»Nun, du könnest ausgeplündert werden oder noch Schlimmeres.«
Rhapsody grinste ihn amüsiert an. »Also, Ashe, wie kann sich eine Frau von einem Mann einschüchtern lassen, dessen Schwert aus Wasser besteht?« Sie zwinkerte ihm zu, drehte sich um und widmete sich wieder ihren Kleidern, die sie ordentlich auf dem Ast ausbreitete. Ashe starrte sie an und begann lauthals zu lachen. Rhapsody verkörperte wirklich die Unberechenbarkeit des Musikstücks, dessen Namen sie trug; sprunghaft, von einem Zeitmaß zum nächsten völlig anders, immer voller Überraschungen. Er hatte eine längere, ausgedehnte Diskussion über seine letzte Beleidigung erwartet, und nun machte sie sich stattdessen sanft über ihn lustig.
»Unterschätze niemals die Macht des Wassers«, gab er neckend zurück. »Mein Schwert kann eisig sein und hart wie Stahl. Ich kann es sogar rauchen lassen.«
»Oooooh«, machte sie, noch immer mit dem Rücken zu ihm und anscheinend nicht sehr beeindruckt. »Aber was nutzt das schon, wenn es schmilzt, sobald es in die Nähe von Wärme kommt?« Ohne sich umzudrehen, klopfte sie auf die Scheide der Tagessternfanfare. Ashe konnte nicht beurteilen, ob sie mit ihm flirtete, aber er hoffte es. Vorsichtig langte er über ihre Schulter und berührte die aufgehängten Kleider, um das Wasser aus ihnen zu ziehen. Überrascht strich sie mit der Hand darüber, als sie merkte, dass Hemd, Hose und Strümpfe trocken waren.
»Beeindruckend«, meinte sie.
»Wenn ich die Erlaubnis bekommen könnte, deine Schulter anzufassen, könnte ich den Rest ebenso trocknen«, sagte er.
Rhapsody überlegte kurz, dann nickte sie. Ashes Finger legten sich auf ihre Schulter, und das Unterhemd wurde fester, weil das Wasser, das es noch einen Augenblick vorher durchtränkt hatte, verschwunden war. Kurz darauf war der Rest ihrer Kleidung trocken.
»Danke«, sagte sie, zog ihre Sachen vom Ast herunter und schlüpfte in ihr Hemd. »Jetzt kannst du wieder anfangen, mich ernst zu nehmen.«
»Rhapsody, ich nehme dich sowieso ernst«, erwiderte Ashe. Er sagte die Wahrheit und betete dabei, dass sie das war, was sie zu sein schien, und nicht irgendeine Dämonendienerin. Wenn sie böse war, würde er ihr seine Seele kampflos überlassen, wenn die Zeit gekommen war, das wusste er genau.
Sie war dabei, ihre Hose wieder zuzubinden. »Die meisten Männer tun das aber nicht. Die meisten Männer nehmen die meisten Frauen nicht ernst, wenn sie ausgezogen sind.«
»Wie kommst du darauf?«
»Nun, ich denke, das kommt daher, dass die Männer im Allgemeinen selbst nicht gern ausgezogen sind. Anders als Frauen haben sie einen Indikator, der unverkennbar verrät, was und ob sie überhaupt denken.«
Ashe spürte, wie er errötete. »Wie bitte?« Er hoffte, dass sich diese Aussage nicht auf ihn bezog.
»Nun, wenn ein Mann nackt ist, dann hängt sein Gehirn vor den Augen der Welt, sodass jeder es sehen kann.«
»Das ist doch lächerlich.«
Rhapsody warf ihm einen versonnenen Blick zu, während sie in die Stiefel schlüpfte. »Nein, ist es nicht. Meiner Erfahrung nach ist es dieses Organ, mit dem die Männer denken.«
Ashe beschloss, das Thema fallen zu lassen. Sie hatte Recht. In eben diesem Augenblick war er dabei, lange und hart nachzudenken.
In dieser Nacht schwelte das Feuer ruhig im Wind. Ashe hatte mehrmals Zweige und Torf nachgelegt, aber es reagierte nicht darauf, sondern brannte unbeirrt mit kleiner Flamme weiter. Er musste lächeln über die Ironie; schließlich hatte er noch nie zuvor ein Lagerfeuer kennen gelernt, das auf Stimmungen reagierte. Aber dieses hier passte sich ganz und gar Rhapsodys Laune an.
Seit sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, war sie ziemlich wortkarg gewesen; während er gekocht hatte, hatte sie die Ausrüstung überprüft und neu gepackt. Beim Essen herrschte Schweigen, aber kein feindseliges. Freundlich antwortete sie auf seine Fragen, hatte aber offensichtlich keine Lust, eine Konversation zu beginnen. Sie war so tief in Gedanken versunken, dass man es fast hören konnte, und daher respektierte Ashe ihre Stille und überließ sie im Großen und Ganzen ihren Grübeleien.
Nachdem sie das Ess und Kochgeschirr gereinigt und weggepackt hatte, setzte sie sich an den Rand des Lichtkreises und beobachtete, wie die Sterne, einer nach dem anderen, über den verblassenden Silhouetten der fernen Hügel aufgingen. Der Ostwind blies den Qualm des Feuers über die vor ihr liegenden Felder, gelegentlich versetzt mit kleinen Funken, die über ihren Kopf sausten und spurlos im Nachthimmel verschwanden.
Mit dem Rücken zu ihr saß Ashe auf der anderen Seite des Feuers. Sie befand sich noch deutlich innerhalb der Reichweite seiner Sinne, und er wollte ihr den Abstand gewähren, den sie brauchte. Gespannt wartete er auf ihre Abendgebete, die sie sonst immer sang, wenn die Sterne am Himmel erschienen, denn er genoss die Schönheit ihrer Stimme und die Reinheit ihrer Lieder. Aber heute brach die Dämmerung und schließlich die Nacht herein, und noch immer blieb Rhapsody stumm.
Von der Stelle, an der er saß, spürte er, wie sich eine einzelne Träne formte und herabfiel; ihre Augen suchten den Himmel aufmerksam ab, fanden aber nicht, was sie suchten. Ashes Herz zog sich schmerzlich zusammen. Er sehnte sich danach, zu ihr zu gehen, sie in die Arme zu nehmen und ihr tröstende Worte ins Ohr zu flüstern. Aber er wusste es besser. Er war dazu verurteilt, auf Distanz zu bleiben, ihre Privatsphäre zu achten und außerdem noch damit fertig zu werden, dass er ihre Traurigkeit womöglich mit seiner Dummheit verschuldet hatte. Er verfluchte sich und betete im Stillen, ihr Schmerz möge nicht daher rühren, dass er alte Erinnerungen in ihr aufgewühlt hatte.
Das ist deine Schuld, murmelte der Drache in ihm. Alles deine Schuld. Schließlich hörte er, dass sie vor sich hin flüsterte. Für menschliche Ohren wären die Worte nicht zu verstehen gewesen, aber der Drache in ihm nahm sie auf, als würden sie direkt neben ihm gesprochen.
»Liacor miathmyn evet tana rosha? Evet ria diandaer. Diefi aria.«
Er erkannte die Sprache sofort, es war Alt-Lirinsch, und er konnte es ziemlich wörtlich übersetzen: Wie kann ich erwarten, dass du antwortest? Du kennst mich nicht. Ich habe den Stern verloren.
Ein Durcheinander von Gefühlen tobte in seinem Kopf. Freude sein Verdacht hatte sich fast völlig bestätigt; sie musste Cymrerin sein, wenn sie die Sprache der Lirin von Serendair kannte. Unsicherheit sprach sie mit den Sternen oder mit ihm oder vielleicht mit jemand ganz anderem? Und Schmerz die Verzweiflung in ihrer Stimme war von einer Tiefe, die er kannte, sie barg eine Einsamkeit, die seiner eigenen ähnelte.
Langsam erhob sich Ashe und schritt ums Feuer, bis er hinter ihr stand. Er fühlte, wie ihre Schultern sich strafften, als er näher kam, und die Träne verschwand, als die Temperatur ihrer Haut anstieg. Ansonsten jedoch verharrte sie regungslos. Er lächelte in sich hinein, denn es berührte ihn tief, wie sie ihr Feuerwissen einsetzte. Dann begann er mit möglichst beiläufiger Stimme zu sprechen.
»Suchst du einen bestimmten Stern?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe einen nun, ich meine, ich verstehe etwas von Astronomie«, fuhr er fort; so sorgfältig er nach den passenden Worten suchte, verfehlte er sie doch in der Dunkelheit.
»Warum willst du das wissen?« Eigentlich war es keine Frage.
Ashe zuckte zusammen, so vermessen erschien ihm plötzlich sein Vorhaben. »Nun«, erwiderte er und versuchte, mit Ehrlichkeit weiterzukommen. »Ich dachte, ich hätte gehört, wie du ›diefi aria‹ gesagt hättest. Bedeutet das nicht: ›Ich habe den Stern verloren‹?«
Rhapsody schloss die Augen und seufzte tief. Als sie sich ihm zuwandte, lagen Traurigkeit und Resignation auf ihrem Gesicht, aber er konnte kein Anzeichen von Ärger entdecken.
»›Diefi‹ heißt wirklich ›ich habe verlorene da hast du Recht«, sagte sie, ohne ihn direkt anzusehen. »Aber ›aria‹ hast du falsch übersetzt. Es bedeutet nämlich nicht ›den Stern‹, sondern ›meinen Stern‹.«