Von der anderen Seite des Feuers kam ein Geräusch, halb ein leises Lachen, halb ein Seufzen.
»Du hast wirklich ein behütetes Leben geführt, Rhapsody.«
Sie dachte kurz über eine Antwort nach, verwarf sie dann aber. »Gute Nacht, Ashe. Weck mich, wenn ich mit Wachen an der Reihe bin.«
»Hast du nie daran gedacht, es auf die normale Art zu tun?«
»Was?«
»Enkel zu bekommen.«
»Hmmm?« Sie war schon fast eingeschlafen.
»Weißt du, einen Ehemann zu finden, Kinder zu bekommen, sie deine Enkel in die Welt setzen zu lassen bist du mit diesen Vorgängen vertraut?«
Tief aus ihren Decken ertönte ein musikalisches Gähnen. »Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nicht damit rechne, so lange zu leben.«
Als es Zeit für ihre Wache war, weckte er sie. Sie spürte, wie er sie sanft rüttelte.
»Rhapsody?«
»Hmmm? Ja?«
»Zeit für deine Wache. Möchtest du ein bisschen länger schlafen?«
»Nein«, antwortete sie und befreite sich aus ihren Decken. »Aber vielen Dank.«
»Du hast das, was du vorhin gesagt hast, nicht ernst gemeint, oder? Über Achmed.«
Sie schaute ihn benebelt an. »Was denn?«
»Du würdest dich doch niemals, nun, niemals mit Achmed vermählen, nicht wahr? Der Gedanke hat mir die letzten Stunden schwer im Magen gelegen.«
Jetzt war Rhapsody hellwach. »Weißt du, Ashe, mir gefällt deine Einstellung ganz und gar nicht. Und offen gestanden geht dich die Sache überhaupt nichts an. Jetzt leg dich schlafen.«
Sie machte Pfeil und Bogen fertig und stocherte in dem heruntergebrannten Feuer, das aufloderte, als hätte es aus unbekannter Quelle neuen Brennstoff erhalten. Einen Augenblick stand Ashe noch neben ihr, dann verschluckte ihn der Schatten auf der anderen Seite des Feuers. Hätte Rhapsody ihn nicht genau beobachtet, hätte sie nicht gewusst, wo er lag.
4
Als sie sich am nächsten Tag in der Morgendämmerung erhoben, lag dichter Nebel über dem Wald. Im Licht der aufgehenden Sonne verbrannte er allerdings rasch, und sie machten sich auf den Weg. Wie beide wussten, war es das letzte Stück ihrer gemeinsamen Reise. Gegen Mittag erreichten sie den Fluss Tar’afel, ein Arm des Wasserwegs, der vor unzähligen Jahrtausenden die Schluchten in die Zahnfelsen eingegraben hatte. Er durchschnitt die Wälder im nördlichen Roland und bildete eine Art Grenze zwischen den bewohnten und eher unbewohnten Waldgebieten.
Der Tar’afel war ein mächtiger Fluss, breit wie ein Schlachtfeld, mit einer sehr schnellen Strömung. Rhapsody ging zum Waldrand und betrachtete ihn, wie er wild dahinbrauste, angeschwollen von den Regenfällen des Vorfrühlings. Dann blickte sie zurück zu Ashe, der schnell ein Lager aufgeschlagen hatte und über einem kleinen Feuer das Mittagsmahl zubereitete.
»Wie viel hiervon ist Überschwemmungsgebiet?«, fragte sie und deutete auf das Flussufer und die Grasfläche zwischen Fluss und Wald.
»Fast alles«, antwortete er, ohne aufzuschauen. »Zurzeit ist der Fluss noch kaum über die Ufer getreten. Bis zum Ende des Frühlings wird das Wasser bis dorthin angestiegen sein, wo du jetzt stehst.«
Rhapsody schloss die Augen und lauschte der Musik des rauschenden Wassers. Auch ihre Heimat war von einem mächtigen Fluss durchzogen gewesen, obgleich sie ihn nie gesehen hatte. Sie merkte, dass die Strömung ungleichmäßig war, an manchen Stellen schneller als an anderen, und wenn sie den Variationen der Grundmelodie lauschte, konnte sie beinahe eine Landkarte durchs Wasser anlegen und ruhige, geschützte Stellen erkennen. Nach dem Mittagessen würde sie ihre neu gewonnenen Erkenntnisse gleich testen. Sie aßen in kameradschaftlichem Schweigen, denn das Tosen des Flusses machte es unmöglich, sich anders als laut schreiend zu unterhalten. Rhapsody erwischte sich mehrmals dabei, wie sie ganz vergaß, dass Ashe überhaupt da war. Wenn sie ihn ansah, war er immer da, aber wenn sie sich nicht auf ihn konzentrierte, verschwand er einfach. Welcher Zauber dem Umhang, den er stets samt Kapuze trug, auch innewohnen mochte er war jedenfalls stark genug, dass man Ashe nicht nur aus den Augen, sondern auch aus dem Sinn verlor. Als sie gegessen hatten, packten sie ihre Siebensachen wieder zusammen, und Rhapsody machte sich daran, ihren Lagerplatz zu säubern. Gerade wollte sie das Feuer löschen, als Ashe sich schon die Ausrüstung auflud. Aber sie war noch nicht zum Aufbruch bereit.
»Warte hier.« Ashe nahm sein eigenes Gepäck auf die eine und das von Rhapsody auf die andere Schulter. Ehe Rhapsody Protest einlegen konnte, hatte er das Überschwemmungsgebiet auch schon durchschritten und watete mühelos durch den Fluss. Innerhalb weniger Augenblicke reichte ihm das Wasser bis zur Taille, aber seine Körpermasse schien der reißenden Strömung keinen Widerstand entgegenzusetzen. Er verursachte keinerlei Wellen, vielmehr schien das Wasser durch ihn hindurchzuströmen. Auf halbem Weg war er vom Wasser fast nicht mehr zu unterscheiden.
Rhapsody war nicht wirklich überrascht, aber sie nahm sich vor, es sich zu merken. Er muss mit dem Wasser eine ebensolche Verbindung eingegangen sein wie ich mit dem Feuer, dachte sie, obgleich ihr schon einen Augenblick später auffiel, dass es auch eine Wirkung des Schwerts sein könnte, das Ashe bei sich trug; vielleicht war Ersteres ein Ergebnis des Letzteren. Das hätte auch viele Dinge erklärt, die sie bislang nicht verstanden hatte, vor allem die Quelle, aus der er seinen Nebelumhang immer wieder speiste. Außerdem erklärte es, warum er so besessen war von dem was er für ihr cymrisches Erbe hielt bestimmt war er ebenfalls Cymrer, in Anbetracht des elementaren Wissens, über das er verfügte, wahrscheinlich aus einer frühen Generation. Sie spürte ein Ziehen in ihrem Herzen. Vielleicht hatte er den Krieg überlebt, vielleicht stammte die Missbildung, die er unter seinem Umhang verbarg, aus eben dieser Zeit.
Und schließlich verstand sie jetzt auch, warum sie sich beieinander so wohl fühlten und warum es zwischen ihnen keine Anziehung gab sie bestanden aus unterschiedlichen und gegensätzlichen Elementen. Rhapsody war dankbar; mit Ausnahme von Achmed und Grunthor war Ashe der erste erwachsene Mann in ihrer Erinnerung, in dessen Gegenwart sie sich entspannt fühlte. Es war ganz ähnlich wie bei ihren Brüdern, und bei dieser Erkenntnis wurde sie plötzlich von einer Woge Heimweh und Traurigkeit überflutet, die sie doch längst hinter sich gelassen zu haben glaubte.
So unerwartet überfiel sie der Schmerz, dass sie sich krümmte; ihr Herz tat weh, sie konnte die Tränen kaum zurückhalten. Sie presste die Arme vor die Magengrube und atmete mehrmals tief aus und ein eine Technik, die sie vor langer Zeit gelernt hatte, um schmerzliche Erinnerungen zu bekämpfen, und schüttelte heftig den Kopf, damit die Gedanken verschwanden.
»Rhapsody! Rhapsody, ist alles in Ordnung mit dir?« Sie blickte auf und sah Ashe, mitten im Fluss, schon halbwegs wieder zurück, nachdem er die Ausrüstung auf dem anderen Ufer abgeladen hatte. Zwar konnte sie sein Gesicht nicht sehen, aber sie vernahm die Besorgnis in seiner Stimme.
Rasch richtete sie sich wieder auf, lächelte und winkte ihm zu. »Schon gut, keine Sorge!«, rief sie laut, um das Tosen des Wassers zu übertönen.
Ashe beschleunigte seine Schritte, und kurz darauf hatte er das Wasser hinter sich gelassen und überquerte das Überschwemmungsgebiet, bis er neben ihr stand. Schwer atmend jagte er ihr die Hand auf die Schulter und sah ihr ins Gesicht.
»Bist du sicher, dass es dir gut geht?«
»Aber ja, es geht mir wunderbar«, erwiderte sie gedankenverloren und starrte wie gebannt auf seine Hand: Sie war ebenso trocken wie sein übriger Körper als hätte er das Wasser nie berührt. »Das ist ein unglaubliches Kunststück.«