»Ja.«
»Achmed?«
»Was?« Er beugte sich über sie, damit ihm keins ihrer Worte entging.
»Es geht mir schon besser.«
»Offenbar aber noch nicht viel«, meinte er und grinste über die versteckte Beleidigung. »Aber du bist immer noch ein genauso undankbares Gör wie früher. Das ist mir ein schöner Dank an jemanden, der dir gerade den Lebenswillen zurückgegeben hat.«
»Du hast vollkommen Recht, genau das hast du getan«, erwiderte sie langsam und mühevoll.
»Jetzt, da du mir einen Vorgeschmack davon verschafft hast, wie wie es in der Unterwelt zugeht...«
Erleichtert lachte Achmed auf. »Du hast es verdient. Willkommen im Leben, Rhapsody.«
Am folgenden Abend hob Grunthor Rhapsody behutsam aus dem Bett und trug sie hinaus auf die Heide. Dort wartete Achmed bereits auf sie; der Scheiterhaufen war aufgeschichtet, alles war vorbereitet. Der Sergeant stützte sie, während der Firbolg-König das Schwert für sie zog und ihr half, es emporzurecken.
Ihr Blick verharrte auf der in weiße Tücher gehüllten Gestalt, die auf dem frostblasigen Holzhaufen lag, und suchte dann im Abendhimmel den Stern, den sie anrufen wollte.
Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein. Niemals. Endlich fand sie einen, den sie kannte, Prylla, einen Abendstern, den die Lirin in diesem Land verehrten. Er war nach dem Windkind benannt, einer Waldgöttin der alten Legenden, von der erzählt wurde, dass sie ihre Lieder in den Nordwind gesungen habe, in der Hoffnung, ihre verlorene Liebe wieder zu finden. Nur der Wind hatte ihr geantwortet. Rhapsody fand die Legende für Jo sehr passend. So gut sie konnte, klärte sie ihre Gedanken, richtete die Tagessternfanfare gen Himmel und sprach den Namen des Sterns.
Ein Licht, heller als die drei es jemals gesehen hatten, das sie blendete und über die Felder bis ins Tal hinein strahlte, fiel über den Abhang. Es berührte die Berge, leuchtender als die untergehende Sonne. Dann schoss donnernd eine sengende Flamme vom Himmel, heißer als das Feuer im Zentrum der Erde, und ließ den Scheiterhaufen in Flammen aufgehen, die zum Himmel emporloderten. Das Feuer brannte stark und sandte mit dem Wind eine Rauchwolke zum Sternenzelt über ihnen.
Rhapsody sang, mit einer Stimme, die kaum mehr war als ein Flüstern, den Namen ihrer Schwester und die ersten Töne des Grabliedes der Lirin, doch dann war sie zu erschöpft, um Fortzufahren. Sie hatte die Zeremonie ja schon einmal durchgeführt und wusste, dass Jo bereits im Licht weilte.
Die drei standen beisammen und sahen zu, wie die Flammen ihre Freundin zu sich nahmen. Asche erhob sich in die Luft, und der Wind ergriff sie; sie wirbelte und tanzte in wunderschönen weißen Mustern, wie aufsteigender Schnee in der Dunkelheit. Danach erholte sich Rhapsody rasch. Jeden Tag schien sie ein wenig mehr sie selbst zu werden, nur das Licht in ihren Augen wollte noch nicht so recht wiederkehren. Grunthor saß auf ihrer Bettkante und erzählte ihr schmutzige Witze und unanständige Geschichten über das Leben der Bolg, wie er das früher schon gern getan hatte, um sie damit zum Lachen zu bringen. Die Anekdoten entlockten ihr noch immer ein Lächeln, aber irgendwie war es nicht das Gleiche wie sonst. Offensichtlich heilte ihre Seele nicht so schnell wie ihr Körper. Es war deutlich zu sehen, dass Achmed sich ihretwegen Sorgen machte. Er war schwermütig, und seine Laune war noch schlechter als sonst, was sich auch daran zeigte, wie brav die Soldaten und Wachen waren, wenn sie sich im Kessel aufhielten. Nachdem sie die Erste Frau ihres Herrschers einmal mit ihrem fröhlichen, lautstarken Geplänkel aus dem unruhigen Schlaf geweckt und dafür den Zorn ihres Kriegsherrn auf sich gezogen hatten, flüsterten sie nur noch und vermieden Schlägereien oder laute Wortwechsel. So viele von ihnen hatten unter den Folgen von Achmeds Wutanfall zu leiden gehabt, dass sich die Nachricht in Windeseile im Kessel verbreitet hatte und sich mehr Männer denn je freiwillig für den Dienst außerhalb der Zahnfelsen meldeten.
Achmed und Grunthor ließen Rhapsodys Privatsphäre unangetastet und bedrängten sie auch nicht mit Fragen über ihre Gefühle oder ihr Befinden; sie kannten die Ursache ihres Schmerzes, wussten nur leider nicht, was sie dagegen unternehmen konnten. Doch ihre stillschweigende Gegenwart war für Rhapsody ein großer Trost. Achmed gewöhnte sich an, seine Bekanntmachungen abends in ihrem Zimmer zu verlesen oder dort auch die endlosen Schriften aus Gwylliams Schatzkammern zu studieren, während sie Kräuter sortierte oder komponierte.
Inzwischen ging es Rhapsody gut genug, dass sie für kurze Zeit allein umhergehen konnte. Eines Tages brachte sie einen Stapel frischer Wäsche zu ihrem Zimmer; während sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel angelte, hörte sie Lärm aus Jos Zimmer dringen. Rasch ging sie zu der Tür, öffnete sie leise, spähte in die Dunkelheit und sah Grunthor auf Jos Bett sitzen, das Kinn auf die Hände gestützt, mit einem Ausdruck von Ratlosigkeit und Verwirrung auf dem Gesicht. Die Kisten und Säcke auf dem Boden deuteten darauf hin, dass er eigentlich Jos Sachen hatte ausräumen wollen, wahrscheinlich um Rhapsody diese Arbeit abzunehmen, aber er hatte so gut wie nichts von dem üblichen Kram vorgefunden. Es war, als hätte das Straßenkind alle Raritäten entsorgt, die es zuvor so reichlich gesammelt hatte. Als Rhapsody ins Zimmer trat, blickte Grunthor auf. Wortlos kam sie zu ihm, und er nahm sie in den Arm. Selbst im Sitzen reichte ihr Kopf kaum bis an seine Schulter.
»Ich weiß nich, was hier passiert is, Schätzchen«, meinte er schüttelte wehmütig den Kopf.
»Anscheinend haben wir sie schon vor langer Zeit verloren und wussten es nich mal.« Rhapsody nickte und drückte sich fester an ihn.
Schließlich gelangten sie zu einer prekären Erkenntnis. In einer Nacht wollte Achmed nach Rhapsody sehen und fand sie in der Ecke des Zimmers, die Arme um sich geschlungen an die Decke starrend. Langsam ging er auf sie zu, ließ sich neben ihr auf dem Boden nieder und sah sie schweigend an. Endlich wandte sie sich ihm zu und blickte ihm in die Augen. Ihre Blicke trafen sich, dann schloss sie die Augen und begann zu sprechen.
»Glaubst du, Jo war schwanger?«
Achmed schüttelte den Kopf. »Ich habe sie am Tag davor gesehen, und von den Schwingungen her schien sich nichts verändert zu haben. Natürlich kann ich nicht völlig sicher sein, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich.«
Rhapsody nickte und schaute dann auf ihre angezogenen Knie hinunter. »Oelendra hat einmal gesagt, dass die F’dor Meister der Manipulation sind, die eine Ewigkeit darüber nachsinnen, wie sie die Grenzen ihrer Macht ausweiten können.«
»Das ist korrekt.«
»Und die Prophezeiung über den F’dor der unerwünschte Gast sagt: Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren, und niemals wird dies geschehen, wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet.‹ Richtig?«
»Ja.«
»Elynsynos hat gesagt, die Erstgeborenen, die fünf ältesten Rassen, zu denen sowohl die F’dor als auch die Drachen gehören, können ihre Fortpflanzung selbst bestimmen.« Achmed verbiss sich eine gemeine Bemerkung über Ashe, die ihm auf der Zunge lag. »Für sie ist es eine bewusste Entscheidung, ihre Essenz aufzubrechen, um ihre Macht zu erweitern, denn durch ihre Nachfahren werden sie auf eine Art unsterblich, aber die Eltern können dadurch auch geschwächt werden.« Wieder nickte Achmed. »Was, wenn der F’dor seine Macht ausbreiten, sich unsterblich machen, aber seine Macht dadurch nicht mindern wollte? Wie würde er das anstellen?«
Sofort war Achmed klar, worauf sie hinauswollte. »Er würde eine Methode suchen, mit der er sein Blut reproduzieren kann, ohne dass sein Körper es tun muss.«
Rhapsody nickte, und ihre Augen funkelten. »Der Rakshas. gr hat Vergewaltigung nicht nur als Form des Terrors und als Methode eingesetzt, Seelen an sich zu binden. Er hat neue Wirte für den Dämon gezeugt.«
»Ich glaub nich, dass du schon gesund genug bist, Gräfin. Du solltest noch nicht reiten.«