Unter anderem muss ich eine Möglichkeit finden, wie ich Achmed helfen kann, den F’dor aufzuspüren. Es besteht die Gefahr, dass er den Wirt wechselt, wenn er eine Gelegenheit dazu hat, vor allem jetzt, da ihm der Rakshas nicht mehr zur Ausführung seiner Befehle zur Verfügung steht. Bald schon werden die Ereignisse sich überstürzen; ich denke, dass wir den Rat der Cymrer einberufen werden, sobald der Dämon tot ist, vorausgesetzt, wir können das verdammte Ding finden, und das wird auch einen großen Einfluss auf dich haben, weißt du. Ich denke, du solltest dir diese Zeit nehmen, um dich vorzubereiten. Vielleicht möchtest du ja auch die Frau, die du erwähnt hast, aufsuchen und mit ihr sprechen, damit du weißt, ob sie damit einverstanden ist, deine Herrin zu werden.« Ihre Stimme stockte ein wenig, und Ashe fühlte sein Herz vor Mitgefühl zusammenzucken. »Dann könnte der Rat euch beide bestätigen und müsste nicht ein zweites Mal einberufen werden. Wer weiß, wenn du deine Nominierung nicht vorbringst, wählen sie womöglich jemand Schreckliches, wie beim letzten Mal.« Sie hielt inne, als ihr klar wurde, dass sie soeben Ashes Großeltern beleidigt hatte. Ashe sah ihre Verlegenheit und lächelte. »Du hast Recht. Das war eine ziemlich schlechte Paarung, nicht wahr?«
Rhapsody nahm seine Hand. »Nein«, widersprach sie und blickte ihm in die Augen. »Wenn die beiden kein Paar geworden wären, wärst du jetzt nicht hier, deshalb glaube ich, dass auch aus den schlechtesten Verbindungen wundervolle Dinge hervorgehen können. Aber es ist wichtig für den ganzen Kontinent, nicht nur für die Cymrer, dass es diesmal besser wird. Du musst dir Zeit lassen, um sicher zu sein, dass du bereit bist und dass du mit deiner Frau die richtige Wahl getroffen hast. Am besten schaust du sie dir an, lernst sie ein bisschen kennen und überlegst, ob sie eine Frau ist, die regieren, aber dich auch glücklich machen kann. Ich werde dich nicht länger aufhalten, ganz gleich, wie gern ich es aus egoistischen Gründen auch tun würde.«
Ashe beugte sich zu ihr und küsste sie. »Noch nicht«, wiederholte er. »Das kann noch nicht das Ende sein. Wir haben beide zu viel erlitten, um die einzige Zeit des Trosts und Friedens so bald schon wieder zu verlieren.« Er verdrängte die mahnende Stimme seines Vaters aus seinen Gedanken.
»Achmed und ich verlassen Ylorc übermorgen«, erklärte Rhapsody sanft, aber fest. »In absehbarer Zukunft werde ich wohl nicht zurückkommen.« Sie zuckte zusammen, als sie sah, wie das Lächeln bei ihren Worten von Ashes Gesicht verschwand, während er aufstand, sich abwandte und ans Feuer ^at. Seufzend erhob auch sie sich, folgte ihm und berührte ihn am Arm. »Ich wollte, ich müsste dir uns nicht so wehtun. Aber wir wussten ja, was auf uns zukommt. Es tut mir Leid.«
Schweigend nickte Ashe, starrte aber weiter in die Schatten des Feuers. Als er ihr schließlich wieder ins Gesicht schaute, wirkte er ruhig und entspannt.
»Nun denn, wenn wir den nächsten Schritt machen müssen, so soll es sein. Ich habe auch noch eine Menge zu tun. Vor allem muss ich mir Gedanken darüber machen, wie ich der wundervollen Veränderung gerecht werden kann, die du mir letzte Nacht geschenkt hast.«
Ashe klopfte sich auf die Brust; die Narbe, die Rhapsody dort in verschiedenen Stadien der Heilung gesehen hatte, war nun, mit der Rückkehr des Seelenfragments, endgültig verheilt. Am Morgen, während Rhapsody sich im Nebenzimmer angekleidet hatte, hatte er sich eine Erinnerung des Rakshas angesehen. Bei Rhapsodys Rückkehr hatte er zitternd vor Grauen in einer Ecke des Zimmers gekauert, denn seine Gedanken hatten die unaussprechlichen Gräueltaten mit angesehen, an denen seine Seele, ohne es zu wollen, teilgehabt hatte, Taten, die so grässlich waren, dass sie ihm in die Seele eingebrannt blieben. Rhapsody schüttelte den Kopf. »Das solltest du nicht tun, wenn du allein bist, Ashe«, riet sie ihm nun. »Befassen wir uns damit, bevor ich gehe. Ich werde dir beistehen, so gut ich kann.«
»Das ist eigentlich kein schönes Ende für diesen wunderbaren Sommer«, meinte er wehmütig.
»Ich möchte, dass du dich gern an unsere Zeit erinnerst, Aria, und mich nicht im Gedächtnis behältst, wie ich schreie und meine Dämonen austreibe.«
»Es wird immer eine schöne Erinnerung bleiben«, versicherte sie ihm. »Nichts wird uns das wegnehmen. Aber ich möchte dir gern etwas vorschlagen.«
»Ich dir auch.«
»Gut, sag es mir.«
»Ich gehe mit dir nach Yarim, nicht Achmed«, sagte Ashe mit fester Stimme. »Ich war schon mehrmals dort, er nicht, so viel ich weiß. Ich möchte dich ihm nicht allein anvertrauen.«
Rhapsody sah ihn fragend an. »Warum nicht? Wir sind schon an viel schlimmeren Orten gewesen. Er wird gewiss dafür sorgen, dass mir nichts zustößt.«
Ashe überlegte, ob er näher erläutern sollte, was er meinte, entschied sich dann aber dagegen. Sie verstand es nicht, sie würde es nie verstehen. »Ich gehe trotzdem mit. Das ist mein letztes Wort.«
Das klang so gebieterisch, dass Rhapsody die Augenbrauen hochzog. »Ja, mein Herr«, meinte sie etwas verärgert, verfolgte den Punkt aber nicht weiter. Sie hatte ihm die Sache mit den Kindern nicht näher erklärt, weil sie wusste, dass er sich nur darüber aufregen würde. Wenn er mit ihr zu der Prophetin ginge, würde es ihm Manwyn möglicherweise erzählen. Aber Rhapsody wollte ihm auch nichts vormachen, also wechselte sie das Thema. »Nun, möchtest du meinen Vorschlag noch hören?«
»Ja«, antwortete Ashe und lehnte sich zurück. »Entschuldige.«
»Der Herrscher von Roland heiratet im Frühling, und kaum zu glauben ich bin eingeladen!«
»Tristan? Also wirklich. Nun, über diese Einladung bin ich tatsächlich ein bisschen überrascht.«
Sie kicherte. »Ich auch. Nach unseren bisherigen Begegnungen müsste er mich eigentlich hassen, deshalb bin ich froh, ein Bauer zu sein; da braucht man zu seiner Hochzeit nicht aus irgendwelchen politischen Erwägungen heraus Leute einzuladen, die man gar nicht mag nur, wenn sie mit einem verwandt sind.«
»Er kann dich unmöglich hassen. Das ist nicht der Grund, warum mich die Einladung überrascht. Ich dachte eher, dass er genau wissen muss, dass du die Braut ausstechen wirst.«
Rhapsody lächelte. »Du bist lustig.« Ashe seufzte; er hatte das nicht als Scherz gemeint.
»Jedenfalls dachte ich, wir könnten uns dort treffen, wenn es auch nur kurz wäre und bitten in einem großen Fest. Es würde bestimmt Spaß machen, sich die Hochzeit anzusehen. Ich habe dir ja schon vor langer Zeit versprochen, dass du meine Eskorte sein kannst, wenn ich eingeladen werde.«
Er nickte. »Ja, das hast du. Vielleicht ist es nicht klug, allzu offen zu sein, angesichts der Tatsache, dass der F’dor zu einem so wichtigen Ereignis auftauchen könnte. Sein Wirt ist mit Sicherheit eingeladen, und es wäre wahrscheinlich eine ideale Gelegenheit, ihn dingfest zu machen. Aber du bist noch nicht bereit.« Er sah, wie ihr Gesicht sich ein wenig verdunkelte und ihre Begeisterung abnahm, und beeilte sich, sie wieder aufzumuntern. »Aber wir können uns trotzdem bei der Hochzeit treffen, wenn wir es heimlich tun, wie ein Liebespaar, das sich verstecken muss. Und ich würde liebend gern mit dir kommen, Aria.«
Rhapsody schaute ins Feuer. »Wenn du von hier weggehst, halte ich es für das Beste, wenn wir unsere Beziehung als Liebespaar beenden, Ashe.« Sie spürte ihn im Sessel gegenüber erbleichen. »Es wird mir ohnehin unendlich schwer fallen, dich aufzugeben, deshalb denke ich, es wäre ratsam, die Dinge nicht zu vermischen. Wenn du dieser Cymrer-Frau, die dem Rat angenehm ist, den Hof machst, schuldest du es ihr, dass du mit deiner Vergangenheit abschließt mit all deinen früheren ... Verbindungen.«
Ashe wartete, bis sie ihm wieder ins Gesicht sah. »In Ordnung, Rhapsody«, meinte er dann leichthin. »Du hast Recht. Sie sollte sich darauf verlassen können, dass ich ungebunden bin, wenn ich ihr einen Antrag mache. Wenn sie sich einverstanden erklärt, Herrscherin der Cymrer und meine Frau zu werden, verdient sie meine absolute Treue und Ergebenheit, unverstellt von irgendwelchen Gedanken an andere Frauen.« Sein Magen verkrampfte sich, als seine Drachensinne ihre Reaktion auf diese Worte wahrnahmen; obgleich ihr Gesicht heiter blieb und keine Gefühlsregung verriet, spürte er, wie Übelkeit in ihr aufstieg und das Blut in tausenden winziger Gefäße aufwallte, die der Drache samt und sonders kannte und abgöttisch liebte. »Du hast immer noch vor, meine Verbündete zu bleiben, oder?«