Er wurde verfolgt. Nur das konnte der Grund sein.
Sie wollte sprechen, war jedoch zu aufgewühlt. Ashe sah ihr in die Augen, als fürchtete er sich vor ihren Worten, müsste sie aber trotzdem hören. Endlich fühlte Rhapsody sich bereit.
»Ashe?«
»Ja?«
Sie holte tief Atem.
»Du solltest den Bart abrasieren, er ist scheußlich.«
Er starrte sie verwundert an, bis ihm endlich dämmerte, was sie gesagt hatte, und er lachen musste. Rhapsody atmete erleichtert aus. Als er, immer noch leise lachend, wegsah, reckte Rhapsody sich empor und umarmte ihn. Sie wollte nicht, dass er sah, wie die Tränen in ihren Augen standen.
Ashe zog sie an sich und hielt sie zärtlich umfangen, aber Rhapsody spürte, wie er zusammenzuckte. Aus irgendeinem Grund hatte sie ihm wehgetan, und sie ließ ihn los, denn sie wollte es nicht schlimmer machen. Der Schmerz schien aus seiner Brust zu kommen, aber sie war nicht ganz sicher. Auch er ließ sie los, allerdings mit einem tiefen Seufzer.
»Danke«, sagte sie, und es kam von Herzen. »Ich weiß, das war schwer für dich, und ich fühle mich geehrt, dass du es trotzdem getan hast. Wenn du dich mir nicht gezeigt hättest, hätte ich immer darüber nachgrübeln müssen, wie du aussiehst.«
»Sei vorsichtig da drin«, sagte er mit einer Kopfbewegung zu der Höhle.
»Sei du vorsichtig auf dem Weg zurück«, erwiderte sie und wandte sich zum Gehen. Ein Stück weiter bückte sie sich und hob ein Stück trockenes Holz auf, das im Eingang der Höhle lag. »Noch einmal vielen Dank. Gute Reise.« Sie warf ihm eine Kusshand zu, kletterte auf den nassen Felsen und in die Höhle hinein.
Der Eingang weitete sich in einen dunklen Tunnel, in dem tief drinnen ein glühendes Licht pulsierte. Am äußeren Rand wuchsen sternartige Flechten an den Höhlenwänden; sie streckten sich hinaus ins Tageslicht, wurden dünner und verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit des Tunnels schließlich ganz.
Langsam, mit gespitzten Ohren folgte Rhapsody dem Gang. Kurz darauf hörte sie es ein Platschen, mit dem sich etwas in der Tiefe der Höhle durchs Wasser bewegte, gefolgt von schweren Schritten Klauenbewehrter Füße, die über den Felsboden tappten. Stahl rieb auf Stein, und die Höhle füllte sich mit dem heißen Wind des Drachenatems, vermischt mit den beißenden Gerüchen, die Rhapsody aus Schmiedewerkstätten oder von Achmeds Esse kannte; Gerüche, wie ein Glühofen sie verbreitete.
Der Tunnel machte eine Biegung und öffnete sich schließlich nach unten in eine große Höhle. Da die Dunkelheit hier undurchdringlich war, berührte Rhapsody das Stück Holz, das sie aufgelesen hatte, und zündete seine Spitze an, in der Hoffnung, mit Hilfe einer Fackel besser sehen zu können. Fast sofort flammte das Holz auf, und die lodernden Flammen warfen lange Schatten an die Wände des Tunnels und umrissen und übertrieben die Bewegungen der riesigen Bestie, die sich nun aus dem Wasser hievte. Bei jedem Schritt der Drachin erzitterte der Boden, und das flackernde Fackellicht tanzte auf ihren kupferfarbenen Schuppen, die in der Finsternis glänzten wie Millionen winziger Schilde aus polierter Bronze. Elynsynos war gewaltig. Im Feuerschein schätzte Rhapsody die Länge der Drachin auf fast hundert Fuß, ohne weiteres in der Lage, den gesamten Tunnel zu füllen, durch den sie soeben gekommen war. Angesichts der Kraft ihrer gewaltigen Muskeln wich der Sängerin die Farbe aus dem Gesicht.
Dann sah sie die Augen der Drachin, zu spät, um Ashes Warnung zu beherzigen. Wie zwei plötzlich enthüllte gigantische Laternen tauchten sie im Tunnel auf, große Kugeln aus prismatischem Licht, so wunderschön, dass Rhapsody ihr Leben dafür gegeben hätte, sie auf immer betrachten zu dürfen. Lange vertikale Schlitze durchteilten die silberne Iris, eingerahmt von schimmernden Regenbogenfarben. Auf der Stelle fühlte Rhapsody, wie die Feuer ihrer Seele aufflammten, wie von einem plötzlichen Lufthauch angefacht. Einen Augenblick lang war ihr schwindlig, sie verlor sich in sich selbst, und als sie ihren Blick von der Drachin losriss, schrie ihre Seele laut.
»Hübsche«, sagte Elynsynos. In dem einen Wort lag eine Kraft, die Rhapsody sofort erkannte. Elynsynos redete mit einer Elementarmusik, und das Wort, das sie ausgesprochen hatte, war keine Beschreibung, sondern ein Name. Der harmonische Klang stammte nicht aus einem Kehlkopf so wenig Rhapsody auch über Drachen wusste, war ihr doch bekannt, dass Lindwürmer von Natur aus keinen besaßen, sondern war eine meisterliche Manipulation der Schwingungen des Winds. Zu gern hätte Rhapsody die Drachin noch einmal direkt angeschaut, aber sie tat es nicht, sondern beobachtete sie lediglich aus dem Augenwinkel.
»Warum bist du gekommen, Hübsche?« In der Stimme lag eine Weisheit, welche den kindlichen Ton und die einfachen Worte Lügen strafte.
Rhapsody holte tief Luft und wandte sich noch etwas mehr ab. »Aus vielen Gründen«, antwortete sie und blickte auf den schlangenähnlichen Schatten vor ihr an der Höhlenwand.
»Ich habe von dir geträumt. Ich bin gekommen, um dir etwas zurückzugeben, was dir gehört, und für dich zu singen, wenn du nichts dagegen hast.« Sie sah den Schatten sich bewegen, als der Kopf der Drachin auf dem Boden direkt hinter ihr zu ruhen kam, und sie spürte den heißen Atem auf ihrem Rücken. Das Feuer in ihr trank die Hitze und die Kraft, die darin enthalten war. Die Feuchtigkeit in ihren Kleidern verdampfte, der Stoff war heiß und kurz davor, in Brand zu geraten.
»Dreh dich um, bitte«, sagte die mehrtönige Stimme. Rhapsody schloss die Augen und gehorchte, und sie spürte die Wärme auf ihrem Gesicht, als wendete sie sich blind in die Sonne. »Hast du Angst?«
»Ein wenig«, antwortete Rhapsody, öffnete die Augen aber noch immer nicht.
»Warum?«
»Wir fürchten das, was wir nicht kennen und nicht verstehen. Ich hoffe, beides zu ändern, und dann werde ich keine Angst mehr haben.«
Wieder hörte sie das Geräusch, das klang wie flüsternde Stimmen. »Es ist klug, Angst zu haben«, sagte Elynsynos. In ihrem Ton lag keine Drohung, aber seine Tiefe war einschüchternd. »Du bist wahrlich ein Schatz, Hübsche. Dein Haar ist wie gesponnenes Gold, deine Augen sind Smaragde. Selbst deine Haut ist fein wie Porzellan, und du bist unberührt. In dir ist Musik und Feuer und Zeit. Jeder Drache würde dich als seinen Besitz begehren.«
»Ich gehöre nur mir selbst«, entgegnete Rhapsody. Die Drachenfrau lachte leise. »Aber ich bin hierher gekommen in der Hoffnung, wir könnten Freunde sein. Dann gehöre ich dir gern, auf gewisse Weise. Ein Freund ist etwas wunderbar Wertvolles, oder nicht?« Sie warf der Drachin einen kurzen Blick zu und schaute rasch wieder weg.
Das riesige Gesicht nahm einen neugierigen Ausdruck an, der seltsam liebenswert wirkte, was Rhapsody sogar aus dem Augenwinkel bemerkte.
»Das weiß ich nicht. Ich habe keine Freunde.«
»Dann werde ich eine neue Art Schatz für dich sein, wenn du es möchtest«, sagte Rhapsody.
»Lass mich dir zuerst das hier zurückgeben.« Damit zog sie den Krallendolch aus ihrem Tornister.
Die riesigen Prismenaugen blinzelten. Noch immer sah Rhapsody die Drachin nicht direkt an, merkte aber, wie sich das Licht in der Höhle eine Sekunde lang verdunkelte. Ihre Haut prickelte; um sie herum erhob sich ein elektrisches Summen und verbreitete sich in der Höhle wie ein gewaltiger Bienenschwarm. Rhapsody sah, wie sich der Schatten an der Wand bewegte; eine große Klaue griff über ihren Kopf hinweg und nahm ihr den Dolch behutsam ab, mit Krallen, die dem Dolch exakt ähnelten. Dann zog sich die Klaue wieder an den Platz hinter ihr zurück. Rhapsody ließ den Atem entweichen.