»Hier, nimm du Jo, ich trage Rhapsody. Die Pferde sind ungefähr eineinhalb Meilen weit weg, den Abhang dort drüben hinunter. Lass uns die beiden von hier wegbringen.«
»Gut.« Grunthor rannte zurück, um Jos Leiche zu holen, und der Boden erbebte unter seinen Schritten.
So trugen sie die beiden Frauen, die eine tot, die andere dem Tode nahe, den windigen Hügel hinunter zu dem versteckten Lager, wo die Pferde auf sie warteten, sattelten sie grimmig und machten sich eilig auf den Weg nach Sepulvarta.
47
Der Kessel selbst war unverändert geblieben. Dem Berg war der Tod nicht fremd; Canrif und später Ylorc war nach so mancher Niederlage Zeuge von Leichenwachen gewesen, und auch etliche brutale Morde waren hier ausgeheckt worden. Für Achmed jedoch war es das erste Mal, dass er hier im Halbdunkel jemanden am Leben zu erhalten versuchte. Unbewusst ging er dabei ganz ähnlich vor, als plante er einen Mord. Immer wieder ging er die Fakten durch, die zahllosen Einzelheiten: wie es dazu gekommen war, die Jagd, das Handgemenge, die Stelle der Wunden, wie das Blut aus Rhapsodys Körper entwichen war. Auch einen Mord hatte er stets in allen Einzelheiten ausgeklügelt, und so versuchte er jetzt, die einzelnen Schritte zusammenzufügen, wie Rhapsody überleben würde. Aber es zeigte sich kein Erfolg.
So leise es ihm möglich war, näherte sich Grunthor der Tür und klopfte behutsam an. Als er keine Antwort bekam, trat er einfach ein.
Der Raum war dunkel, abgesehen von dem spärlichen Licht einiger Duftkerzen und dem gelegentlichen Aufblitzen der überall im Zimmer verteilten, seltsam schimmernden Weinflaschen. Eine davon hatte Grunthor auch jetzt in der Hand; sacht schloss er die Tür hinter sich und betrachtete einen Augenblick das flackernde Gefäß, bevor er sich Achmed näherte, der auf dem Stuhl neben dem Bett saß. Seit vier Tagen und Nächten hatte er diesen Platz nicht verlassen.
»Herr?«
»Hmmm?«
»Ich hab frische Glühwürmchen mitgebracht. Die anderen sind doch bestimmt allmählich müde.«
Achmed antwortete nicht.
»Irgendwelche Veränderungen?«
»Nein.«
Grunthor blickte auf Rhapsody herab; ob sie schlief oder bewusstlos war, ließ sich schwer sagen. Genau genommen hätte er im Moment auch nicht schwören können, ob sie überhaupt noch am Leben war. Ihre für gewöhnlich rosige Haut war blass wie die Muschel, die sie vor langer Zeit am Meeresstrand gefunden hatte, und in dem riesigen Bett wirkte sie winzig klein. Schon oft hatte er sie wegen ihrer zierlichen Statur geneckt, aber im Alltag vermittelte sie stets den Eindruck von Kraft und Vitalität. Jetzt dagegen erschien sie so zerbrechlich und zart wie ein kleines Mädchen.
Achmed setzte sich anders hin. »Hast du etwas von Ashe gehört?«
»Nein, noch nicht, Herr.«
Der Dhrakier stützte das Kinn auf den Handballen und verfiel wieder in Schweigen. Grunthor stellte sich etwas bequemer hin.
»Soll ich nich mal ein Weilchen bei ihr bleiben, Herr? Würd ich gern, dann könntest du ein bisschen schlafen.« Achmed lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Noch immer antwortete er nicht. Grunthor wartete ab. »Wäre das dann alles, Herr?«, fragte er schließlich.
»Ja. Gute Nacht, Grunthor.«
Grunthor stellte die Weinflasche auf dem Stein ab, der als Nachttisch diente, und griff dann unters Bett, um die heißen Steine, die im Zimmer als einzige Wärmequelle dienten, umzudrehen. Achmed hatte darauf bestanden, dass der Raum geheizt und beleuchtet wurde, ohne den Kamin anzuzünden, aus Angst, dass der Torfrauch Rhapsody schaden könnte. Von Grunthor stammte die Idee mit den Glühwürmchen, und er hatte die Firbolg-Truppen losgeschickt, um sie zu sammeln. Im Frühherbst war das sowieso eine schwierige Aufgabe, und der Anblick der großen Ungeheuer, die in klappernder Rüstung mit Weinflaschen über die Felder marschierten und eifrig nach schwebenden Insekten haschten, hätte Rhapsody bestimmt zum Lachen gebracht. Grunthor gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ dann ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Achmed fuhr fort, sie schweigend zu beobachten. Nach etwa einer Stunde kamen die Firbolg-Ärzte herein, mit Heilkräutern, frischen heißen Steinen und Stapeln sauberer Musselintücher, die als Verbandsmaterial dienten. Leise und respektvoll versahen sie ihre Arbeit und verließen den Raum, sobald sie fertig waren.
Als sie weg waren, zog Achmed Rhapsody vorsichtig aus, badete ihre Wunden, wechselte die Verbände und zog ihr ein frisches Hemd an. Früher hatte er sich immer darüber geärgert, dass es Rhapsody so wichtig war, die Firbolg an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, Gazeverbände gegen die Infektionsgefahr in Kräuteraufgüssen einzuweichen oder den Verwundeten vorzusingen, um ihre Schmerzen zu lindern. Nun musste er zugeben, dass die Prozeduren, die sie ihnen und auch ihm gezeigt hatte, sehr wahrscheinlich das waren, was sie am Leben erhielt.
Er beugte sich vor, stützte die Stirn in die Hand und sah hinunter auf die Wellen goldener Haare, die wie ein sonnenbeschienenes Meer ihr Kissen umgaben. Ganz gegen seinen Willen tauchte in ihm eine Erinnerung auf, das erste von zahlreichen Gesprächen über ihre Bemühungen, Kranke zu heilen.
So kann man auch den Abend verbringen, hatte er genörgelt. Ich bin sicher, die Firbolg wissen deine Güte zu würdigen und werden sich, wenn du einmal in Not bist, bestimmt revanchieren.
Was soll das heißen?
Deine Mühen werden dir nicht gedankt werden. Wer sollte dir ein Lied singen, wenn du verletzt bist oder Schmerzen leidest?
Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein.
Doch diese Erinnerungen vermochten ihn jetzt nicht mehr zu belustigen. Er erinnerte sich, wie Rhapsodys Augen im Feuerschein geleuchtet hatten, wie sie gelächelt hatte, als wüsste sie irgendetwas. Das wirst du dann sein.
Achmed legte seine Finger auf ihr Handgelenk, dann auf ihren Hals und fühlte ihren Puls, um zu prüfen, ob er stärker geworden war. Er war spürbar, kämpfte und hielt sich wacker, aber Achmed kam er immer noch viel zu schwach vor.
Nach dem Kampf mit dem Rakshas und Rhapsodys Verwundung waren er und Grunthor mit ihr nach Sepulvarta geritten, weil das der nächste Ort war, an dem es Heiler gab. Beim Anblick zweier Firbolg-Reiter, die, eine sterbende Frau in den Armen, den Hügel zum Pfarrhaus hinaufgaloppierten, hatte sich Panik verbreitet.
Auch die Priester hatten Rhapsody nicht wieder zu Bewusstsein bringen können, und selbst der Patriarch, der eilig aus seiner Zelle im Hospiz herbeigetragen worden war, hatte ihren Zustand lediglich zu stabilisieren vermocht. An der Verzweiflung in den Augen des alten Mannes hatte Achmed erkannt, dass er sie nicht heilen konnte, weil ihm der Ring fehlte, und wieder einmal hatte er Ashe im Stillen verflucht. Alle Bemühungen der Kirchenleute hatten weiter nichts gebracht, als Rhapsody transportfähig zu machen, und so hatten die beiden Freunde sie schließlich, noch immer bewusstlos und schwach, zurück nach Ylorc gebracht. Die Heiler aus den entlegeneren Gebieten, nach denen Achmed geschickt hatte, hatten ihm höflich geraten, sich auf das Schlimmste gefasst zu machen, und sich angesichts seiner zornigen Reaktion schnellstens wieder zurückgezogen.
»Komm schon, Rhapsody«, murmelte er jetzt, das Gesicht von der Entmutigung verzerrt.
»Zeig es ihnen, diesen Narren; zeig ihnen, dass du nicht die zarte Metze bist, für die sie dich halten zeig ihnen, dass du aus einem anderen Holz geschnitzt bist, wie wir beide genau wissen.«
Mit der Hand strich er über ihr weiches Haar und verbarg den Kopf dann in der Ellbogenbeuge. Als das Dämmerlicht Zimmer noch schwächer wurde, sah er plötzlich ihr Gesicht vor sich, blutend und zerkratzt vom ersten Kampf an der Wurzel, die Augen blitzend im feurigen Dunkellicht des Wegs durch die Erde, als sie ihm den Kräuterumschlag aufs Handgelenk gelegt und ihr erstes Lied der Heilung angestimmt hatte.