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Sie zog die Decke um die Schultern und warf immer wieder einen Blick hinaus in die Dunkelheit jenseits des glühenden Rings ihres Lagerfeuers. Ashe hatte ihr einen Becher Tee in die Hand gedrückt und beobachtete, wie sie ihn zwischen beiden Händen hielt und in die Flammen starrte, bis das Getränk zweifellos kalt war. Schweigend saßen sie im Schatten des Feuers. Endlich sagte er: »Wenn die Erinnerung an den Traum dich beunruhigt, kann ich dir helfen, sie loszuwerden.«

Doch Rhapsody schien ihn kaum zu hören.

Ashe stand auf, griff in eine Falte seines Umhangs und zog einen Augenblick später die Geldbörse hervor, die Jo ihm in Bethe Corbair auf der Straße hatte abnehmen wollen. Er knotete die Schnur auf und zog eine kleine leuchtende Kugel heraus, die er Rhapsody in die Hände legte. Ihre Brauen zogen sich zusammen.

»Eine Perle?«

»Ja. Eine Perle besteht aus vielen Schichten Meerestränen. Sie ist eine Art natürliche Schatzkammer, die so vergängliche Dinge bewahren kann wie Schwüre und Erinnerungen nach alter Tradition werden Staatenbündnisse oder wichtige Abkommen in Gegenwart einer Perle von großem Wert besiegelt.« Rhapsody nickte schwach; sie wusste, dass im alten Land Bräute sich Perlen in die Haare flochten oder sie aus demselben Grund eingefasst als Schmuckstück trugen. »Du bist eine Canwr«, fuhr Ashe fort. »Wenn du von dem Albtraum frei sein möchtest, dann musst du den wahren Namen der Perle sprechen und wollen, dass sie die Erinnerung festhält. Sobald der Gedanke dein Gedächtnis verlassen hat und in der Perle eingefangen ist, dann zertritt sie mit der Ferse. Danach ist der Traum für immer verschwunden.«

Rhapsodys Augen wurden schmal. Canwr war das lirinsche Wort für Benennerin. »Woher weißt du, dass ich eine Benennerin bin?«

Ashe lachte und verschränkte die Arme. »Willst du etwa behaupten, du seiest keine?«

Rhapsody schluckte schwer. Schon seine Frage bewies, dass er die Antwort wusste, denn er hatte sie so gestellt, dass sie lügen müsste, um es abzustreiten. »Nein«, antwortete sie wütend.

»Genau genommen glaube ich, dass ich ab jetzt überhaupt nichts mehr sage. Nur deinen Vorschlag mit der Perle lehne ich dankend ab.« Wieder verfiel sie in Schweigen und starrte in die Nacht hinaus.

Ashe setzte sich ans Feuer und goss sich Tee nach. »Nun, meine Absicht war es, dich von deinem Albtraum abzulenken. So hatte ich es mir zwar nicht vorgestellt, aber zumindest war mein Versuch erfolgreich. Ich weiß nicht genau, warum du verärgert bist. Ich wollte dir nur helfen.«

Rhapsody blickte in den Himmel hinauf. Die Sterne waren verschleiert vom Qualm des Feuers.

»Vielleicht kommt es daher, dass ich zwar deinen Wunsch respektiere, mir keine Einzelheiten über dein Leben und deine Vergangenheit preiszugeben, du aber nichtsdestotrotz ständig versuchst, mir sehr persönliche und bedeutsame Erkenntnisse aus der Nase zu ziehen«, entgegnete sie. »Für die Lirin ist das Benennen kein Thema für eine oberflächliche Unterhaltung, sondern ein religiöser Glaube.«

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann meinte Ashe leise: »Du hast Recht, bitte entschuldige.«

»Außerdem bist du regelrecht darauf versessen herauszufinden, ob ich Cymrerin bin oder nicht. Nach dem, was Herzog Stephen mir gesagt hat, würde man es vielerorts als schweren Affront betrachten, dass du mich für eine Cymrerin hältst.«

»Damit hast du wieder Recht.« Lange sah er sie an, während sie ohne ein bestimmtes Ziel in die Nacht starrte. Da er nicht der Grund für ihre schweigende Bestürzung sein wollte, unternahm er einen weiteren Versuch, ein freundliches Gesprach zu beginnen. »Vielleicht ist es am besten, wenn wir einfach nicht über die Vergangenheit reden. Abgemacht?«

»Einverstanden«, antwortete sie, während ihre Augen immer noch etwas in der Dunkelheit suchten.

»Warum unterhalten wir uns nicht über etwas, was uns beiden Freude macht? Vielleicht vertreibt das ja die Erinnerung an deine Träume. Du wählst das Thema, und vielleicht beantworte ich sogar deine Fragen.«

Mit einem Ruck kam Rhapsody in die Gegenwart zurück, sah Ashe an und lächelte.

»In Ordnung.« Sie dachte einen Augenblick nach, bis ihr ihre adoptierten Enkel einfielen, Gwydion und Melisande, und das Dutzend kleiner Firbolg. Sie waren ihr Prüfstein, das, womit sie sich ablenkte, wenn ihr unangenehme Gedanken durch den Kopf gingen.

»Hast du Kinder?«, fragte sie.

»Nein. Warum?«

»Nun, ich halte immer Ausschau nach Enkeln, die ich adoptieren kann.«

»Nach Enkeln?«

»Ja«, antwortete Rhapsody und ignorierte den beinahe groben Unterton in seiner Stimme.

»Enkel. Weißt du, adoptierte Enkel kann man verwöhnen, wenn man bei ihnen ist, aber man hat nicht die ganze Zeit über die Verantwortung für ihre Erziehung. Das ist gut für mich, denn so habe ich Kinder, die ich lieben kann, obgleich ich nicht ständig bei ihnen sein muss wozu mir schlichtweg die Zeit fehlte. Ich habe zwölf Firbolg-Enkel und zwei menschliche, und ich liebe sie alle sehr.«

»Nun, ich habe keine Kinder. Tut mir Leid, damit kann ich nicht dienen. Aber vielleicht könnten wir etwas arrangieren. Wie wichtig ist es für dich, und wie lange bist du bereit zu warten?« Rhapsody konnte sein Grinsen beinahe hören.

Aber sie ging auf seine seltsame Schäkerei nicht weiter ein. »Bist du verheiratet?«

Ein Lachen war die Antwort.

»Entschuldige warum ist die Frage so komisch?«

»Die meisten Frauen mögen mich nicht. Genau genommen mögen mich die meisten Menschen nicht, aber das ist schon in Ordnung es beruht auf Gegenseitigkeit.«

»Du meine Güte, was für eine verschrobene Einstellung! Nun, ich kann dir im Vertrauen, aber mit absoluter Sicherheit sagen, dass du in Ylorc durchaus einige Verehrerinnen hast.«

»Du meinst damit doch nicht etwa eine der Firbolg-Hebammen, oder?«

»Himmel, nein. Brrrr.«

»Genau so hätte ich es auch ausgedrückt.«

»Nein, aber meine Schwester ist ein bisschen in dich verliebt.«

Ashe nickte unbehaglich. »Oh. Ja.«

»Ist das ein Problem?«

»Nein. Aber es wird zu nichts führen.«

Rhapsody spürte einen Stich. »Wirklich? Ich glaube dir, aber macht es dir etwas aus, wenn ich dich nach dem Grund dafür frage?«

»Nun, zum einen liebe ich zufällig eine andere, wenn du entschuldigst.« Er klang ärgerlich. Vor Verlegenheit wurde Rhapsody knallrot. »Tut mir Leid«, meinte sie. »Wie dumm von mir. Ich wollte nicht unhöflich sein.«

Ashe goss sich noch einmal Tee nach. »Warum nicht? Ich bin oft genug unhöflich zu dir und entschuldige mich nicht einmal dafür. Ein anderer wichtiger Grund ist die Tatsache, dass sie noch ein Kind ist.«

»Ja, du hast vollkommen Recht.«

»Außerdem ist sie ein Mensch.«

»Wäre daran etwas auszusetzen?«

»Nein. Aber meine eigene Rassenzugehörigkeit führt dazu, dass ich eine längere Lebensdauer habe, genau wie du.«

»Dann bist du auch lirinsch?« Dieser Gedanke war ihr nie in den Sinn gekommen.

»Zum Teil, genau wie du.«

»Aha. Nun, das leuchtet mir ein. Aber ist das wirklich so wichtig? Meine Eltern waren Lirin und Mensch, genau wie es das in deiner Familie auch einmal gegeben haben muss. Es hat sie nicht voneinander fern halten können.«

»Nun, manche Lebenserwartungen sind ähnlicher als andere. Wenn du beispielsweise wirklich eine Cymrerin bist, was ich glaube, auch wenn du es nicht zugeben willst, dann hast du ein großes Problem.«

»Warum?«

»Weil nicht einmal die größere Lebensspanne der Lirin dazu passt.«

»Was willst du damit sagen?«

Ashe stand auf und warf noch eine Hand voll Zweige aufs Feuer. Dann sah er sie wieder an. Rhapsody erspähte etwas wie ein Kinn mit einem struppigen Bart, aber im Flackerlicht war es unmöglich, etwas Genaueres zu erkennen.

»Als die Erste Generation der Cymrer eintraf, war es, als käme die Zeit für sie zum Stillstand«, sagte er. »Ich bin nicht sicher, wie es geschehen konnte. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass sie den Hauptmeridian überquert hatten. Ich habe keine Ahnung. Aber aus welchem Grund auch immer schien der Zahn der Zeit den Cymrern nichts anhaben zu können. Sie alterten nicht, und während Jahre und dann Jahrhunderte verstrichen, wurde deutlich, dass sie es auch nicht tun würden. Im Grund waren sie unsterblich geworden. Und wenn sie sich fortpflanzten, waren ihre Nachkommen zwar nicht vollkommen unsterblich, aber doch zumindest außergewöhnlich langlebig. Je weiter sich die Generationen von der ersten entfernen, desto kürzer wird natürlich ihre Lebensspanne, bis sie sich irgendwann wieder den anderen angleichen wird. Aber das hat keinen Einfluss auf die Unsterblichen. Noch heute gibt es Cymrer der Ersten Generation, allerdings leben sie meist im Verborgenen.«