Jo zu spüren war etwas anderes. Das hier war sein Berg, er war der König, und deshalb wusste er, dass sie wieder da war, sich seinem Befehl widersetzte und ihnen weiterhin folgte, knapp außerhalb seiner Sichtweite. Er wandte sich an den riesigen Sergeanten.
»Grunthor, erinnerst du dich noch, wie du mir einmal gesagt hast, du glaubst, dass du die Bewegung der Erde fühlen kannst?«
Grunthor kratzte sich am Kopf und grinste. »Du meine Güte, Herr, ich kann mich nicht entsinnen, dass ich dir gegenüber jemals so persönlich geworden bin. Genau genommen kann ich mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass ich Süßholz geraspelt habe, nämlich mit der alten Brenda in Madame Perris Vergnügungspalast vor vielen Jahren.«
Achmed lachte leise in sich hinein und deutete auf den Boden unter ihren Füßen. »Das Feuer reagiert auf Rhapsody, und je mehr sie damit experimentiert, desto besser kann sie es willentlich kontrollieren. Da du eine ähnliche Beziehung zur Erde zu haben scheinst, trifft auf dich vielleicht das Gleiche zu.« Er blickte wieder den Tunnel hinauf. »Und vielleicht könnte dein erstes Experiment dazu dienen, uns von dem immer wiederkehrenden Albtraum zu befreien, der uns so hartnäckig verfolgt.«
Grunthor überlegte kurz, dann schloss er die Augen. Überall im Umkreis fühlte er den Herzschlag der Erde, ein feines Trommeln, das in der Atemluft wisperte, im Boden unter seinen Füßen pulsierte und über seine ledrige Haut strich. Seit sie durch die Erde gereist waren, entlang der Wurzel, welche die beiden großen Bäume verbindet, spürte er die Schwingungen in seinen Knochen und in seinem Blut. Auch jetzt sprachen sie zu ihm und verliehen ihm einen Einblick in die umliegenden Felsschichten. Vor seinem inneren Auge sah er die Ausdehnung der verschiedenen Formationen, während die Erde ihm von der Entstehung dieses Ortes sang, ein Klagelied über den grässlichen Druck, der riesige Steinplatten nach oben gezwungen hatte, bis unter Schmerzensschreien die zerklüfteten Gipfel geboren worden waren, die nun die Zahnfelsen bildeten. Als Gegengabe flüsterte seine Seele wortlosen Trost, die uralten Erinnerungen beschwichtigend. Er sah jede schwache Stelle im Erdboden, jeden Punkt, wo eine Obsidianader durch Basalt und Schiefer schnitt, jede Spalte, in der die Nain, mit der Erde ebenso verbunden wie er selbst, die endlosen Gänge von Canrif herausgemeißelt hatten, Tunnels wie der, in dem er nun stand. Er konnte Jos Füße spüren, wie sie einen Steinwurf entfernt auf der Erdkruste ruhten, und er befahl der Erde, einen Augenblick lang weich zu werden, damit das Mädchen bis zu den Knöcheln einsank, und sich dann gleich wieder zu verhärten. Ihr Entsetzensschrei durchbrach seine Träumerei, und Grunthor öffnete die Augen, hinter denen ein stechender Schmerz pulsierte. Eine von Kreischen unterbrochene Serie schmutziger Flüche erscholl, so laut, dass einige lose Steine in Bewegung gerieten und einen kleinen Staubsturm verursachten. Achmed lachte leise.
»Das müsste eigentlich halten, zumindest bis wir den Eingangstunnel zum Anbau erreicht haben. Dann kannst du sie wieder frei lassen. Ich denke, nicht mal Jo würde sich dem Risiko aussetzen, dass der Boden erneut ihre Füße schnappt.« Seine Augen wurden schmal, als er im schwachen Licht von Grunthors Fackel sah, wie dieser erbleichte und Schweißperlen auf seine Stirn traten. »Was ist mit dir?«
Grunthor wischte sich mit einem sauberen Leinentaschentuch die Stirn. »Mir gefällt nicht, wie sich das angefühlt hat. Ich hatte noch nie Schmerzen, wenn ich einfach nur in den Boden gesehen oder selbst das Aussehen von Fels angenommen habe.«
»Beim ersten Mal tut es bestimmt ein bisschen weh«, meinte Achmed. »Wenn man mehr Erfahrung bekommt und mit der eigenen Gabe besser umgehen kann, wird der Schmerz zurückgehen, denke ich.«
»Könnte schwören, das sagst du zu all deinen Mädels«, gab Grunthor zurück, faltete sein Taschentuch zusammen und steckte es wieder ein. »Wenn ich’s recht bedenke, hab ich genau das auch zu Brenda gesagt. Na, sollen wir uns auf die Socken machen?«
Achmed nickte, und die beiden Männer wanderten weiter in die Tiefen der Erde hinein und ließen Jo, heulend vor Wut und knöcheltief im Felsen steckend, zurück. Je tiefer Achmed in das Land reiste, das er jetzt regierte, desto stiller wurde es um ihn. Die alten Korridore, nur halb ausgearbeitet und teilweise schon wieder vom Verfall bedroht, zwangen sie häufig zum Anhalten; dann räumte Grunthor das Geröll weg und durchschnitt den Stein, fast, als wäre er flüssig, ganz ähnlich, wie er sie damals am Ende ihrer Reise an der Wurzel aus der Erde gegraben hatte. Der Lärm des fallenden Schutts währte nicht lange, und jede neue Schwelle, die sie überquerten, eröffnete ihnen eine tiefere Stille voll schwerer Luft, die sich seit Jahrhunderten nicht mehr bewegt hatte. Achmed hatte nicht einmal einen ganzen Tag gebraucht, um herauszufinden, wo das Loritorium gebaut worden war, Wobei ihm sein intensives Studium der Manuskripte in Gwylliams Schatzkammer ebenso geholfen hatte wie sein angeborenes Gespür für den Berg und sein Orientierungssinn. Nur ein Augenblick der Meditation auf seinem Thron in der Großen Halle war vonnöten gewesen. Er hatte sich vorgestellt, wo er selbst an Gwylliams Stelle den geheimen Anbau vorgenommen hätte, und hinter geschlossenen Augen waren seine Gedanken blitzschnell durch die Kurven und Biegungen der gewissenhaft gegrabenen Tunnel des inneren Berges geeilt. Sie waren den Korridoren aus der inneren Stadt von Canrif gefolgt, über die weite Heide gewandert, vorbei an Kraldurge, dem Reich der Geister, und vorbei an den Wachfelsen, die eine Barriere über Elysian bildeten, Rhapsodys versteckter Heimstatt. Er hatte den Eingang zu den alten Ruinen tief unter den Dörfern gefunden, die von den Cymrern besiedelt worden waren, jenseits einer zweiten Schlucht, geschützt durch einen jähen, mehrere tausend Fuß tiefen felsigen Abgrund. Der Eingang war klug als Teil der Bergwand getarnt, ein von Menschenhand geschaffener Spalt, der aussah wie ein Pfad für Bergziegen und inzwischen auch nur noch von Tieren genutzt wurde wenn überhaupt. Als er und Grunthor erst einmal im Tunnel gewesen waren, hatte er gewusst, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden, und er war zornig gewesen, weil Jo ihnen gefolgt war und damit das Geheimnis des Loritoriums verletzt hatte. Höchstwahrscheinlich war das Mädchen nur lästig, aber Achmed traute niemandem, und dies war ein weiteres Argument dafür, dass Rhapsodys Idee, das Straßenmädchen zu adoptieren, verrückt gewesen war. Denk an meine Worte, hatte er mit zusammengebissenen Zähnen geknurrt, du wirst es noch bereuen. Aber wie alles, was Rhapsody nicht glauben wollte, hatte sie auch diese Warnung einfach abgetan. Als Grunthor sich nun durch den Schutt arbeitete, der den Tunnel vor ihnen verstopfte, spürte Achmed die Stille noch tiefer werden. Das Gefühl ähnelte dem, das er gehabt hatte, als er in den verlassenen Ruinen, die einmal die Hauptstadt von Canrif gewesen waren, einen cymrischen Weinkeller voller Fässer und Glasflaschen mit altem Apfelwein vorgefunden hatte. Die Flüssigkeit war im Lauf der Jahrhunderte zum großen Teil verdunstet und hatte ein dickflüssiges Gel zurückgelassen, das in seiner konzentrierten Süße ungenießbar war. Die Stille in dem nun frei gelegten Teil des Tunnels war fast greifbar. Grunthor unterdessen hörte keine betäubende Stille, sondern ein sich vertiefendes Lied. Mit jeder neuen Offenbarung, jedem neuen Durchbruch der Formationen, wurde die Erdmusik reiner, schwingender, schwer von alter Magie, die in sich auch ein Gefühl des Grauens trug. Seine Finger prickelten selbst noch in den Ziegenlederhandschuhen, während er Felsbrocken und Steine auf die Seite schaffte. Schließlich hielt er inne, legte den Kopf auf den Unterarm, holte tief Luft und nahm die Musik in sich auf, die ihn nun umgab und die seine Ohren füllte, sodass jedes andere Geräusch übertönt wurde.