»Wie viele Kinder gibt es, die mit dem Blut des F’dor geboren sind?«
»Neun davon leben heute.«
Wieder nickte Rhapsody. Sie griff in ihren Tornister und holte ein Stück Pergament und ein Stück Holzkohle heraus. »Wie lauten ihre Namen, wie alt sind sie und wo befinden sie sich heute?«, fragte sie.
»Wer?«
»Wie lauten die Namen der Dämonennachkommen, wie alt sind sie und wo befinden sie sich heute?«
»Ein Kind mit Namen Mikita lebt in Hintervold. Er hat zwei Sommer gesehen«, antwortete Rhonwyn.
»Wo in Hintervold?«
Die Seherin wandte ihr das Gesicht mit den blinden Augen zu. »Was ist mit Hintervold?«
»Wo ist das Kind in Hintervold?«
»Welches Kind?«
Von der anderen Seite des Raums konnte Rhapsody spüren, wie Achmed die Schultern anspannte. Sie senkte die Stimme und ließ sie so beschwichtigend wie möglich klingen, um die empfindliche Seherin nicht aufzuregen. »Wo ist der Dämonennachkomme Mikita in Hintervold?«
»In Vindlanfia, jenseits des Flusses Edelsak in der Stadt Carle.«
Rhapsody streichelte sanft ihre Schulter. »Ist Mikita das jüngste der Dämonennachkommen?«
»Ja.«
»Wie lautet der Name des zweitjüngsten Dämonenkinds?«
»Jecen.«
»Wie alt ist Jecen?«
»Welcher Jecen?«
Rhapsody seufzte. »Wie alt ist Jecen, das Kind des Dämons?«
»Heute hat er drei Sommer gesehen.«
Langsam führte Rhapsody Rhonwyn durch das qualvolle Ritual, das notwendig war, um die Informationen zu bekommen, die sie benötigte. Die Seherin sagte eine Litanei von Namen, Orten und Altersstufen auf, mit leiser, monotoner Stimme, die im Wind des Turms dahinleierte, immer wieder von Rhapsodys vorsichtigen Fragen unterbrochen. Die Liste, die sie auf diese Weise erstellte, reichte von einem zweijährigen Kind bis zu einem Gladiator im Land Sorbold, der an diesem Tage neunzehn Jahre alt war. Rhapsody sah zu Achmed hinüber und schauderte. Dieser Fall konnte schwierig werden.
Als die Seherin geendet hatte, dankte Rhapsody ihr und erhob sich. Schon wollte sie ihr einen Kuss auf die Wange drücken, da sah sie, dass Achmed einen Finger hob.
»Gibt es auch ungeborene Kinder mit dem Blut des F’dor?«, fragte er. Wieder erschauerte Rhapsody, denn dieser Gedanke war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen.
»Ja.«
»Wer ist die Mutter?«
»Wessen Mutter?«
»Die Mutter des ungeborenen Kindes.« Die Seherin machte ein ratloses Gesicht. Rhapsody atmete hörbar aus. »Tut mir Leid, vermutlich könnt Ihr sie nicht sehen, weil sie noch keine Mutter ist. Wann wird das Kind geboren werden und wo?« Die Frau starrte ausdruckslos in die Ferne.
»Vielleicht ist das eher eine Frage, die wir Manwyn stellen sollten«, stellte Achmed fest. Rhapsody nickte.
»Danke, Großmutter«, sagte sie leise und küsste die Seherin auf die Wange. Die Frau wandte sich zu ihr um und lächelte wieder. »Nun könnt Ihr Euch ein wenig ausruhen.«
»Du heißt Rhapsody«, sagte Rhonwyn verträumt. »Was möchtest du mich fragen?«
Als Rhapsody sieben Tage später den Fuß auf die Insel Elysian setzte, wusste Ashe augenblicklich, dass sie zurückgekehrt war. Das Wasser hatte die Nachricht ihrer Ankunft im Boot übermittelt, aber es war Nacht gewesen und er hatte geschlafen, statt auf seinem üblichen Posten ungeduldig zu warten. Im Halbschlaf hatte er gemeint, ihr Kommen nur geträumt zu haben wie in jeder Nacht davor, um dann allein und voller Enttäuschung zu erwachen. Jetzt setzte er sich kerzengerade im Bett auf, sprang auf und rannte die Treppe hinunter, um sie zu begrüßen.
Auch sie hatte ihn gefühlt, samt der Sorge und der Angst, die er in die Grotte gebracht hatte, und sie eilte zu ihm, ließ sich von ihm in die Arme schließen und ins Haus tragen. Sie streichelte seine Haare, während seine Tränen sie benetzten und er sie so fest umschloss, wie er es angesichts der Wunden wagte, die er unter ihren Kleidern spürte. Sanft legte Ashe sie aufs Bett und setzte sich neben sie, ließ seine Augen und seine Sinne und schließlich auch seine Hände über sie wandern.
701
Er machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber sie legte rasch einen Finger auf seine Lippen, um ihn daran zu hindern.
»Nicht«, sagte sie leise. »Mir geht es gut; ich freue mich so, dich zu sehen. Bitte halt mich fest.« Er gehorchte, zog sie wieder an sich und umarmte sie, so fest er es wagte. Nach einer langen Zeit ließ er sie widerwillig los und sah sie noch einmal an. Dann begann er sie zu entkleiden und betrachtete ihre Wunden mit den Augen, nicht nur mit den Sinnen. Aber sie gebot ihm Einhalt.
»Bitte, Ashe, nicht.«
»Vielleicht kann ich helfen, dich zu heilen, Aria.«
Rhapsody lächelte. »Das kannst du, und das hast du auch bereits getan.« Sie blickte sich im Zimmer um. »Und du wirst noch mehr für mich tun, wenn du endlich dein Hinterteil hebst und mir einen Tee bringst.« Sie lachte, als er sofort die Treppe hinabeilte. Als sie ihren Tee schlürfte, setzte sich Ashe zu ihr auf die Bettkante und zog ihr die Stiefel aus.
»Wo in aller Welt warst du denn?«
»Ich war bei Rhonwyn«, antwortete sie, und ihre großen Augen zwinkerten ihm über die Tasse hinweg zu.
»Das habe ich gehört. Bist du von Sinnen?«
»Ja. Aber das wusstest du schon, bevor du mein Liebhaber wurdest.«
»Was kann denn so wichtig sein, dass du unbedingt in aller Eile zu Rhonwyn musstest, obwohl du noch so schwach bist? Grunthor meinte, es hätte etwas mit deinen Enkeln zu tun ... Geht es Stephens Kindern gut?«
»So weit ich weiß, schon«, antwortete sie. »Aber ich habe sie nach anderen Kindern gefragt, denen ich hoffentlich helfen kann, nicht nach denen, die zurzeit meine Enkel sind.«
»Aha. Und möchtest du mir davon erzählen?«
»Nein«, erwiderte sie, stellte ihre Teetasse ab und schlang die Arme um seinen Hals. »Ich habe ein Geschenk für dich, und ich möchte, dass du es aufmachst.«
»Du hast ein Geschenk für mich? Du sollst doch nicht...«
Amüsiert funkelte Rhapsody ihn an. »Halt den Mund, mein Schatz«, sagte sie und lehnte sich vor, um ihn zu küssen. Ashe tat, wie ihm geheißen, und erwiderte den Kuss so sanft er konnte, obwohl er sich anstrengen musste, die Leidenschaft niederzukämpfen, die seine Seele zusammen mit einer überwältigenden Erleichterung durchströmte. Sie zog ihm das Nachthemd über die Schultern und blickte ihn mitfühlend an.
»Bitte mach dir keine Sorgen, dass du mir wehtun könntest, Ashe«, sagte sie, denn sie durchschaute seine Angst haargenau. Er schauderte, als die Erinnerung an die Stimme einer anderen Frau sein Herz durchflutete.
Keine Sorge, Sam. Du wirst mir schon nicht wehtun. Ganz bestimmt nicht.
Tränen standen in seinen Augenwinkeln, als er die Augen schloss, seinen Kopf an ihre Schulter lehnte und leise ihren Rücken streichelte. Behutsam zog er sie aus, zuckte aber beim Anblick der Verbände unwillkürlich zusammen und zog die Decke über sie beide. Rhapsody fasste sich etwas mühsam an den Hinterkopf und löste das schwarze Samtband, sodass ihr Haar locker über ihre Schultern fiel. Ashe seufzte und zog sie an seine Brust, hielt sie in seiner Armbeuge geborgen. Ungeduldig machte sie sich aus der Schlafhaltung los, setzte sich auf, liebkoste seine Brust und ließ ihre Hände dann weiter nach unten gleiten, während sein Herz unter ihrer Berührung zu rasen begann. Entschlossen packte er ihre Hände und hielt sie fest.
»Aria, bitte, ich glaube, wir sollten lieber schlafen.«
Schock und Enttäuschung traten auf Rhapsodys Gesicht. Ashes Herz zog sich zusammen, als er sah, dass sie sich zurückgewiesen fühlte, was er nie beabsichtigt hatte.
»Liegt es an den Verbänden? Oder willst du mich einfach nicht?«
Erregung kreiste in seinem Blut, seine Haut brannte, und sein Herz hämmerte. »Wie kannst du mich so etwas fragen?«, entgegnete er ungläubig und legte sanft ihre Hand auf den offensichtlichsten Beweis ihres Irrtums. »Ich möchte dir nicht wehtun, und ich weiß, dass du erschöpft bist.«
»Ich brauche es aber, dass du mich liebst«, erwiderte sie geduldig. »Bitte.«