Выбрать главу

»Alles in Ordnung, Sergeant?«

Grunthor nickte, brachte aber kein Wort hervor. Dann strich er noch einmal mit der Hand über die Felswand und blickte endlich auf.

»Sie haben den Tunnel auf der Flucht gemacht, ehe sie überrannt wurden«, sagte er. »Es ist nicht von selbst eingestürzt. Hat den ganzen Berg ramponiert. Warum hier, Herr? Warum nicht die Wälle, warum nicht die Zugangstunnel zur Großen Halle? So hätten sie die Bolg viel länger aufgehalten; sie hätten ihnen in der Heideschlucht wahrscheinlich sogar den Weg abschneiden und zumindest den Angriff von außen abwehren können. Kommt mir sehr sonderbar vor.«

Achmed reichte ihm den Wasserschlauch, und der Riese trank gierig. »Irgendetwas muss da drin gewesen sein Gwylliam war bereit, den Berg zu opfern, damit es nicht in die Hände der Bolg und auch nicht in die Hände von jemandem fiel, den er fürchtete und der es den Bolg vielleicht abgenommen hätte. Bist du müde? Wir können zurückgehen und ein wenig rasten.«

Aber Grunthor wischte sich den Schweiß von der Stirn und schüttelte den Kopf. »Nee. Jetzt bin ich so weit gekommen, da wäre es doch blöd aufzugeben. Aber da liegen noch jede Menge Steine rum, ungefähr noch mal so viel, wie wir schon hinter uns haben.« Damit stand er wieder auf, warf seinen Mantel ab und legte die Hand auf den Felsen.

Während er sich konzentrierte, wurde ihm die Beschaffenheit des Steins erneut klar. Vor seinem inneren Auge konnte er jede Spalte sehen, jede Tasche mit Luft, die seit Jahrhunderten zwischen dem fest gewordenen Geröll gefangen war. Er schloss die Augen und steckte, das Bild stets im Kopf, die Hand in den Stein, als wäre er Luft. Sofort spürte er, wie der Fels nachgab. Mit ausgestreckten Armen schob er noch ein wenig weiter und merkte, wie die Felswand sich verflüssigte und dann wegglitt wie geschmolzenes Glas, glatt und glitschig. Achmed beobachtete staunend, wie die Haut seines Freundes blass wurde, dann fahl und schließlich steingrau im schwachen Licht der Fackel, während er mit der Erde verschmolz. Einen Moment später konnte er Grunthor nicht mehr sehen, nur noch einen Schemen, einen massiven Block aus Granit und Schiefer, der sich vor seinen Augen durch die Bergwand bewegte und einen acht Fuß hohen Tunnel vor sich öffnete. Vorsichtig hielt er die Fackel in das Loch. Am Rand des neuen Gangs glühte der Fels plötzlich rotgolden, fast wie Lava, und erkaltete dann sofort zu einer glatten Tunnelwand. Achmed lächelte und trat hinter dem Schatten seines Sergeanten in die Öffnung.

»Ich wusste schon immer, dass du schnell lernst, Grunthor«, meinte er. »Vielleicht ist es ganz gut, dass Rhapsody nicht da ist, denn das hier erinnert mich stark an unsere Zeit an der Wurzel. Du weißt ja, wie gut es ihr dort unter der Erde gefallen hat.«

»Lirin«, murmelte Grunthor, und das Wort hallte von den Tunnelwänden wider wie das Knurren eines unterirdischen Wolfs. »Unter ein paar hundert Fuß hartem Felsen werden die doch schon nervös. Alles Weicheier.«

Je tiefer sie sich in die Erde gruben, desto schneller bewegte sich Grunthor vorwärts. Achmed konnte kaum mehr mit ihm Schritt halten und in dem unsteten Licht nicht einmal mehr seinen Schatten ausmachen. Inzwischen schien das felsige Innere des Berges nichts als Luft um den Riesen zu sein; bisher hatte es eher ausgesehen, als wate er durch Wasser, das ihm bis an den Bauch reichte.

Plötzlich spürte Achmed einen heftigen Luftstrom aus den Tiefen des Berges über sich hinwegbrausen, ein abgestandener und doch süßer Windhauch, schwer von Magie. Seine empfindliche Haut begann zu pieken, so voller Macht war diese Luft, dick, ungestört von der Zeit und dem Wind der Welt über ihnen. Grunthor musste im Loritorium angekommen sein. An den Überresten der Fackel, die er bisher getragen hatte, entzündete Achmed eine neue und warf die alte weg. Die Flamme loderte auf und sprang bis an die Decke des Tunnels, als stieße sie einen lauten Jubelruf aus.

»Grunthor!«, rief Achmed. Keine Antwort.

Achmed begann zu laufen, eilte das letzte Stück des Ganges entlang und durch den dunklen Schlund an seinem Ende bis in eine Höhle, die noch dunkler war als der Tunnel. Dann blieb er wie angewurzelt stehen.

Über ihm, so weit, dass das Licht der Fackel nicht ausreichte, um es zu beleuchten, erstreckte sich eine gewölbte Decke, glatt poliert und mit kunstvollen Mustern verziert, gearbeitet aus dem erlesensten Marmor, den Achmed je gesehen hatte. Jeder Block des hellen Gesteins wies eine Form auf, die haargenau in die Verkleidung der weiträumigen Höhlenkammer passte. Auch die Wände bestanden aus Marmor, allerdings waren einige noch nicht ganz fertig gestellt, und an den Rändern des gigantischen unterirdischen Saals lagen verlassen große Gerüste, Steinblöcke und Werkzeug.

Achmed wandte sich zu dem großen Felswall, der sich vor Grunthor gebildet hatte, als er sich in diese Höhle gegraben hatte. Die Fackel schwenkend, suchte er nach dem Firbolg-Sergeanten, konnte aber auf dem glatten Höhlenboden außer großen Stein und Erdhaufen, um die herum Marmorstücke verstreut lagen, nichts entdecken. »Grunthor!«, rief er abermals, während die Schatten über die neu erschaffene Moräne und die uralten Wände tanzten. Nur kurz hallte seine Stimme wider, dann wurde sie von der Stille verschluckt.

Ein niedriger Geröllhaufen zu seinen Füßen bewegte sich. Kurz darauf nahm er eine deutlichere Gestalt an. Die große Steinskulptur eines Riesen reckte sich, begann zu atmen und hob sich von Minute zu Minute deutlicher vom Fels ab.

Vor Achmeds Augen kehrte langsam die Farbe in Grunthors Gesicht zurück. Der Sergeant saß auf dem Boden, an einen großen Geröllhaufen gelehnt, der von seiner Arbeit zurückgeblieben war, und atmete langsam, während er wieder zu sich kam, sich von der Erde trennte, wie er es damals am Ende ihrer Reise an der Wurzel getan hatte.

»Himmel«, flüsterte er, als Achmed sich neben ihn kniete. Er schüttelte den Kopf, als der König ihm den Wasserschlauch anbot, kreuzte die Arme über den Knien und ließ den Kopf darauf sinken.

Achmed stand auf und schaute sich noch einmal um. Das Loritorium wies ungefähr die Größe des Marktplatzes der ehemaligen Hauptstadt von Canrif auf, einer Stadt, die zwischen den Klippen und der Basis der Wachberge am Westrand der Zahnfelsen erbaut worden war. Jetzt arbeiteten die Bolg fieberhaft daran, die Pracht wieder herzustellen, die ihr in der cymrischen Blütezeit zu Eigen gewesen war. Selbst im Zerfall waren die geniale Anlage und die Kunstfertigkeit der Gestaltung noch deutlich sichtbar.

Noch beeindruckender jedoch waren Anlage und Gestaltung des Loritoriums. Hätte Gwylliam die Gelegenheit gehabt, es zu vollenden, wäre es sein Meisterstück geworden. Wie die meisten Bauwerke, die Gwylliam entworfen hatte, hatte auch das Loritorium die Form eines gigantischen Sechsecks, in präzisen Proportionen aus dem Berg gehauen. In einer Höhe von mehr als hundert Fuß berührten die Marmorwände das Deckengewölbe. Der Boden bestand aus glatt poliertem Marmor mit Mosaiken, deren Farben in den flackernden Schatten schimmerten. Im Zentrum der Decke war ein dunkles Loch, das Achmed im Fackelschein nur notdürftig erkennen konnte.

Die Wege durch das Loritorium waren mit wunderschön geformten Steinbänken gesäumt und wurden von halbhohen Wänden begrenzt, aus denen in Abständen von wenigen Metern aus Messing und Glas gearbeitete Laternenpfähle ragten. Die Abschlusssteine der Mäuerchen waren zwischen den Pfosten mit Vertiefungen versehen, flache Rillen mit uralten dunklen Flecken, die von einer dicken öligen Substanz zu stammen schienen. Auf der anderen Seite des Loritoriums ragten zwei große Bauwerke aus dem Dunkel, gleich groß und auch identisch geformt, mit mächtigen Türen, kunstvoll aus Rysin geschmiedet, einem seltenen Metall, das im Fackellicht metallisch blaugrün schimmerte. Achmed erkannte sie sogleich aus den Plänen als Bibliothek und Prophetorium wieder Orte, die Gwylliam zur Verwahrung seiner wertvollsten Bücher und Schriftstücke vorgesehen hatte. Die Bibliothek sollte alle Schriften über altes Wissen beherbergen, während im Prophetorium alle Unterlagen über Prophezeiungen und andere dem Menschen bekannte Weissagungen aufbewahrt wurden. Beide waren demnach Lagerstätten uralten Wissens.