Ashe begann zu zittern. »0 ihr Götter, du bist grausam, Aria. Ich möchte in dir sein, mehr als du es glauben kannst, aber ...«
»Ashe, du bist in mir, und ich möchte, dass du wieder gehst«, sagte sie, Ärger in der Stimme.
»Also bitte, muss ich dich erst auf Knien anflehen?«
Sein Widerstand war gebrochen. »Nein«, entgegnete er, tief aufatmend. »Nein, und ich kann nicht glauben, dass wir dieses Gespräch führen.« Er zog sie an sich und küsste sie mit all der Sehnsucht seiner Seele.
Er liebte sie sanft, hielt das wilde Begehren zurück, das als Ergebnis der überwältigenden Gefühle in dieser Nacht entstanden war: Furcht, Verlangen, Erleichterung und Freude, endlich wieder mit ihr vereint zu sein. Sie erwiderte seine Leidenschaft begierig, bewegte sich langsam und erweckte in ihm eine Lust, die ihn zu verzehren drohte. Als ein heftiges Zittern ihn überfiel, das bei seinen Zehen anfing und sich nach oben hin ausbreitete, nahm sie seine Hand und legte sie auf ihr Herz.
»Nimm sie zurück«, drängte sie und legte ihre Hand über seine. »Nimm deine Seele zurück, sie wartet hier auf dich.« Überrascht weiteten sich seine Augen, aber er konnte nicht mehr verhindern, dass die Woge der Erregung ihn überflutete. Er rang nach Atem, und Rhapsody sprach das Wort, welches den Teil seiner Seele, den sie in sich getragen hatte, befreite. Gleißendes Licht drang zwischen sie, leuchtete durch ihre Oberkörper hindurch und machte sie durchsichtig. Als Ashes Körper in ekstatischer Entladung starr wurde, verließ das Licht Rhapsodys Brust und wechselte hinüber in die seine. Auf dem Höhepunkt ihrer Lust stöhnte auch sie, und er hielt sie fest, bis sie sich wieder beruhigte, das Gesicht nass von Tränen des Glücks.
Seine Tränen vermischten sich mit ihren, als er spürte, wie sich die Teile seiner Seele wieder zusammenfügten. Die metaphysischen Kanten waren an manchen Stellen hart und scharf, und die Verunreinigungen durch die Herrschaft des F’dor stachen ein wenig, als sie mit dem Rest in Berührung kamen. Aber im Großen und Ganzen war alles weitaus einfacher, als er es erwartet hatte kein Kampf mit einem unwilligen Geist, der sich losreißen wollte und unter Kontrolle gebracht werden musste. Offenbar war die Seele rein gewaschen von den meisten, wenn nicht sogar allen früheren Verbindungen, und auch von dem Hass, der sie so lange umgeben hatte. Noch immer hortete sie zwar die hässlichen Erinnerungen an das, was der Rakshas getan hatte, aber sie hielten sich im Hintergrund, sodass Ashe warten konnte, bis er sich stark genug fühlte, um sie eingehender und sorgfältiger zu betrachten. Ashe sah hinunter auf die Frau, die er in den Armen hielt. Sie war das Gefäß gewesen, ihretwegen war das Seelenstück so rein geworden. Er war frei; das Böse war im Feuer von Rhapsodys Geist verbrannt, ein Geist, der rückhaltlos an ihn glaubte und ihn aus tiefstem Herzen liebte. Das alles stand in ihren Augen geschrieben, als sie zu ihm emporlächelte, und Ashe musste sich abwenden, von seinen Gefühlen überwältigt. Sie hatte den Teil seiner Seele neu benannt, ihm den Namen gegeben, den er gehabt hatte, bevor er ihm entrissen worden war.
»Geht es dir gut?«, fragte sie mit besorgter Stimme. »Habe ich dir wehgetan?«
Ashe seufzte und zog sie an sich, vergrub das Gesicht in ihrer schimmernden Haarmähne.
»Ja«, murmelte er in ihr Ohr. »Ja, das hast du. Du hast mich dazu gebracht, dich so sehr zu lieben, dass es wehtut.«
Er konnte ihr Lächeln spüren. »Gut«, flüsterte sie. »Dann sind wir wenigstens quitt.«
49
Rhapsody reichte Ashe den letzten Teller zum Abtrocknen und wischte den Tisch ab, während er das Geschirr wegräumte. Sie verschränkte die Arme und beobachtete amüsiert, wie er, der Kirsdarkenvar, der zukünftige Herrscher über die vereinigten cymrischen Geschlechter, vor ihrem Küchenschrank kauerte und die Teller vom Abendessen verstaute. Sie betrachtete das Spiel seiner Rückenmuskeln und seufzte tief, wie immer, wenn sie es sich erlaubte, an die Zukunft zu denken. Zu wissen, dass ihre Zeit mit ihm sich ihrem Ende zuneigte, machte sie wie immer traurig.
Ashe stand auf und lächelte, als er sich zu ihr umwandte. Behutsam nahm er ihre Hand und küsste sie, hakte sich dann bei ihr unter und führte sie ins Wohnzimmer.
»Wie wäre es mit einem Lied? Ich habe dich lange nicht mehr singen gehört.«
»Vor dem Abendessen habe ich meine Gebete verrichtet. Hast du das nicht bemerkt?«
»Schon, aber ich meinte eine Ballade, ein Lied mit einer Geschichte. Das würde mir helfen, mein Alt-Lirin zu üben, damit ich besser mit den Redewendungen zurechtkomme.«
»Gut«, meinte Rhapsody lächelnd. »Wenn du möchtest, kann ich dir ein Gwadd-Lied vorsingen, ich kenne nämlich eines.« Mit diesen Worten setzte sie sich auf den einen der beiden Sessel, die sich vor dem Feuer gegenüberstanden.
Neugierig nahm Ashe auf dem anderen Sessel Platz. »Wundervoll! Ich hatte keine Ahnung, dass du die Gwadd kennst.« Die meisten Leute waren sich nicht sicher, ob das kleine Volkschlank und mandeläugig, wirklich existierte.
»Ich habe ein paar von ihnen in Serendair gesehen, aber sie waren nur sehr selten in der Stadt, in der ich gelebt habe.« Nun war zwar Ashes Neugier geweckt, aber er hielt sich an ihre Abmachung, die Vergangenheit nicht zur Sprache zu bringen. Es war sowieso besser, wenn sie ihn aus eigenem Antrieb an ihren Erinnerungen teilhaben ließ. Rhapsody ging zum Schrank, in dem sie ihre Instrumente aufbewahrte, und holte ihren Minarello heraus. Es war ein seltsam geformtes rotes Instrument, dessen jaulender Klang Ashe zuweilen an einen kranken Hund erinnerte nicht aber, wenn Rhapsody es spielte. In seiner Zeit auf See hatte er oft mit anhören müssen, wie irgendein betrunkener Seemann damit ein Lied erbärmlich zugrunde gerichtet hatte. Aber in Rhapsodys Händen bekam es einen fröhlichen Klang, bei dem es ihm in den Füßen juckte und er Lust bekam zu tanzen. Sie kehrte zu ihrem Sessel zurück und setzte sich wieder.
»Gut. Also, dies ist die merkwürdige, traurige Geschichte von Simeon Blaskamerad und dem Pantoffel der Konkubine.« Ashe lachte und lehnte sich zurück, um dem Lied zu lauschen, in dem die Hauptperson den Verlust eines Schuhs beklagte. Rhapsody gab es mit großem Ernst und verschmitzt funkelnden Augen zum Besten. Nach dem tragikomischen Ende applaudierte Ashe laut, während Rhapsody den Minarello wieder aufs Regal stellte und den Beifall mit einer tiefen, ernsthaften Verbeugung entgegennahm.
Dann setzte sie sich wieder in den Sessel vor dem Feuer, ohne auf seine ausgebreiteten Arme zu achten. »Ich muss noch etwas Wichtiges erledigen«, sagte sie und sah ihm dabei direkt ins Gesicht.
Ashe nickte. »Kann ich dir helfen?« Bereit aufzustehen, legte er die Hände auf die Armlehnen.
Aber Rhapsody schüttelte den Kopf. »Nicht heute Abend. Ich meinte, ich muss es bald erledigen, aber es reicht in ein, zwei Tagen.«
Ashes Lächeln erlosch. »Was ist es, Aria?«
Rhapsody wirkte verlegen. »Ich bin mir noch nicht über die Einzelheiten im Klaren, aber als Erstes muss ich Manwyn aufsuchen.«
»Warum?« Seine Stimme klang scharf.
»Weil ich eine Information brauche, die ich sonst nirgends bekommen kann.«
»Betrifft es die Kinder, über die du auch mit Rhonwyn gesprochen hast?«
»Ja. Aber ich denke, heute sollten wir uns darüber unterhalten, was du als Nächstes tun solltest, Ashe.« Er starrte sie an; Rhapsody senkte die Augen, versuchte aber, ihre Worte so zu wählen, dass sie ihn nicht verletzten. »Der Sommer ist vorbei, jetzt ist der Herbst da. Du hast deine Seele zurückbekommen, du bist wieder vollständig. Es ist Zeit, dass du dich darauf vorbereitest, die Herrschaft zu übernehmen.«
»Du möchtest, dass ich gehe?«
Rhapsody lächelte. »Bei allen Göttern, nein. Aber wir wissen beide, dass du gehen musst.«
Ashe stand auf und kam zu ihr herüber. Er kauerte sich vor sie, und Rhapsody spürte, dass ihr Herz schneller zu schlagen begann, wie immer, wenn er ihr nahe war. »Ich kann nicht«, entgegnete er leise. »Noch nicht.«
Wieder sah sie ihm offen ins Gesicht. »Nun, du kannst gern hier in Elysian bleiben, aber ich fürchte, ich werde bald aufbrechen müssen. Der Rakshas ist tot; nun wird es Zeit, dass Achmed, Grunthor und ich den F’dor suchen und töten.