»Gefällt es dir? Tja, es ist wirklich recht praktisch. Lass uns jetzt gehen. Hier«, fügte er noch hinzu und breitete die Arme aus. Verständnislos starrte Rhapsody ihn an. »Was ist? Soll ich dich umarmen?«
»Nein, ich werde dich tragen.«
»Ach, lass mich in Ruhe.« Die schroffen Worte drangen aus ihrem Mund, ehe sie ihnen Einhalt gebieten konnte. Sie hustete verlegen. »Entschuldige, das war unhöflich und gemein. Nein, danke. Ich schaffe das allein.«
Ashe lachte. »Sei nicht albern. Das Wasser geht mir bis zur Taille das heißt, es geht dir über den Kopf. Also, komm.«
Das natürliche Lächeln verschwand aus Rhapsodys Gesicht. »Erstens ist deine Taille bestimmt nicht höher als mein Kopf, auch wenn ich vielleicht etwas klein geraten bin. Zweitens möchte ich nicht von dir getragen werden. Ich habe gesagt, ich kann durch den Fluss waten, und das habe ich ernst gemeint. Ich weiß deine Fürsorge und deine Hilfe wirklich zu schätzen, aber ich schaffe das allein. Wenn du mir deine Unterstützung angedeihen lassen möchtest, dann könntest du meinen Umhang tragen. Das wäre sehr nützlich, und ich wäre dir wirklich dankbar.«
»Ich werde deinen Umhang tragen und dich mit ihm. Himmel, du hast keine Chance in dieser Strömung. Du bist nicht schwer genug.«
Rhapsody schaute ihm so direkt ins Gesicht, wie sie konnte, in der Hoffnung, Blickkontakt aufzunehmen. »Nein. Danke.« Damit trat sie ans Lagerfeuer, ging in die Hocke, um es zu löschen, und erhob sich dann, um ihre Kleidung und ihre Sachen für den Marsch durch den Fluss bereitzumachen.
Die Strömung wurde stetig stärker, und Ashe hatte keine Lust mehr zu warten. Kurz entschlossen trat er hinter Rhapsody und hob sie hoch. Mühelos trug er sie zum Fluss, sorgsam einen Weg durch die Felsbrocken wählend.
Der Schlag, der seinen Kopf nach hinten warf, fühlte sich an, als stammte er von einem Mann, der doppelt so groß war wie Rhapsody. Ashe taumelte mehrere Schritte zurück und setzte sie ab. Mit echter Bewunderung und nicht geringem Schmerz beobachtete er, wie sie sich ziemlich beeindruckend in Verteidigungsposition begab, Dolch und Schwert gezogen, und konnte nur staunen, welche Wut sich auf ihrem Gesicht widerspiegelte.
»Entschuldige.« Er trat einen Schritt auf sie zu und hielt erst inne, als sie ihre Klinge durch die Luft zischen ließ, einen mörderischen Ausdruck im Gesicht. »Rhapsody, vergib mir, es tut mir Leid. Ich wollte nicht...«
»Habe ich mich etwa nicht deutlich genug ausgedrückt?«
»Nein. Ich meine, ja. Ich habe keine Entschuldigung vorzubringen, außer dass es vielleicht einfach ein natürlicher Antrieb war, du weißt schon ich meine es tut mir Leid. Ich wollte nur helfen.« Unter dem Blick ihrer zornig funkelnden Augen, grün wie das sprießende Gras, geriet er ins Stocken. In diesen Augen war nichts mehr von der Bereitwilligkeit zu erkennen, mit der sie ihm frühere Grobheiten so leicht verziehen hatte.
»Männer haben ihre natürlichen Antriebe schon des Öfteren ins Feld geführt, wenn sie mir etwas antaten oder antun wollten. Mach keinen Fehler, Ashe ich schwöre dir bei allem, was an diesem unheiligen Ort heilig ist, dass einer von uns tot sein wird, ehe du oder sonst jemand mich gegen meinen Willen irgendwohin bringt oder irgendetwas mit mir macht. Diesmal wärst du beinahe an der Reihe gewesen.«
»Ich glaube, du hast Recht«, meinte er und rieb sich verlegen das Kinn.
»Aber es wäre mir auch egal gewesen, wenn ich mein Leben gelassen hätte. Ich lasse mir nichts aufzwingen, was ich nicht will. Nicht von dir, nicht von sonst irgendjemandem.«
»Das verstehe ich«, sagte er, obgleich es nicht gänzlich stimmte. Dass sie sich so aufregte, verblüffte ihn; ihr Gesicht war knallrot, und sie war so wütend, wie er es noch nie erlebt hatte, nicht einmal im Kampf.
»Es tut mir Leid«, wiederholte er. »Sag mir, wie ich es wieder gutmachen kann.«
»Bleib einfach weg von mir.« Allmählich regte sie sich offenbar etwas ab, aber sie warf ihm immer noch zornige Blicke zu, während sie zum Wasser hinunterging. Am Ufer blieb sie stehen und schaute über den Fluss. Ihm war klar, dass sie sich irgendetwas ausrechnete. Dann steckte sie ihre Waffen in die Scheide zurück, drehte sich um, entfernte sich vom Ufer und ging wieder nach Süden, in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. Am Rand des Überschwemmungsgebiets blieb sie stehen.
»Nun, du hast mich einige wertvolle Ausrüstungsgegenstände gekostet.«
»Ich weiß nicht, was du damit meinst«, erwiderte Ashe. »Es ist nichts kaputt, das wirst du selbst sehen, wenn du drüben bist.«
»Ich komme nicht mit dir. Hier trennen sich unsere Wege.«
»Warte ...«
»Du kannst die Sachen verkaufen, wenn du nach Bethania zurückkommst oder wohin du auch sonst ziehst«, sagte sie im Weggehen. »Vielleicht kann ich dir damit die Zeit bezahlen, die du mir als Führer gedient hast.«
Ashe war sprachlos. Gewiss war sie nicht so gekränkt, dass sie ihr Ziel und ihre Musikinstrumente deswegen aufgab aber dennoch war sie unterwegs und verschwand rasch immer weiter im Wald. Er rannte ihr nach und versuchte sie einzuholen.
»Rhapsody, warte bitte, warte.«
Wieder zog sie das Schwert und wandte sich um. Zwar sah sie nicht mehr wütend aus, aber immer noch auf der Hut. Auf ihrem Gesicht lag ein resignierter Ausdruck, den er noch nie gesehen hatte; es zerriss ihm das Herz, obgleich er nicht wusste, weshalb. Schließlich blieb er in respektvoller Entfernung stehen und überlegte, was sie so extrem reagieren ließ. Männer haben ihre natürlichen Antriebe schon des Öfteren ins Feld geführt, wenn sie mir etwas antaten oder antun wollten. Bestürzung machte sich in ihm breit, als ihm dämmerte, was sie damit gemeint haben könnte. Ihm wurde schlecht, als er näher darüber nachdachte.
Niemals in seinem Leben war er so um Worte verlegen gewesen, so unsicher, was er tun sollte. Von dem Augenblick an, als er ihr in Bethe Corbair zum ersten Mal begegnet war, brachte sie ihn regelmäßig aus dem Gleichgewicht. Nun verfluchte er seine eigene Dummheit und suchte verzweifelt nach Worten, mit denen er ihr Vertrauen zurückgewinnen konnte. Schließlich warf er sich vor ihr auf die Knie. »Rhapsody, bitte verzeih mir. Was ich getan habe, war dumm und gedankenlos, und du hast jedes Recht, wütend zu sein. Aber wenn du zurückkommst, dann schwöre ich dir, dass ich dich niemals wieder gegen deinen Willen anfassen werde. Bitte. Wonach du suchst, ist viel zu wichtig, um es einfach aufzugeben, nur weil du einen Trottel als Reisegefährten hast.«
Rhapsody sah ihn schweigend an, ihr Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Zum ersten Mal konnte Ashe ihre Gedanken nicht lesen, indem er ihr in die Augen schaute; sie waren ihm verschlossen. Furcht schnürte ihm die Kehle zu, und obwohl er es sich nach außen hin nicht anmerken ließ, hatte er das Gefühl, auf der Stelle sterben zu müssen, wenn sie ihn und ihre Mission aufgäbe, weil er dann keinen Grund mehr zum Weiterleben hätte. Er wusste, dass es ihr bei diesem Unternehmen nicht um persönliche Belange ging, dass ihre Beweggründe altruistischer Natur waren und dass es leicht für sie wäre, einfach wegzugehen; ihr widerlicher Herrscher in Ylorc wäre begeistert. Am Rande seines Bewusstseins beschimpfte ihn der Drache in seinem Blut gnadenlos, aber es war nicht schlimmer als das, was Ashe sich selbst sagte.
Endlich senkte Rhapsody die Augen und steckte ihr Schwert zurück in die Scheide. Sie gab ihm kein Zeichen, sondern hob lediglich einen dicken Stock von der Größe eines Bauernspießes auf und marschierte direkt zum Fluss zurück. Mit dem Stock überprüfte sie die Wassertiefe an der ersten Stelle, von der sie vorhin ausgerechnet hatte, dass sie von den Felsen im Flussbett und vom allgemeinen Strömungsmuster geschützt wurde, und fand, dass sie sogar noch flacher war als angenommen. Sie wandte sich um und betrachtete Ashe ruhig.
»Lenk mich nicht ab.«
Ashe nickte.
Rhapsody schloss die Augen und sprach den Namen des Flusses. Dann begann sie ein Lied zu summen, das der Melodie der Strömung entsprach. Als sie schließlich die richtige Tonart und Tonfolge gefunden hatte, konnte sie den Fluss in Gedanken als einen mächtigen, unablässigen Kraftstrom sehen, der vor ihren Augen dahinraste.