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Achmed wandte sich seinem Freund zu. »Geht es dir gut? Bist du wieder bei Kräften?«, fragte er den riesigen Sergeanten.

Grunthor schüttelte den Kopf. »Wenn es dir recht ist, Herr, dann würd ich mich ganz gern ein bisschen hier ausruhen.«

Achmed nickte. »Ich werde mich ein wenig umsehen, aber ich komme bald wieder zurück.«

Mit einer schwachen Handbewegung bekundete Grunthor ihm sein Einverständnis, streckte sich dann im Schutt auf dem Marmorboden aus, ächzte und schloss die Augen. Der Firbolg-König betrachtete seinen Freund, bis er sich vergewissert hatte, dass dieser sich gänzlich von der Erde getrennt hatte und ohne Schwierigkeiten atmen konnte. Dann überprüfte er die Fackel sie hatte fast nichts von ihrem Brennstoff verzehrt, sondern loderte noch immer hell, als wäre sie ganz erpicht darauf, an diesem Ort voll altehrwürdiger Magie das Dunkel zu erleuchten.

Achmed ließ seinen Tornister und seine Waffen bis auf zwei Zwillingsdolche, die Rhapsody ihm zu seiner Krönung geschenkt hatte, zu Boden gleiten; sie hatte sie auf einer ihrer Entdeckungsreisen in den Berg ein paar Monate zuvor gefunden. Er untersuchte sie rasch; sie waren aus einem uralten, nicht rostenden Metall gefertigt, dessen Name niemand mehr kannte und das die Cymrer für das Gebälk von Häusern und für Schiffsrümpfe verwendet hatten. Achmed steckte sich den einen Dolch in die Scheide am Handgelenk und behielt den anderen in der Hand; so machte er sich leise auf den Weg durch die verlassene Stadt. Hohl hallten seine Schritte durch die Gässchen und hinauf zu der gewölbten Decke, obwohl er sich oben auf der Welt meistens lautlos fortbewegen konnte. In dem vergeblichen Versuch, leise zu sein, ging er langsamer, aber es half nicht viel. In der schweren Luft der neu geöffneten Höhle klang jedes Geräusch um ein Vielfaches lauter. Achmed konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Ort allzu lange keine Gesellschaft gehabt hatte und es jetzt nach Kräften auskostete.

Als er das Zentrum des Sechsecks erreichte, blieb er stehen. Hier in der Mitte des Loritoriums schien einst ein kleiner Garten gewesen zu sein, mit einem riesigen trockenen Brunnen, dessen großes glänzendes Becken von einem Kreis aus Marmorbänken umgeben war. In dem ansonsten trockenen Becken des Brunnens stand eine kleine Pfütze einer schimmernden Flüssigkeit, dick wie Quecksilber. Über der Öffnung, aus der sicherlich früher das Wasser gekommen war, lag ein schwerer Brocken Vulkangestein.

Von diesem zentralen Punkt aus hatte man einen hervorragenden Blick über das Loritorium. Achmed sah sich um. Hier und dort standen in den schmalen Gassen weitere Pfützen mit der dickflüssigen, silbrigen Substanz, die im Fackellicht glitzerte. Achmed streckte die Hand über die Lache im Brunnenbecken, zog sie aber blitzschnell wieder zurück, denn von der Flüssigkeit gingen heftige Schwingungen aus, ein Zeichen großer Macht, die er nicht kannte, die seine Finger und seine Haut aber mit ihrer konzentrierten Reinheit zum Prickeln brachte. Schließlich riss er sich von den Leuchtpfützen los und nahm den Rest des Platzes in Augenschein. Am nördlichen, südlichen, östlichen und westlichen Punkt des Platzes waren vier altarartige Gebilde aufgebaut. Achmed erinnerte sich, in Gwylliams Plänen Zeichnungen davon gesehen zu haben. Allem Anschein nach handelte es sich um die Gehäuse, in denen das aufbewahrt werden sollte, was Gwylliam als Erlauchte Reliquien bezeichnet hatte, Gegenstände aus der alten Welt, die eine ganz besondere Bedeutung und eine Verbindung zu den fünf Elementen besaßen. Achmed fluchte vor sich hin. Er hatte das Manuskript, in dem die Beschreibungen dieser Reliquien enthalten waren, nicht vollkommen verstanden, und Rhapsody war aufgebrochen, bevor sie die Schriftrolle hatte studieren und ihm erklären können. Vorsichtig ging er um den Brunnen herum und näherte sich dem ersten Gehäuse. Es hatte die Form einer Marmorschale auf einem Podest, ähnlich wie ein Vogelbad, eingeschlossen in einen großen rechteckigen Block aus klarem Stein, größer als Grunthor. Achmed bekam eine Gänsehaut, als er die tödliche Schlagfalle erkannte, die in die Basis des Steinquaders eingelassen war. Die anderen Altäre schienen ebenfalls mit Sicherungsmechanismen und anderen Schutzvorrichtungen versehen zu sein, um zu verhindern, dass jemand sie wegschaffte.

Unter gewöhnlichen Umständen war Achmed ein großer Freund von gut durchdachten Schutzvorrichtungen, aber jetzt ärgerte er sich. Noch bevor er das Loritorium hatte vollenden können, hatte Gwylliam so unter Verfolgungswahn gelitten, dass er einige der höheren Ziele in den Wind geschlagen hatte, die ihm ursprünglich vorgeschwebt hatten. Statt es zu einem Sitz der Gelehrsamkeit zu machen, wo umfassendes, freies Wissen angestrebt werden konnte, wie er es bei seinen ersten Entwürfen beabsichtigt hatte, schien es so, als wäre Gwylliam plötzlich neidisch geworden auf die Macht, die er hier zu bewahren gedacht hatte. Er hatte seinen Handwerkern befohlen, die Kunstfertigkeit, welche die kleine Stadt zu einem Paradestück der Architektur hatte machen sollen, zugunsten des Baus von ausgeklügelten Fallen und Sicherheitsmechanismen aufzugeben, die sie vor einem Angriff hatten schützen sollen. Was war wohl in diesen Gehäusen aufbewahrt worden?

Doch noch während er über diese Frage grübelte, schreckte ihn ein Grauen erregender Schrei Grunthors aus seinen Gedanken.

7

»Möchtest du meinen Hort sehen, Hübsche?«

»Ja«, antwortete Rhapsody. Sie hatte sich noch nicht ganz von ihrer anfänglichen Angst erholt, sie könnte ihr Herz an den Drachen verlieren. Bisher schien alles gut zu verlaufen;

Elynsynos hatte sie in keiner Weise einzuschränken versucht. Doch der eigentliche Test würde erst kommen, wenn es Zeit wäre zu gehen. »Es wäre mir eine Ehre.«

»Dann komm.«

Das gigantische Tier hievte sich aus dem übel riechenden Wasser im Becken der Höhle und drehte sich herum. Um der Drachenfrau nicht im Weg zu stehen, drückte sich Rhapsody fest gegen die Höhlenwand, was sich jedoch als unnötig erwies. Elynsynos war weit beweglicher, als Rhapsody es sich hätte träumen lassen es hatte fast den Anschein, als besäße sie keine Substanz. Mit graziösen, geschmeidigen Bewegungen wandte sie sich innerhalb weniger Sekunden um, sodass ihr riesenhafter Kopf jetzt ins Innere der Höhle wies. Sie wartete, bis Rhapsody neben sie trat, und ging dann voraus in die Dunkelheit hinein. Nachdem sie eine Weile hinabgestiegen waren, vollführte der höhlenartige Gang eine Biegung nach Westen. Auf dem Grund des Tunnels erkannte Rhapsody einen schwachen Glanz, wie das Licht einer fernen Feuersbrunst. Während sie weitergingen, wurden die dunklen Höhlenwände heller und reflektierten das Glühen des Tunnels vor ihnen. Auch die Luft veränderte sich; aber statt dumpfer zu werden, wie Rhapsody es erwartet hatte, wurde sie frischer und bekam einen salzigen Beigeschmack. Rasch wurde ihr klar, dass es sich um den Geruch des Meeres handelte.

Auf einmal wurde das Licht blendend hell, und Elynsynos blieb stehen. »Geh du voraus, Hübsche«, meinte sie und schubste Rhapsody mit der Stirn vorwärts. Rhapsody gehorchte und ging langsam auf das Glühen zu, kniff aber die Augen zusammen, denn das Licht hatte ihr anfangs wehgetan. Außerdem streckte sie eine Hand vor sich aus, in der Hoffnung, damit sowohl ihr Gesicht zu schützen, als auch zu vermeiden, dass sie blind gegen etwas prallte. Schon bald aber hatten sich ihre Augen an das Licht gewöhnt, und sie sah, dass sie sich in einer geräumigen Höhle befand, fast halb so groß wie die Grotte, in der Elysians See lag. Das blendende Licht ging von sechs riesigen Kronleuchtern aus, jeder groß genug, dass er mit seinen tausend kerzenlosen Flammen den Ballsaal eines Palastes hätte erhellen können. Das Licht der Kronleuchter wiederum spiegelte sich in Massen anderer glitzernder Gegenstände, mehr als Rhapsody sich je hätte vorstellen und niemals hätte zählen können, Berge von Edelsteinen in jeder Farbe des Regenbogens, Berge schimmernder Münzen aus Gold, Kupfer, Silber, Platin und Rysin, dem seltenen grünblauen Metall, das von den Nain der alten Welt im Hochland von Serendair gewonnen wurde.