Ashe wusste, dass es falsch gewesen wäre, sich jetzt damit zu brüsten, dass er mit seinen Vermutungen über ihre Vergangenheit richtig gelegen hatte. »Und was heißt das, wenn ich fragen darf? Welchen Stern hast du verloren?«
Rhapsody ging zurück ans Feuer und setzte sich hin, die Stirn auf die Hand gestützt. Sie schwieg. Wieder verfluchte sich Ashe.
»Entschuldige, das war nicht richtig von mir. Ich habe nicht das Recht, mich in Dinge einzumischen, die ich zufällig mit angehört habe.«
Zum ersten Mal seit dem Abendessen sah Rhapsody ihm ins Gesicht. »Die Familie meiner Mutter waren Liringlas, Mitglieder des Volks der Wälder und Wiesen, Himmelssänger. Sie beobachteten den Himmel, um sich von ihm führen zu lassen, und begrüßten den Übergang der Nacht in den Morgen und der Abenddämmerung in die Nacht mit Gesang. Ich denke, das hast du bemerkt.«
»Ja. Sehr schön.« Seine Worte konnten Verschiedenes bedeuten.
»Außerdem glaubten die Liringlas, dass jedes Kind unter einem bestimmten Leitstern geboren werde und dass es eine Verbindung zwischen jeder Lirin-Seele und ihrem Stern gebe. ›Aria‹ist das Wort für ›mein Leitstern, aber jeder Stern hat natürlich auch noch seinen eigenen Namen. Ich glaube, es gab viele Rituale und Traditionen, die sich darum rankten. Mein Vater hielt alles für Unsinn.«
»Ich finde diesen Glauben wundervoll.«
Rhapsody schwieg. Wieder blickte sie ins Feuer, dessen Flackern sich in einem melancholischen Rhythmus in ihrem Gesicht spiegelte.
»Welcher Stern ist denn nun dein Stern? Vielleicht kann ich dir helfen, ihn wieder zu finden.«
Rhapsody stand auf und stocherte im Feuer. »Nein, das kannst du nicht. Trotzdem vielen Dank. Ich übernehme die erste Wache. Schlaf ein bisschen.« Sie ging zur Ausrüstung und machte die Waffen für die Nacht bereit.
Erst als er sich tief in sein Bettzeug vergraben hatte, verstand Ashe die volle Bedeutung ihrer Antwort. Rhapsodys Stern befand sich auf der anderen Seite der Welt; er schien über einem Meer, das ihre Geburtsstätte umfing wie ein wässriges Grab.
In der Stille seines Schlafgemachs legte er sich zurück und lauschte dem warmen Frühlingswind. Um ihn herum hatten sich Lärm und Gewusel des Tages in gedämpfte Trägheit verwandelt. Wie er diese Zeit liebte, diese Zeit, in der er die Maske ablegen und all die Dinge genießen konnte, die er vollbracht hatte, ohne dabei entdeckt zu werden. Wenn der Wind klar und die Nacht still genug war, konnte er die Hitze spüren, die Reibung in der Luft von der Gewalt, die er selbst aus dieser großen Entfernung durch Manipulation entstehen ließ. Heute Nacht war die Schwadron yarimesischer Wachen dafür zuständig, die er fest im Griff und von ihren üblichen Pflichten abgebracht hatte. Diese bestanden darin, die Wasserstraßen außerhalb der verfallenden Hauptstadt von Yarim Paar zu patrouillieren und die Shanouin, den Stamm der Brunnengräber und Wasserträger, zu beschützen, wenn sie ihre kostbare Last in die durstige Stadt zurückbrachten. Jahrhundertelang waren die Shaouin auf den Schutz der Wache angewiesen gewesen. Bei dem Gedanken lachte er leise. Das Chaos war von unschätzbarem Wert, es brachte die elektrische Leidenschaft mit sich, die er benötigte. Noch besser war es, wenn die Opfer dem Bann vertrauten. Die statische Aufladung des anfänglichen Schocks trug zu dem Unterhaltungswert des Ganzen bei. Und er freute sich schon sehr auf den Horror, den die Wachen unweigerlich empfinden würden, wenn der Bann nachließ und sie sich mit ihren Mordtaten konfrontiert sahen.
Seine Haut prickelte von dem Angstrausch, der in Wellen über ihn hereinbrach, als das Schlachten begann. Die Wasserträger waren kräftig, arbeiteten aber für gewöhnlich mit ihren Familien im Schlepptau. Er holte tief Luft und streckte seine Glieder, während die Wärme des Blutvergießens sie durchströmte.
Es war Reibungswärme, die Hitze des Kontakts, die durch seinen Körper wallte, die jetzt seine Geistnatur liebkoste, die Macht der Hitze, die so sehr an das Feuer erinnerte, aus dem er kam. Die Natur jeder Handlung produzierte sie, aber der Ort, wo sie sich am sichersten finden ließ, war der wilde Wettkampf des Mordens, grässlich und grausam und ungeheuer erregend. Er spürte, wie sich diese Erregung in seinem menschlichen Fleisch aufbaute, diesem Fleisch, dem aufgrund von Alter und anderen Einschränkungen der Doppelnatur eine Befriedigung in den meisten anderen Bereichen versagt geblieben war.
Die Patrouille ging wirkungsvoll zu Werke zu wirkungsvolclass="underline" Sie ließen sich zu wenig Zeit. Mit einem frustrierten Knurren zwang er sie, ihre Bemühungen zu bremsen, lieber zuzustechen, als Köpfe abzuschlagen, sich die Kinder bis zum Ende aufzusparen. Seine Hoffnung, dass sich die Hitze des vergossenen Bluts zu einem belebenden Höhepunkt aufbauen würde, schwächte sich ab; offenbar hatte er nicht genug von seiner eigenen Kraft eingebracht, als er die Gruppe in seinen Bann geschlagen hatte. Eine Schande, wirklich eine Schande. Ein Fehler, der ihm nie wieder unterlaufen würde.
Nun gab es keinen Grund mehr, seine Macht zu konservieren. Inzwischen war er mächtig genug, mehr von seiner Lebensessenz einzusparen oder dem, was eine Seele gewesen wäre, hätte ein F’dor dergleichen besessen. Wenn er das nächste Mal Gelegenheit bekäme, eine Truppe Soldaten vorübergehend zu seinen unwissenden Sklaven zu machen, würde er sich stärker einbringen. So würde er mehr von dem Elend spüren, würde mehr von der Qual aufsaugen können. Das war die Sache gewiss wert, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die einzigen anderen Vergnügen, die seine menschliche Gestalt ihm gewährte, in Branntwein und üppigen Backwaren bestanden.
Sein Atem wurde wieder flach, als das Massaker sich dem rauschhaften Höhepunkt näherte und dann in die Phase durchdringender Jammerschreie und vergeblichen, schwächer werdenden Gewinsels um Gnade überging. Es war wundervoll, endlich wieder das Aufwallen seiner Macht zu spüren, das mit dem Vergießen von Kinderblut einherging. Zu lange, allzu lange hatte er das vermisst, nun, da sein Spielzeug in der weiten Welt umherwanderte, fern vom Haus der Erinnerungen, das der Schauplatz eines so wundervollen Gemetzels gewesen war.
Als die orgiastischen Empfindungen schließlich abgeebbt waren, kroch er wieder unter seine Decken und fiel in die tröstliche Dunkelheit des Schlafs. Er träumte von einer Zeit, an dem diese heimlichen Freuden zu seinem Alltag gehören würden, von jener Zeit, in der die Qualen eines anderen Kindes eines Kindes, das sich in den Bergen von Ylorc versteckte endlich beginnen würden. Bald würde diese Zeit kommen, bald war es so weit.
5
Vogelgezwitscher und ein unerwarteter Sonnenstrahl weckten Rhapsody am nächsten Morgen. Die Nacht war schwierig gewesen, deshalb hatte sie die Morgendämmerung verschlafen, was ihr so gut wie nie passierte. Panisch setzte sie sich auf, bekümmert, weil sie ihre Gebete bei Sonnenaufgang verpasst hatte.
»Guten Morgen.« Die Stimme kam von der anderen Seite des Lagers, wo Ashe saß, gehüllt in seine üblichen nebligen Gewänder, und sie beobachtete. »Hast du dich ein bisschen ausgeruht?«
»Ja, entschuldige«, antwortete sie verlegen. In der Nacht hatte sie sich so heftig herumgeworfen, dass sich ihre Haare aufgelöst hatten, und Ashe war plötzlich etwas aufgefallen: Mit ihren glänzenden goldenen Locken, die offen um das nahezu vollkommene Gesicht fielen, war sie ohne Frage das Anziehendste Wesen, das er jemals gesehen hatte, und auf unbewusster Ebene musste sie das zumindest ahnen. Deshalb hielt sie ihr Haar immer mit diesem unscheinbaren schwarzen Band zurück sie spielte ihre Schönheit herunter, um nicht aufzufallen. Ashe lachte leise in sich hinein. Ihre Vorsichtsmaßnahmen genügten nicht, und jetzt war sowieso alles zu spät.
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, sagte er und warf eine Hand voll Zweige aufs Feuer. »Es muss sehr unangenehm sein, wenn man nicht mal eine einzige Nacht ruhig schlafen kann.«
Rhapsody wandte den Blick ab. »Ja, das stimmt.« Langsam kroch sie unter ihren Decken hervor, stand auf und klopfte sich Blätter und Gras von den Kleidern. »Meinst du, wir schaffen es heute?«