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Das schimmernde Licht kämpfte gegen seine musikalischen Fesseln, ruckte in zielloser Angst vor und zurück. Rhapsody ging allmählich die Luft aus, und ihr Gesang nahm einen Stakkato-Charakter an, als die Wirklichkeit sie einholte. Mit großer Anstrengung und ohne die Melodie zu unterbrechen, hob sie die Tagessternfanfare über ihren Kopf und ließ das Schwert mit aller Kraft auf den Hauptarm der Ranke niedersausen, der Jos Körper mit der Tür verband. Ein grässlicher Schrei dröhnte in ihren Ohren; die Ranke begann zu pulsieren, Seitenarme und Dornen schlugen wild um sich und hieben in blinder Wut auf alles ein, was sich in ihrer Nähe befand. Grunthor wurde beiseite geschleudert, als das mächtige Tau zerriss, wie eine Peitsche über das Feld schnellte und durch die Tür verschwand. Nur dank seiner außergewöhnlichen Behändigkeit gelang es Achmed, ihr auszuweichen, als sie an ihm vorbeischoss. Von ihren Fesseln befreit, sackte Jos Leiche zu Boden, und Grunthor, der inzwischen wieder auf die Füße gekommen war, entfernte rasch die letzten Überreste der Ranke aus ihrer Bauchhöhle. Achmed stolperte, hielt sich aber aufrecht, während der Riss im Universum zu Nebel verschmolz, bis er schließlich nicht mehr zu sehen war. Vorsichtig blickte der Bolg-König um sich und kehrte dann zu der Stelle zurück, wo der Rakshas gefallen war. Dort kauerte er nieder und berührte nachdenklich den Blutdurchtränkten Boden.

Beharrlich weitersingend, wankte Rhapsody zu Jo und Grunthor. Sie kniete sich auf die eisige, blutige Erde, nahm Jo in die Arme und ließ ihren Tränen freien Lauf Tränen eines Kummers, der tiefer reichte als alles, das sie je empfunden hatte. Noch immer sang sie, wiederholt von Schluchzern unterbrochen, aber nicht willens, Jo loszulassen. Langsam und ohne recht zu merken, was sie tat, stopfte sie die Eingeweide des Mädchens zurück in den Bauch. Die grelle Sonne schmerzte ihr in den Augen, und die Welt verschwamm in einem grausigen Dunst.

Rhapsody. So laut dröhnte das Blut in ihren Ohren, dass sie das Flüstern kaum vernahm. Durch den Tränenschleier blickte sie hinab in Jos Gesicht. Inzwischen hatte die Todesblässe eingesetzt, und ihre Augen, die in endgültiger Erstarrung ebenso offen standen wie ihr Mund, reflektierten blind das Sonnenlicht. Doch die Stimme rief, leicht wie die Luft, abermals ihren Namen in dem Versuch, das stockende Lied zu übertönen.

Rhapsody, lass los. Es tut weh.

»Es tut mir Leid. Es tut mir Leid. Ich wollte dir nie wehtun. Ich kann es wieder gutmachen, Jo.« Ihr Schluchzen brach durch die Musik. »Halt durch, Jo, halte durch. Ein Lied, ich kann dich mit einem Lied zurückholen. Das habe ich bei Grunthor auch geschafft ich finde einen Weg, es muss einen geben. Ich kann es wieder gutmachen.«

Rhapsody, lass mich gehen. Meine Mutter wartet auf mich.

Rhapsody schüttelte den Kopf und versuchte, die Worte zu verscheuchen, die weit weg auf dem Wind schwebten. Obwohl sie leichter waren als die Luft, die in schmerzlichen Wellen um sie herum pulsierte, besaßen sie doch eine Endgültigkeit, eine Bestimmtheit, die sie nicht leugnen konnte. Tief in ihrer Seele, in dem Teil, in dem sie und Jo vereint waren, fühlte sie eine Ungeduld, das Bestreben, sich so schnell wie möglich aus der Schwere der Welt zu befreien.

Zitternd brachte sie ihr Lied zu Ende und zog Jos Körper noch einmal an ihr Herz. Aber die Musik hörte nicht auf; sanfte, tiefe Töne antworteten in der Erde und in der Luft dem Herzen der Sängerin, die nicht gehorchen wollte, obwohl sie genau wusste, dass es richtig war. In Jos Körper setzte bereits die Totenstarre ein, aber Rhapsody konnte die Stimme jetzt klarer hören, auch wenn sie so luftig war wie zuvor.

Du hattest Recht, Rhapsody. Sie liebt mich wirklich. Rhapsody begann unkontrollierbar zu zittern, und sie rang zwischen Weinen und Schluchzen nach Luft. Das Glück wartet auf mich. Lass mich gehen. Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt.

Auf einmal lagen Grunthors riesige Pranken leicht auf ihrem Kopf. »Lass sie gehen, Schätzchen. Sag ihr auf Wiedersehen und schenk ihr einen guten Abschied, dem armen Mädchen.«

Irgendwo in ihrem Inneren fand Rhapsody endlich die Kraft, Jo loszulassen. Behutsam legte sie ihre Schwester wieder auf den Boden, und die Musik verklang. Mit bebenden Händen drückte sie ihr die Augen zu, die doch nichts mehr sahen. Obwohl ihr noch immer der Kopf schwirrte, stimmte sie stockend das Lirin-Lied des Übergangs an, die alterslose Weise, die unter zahllosen Sternenhimmeln erklang, wenn der Rauch der Begräbnisfeuer aufstieg. In die uralten Texte fügte sie Worte der Liebe und des Entschuldigens mit ein, Worte der Reinigung von den Fesseln der Erde, um dem Mädchen, das sie wie eine Schwester geliebt hatte, den Weg zum Licht zu erleichtern.

Weit oben im Zenit hörte sie die Stimme, ein letztes Mal, weich wie fallender Schnee.

Rhapsody, deine Mutter sagt, sie liebt dick auch.

Blind vor Kummer ließ sie den Kopf auf Jos leblosen Körper sinken und weinte, weinte aus den Tiefen ihrer Seele. Vage bekam sie mit, wie Grunthor Jo behutsam auf die Arme nahm und sie von dem Ort wegtrug, an dem sie gefallen war. Sie versuchte, aufzustehen und ihm zu folgen, aber die Erde gab unter ihr nach und sie schwankte; warme, starke Hände fingen sie auf und hielten sie fest.

»Hier«, sagte Achmed, drehte sie um und blickte sie an. Vom Hals bis hinunter zu den Knien war sie mit Blut besudelt, Stücke der Schlingpflanze und Fetzen von Jos Eingeweiden klebten an ihren verkohlten, noch leise qualmenden Kleidern. Achmed drückte sie an sich, legte einen Arm um ihre Schultern, um sie zu stützen, während er ihr mit der anderen Hand sanft über Haar und Rücken strich, mit einer Geste, die Trost bedeutete und sie wieder ins Leben zurückrief. Doch plötzlich hielt er inne und zog die Hand weg. Sie war über und über mit frischem Blut bedeckt.

»Rhapsody?«

Ihr Gesicht wurde schlohweiß, und sie verdrehte plötzlich die Augen. Achmed rief nach Grunthor, während er Rhapsody vorsichtig auf den Boden legte und verzweifelt die Wunde suchte, aus der das Blut drang. Hastig zog er ihr die Rüstung aus Drachenschuppen aus und riss ihr Hemd auf, konnte aber nichts finden. Doch sein Blutsinn leitete ihn; er folgte ihrem schwächer werdenden Herzschlag hinunter zu ihrem Schenkel und entdeckte dort mehrere hässliche Schnitte, einer davon so lang wie seine Hand, in dem noch ein Dorn steckte. Die Wunde pulsierte mit jedem Herzschlag, und Achmed wusste sofort, dass der Dorn eine Arterie durchtrennt hatte. Unter ihr färbte sich der Boden purpurrot, das Blut sickerte durch ihre Kleider und in die Erde.

»Komm, Rhapsody, wir haben schon schlimmere Kämpfe überstanden«, redete Achmed ihr zu, in dem Versuch, sie bei Bewusstsein zu halten. »Ich weiß, du findest, dass Rot dir gut steht, aber das hier ist jetzt wirklich albern.« Grunthor drehte sie auf die Seite, zog das Stück Dorn heraus und hielt sie fest, während Achmed den unteren Rand seines Umhangs abriss und ihr Bein damit verband. Dann holte er seinen Wasserschlauch hervor und spritzte etwas von seinem Inhalt auf ihr Gesicht, in der Hoffnung, sie wieder zur Besinnung zu bringen. Als sie keine Reaktion zeigte, klopfte er auf ihre Hand, dann auf ihre Wange, bis ihre Augenlider sich flatternd öffneten.

Für Achmed gab es keinen Zweifel, dass ihr Zustand gefährlich war. »Also, das hat mir jetzt wirklich gefallen«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Werd ruhig noch mal ohnmächtig, dann kann ich dich noch ein bisschen schlagen.« Wieder reagierte sie nur schwach. »Hör mal, Rhapsody, musst du unbedingt jetzt schlafen? Das ist doch keine Art, dich vor dem Lagerabbrechen zu drücken.« In der frostigen Luft war ihr Atem nicht mehr zu sehen. Achmed blickte zu Grunthor auf, und der riesige Firbolg schüttelte den Kopf.