Musik ist nichts anderes als ein Wegweiser durch die Schwingungen, aus denen die Welt gemacht ist. Wer einen solchen Wegweiser hat, findet sich überall zurecht. Achmed rückte noch näher an ihr Bett, so nahe er konnte, ohne dass es ihr unbequem zu werden drohte. Er beugte den Kopf über ihre Brust und spürte ihren Herzschlag in seiner Haut, den Rhythmus ihres Atems. Aus unterschiedlichen Winkeln betrachtete er ihr Gesicht und hielt Ausschau, ob sie vielleicht schon nicht mehr ganz so blass war, ob ihre eingefallenen Wangen vielleicht schon ein klein wenig von ihrer früheren Form angenommen hatten. Unendlich sorgfältig suchte er mit dem Finger die Linie des Blutverlusts unter ihren Augen und kam auf einer verirrten Haarsträhne am Rand ihrer Wange zur Ruhe.
»Rhapsody«, sagte er mit feierlicher Stimme, »ich hatte nur zwei Freunde in den beiden Welten. Ich bin nicht willens zuzulassen, dass du das änderst.«
Wer sollte dir ein Lied singen, wenn du verletzt bist oder Schmerzen leidest?
Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein.
Das Ritual, mit dem er den Rakshas gelähmt und gebannt hatte, war das einzige Lied, das er jemals gesungen hatte. Tief aus seinem Bauch drang es hervor, summte durch seine Herzkammern, seine Kehlen und Stirnhöhlen, bis es durch den Schädel nach außen drang. Die Melodie war nicht seine eigene, sondern stammte aus grauer Vorzeit, als seine Rasse geboren ward. Die Großmutter hatte ihm das Geheimnis anvertraut. Erst indem er es durchgeführt hatte, hatte er erfahren, wie es funktionierte.
Es besaß eine Zweiheit. Die uralte Melodie, die Tonfolge, War die Schlinge für die dämonische Seite des F’dor und hielt ihn gegen seinen Willen auf der Schwelle zwischen Erde und Unterwelt fest, in die er fliehen wollte.
Aber der menschliche Wirt war ebenfalls empfänglich für die Klänge; die Schwingungen riefen das Blut ins Gehirn und ließen es anschwellen. Der Rakshas war ein künstliches Gebilde und nicht wirklich lebendig. Hätte er aber den F’dor in seinen Bann geschlagen, den Dämonengeist, der den Körper seines menschlichen Wirts bewohnte, wäre alles anders gewesen. Wenn er allein mit einem solchen Wesen wäre und das Bannritual lange genug aufrechterhalten könnte, würde die gesteigerte Blutzufuhr den Kopf des Feindes irgendwann zum Platzen bringen. Dies war das einzige Lied, das er kannte, und der Heilungsakt, den Rhapsody womöglich brauchte. Achmed hatte keine Ahnung, ob er sie damit am Ende umbringen würde.
Weißt du, Grunthor, du könntest auch beim Heilen helfen. Du singst doch gern.
Du weißt doch, worum sich meine Lieder drehen, Gnädigste. Im Allgemeinen jagen sie den Leuten eher einen Schrecken ein. Und ich glaub nich, dass man mich je mit einem Sänger verwechseln könnte. Ich hab ja überhaupt keine Übung.
Der Text spielt überhaupt keine Rolle. Es kann jede Art von Lied sein. Wichtig ist nur, dass sie an dich glauben. Die Bolg haben dir Treue geschworen. Du bist ihre Version von Dero untertänigst zu gehorchender Autorität. In gewisser Weise haben sie dich benannt. Es ist ganz gleich, was du singst, du musst nur von ihnen erwarten, dass sie gesund werden. Und das werden sie. Ich habe immer behauptet, dass Achmed eines Tages das Gleiche für mich tun wird.
Leise fluchte Achmed vor sich hin, schimpfte in jeder Sprache, die er kannte. »Das hast du schlau eingefädelt, stimmt’s? Aber hat sich das Risiko wirklich gelohnt für das bisschen Unterhaltungswert? Ich hätte dich da draußen verbluten lassen sollen, das hast du ehrlich verdient dafür, dass du mir so was zumutest.« Seine Hand zitterte, als er ihr sanft eine Haarlocke aus dem Gesicht strich.
Nun, ich bin mir sicher, das wirst du dann sein.
Die verwelkte Blüte war prall geworden, hatte sich in seiner Hand gestreckt, als er den wortlosen Ruf ihres Namens gesungen hatte. So etwas kann eine Benennerin gewissermaßen von Amts wegen. Nichts, kein Begriff, kein Gesetz ist so stark wie die Kraft, die im Namen eines Dings steckt. Mit dem Namen, steht und fällt unsere Identität. Er ist unsere Essenz, unsere persönliche Geschichte, und manchmal kann er das, was wir sind, noch einmal machen, egal, wie sehr wir uns auch verändert haben mögen.
Achmed seufzte. Sie hatte ihn dazu verpflichtet, und er hatte es damals nicht einmal gemerkt. Sie hatte ihm den Schlüssel gegeben, wie er ihr helfen konnte, und das ausgerechnet in dem Augenblick, als er sich über sie hatte lustig machen wollen. Ob es ihm nun gefiel oder nicht, er war zu ihrem Heiler bestimmt.
Verstohlen sah er sich im Zimmer um, und als er sich vergewissert hatte, dass sie allein waren, räusperte er sich und versuchte einen musikalischen Ton hervorzubringen, aber er konnte sich nicht überwinden. »Verdammter Hrekin, das war wirklich eine brillante Idee«, brummte er und funkelte sie wütend an. »Du verlangst musikalische Höchstleistungen von jemandem, der in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal gesungen hat. Warum fragst du nicht gleich einen Felsbrocken? Da hättest du sicher mehr Glück.« Verzweifelt durchforschte er sein Gedächtnis nach einem anderen Lied.
Das obszöne Marschlied, mit dem Grunthor die neuen Rekruten beglückt hatte, fiel ihm ein und zauberte ganz unerwartet ein Lächeln auf sein Gesicht. Ein paarmal hatte Rhapsody es mit Jo zum Besten gegeben und dabei den Akzent des Sergeanten ins Komische überzogen. Doch sein Lächeln erlosch, als er an Jo dachte, die jetzt bleich und leblos in der stillen Kammer lag, welche das einzige Heim gewesen war, das sie als Straßenkind je gekannt hatte. Wie Rhapsody so dalag, war der Unterschied zwischen den beiden derart gering, dass Achmeds Hände vor Angst ganz feucht wurden.
Er hatte in seinem Leben genug vom Tod gesehen und war so oft sein Überbringer gewesen, dass er ihn längst nicht ^eh fürchtete. In ihrer gemeinsamen Zeit hatten Grunthor und er immer wieder dem Ableben des jeweils anderen ins Gesicht schauen müssen, und ihnen beiden waren die Risiken des Spiels, das sie spielten, stets klar gewesen. Aber dies hier war anders. Bei jedem einzelnen Blutstropfen, mit dem das Leben aus Rhapsody floss, hätte er schreien können, und während sie im vollen Galopp auf Sepulvarta zugeprescht waren, hatte er Rhapsodys Wunden mit beiden Händen zusammengepresst, das Pferd nur mit den Knien lenkend. Die Angst, die er bei dem Gedanken empfunden hatte, sie zu verlieren, war für ihn selbst die größte Überraschung gewesen. Ein Lied schien ein geringer Preis dafür zu sein, sie auf dieser Seite des Lebenstors festzuhalten. Achmed holte tief Atem. Stockend, mit kratzigem Vibrato und einem rhythmischen Klicken in der Stimme sang er ihr ein Lied vor, das er sich selbst ausgedacht hatte, ein Lied, dessen Herkunft und Bedeutung ihm vollkommen unbekannt war. Hätte es eine Welt gegeben, in der das Rumpeln eines Steinschlags als Wiegenlied diente und das Krachen von Holzbalken die Wütenden besänftigte, wäre es dort vielleicht als wunderschöne Weise geschätzt worden. Mit drei Stimmen sang er, eine davon war scharf und schnell, eine brummte tief und leise, und eine formte Worte.
Mo haale maar, mein Held ist fort
Die Sternenwelt ist geworden ein finstrer Ort
Kummer, Schmerz und Verlust, ich kann nicht genießen
Mein Herz tut weh, die Bluttränen fließen
Um die Trauer zu enden, durch die Welt ich brause
Meine uralten Ängste, sie führn mich nach Hause.
Unter den Decken begann Rhapsody sich zu rühren, und Achmed hörte ein schmerzliches Stöhnen. Dann spürte er kleine, weiche Finger mit schwieligen Spitzen über seine Hände gleiten. Rhapsody atmete tief ein, als hätte sie soeben ein sehr schwieriges Vorhaben gefasst.
»Achmed?«
»Ja?«
Ihre Stimme war nur ein schwaches Flüstern. »Wirst du weiter singen, bis es mir besser geht?«