsodys Fuß, andere Seitentriebe, an denen dolchartige Dornen gewachsen waren, gingen wie zuckende Schlangen auf ihren Rücken los. Wo sie die Haut berührten, brannte und rauchte es, als spritzte Säure aus den Dornen.

Peitschen gleich schlugen die Seitentriebe um sich, spickten Grunthors Gesicht mit spitzen Stacheln, schlangen hunderte kleiner Triebe um seine Handgelenke, die seine dicke Haut zu durchdringen suchten. Die beiden Gefährten kämpften weiter und gaben sich alle Mühe, die Angriffe zu ignorieren. Doch obwohl sie Jos Körper gemeinsam festhielten und zu Boden drückten, schien die Ranke stärker zu sein, schleifte sie mit zuckenden Bewegungen vorwärts, zerrte sie hartnäckig zur Mitte des Felds.

Inzwischen war Achmed auf das Feld mit dem frostbleichen Korn gelaufen und fühlte, wie die Luft um ihn herum sich immer mehr auflud. Hier war ein Riss im Universum, ein Phänomen, wie er es auch auf der Insel gespürt hatte, ein Riss, aus dem das Grauen hervordrang, das vor langer Zeit in die Erde eingeschlossen worden war. Als er das Ende der Ranke erreichte, blieb er stehen. Vor ihm in der Luft zeichneten sich schwach die Umrisse einer Tür ab, aus der Energie hervorquoll, Macht und Dunkelheit. Ein Ekel erregender Gestank, den er inzwischen nur allzu gut kannte und den auch der Rakshas abgesondert hatte, verpestete die Luft.

»F’dor!«, rief Achmed Grunthor zu. Der riesige Bolg nickte, fuhr jedoch fort mit seinem grausigen Werk, wobei er ständig den wild um sich schlagenden Klauen ausweichen musste. Achmed schlug seine Kapuze zurück, holte tief Luft und packte die metaphysische Tür. Der Leichengestank, der durch ihre gespenstischen Ritzen drang, legte den Verdacht nahe, dass sie in die Unterwelt führte. Immer wieder bäumte sie sich auf, ein grässliches Brüllen erschallte und hallte über die Felder bis ins Tal hinunter.

Achmed spürte sein Blut kochen; in ihm wallte der eingeborene Abscheu seiner Rasse auf, rhythmisch und summend wie ein Grillenzirpen. Vor Wut und Anstrengung zitternd, hielt er die Tür fest und setzte dabei all die Techniken ein, die er vor vielen Jahren erlernt hatte. Mehr mit Willenskraft als mit körperlicher Stärke drehte er sich so/ dass er die Schulter gegen das Portal stemmen konnte; die wütenden Schreie waren wie ein Echo seines eigenen Zorns. Voller Entsetzen gewahrte Rhapsody, dass die Arme der Ranke, die das formlose Licht umklammerten, in eine andere Richtung strebten als diejenigen, welche Jos Körper fesselten sie versuchten Jos Seele zu entführen! In wenigen Augenblicken würde die Schwester, die sie geliebt und zu beschützen geschworen hatte, auf ewig gefangen sein in den tiefen Erdkammern des Feuers, in den Händen der letzten verbliebenen F’dor-Geister. Bei dem Gedanken überlief sie ein heißer Schauder.

Sie warf sich nach rechts, rollte sich über den Boden von der Ranke weg und überließ Grunthor das Hacken und Schlagen. So gut sie konnte, klärte sie ihre Gedanken, holte tief Atem und begann zu singen. Sie sang Jos Namen, wobei sie im Stillen dafür dankbar war, dass ihre Schwester ihr endlich gestanden hatte, dass sie keinen Nachnamen hatte, und stimmte dann ein Lied des Haltens an.

Es begann als einfache Melodie, die ständig wiederholt wurde, aber bei jedem Refrain kam ein neues Element hinzu: ein neuer Ton, eine neue Pause, ein neuer Takt. Beim Klang ihrer Stimme erschien ein kleiner Lichtstrahl; er bauschte sich in der Luft um die formlose Masse, die in den Spiralen der Ranke schimmerte, drehte und wand sich, bis er zu einer leuchtenden Kette wurde, die im Wind baumelte. Immer und immer wieder sang Rhapsody die Verse, bis sie zusammenflössen und einen Kreis, dann eine Kugel aus winzigen Lichtringen bildeten, ähnlich dem schimmern den Panzer aus Drachenschuppen. Wie ein Netz schickte sie diese in die Luft und fügte Jos Namen und ihre eigene Stellung als ihre Schwester in das Lied ein, bis sie die leuchtende Seele endlich eingefangen hatte. Sekunden später standen die Kette und die Ranke sich gegenüber, und Jos Seele steckte zwischen den beiden.