»Zu Elynsynos?«
»Ja.«
»Ich halte morgen für wahrscheinlicher. Wenn du schon in ihrem Reich wärst, würdest du besser schlafen.«
Rhapsody band ihr Haar wieder ordentlich mit dem Samtband zurück und sah Ashe an. »Wie meinst du das?«
»Man sagt, Drachen könnten die Träume eines Menschen bewachen und die schlechten in Schach halten. Wenn wir innerhalb von Elynsynos’ Einflussbereich wären, hätte sie ohne Zweifel deine Albträume verjagt.«
»Woher willst du wissen, dass sie das überhaupt möchte?«
»Weil sie von dir hingerissen sein wird, Rhapsody. Vertrau mir.«
Offensichtlich wusste Ashe, wovon er sprach. Nach einem ereignislosen Tag, an dem sie durch die Wälder wanderten, die mit jeder Meile dichter und stiller wurden, machten Rhapsody und Ashe wieder Halt, um einen Platz für die Nacht zu suchen. Noch immer war ihre nachdenkliche Stimmung nicht vergangen, und sie waren meist schweigend nebeneinander hergegangen, bis sie in ein dunkles, von Stechpalmen eingesäumtes Tal kamen. Hier schlugen sie ihr Lager auf, und Ashe übernahm die erste Wache. Mitternacht kam, und noch immer schlummerte Rhapsody friedlich, ungestört von nächtlichen Ängsten, abgesehen von einem kurzen Gemurmel, das wie ein Schluckauf klang, nach dem sie sich aber schnell wieder beruhigte. Ashe beschloss, sie schlafen zu lassen, so lange sie konnte, und so wachte er immer noch, als der Morgen kam. Schlanke Arme erschienen unter der Decke und streckten sich zu einem langen, tiefen Seufzer; einen Augenblick später kam der Kopf zum Vorschein der goldene Haarschopf wirkte fast wie die aufgehende Sonne, die über den Horizont stieg. Große Augen wurden noch größer vor Entsetzen.
Blitzschnell kroch sie aus den Decken hervor und rannte zur nächsten lichten Stelle, wo sie den Himmel sehen konnte.
Das Licht der Morgendämmerung färbte den dunklen Himmel schon azurblau und zauberte einen rosa Hauch auf den östlichen Rand. Der Morgenstern ging gerade unter, als Rhapsody ihre Aubade anstimmte; die süße Klarheit ihrer Stimme durchbrach die Stille des Tals und sandte Schauder über Ashes Rücken. Da spürte er unter seinen Füßen ein sanftes Rumpeln, und der Wind wurde ein wenig stärker. Auch Elynsynos hatte Rhapsody gehört.
»Hier sind wir«, sagte Ashe. Seine Stimme war beinahe ein Flüstern, und Rhapsody fragte sich, ob es Ehrfurcht war oder Angst.
In einer Vertiefung im Berghang unter ihnen lag ein kleiner Waldsee. Sein kristallklares Wasser war vollkommen ruhig, und wie ein Spiegel reflektierte er die um ihn stehenden Bäume. Der See ergoss sich in einen kleinen Bach, dem sie vom Tar’afel immer wieder gefolgt waren.
Im Wald herrschte Stille, unterbrochen hier und da nur vom Zwitschern eines Vogels oder dem Plätschern eines Bachs. Die Schönheit und Heiterkeit dieses Ortes entsprach ganz und gar nicht Rhapsodys Erwartungen, wie die Umgebung einer Drachenhöhle auszusehen hatte. Nirgendwo gab es Anzeichen, dass hier ein großes Reptil oder überhaupt jemand wohnte. Sie umrundeten den See, bis sie auf seine andere Seite gelangten und Rhapsody die Quelle sah, die ihn speiste. Im steilsten Abhang der Hügel befand sich eine Höhle, die nur von diesem Standpunkt aus zu sehen war, und aus ihr floss leise ein kleiner, glasklarer Bach in den Spiegelsee. Der Eingang der Höhle war etwa zwanzig Fuß hoch. Es bestand kein Zweifel, dass dies ihr Ziel war; Rhapsody fühlte die Macht, die von der Höhle ausging und sie innerlich erzittern ließ.
Als sie den langen Pfad hinuntergingen, glaubte Rhapsody flüsternde Stimmen im Wind zu hören, aber als sie stehen blieb, um zu lauschen, waren die Worte verschwunden, und sie hörte nichts als das Rascheln der knospenden Zweige in der Frühlingsbrise. Sie hatte das sichere Gefühl, dass sie beobachtet wurden. Ashe schwieg, und sie konnte unter der Kapuze seines Umhangs keine Reaktion ausmachen.
Schließlich gelangten sie zum Höhleneingang. In einem gleichmäßigen Rhythmus entströmte ihm warme Luft; der Atem des Drachen, dachte Rhapsody. Zweifel bemächtigten sich ihrer, Zweifel, ob es richtig gewesen war, hierher zu kommen. Schon spielte sie mit dem Gedanken, schnell wieder wegzugehen, als der Friede des Waldes von einer Stimme durchbrochen wurde, die nur von Elynsynos stammen konnte.
»Du machst mich neugierig«, sagte die Stimme in verschiedenen Tonlagen, gleichzeitig Bass, Tenor, Alt und Sopran. Ihr Nachhall enthielt eine elementare Vertrautheit, die nicht einmal Rhapsodys Feuergeborenes Herz ermessen konnte, die indes das Innerste ihrer Seele anrührte. Einen Augenblick lang konnte sie nicht sagen, ob sie tatsächlich Worte gehört oder nur gefühlt hatte. »Komm herein.«
Rhapsody schluckte schwer und trat langsam auf den Eingang der Höhle zu. Am äußeren Rand der Höhlenwand blieb sie stehen und schob Flechten und Efeu zurück, um die dort eingravierten Runen zu betrachten. Plötzlich erkannte sie vertraute Worte.
Cyme we inne frið,
fram the grip of deaþ to lif
inne ðis smylte land
Unter ihren Fingerspitzen vibrierte es sanft, als sie den uralten Schriftzug berührte; sie spürte die Aura des seit Jahrhunderten brachliegenden Wissens, und Staunen erfüllte sie, Entdeckerfreude und noch mehr Erregung, die herzzerreißende Spannung einer ersten Leidenschaft. Sie verstand es sofort, es war unverkennbar, obgleich sie es nur ein einziges Mal in ihrem Leben empfunden hatte.
Das Wissen, so alt es war, hing an diesem Ort förmlich in der Luft und war gegenwärtig im Stein der Höhlenwand. Hierher musste Merithyn gekommen sein, hier hatte er zum ersten Mal das Gelübde seines Königs eingraviert. In gewisser Weise war dies also der Geburtsort des cymrischen Volkes und hatte als solcher eine geradezu magische Aura. Mehr noch, hier hatte es einmal Liebe gegeben, eine große Liebe, und ein Teil davon war immer noch vorhanden. Gern wäre Rhapsody einfach hier stehen geblieben und hätte die Runen studiert.
»Rhapsody«, ertönte hinter ihr Ashes Stimme, so unvermittelt, dass sie heftig zusammenzuckte. »Schau ihr nicht in die Augen.«
Sie schüttelte ihre Trance ab und nickte. Dann überprüfte sie ihre Ausrüstung und wandte sich zu ihm um.
»Ich werde vorsichtig sein. Auf Wiedersehen, Ashe«, sagte sie leise. »Danke für alles. Mögest du eine sichere Heimreise haben.«
»Warte, Rhapsody.« Ashe streckte ihr die Hand hin. Sie nahm sie und ließ sich von ihm vom Fels herunter auf den Waldboden ziehen.
»Ja?« Sie stand vor ihm und blickte hinauf in die Dunkelheit seiner Kapuze. Langsam hob er die Hand, ergriff die Kapuze und zog sie dann blitzschnell herunter. Rhapsody stockte der Atem.
Jo hatte Recht gehabt. Er hatte keine Narben, er war nicht im Geringsten entstellt. Vielmehr war sein Gesicht wunderschön, und er blickte mit einem unsicheren Lächeln auf sie herab. Genau wie ihre Schwester bemerkte auch Rhapsody als Erstes sein Haar. Es leuchtete wie blankes Kupfer, und im Licht der Nachmittagssonne hätte Rhapsody fast glauben können, es wäre tatsächlich das Werk eines Schmiedes. Weder in diesem Land noch in jenem, aus dem sie stammte, hatte sie jemals so etwas gesehen, und sie fragte sich, ob es wohl weich war wie Sommerfäden oder hart und drahtig, wie der metallische Glanz es nahe legte. Die Frage faszinierte sie, und sie hätte den Rest des Nachmittags damit verbringen können, hier zu stehen, ihn anzustarren und gegen den Drang anzukämpfen, sein Haar zu berühren. Es dauerte mehrere Atemzüge, bis ihre Augen den Rest seines Gesichts aufnahmen. Es war klassisch schön und zeigte wie ihr eigenes seine aus menschlichen und lirinschen Eigenschaften gemischte Herkunft. Seine Haut war hell und glatt, sein schön gemeißelter Kiefer von struppigen Bartstoppeln bedeckt. Bei einem Mann rein menschlicher Abstammung hätte das auf ungefähr einen Monat ohne Rasur hingedeutet, aber Rhapsody wusste, dass der Bart bei einem Halbblut mindestens ein Jahr wuchs, bis er so aussah. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte sie ihn auf Mitte Zwanzig geschätzt, aber als Halb-Lirin, möglicherweise von cymrischer Abstammung, konnte Rhapsody sein wahres Alter unmöglich erraten. Und dann blickte sie in seine Augen, schöne, fremdartige Augen. Sie waren leuchtend blau, mit kleinen bernsteinfarbenen Sternen um die Iris herum. Sie musste zweimal hinsehen, ehe ihr klar wurde, was an ihnen so fremdartig war. Die Pupillen waren vertikale Schlitze wie bei einer Schlange, jedoch ohne das Grausige eines Reptils; vielmehr sah man in ihnen Erfahrung und Kraft, uralt und ausdauernd. Rhapsody fühlte sich zu ihnen hingezogen wie von einem mächtigen Fluss, der über einen Wasserfall stürzt, oder von der Ruhe einer abgelegenen Lagune. Dann schloss Ashe kurz die Augen, er blinzelte, und ihr stockte wieder der Atem. Als sie wieder Luft holte, spürte sie, dass ihre Wangen nass waren von Tränen, doch ihr war nicht bewusst, dass sie geweint hatte. Schlagartig verstand sie nun viele Dinge, die ihr zuvor rätselhaft erschienen waren warum er sich unter seinem Umhang versteckt, warum er sie weggestoßen hatte.