»Wo hast du das gefunden?«
»In den Tiefen von Gwylliams Festung«, antwortete Rhapsody und versuchte eine Bildsprache zu verwenden, die der Drachin angemessen wäre. »Er war gut versteckt, aber als wir ihn fanden, wussten wir, dass er dir zurückgegeben werden sollte.«
»Gwylliam war ein schlechter Mensch«, sagte die harmonische Stimme. Kein Groll war ihr anzuhören, wie Rhapsody dankbar feststellte. Sie legte keinen Wert darauf, sich die Höhle mit einem wütenden Drachen zu teilen. »Er hat Anwyn geschlagen und viele Cymrer getötet. Diese Kralle hier war für sie bestimmt, und er hat sie aus Niederträchtigkeit behalten. Danke, dass du sie zurückgebracht hast, Hübsche.«
»Gern geschehen, Elynsynos. Was mit Anwyn geschehen ist, tut mir sehr Leid.«
Das Summen schwoll an. Rhapsody fühlte, wie die Luft um sie herum immer wärmer wurde.
»Auch Anwyn ist schlecht, ebenso schlecht wie Gwylliam. Sie hat ihren eigenen Schatz zerstört. Das darf ein Drache nicht, niemals. Ich schäme mich, dass sie aus meiner Brut stammt. Ein Drache verteidigt seinen Schatz mit allem, was er hat. Aber Anwyn hat ihren Hort zerstört.«
»Ihren Hort? Welchen Hort meinst du denn?«
»Schau mich an, Hübsche. Ich werde nicht versuchen, dich an mich zu nehmen.« Die mehrtönige Stimme klang warm und freundlich. »Wenn du mein Freund bist, solltest du mir vertrauen, nicht wahr?«
Rhapsody, sieh ihr nicht in die Augen.
Langsam wandte Rhapsody sich um, den Blick auf den Boden geheftet. Sie fühlte, wie die schimmernden Schuppen das Licht ihrer Fackel reflektierten; Wellen gleich wogte die Hitze über ihr Leinenhemd und verwandelte den weißen Stoff in einen durchsichtigen Regenbogen. Die Wärme der Stimme hatte ihr Herz gewonnen, obgleich ihr Gehirn noch funktionierte und ihr einschärfte, dem gigantischen Schlangentier nicht zu trauen. Die Durchtriebenheit der Drachen war wohl bekannt, und Ashes Warnung klang ihr noch in den Ohren.
Rhapsody, sieh ihr nicht in die Augen.
»Ihr Hort war das cymrische Volk«, erklärte Elynsynos. »Ein magisches Volk, das sie Erde überquert und damit die Zeit angehalten hatte. In ihnen fanden alle Elemente eine Verkörperung, selbst wenn sie diese nicht einzusetzen wussten. Einige entstammten einer Rasse, die in dieser Gegend völlig unbekannt war, Gwadd und Liringlas und Gwenen und Nain, Ur-Seren und Dhrakier und Mythlin, ein menschlicher Garten voller verschiedener Blumenarten. Sie waren etwas Besonderes, Hübsche, ein einmaliges Volk, das es verdient hatte, geliebt und beschützt zu werden. Aber sie hat sich gegen es gewandt und viele vernichtet, nur damit Gwylliam sie nicht haben konnte. Ich schäme mich, ja.«
Rhapsody spürte Nebel auf dem Gesicht, blickte an sich herunter und merkte, dass sie in einer schimmernden Flüssigkeit stand. Ohne nachzudenken, hob sie den Blick und starrte, ehe sie recht wusste, was sie tat, fasziniert auf das große Biest. Elynsynos weinte. Rhapsody spürte, wie es ihr das Herz brach; in diesem Augenblick hätte sie bereitwillig alles gegeben, um die Drachin zu trösten, ihren Schmerz zu lindern und ihre Traurigkeit zu stillen. Irgendwo im Hinterkopf überlegte sie, ob ihre Gefühle für den Wyrm Ergebnis eines Zaubers waren oder ob sie die Drachin wie es ihr Herz sagte einfach liebte, weil sie so außergewöhnlich und schön war. Vorsichtig trat sie an Elynsynos heran und berührte zärtlich ihre massive Klaue.
»Weine nicht, Elynsynos.«
Die Drachin bewegte ihren gigantischen Kopf ein Stück nach unten und betrachtete Rhapsody eindringlich, in den Augen ein blendendes Leuchten. »Dann wirst du also eine Weile bei mir bleiben?«
»Ja. Ich bleibe bei dir.«
6
Zum vierten Mal an diesem Nachmittag kam Grunthor schwerfällig zum Stehen. Er war einfach zu ungelenk, um ebenso flink in der Bewegung innezuhalten wie Achmed, und seufzte laut.
»Ist sie immer noch da, Herr?«
»Ja.« Der irritierte Ton in Achmeds Stimme wurde mit jeder Pause stärker. Jetzt drehte sich der Firbolg-König im Tunnel um und rief nach hinten: »Verdammt, Jo, ich binde dich gleich an einen Stalagmiten, da kannst du warten, bis wir zurückkommen.«
Neben seinem Kopf pfiff etwas durch die Luft, und ein kleiner Dolch mit bronzenem Rücken bohrte sich neben seinem Ohr in die Höhlenwand.
»Du bist ein elendes Schwein«, ertönte als hallendes Knurren Jos Antwort. »Du kannst mich hier nicht mit diesen elenden kleinen Bälgern allein lassen. Ich komme mit dir, du Bastard, ob es dir gefällt oder nicht.«
Achmed unterdrückte ein Lächeln und marschierte ein Stück zurück, griff hinter einen Felsvorsprung und zerrte das Mädchen aus dem Versteck.
»Eine kleine Information über elende Schweine«, sagte er beinahe freundlich. »Sie beißen. Komm ihnen nicht in die Quere, sonst kriegen sie dich.«
»Ja, ja, über Schweine weißt du natürlich Bescheid, Achmed. Ich bin sicher, dass du oft genug mit ihnen zusammen bist. Gott weiß, wer außer einem Blinden sonst jemals Zärtlichkeiten mit dir austauschen würde.«
»Nu aber mal langsam, Fräuleinchen«, sagte Grunthor streng. »Du möchtest doch nicht, dass ich die Geduld verliere, oder?«
»Ach, komm schon, Grunthor«, jammerte Jo und versuchte, die großäugige Unschuld zu spielen, was ihr kläglich misslang. »Ich hasse diese Plagen. Ich möchte mit euch kommen. Bitte.«
»Also, redet man denn so über seine Großnichten und Großneffen?«, fragte Achmed. »Deine Schwester wäre sehr bekümmert, wenn sie hören würde, wie du über ihre Enkel redest.«
»Sie sind echte Biester. Wenn wir auf den Klippen sind, versuchen sie mich zum Stolpern zu bringen«, beklagte sich Jo. »Das nächste Mal versetze ich am Ende aus Versehen einem von ihnen einen Fußtritt, dass er in der Schlucht landet. Bitte lasst mich nicht allein mit ihnen. Ich möchte mit euch kommen, egal, wohin.«
»Nein. Gehst du allein zurück, oder brauchst du eine Eskorte?«
Jo verschränkte die Arme und machte ein wütendes Gesicht. Achmed seufzte.
»Hör mal, Jo, das ist mein letztes Angebot. Wenn sich herausstellt, dass wir finden, was wir suchen, und die Gefahr einigermaßen zu bewältigen ist, dann nehmen wir dich das nächste Mal mit. Aber wenn du uns noch einmal folgst, dann fessle ich dich an Händen und Füßen und werfe dich ins Kinderzimmer, damit Rhapsodys Enkel mit dir Fußball oder Sackhüpfen spielen können. Hast du mich verstanden?« Jo nickte düster. »Gut. Jetzt geh zurück in den Kessel und lass uns in Frieden.« Grunthor zog das Messer, das er ihr geschenkt hatte, aus der Wand und hielt es ihr entgegen. Jo riss es ihm aus der Hand und steckte es in ihren Stiefel zurück.
Die beiden Bolgs sahen zu, wie das Mädchen sich zornig umdrehte und den Tunnel wieder hinaufmarschierte. Als sie ein paar Sekunden nichts mehr von ihr gehört hatten, machten sie sich wieder an den Abstieg, nur um gleich wieder stehen zu bleiben. Ärgerlich wirbelte Achmed herum. Von der Welt über ihnen drang kein Licht mehr herab; sie waren jetzt tief in dem Tunnel, zu tief, um zurückzugehen, ohne einen ganzen Tag zu verschwenden. Es hatte ohnehin mehrere Wochen gedauert, bis er und Grunthor überhaupt beide Zeit gefunden hatten, auf Forschungsreise zu gehen und das Loritorium zu suchen, die verborgene Schatzkammer, deren Karte er Rhapsody gezeigt hatte. Leider hatte das Gör, das Rhapsody als Schwester adoptiert hatte, Wind von der Expedition bekommen und sich geweigert, auf seinen Befehl zu hören und sich herauszuhalten sowohl vor ihrer Abreise aus dem Kessel als auch den ganzen Weg bis hierher. Und offensichtlich hielt sie sich noch immer nicht an seine Anweisungen. Er konnte sie spüren, obwohl er ihr Herz nicht schlagen hörte, anders als bei Grunthor und Rhapsody und noch ein paar tausend anderen, die er manchmal in der Ferne pochen hörte. Die Fähigkeit, diese Rhythmen zu erkennen, war ein bruchstückhaftes Überbleibsel seiner Blutgabe aus der alten Welt; die einzigen Herzen, die er hören konnte, waren die derjenigen, die dort geboren waren.