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Rhapsody beugte sich zu Grunthor hinab und küsste seine graugrüne Wange. »Ich schaffe das schon. Außerdem ist Achmed da, und wenn ich mich schwach fühle, nimmt er mich zu sich auf sein Pferd.« Die Stute tänzelte ungeduldig, aber Grunthor hielt sie an den Zügeln fest. Die Sängerin redete sanft und beschwichtigend auf sie ein.

»Wir sind bald zurück«, versprach Achmed und stieg auf das Pferd, das der Quartiermeister für ihn gebracht und mit Proviant versorgt hatte. »Wenn die Sache zu einer Verfolgungsjagd wird, kommen wir erst noch mal hierher und besprechen uns.« Grunthor und Achmed tauschten einen kurzen Blick. Pass gut auf sie auf, sagte der Sergeant, und der Firbolg-König nickte.

»Also, wo ist denn nun eigentlich diese Rhonwyn?« »In einem Kloster in Sepulvarta«, antwortete Rhapsody und sah zu, wie der Quartiermeister ihren Sattel untersuchte und den Gurt justierte. »Es sind ungefähr zehn Tagesritte von hier, nördlich von Sorbold auf der anderen Seite von Bethe Corbair. In drei Wochen müssten wir wieder hier sein.«

»Schön für euch«, grummelte der Bolg. »Aber ich darf überhaupt keine spannenden Ausflüge mehr mitmachen, weil ich ständig das Bolg-Land hüten muss.«

Achmed lächelte. »Versuch, keine Verträge zu brechen, während ich weg bin.« Er schnalzte mit der Zunge, sein Pferd setzte sich in Bewegung, und die beiden Reisenden machten sich über die orlandische Ebene auf den Weg nach Sepulvarta.

48

Ashe stürmte durch die Korridore des Kessels, dass seine Schritte auf dem leblosen Stein widerhallten. Als er Elysian dunkel und verlassen vorgefunden hatte, war er den ganzen Weg von Kraldurge bis hierher gerannt. Wiederholt war er von eifrigen Wachposten verfolgt worden, hatte sie aber in Sekundenschnelle abgehängt.

Am Ende des einen Ganges sah er Licht. Es drang aus dem Beratungszimmer hinter der Großen Halle, von dem aus Jos Unglück seinen Lauf genommen hatte. Leise fluchend eilte er durch die gewölbte Tür.

Grunthor saß an dem massiven Tisch und kratzte mit einer Schreibfeder auf einer großen Landkarte herum. Er war dabei, Flächenkarten und topographische Schaubilder zu zeichnen; unwillkürlich nahmen Ashes Drachensinne Notiz davon, wie akkurat der Bolg arbeitete. Die Landmarken waren noch nicht beschriftet, wahrscheinlich aufgrund der Tatsache, dass Grunthors Lese und Schreibfähigkeiten etwas beschränkt waren.

Der Bolg-Riese blickte auf, und ein grausiges Grinsen breitete sich über sein Gesicht. »Ach, hallo, Ashe«, begrüßte er den Ankömmling und legte die Feder beiseite. Dann lehnte er sich auf seinem großen Stuhl gemütlich zurück und faltete die Hände über dem Bauch. »Na, dann gab’s dich wohl tatsächlich in zweifacher Ausfertigung. Was bringt dich hierher?«

»Wo ist Rhapsody? Ich habe gehört, wie zwei Wachen davon gesprochen haben, sie sei schwer verwundet.«

»Tut mir Leid, alter Junge, ich fürchte, du kommst ein bisschen spät. Sie ist weg.«

»Was?« Plötzlich fing Ashes Stimme an zu zittern.

»Jawohl«, bestätigte Grunthor, grinste und genoss Ashes Panik. »Sie und Achmed sind vor ein paar Tagen ausgeritten.« Er nahm die Feder wieder zur Hand und arbeitete weiter. »Du hast dir ja auch ganz schön Zeit gelassen, bis du hier auftauchst.«

Ashe stützte die Hände auf den Tisch. »Wie meinst du das, sie ist mit Achmed ausgeritten?«

Grunthor grinste, ohne aufzublicken. »So, wie ich’s sage. Sie wollten ein bisschen Zeit für sich allein wenn du verstehst, was ich meine.«

»Ach, bitte.« Ashe spürte, wie sich sein Gesicht angeekelt verzog. Er schüttelte den Kopf, um das Schreckensbild zu verscheuchen. »Wo sind sie denn hingeritten?«

»Ich glaube, sie wollten Rhonwyn suchen, du weißt schon, deine Tante.«

»Mir ist durchaus bekannt, wer Rhonwyn ist. Warum wollen sie zu ihr?«

»Hat irgendwas mit den Enkeln der Gräfin zu tun. Geht dich aber eigentlich nix an.«

Allmählich wurde Ashe ärgerlich. »Was willst du denn damit nun wieder sagen?«

Grunthor bewegte zwar den Kopf nicht, aber er schielte mit einem äußerst vorwurfsvollen Blick zu Ashe empor. »Also sag mal, wo warst du eigentlich, als sie fast gestorben ist, hä? Nach all dem, was sie für dich getan hat und immer noch tut, wo warst du da, als sie dich gebraucht hätte?«

»Ich war an der Küste.« Obwohl die Kapuze seine Stimme dämpfte, konnte Grunthor erkennen, dass Ashe sich selbst schon genug Vorwürfe machte. »Was ist passiert? Geht es ihr besser?«

Mit einer Kopfbewegung deutete Grunthor auf einen der Stühle. Ashe setzte sich und ließ seinen Tornister zu Boden fallen, während der Sergeant einen Becher aus dem Krug neben sich füllte. »Sie ist verwundet worden, als sie die Seele des kleinen Fräuleins gerettet hat.«

»Jo? Ist Jo auch verletzt?«

»Na, das kann man sagen. Sie ist tot.« Auf Grunthors Gesicht zeigte sich keine Gefühlsregung, sein Ton war unverbindlich, aber der Drache spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte, wie die Tränendrüsen des Riesen mehr Flüssigkeit produzierten und die Muskeln in seinem großen vorspringenden Kinn sich anspannten. Diese wortlosen Reaktionen sagten Ashe alles, was er wissen musste.

»Bei den Göttern, Grunthor, das tut mir Leid.« Er dachte an Rhapsody sie war bestimmt am Boden zerstört. »Was ist denn geschehen?«

»Dieser Mistkerl von F’dor hat sie erwischt. Sie muss uns gefolgt sein, obwohl wir uns alle Mühe gegeben haben, genau das zu vermeiden; wir wussten nicht mal, dass sie in der Nähe war. Und gerade als Achmed deine klägliche Seele aus den brennenden Überresten geholt hat, ist sie zum Angriff übergegangen. In der ganzen Zeit, die ich ihn kenne, ist ihm nie einer so gefährlich nahe gekommen, aber der König war ja auch ein bisschen, na ja, abgelenkt, sagen wir mal. Um ein Haar hätte er deinetwegen einen Dolch ins Herz gekriegt, Freundchen. Ironie des Schicksals, was?« Grunthor nahm einen großen Schluck aus seinem Becher.

»Natürlich musste die Gräfin das verhindern. Sie stand neben ihm und hat versucht, sich dazwischen zu werfen, aber Jo war zu schnell. Da hat sie das getan, was sie tun musste sie hat den Schlag pariert. Und hat Jo den Bauch aufgeschlitzt, sollte dem Mädel eine Lehre sein, muss ich sagen.« Wieder trank er einen Schluck. Mit leicht zittrigen Händen griff Ashe nach dem Becher, den Grunthor vor ihn auf den Tisch gestellt hatte.

»Dann ist plötzlich ein Baum aus Jos Eingeweiden herausgewachsen, und wir mussten ihn rausschneiden, aber weißt du, dieses Schlingpflanzending wollte nicht rausgeschnitten werden und hat uns sozusagen angegriffen. Es hätte die Gräfin geradewegs umgebracht, wenn der König nich gewesen wäre. Du warst ja nich abkömmlich, als wir versucht haben sie wieder zusammenzuflicken. Aber sie hat es immer noch nicht verkraftet, dass sie Jo getötet hat.«

Schweigend starrte Ashe ins Feuer. Er versuchte sich vorzustellen, wie Rhapsody sich jetzt fühlte, aber er kam nicht über den Berg aus Schuldgefühlen hinweg. Sie befand sich nicht mehr in Reichweite seiner Sinne, und das machte ihm mehr zu schaffen als alles andere.

»Es tut mir schrecklich Leid«, meinte er schließlich. »Natürlich auch die Sache mit Jo, Grunthor. Aber wie geht es Rhapsody?«

Kurz entschlossen legte Grunthor die Füße auf den Tisch, und seine Stiefel knallten so laut gegen das Holz, dass die Stühle wackelten. »Nun, ich denke mal, das kommt ganz drauf an, wie man es definiert. Jedenfalls ist sie am Leben.«

»Das ist wenigstens ein Anfang.«

»Aber sie ist sehr schwach, wenn du mich fragst, was natürlich keiner tut. Ich hätte sie in ihrem derzeitigen Zustand jedenfalls nich so durch die Gegend reiten lassen, bleich wie ein Gespenst. Aber der Gräfin war ihr Vorhaben mal wieder so wichtig, dass sie nix davon hören wollte, und wenn sie so drauf ist, kann man nich mit ihr diskutieren.«

Ashe seufzte. »Ich weiß.«

Grunthor lachte leise. »So klein und schmächtig sie auch ist, so ist sie doch zäh. Und wenn man einen braucht, der einem den Rücken frei hält, würd ich mir immer sie aussuchen.«