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»Da gebe ich dir Recht. Und sie sagt, das hat sie dir zu verdanken, weißt du. Angeblich hat sogar Oelendra die Ausbildung bewundert, die du ihr hast angedeihen lassen.«

Der Riese lächelte. »Ja, das hat sie mir erzählt. Aber ich glaube, das kommt eher daher, dass das Herz der Gräfin größer ist als ihr Körper.«

Auch Ashe lächelte. »Das ist allerdings wahr.«

Grunthor beugte sich über den Tisch. »Und deshalb warn ich dich, Wasserknabe pass auf, dass du ihr dieses Herz nicht brichst, denn wenn du’s doch tust, dann brech ich dich in Stücke wie ’nen trockenen Zweig.«

»Ich werde es mir merken.« Ihre Becher stießen scheppernd aneinander und wurden geleert. Achmed fasste Rhapsody um die Taille und hob sie vom Pferd. Er spürte, dass sie dankbar war, endlich wieder auf festem Boden zu stehen. Wenn sie zusammen ritten, überließ es ihr Achmed im Allgemeinen, allein auf und abzusteigen, aber er hatte bemerkt, dass ihr Gesicht jedes Mal schlohweiß wurde, und hatte eine Ausnahme von der herrschenden Regel gemacht, sie wohlwollend sich selbst zu überlassen.

Sie überquerten den Turmplatz, den weitläufigen, gepflasterten Hof innerhalb der Stadtmauern von Sepulvarta, der an das Geschäftsviertel grenzte. In der Mitte des Platzes erhob sich das riesige Bauwerk, das Rhapsody in der heiligen Nacht mit dem Patriarchen von der Großen Basilika aus betrachtet hatte. Am Grund war es so breit wie ein ganzer Häuserblock und reckte sich, spitz zulaufend, fast tausend Fuß in die Höhe. Oben an seiner Spitze wurde es von einem strahlenden Stern gekrönt. An klaren Tagen konnte man den Stern in einem Umkreis von hundert Meilen sehen, in der Nacht sogar noch weiter. Angeblich enthielt dieser Stern einen Splitter des Schlafenden Kinds, jenes Sterns, der nach der serenischen Legende ins Meer gestürzt war und die erste große Katastrophe heraufbeschworen hatte. Der Überlieferung zufolge hatte er bei seinem Aufprall ein heftiges Erdbeben hervorgerufen, und die darauf folgende Flutwelle hatte das Land zerrissen, die Insel überflutet und nur die Hälfte davon zurückgelassen. Vier Jahrtausende hatte der Stern am Meeresgrund gelegen und den Ozean aufgewühlt, bis er sich zu guter Letzt erhoben und den Rest der Insel für sich beansprucht hatte, zusammen mit allen übrig gebliebenen Mitgliedern von Rhapsodys Familie und den Verfolgern der beiden Bolgs.

Auf den Straßen von Sepulvarta waren nicht nur die üblichen Reisenden zu sehen, die man in jeder im Binnenland gelegenen Stadt antraf, sondern auch zahlreiche Mitglieder des Klerus mitsamt ihren Familien. Sepulvarta war das religiöse Zentrum von Roland, Sorbold und den neutralen Außenstaaten; hier lebten viele Priester, die in den riesigen Bibliotheken und Archiven liturgische Schriften studierten oder die Seminare besuchten. In den Geschäften und Privathäusern wimmelte es von den heiligen Symbolen und Wahrzeichen des Ordens wie im Gwynwald von Hexenzeichen und Runen. Daher war es nicht ganz leicht, die Abtei der Sonne ausfindig zu machen, ein winziges Kloster im äußeren Kirchendistrikt, in dem Rhonwyn, die Seherin, angeblich wohnte.

Über das mittlere Kind von Elynsynos und Merithyn war nicht allzu viel bekannt. Es ging das Gerücht, sie wäre wahnsinnig wie ihre Schwestern, von der Last des Wissens überfordert, das gleichzeitig ihre Gabe und ihr Fluch war, aber zart und zerbrechlich wie das Reich, in das sie Einblick zu nehmen vermochte. Da sie nur die Gegenwart sehen konnte, brachte man ihr von allen Prophetinnen am wenigsten Neugierde entgegen, denn schließlich gingen die meisten davon aus, sich in der Gegenwart auszukennen. Jeder Zeitpunkt in der Gegenwart war einen Augenblick später schon Vergangenheit und lag daher außerhalb ihres Gesichtskreises. So waren Achmed und Rhapsody nicht allzu überrascht, dass die Abtei heruntergekommen und verwahrlost wirkte und sie die einzigen Gäste waren.

Nachdem sie das schmiedeeiserne Tor und den winzigen Garten hinter sich gelassen hatten, fanden sie sich auf einer bröckeligen Steintreppe vor einer uralten Holztür mit einem großen Türklopfer wieder. Rhapsody betätigte ihn, und kurz darauf öffnete ihnen die Äbtissin, die sie rasch ins Haus komplimentierte und die Tür hinter ihnen erst schloss, nachdem sie einen argwöhnischen Blick auf die Straße hinter ihnen geworfen hatte. Achmed kannte dieses Verhalten; er hatte schon des Öfteren Leute gesehen, die sich versteckten. Nachdem sie ihr Anliegen vorgebracht hatten, wurden sie in einen winzigen, dunklen Salon geführt. Lange saßen sie dort und warteten. Rhapsody warf ein paar Goldmünzen in den Schlitz der Opferbüchse, die demonstrativ auf einem Tisch stand. Endlich kam die Äbtissin zurück und geleitete sie durch eine mit einem Vorhang verhängte Hintertür in einen stillen Hof, der völlig verdreckt und vernachlässigt wirkte. Sie deutete nach oben. Vom Hof aus stiegen sie eine lange, steile Außentreppe zu einem Turm empor, aus dem gleichen Stein wie die Abtei erbaut. Das Gebäude selbst besaß zwar nur wenige Stockwerke, aber der spitze Turm mit seiner Galerie ragte weit über der stillen Straße auf. Im Innern sah man eine in ein Gewand gehüllte Gestalt sitzen, die in den Himmel hinaufblickte Als sie die Galerie erreichten, holte Rhapsody das mitgebrachte Geschenk aus ihrem Tornister. Es war der Beutel, in dem sie den Brotlaib von Pilam, dem Bäcker getragen hatte, den er ihr damals, an jenem Nachmittag vor vielen Jahrhunderten, in Ostend geschenkt hatte. Auf der beschwerlichen Reise an der Wurzel hatte Rhapsody jede Mahlzeit gesegnet, die der Laib ihnen bereitwillig gespendet hatte, wenn sie den Brotnamen sang. Daher war das Brot auch nie vertrocknet oder verschimmelt, nicht einmal in der Feuchtigkeit des Erdinneren. In dem Beutel schien die Zeit keine Herrschaft zu besitzen, und das Brot darin war auch jetzt so frisch, wie es in Ylorc gewesen war. Es schien ihr ein angemessenes Geschenk zu sein. Behutsam legte sie es in die Hände der Seherin.

Die Frau wandte sich zu ihr um, lächelte, und Rhapsody stockte fast der Atem. Ihre Augen waren blind, ohne farbige Iris, und spiegelten lediglich Rhapsodys Gesicht wider, wie in dem Traum, den sie damals in Ashes Hütte gehabt hatte. Das Gesicht der Seherin war glatt, in der Blüte der Jugend; das Haar nahe am Oberkopf glänzte rotgolden wie das von Ashe, doch weiter unten, in dem mit Lederbändern zusammengebundenen langen Zopf, verlor es an Farbe, war grau und an den Spitzen sogar schneeweiß. Sie trug die gleichen Gewänder wie die Äbtissin, und auf ihrem Schoß lag ein nautisches Instrument. Rhapsody hatte so etwas als Kind schon einmal gesehen, es war ein Kompass. Insgesamt machte Rhonwyn einen schwächlichen und verträumten Eindruck.

»Gott schenke dir einen guten Tag, Großmutter«, sagte Rhapsody und berührte sanft die Hand der Frau. Die Seherin nickte und blickte dann wieder zum Himmel empor. »Ich heiße Rhapsody.«

»Ja«, antwortete die Frau wie von ferne, als ginge ihr etwas ganz anderes durch den Kopf, vielleicht ein Rätsel. Sie legte die Hand auf den Kompass. »Du heißt also Rhapsody. Was möchtest du mich fragen?«

Achmed seufzte. Er wusste schon, dass er das, was jetzt kam, hassen würde. So stellte er sich in eine Ecke des Turms und blickte auf die Straße hinunter.

»Kennst du den Namen des F’dor?«

Die Frau schüttelte den Kopf, wie Rhapsody es nicht anders erwartet hatte. Einmal hatte sie mit Ashe darüber geredet, warum sich der Name nicht am einfachsten herausfinden ließ, indem sie die Seherin befragte, aber er hatte ihr erklärt, dass Rhonwyn nicht weit genug in die Vergangenheit sehen konnte, um etwas Altes, das in einem nicht mehr existierenden Land entstanden war, beim Namen nennen zu können. Serendair gab es in der Gegenwart nicht mehr, daher war der F’dor für Rhonwyn nicht sichtbar. Lächelnd sah Rhapsody, wie die Frau in den Beutel griff, das Brot herauszog und an die Lippen führte. Sie wartete, bis Rhonwyn geschluckt hatte, dann stellte sie die nächste Frage.

»Hat der Rakshas Kinder?«

»Es gibt keinen Rakshas.«

Rhapsody seufzte. »Gibt es Kinder mit dem Blut des F’dor?«

Die Seherin nickte.

»Wie viele?«

»Wie viele was?«