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Die Kronleuchter waren aus den Steuerrädern tausender Schiffe gefertigt, die Münzen in Schiffstruhen und in großen Segeln aufgehäuft, die an Tauen hingen. Überall in der Höhle waren beschädigte Schiffskiele und Decks aufgebaut, Anker, Masten und einige Salzverkrustete Galionsfiguren, von denen eine Rhapsody erstaunlich ähnlich sah. Im Zentrum der großen Höhle befand sich eine Salzwasserlagune, mit Wellen, die sanft ans schlammige Ufer plätscherten. Rhapsody ging hinunter zum Wasser und bückte sich, um den Sand zu berühren. Als sie ihre Finger betrachtete, sah sie, dass in dem Sand Spuren von Gold waren.

Sie blickte über die Lagune, in der Felsen mit noch mehr Schätzen beladen waren: die goldene Statue einer Seejungfrau mit Augen aus Smaragden und einem Schwanz, der aus einzeln geschliffenen Schuppen aus polierter Jade gefertigt war, ferner kunstvoll gearbeitete Perlen und ein großer Bronze-Dreizack mit einer abgebrochenen Spitze. An einer geschützten Stelle standen eine Unzahl von Globen, die kugelförmigen Landkarten, die sie bei Llauron gesehen hatte, Tabellen, nautische Pläne und Schiffsinstrumente Kompasse, kleine Fernrohre und Sextanten, Rollen und Ruderpinnen, Kisten mit Logbüchern. Es war ein regelrechtes Schifffahrtsmuseum.

»Gefällt dir mein Hort?« Die harmonische Stimme hallte in der großen Höhle wider, und auf dem Wasser der Lagune änderten die Wellen ihr Muster. Rhapsody wandte sich zu der Drachin um, deren Regenbogenaugen in unverhohlener Erregung glitzerten.

»Ja«, antwortete Rhapsody mit ehrfürchtiger Stimme. »Er ist unglaublich. Er ist, nun, er ist ...« Ihr fehlten die Worte. »Das ist der schönste Hort, den ich jemals gesehen habe.«

Elynsynos lachte vor Freude, ein Laut, wie ihn Rhapsody noch nie gehört hatte, höher und dünner, als die gigantische Größe der Drachin es je nahe gelegt hätte, mit einem Glockenklang, der in Rhapsodys Knochen vibrierte. »Gut, ich bin froh, dass du ihn magst«, sagte sie. »Nun komm hierher. Ich möchte dir etwas geben.«

Rhapsody blinzelte erstaunt. Alles, was sie je über Drachen gehört hatte, hatte stets darauf bestanden, dass die Tiere habgierig waren und ihren Hort eifersüchtig hüteten. In der alten Welt hatte sie die Legende von einem Drachen gehört, der fünf Städte und mehrere Dörfer in Schutt und Asche gelegt hatte, nur um eine einfache Zinntasse wiederzugewinnen, die jemand aus Versehen aus seinem Hort mitgenommen hatte. Und nun bot ihr die Matriarchin der Wyrmer und der ganzen Wyrmrasse, Elynsynos höchstpersönlich, ein Geschenk aus ihrem Hort an. Rhapsody war unsicher, wie sie darauf reagieren sollte, folgte der Drachin jedoch über Berge von Winden, Glocken, Rudern und Ruderdollen.

Auf der anderen Seite befand sich ein großes Netz, festgehalten von einer tief in der Felswand steckenden Harpune. Rhapsody schauderte bei dem Gedanken, welche Kraft nötig war, um die Spitze so tief in den Stein zu treiben. Mit ausgestreckter Klaue wühlte Elynsynos in der Ausbuchtung des Netzes und zog schließlich eine Wachsholz-Laute heraus, wunderschön poliert und so neu, als wäre sie soeben erst gefertigt worden. Die Drachin schlang ihren Schwanz um das Instrument, hob es aus dem Netz und hielt es Rhapsody entgegen.

Staunend nahm die Sängerin die Laute in Empfang und drehte sie in den Händen hin und her. Sie war in makellosem Zustand, obwohl sie eine unbekannte Zeit der Salzluft und dem Wasser ausgesetzt gewesen war. »Möchtest du, dass ich dir etwas vorspiele?«, fragte sie die Drachin.

Die schimmernden Augen blinzelten. »Selbstverständlich. Warum sonst hätte ich sie dir geben sollen?«

So nahm Rhapsody auf einem umgedrehten Ruderboot Platz und stimmte die Laute, zitternd vor Aufregung. »Was möchtest du gern hören?« »Kennst du Lieder vom Meer?« »Ein paar.«

»Und stammen sie aus der Heimat, aus der alten Welt?«, fragte die Drachin. Rhapsody spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. So weit sie sich erinnern konnte, hatte sie Elynsynos nichts von ihrer Herkunft offenbart. Die Drachin lächelte und entblößte dabei schwertartige Zähne.

»Überrascht es dich, dass ich weiß, wo du herkommst, Hübsche?«

»Eigentlich nicht«, gab Rhapsody zu. Sie konnte sich kaum etwas vorstellen, was außerhalb der Macht des Drachen lag. »Warum hast du Angst, darüber zu sprechen?« »Ich weiß es nicht. Die anderen Leute in diesem Land scheinen alle so neugierig darauf zu sein, woher ich komme, aber wenn es um ihre eigene Herkunft geht, sind sie extrem zurückhaltend. Wenn jemand Cymrer ist, bedeutet das anscheinend, dass er Geheimhaltung geschworen hat, als wäre die cymrische Herkunft etwas, dessen man sich schämen muss.«

Die Drachin nickte verständnisvoll. »Der Mann da draußen, der dich hergebracht hat er wollte auch wissen, ob du Cymrer in bist, nicht wahr?«

»Ja.«

Die Drachin lachte. »Du kannst es ihm ruhig sagen, Hübsche. Er weiß es bereits. Es ist unverkennbar.«

Rhapsody merkte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. »Wirklich?«

»Ich fürchte, ja, Hübsche. Du hast Feuer, Zeit und Musik in dir. Angeborenes Wissen ist ein sicheres Zeichen für eine cymrische Abstammung keine andere menschliche Art hat es.« Sie legte den Kopf schief, als Rhapsody die Augen niederschlug. »Warum macht dich das traurig?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, es kommt daher, dass die Cymrer hier anscheinend nicht ehrlich sein können, vor allem nicht sich selbst gegenüber.«

»Auch das ist Anwyns Schuld«, sagte Elynsynos, und ein hässlicher Unterton schlich sich in ihre Stimme. »Dafür ist sie verantwortlich. Sie hat in die Vergangenheit zurückgegriffen und ihr Macht verliehen. Sie war das.« Die elektrische Spannung war in die Luft zurückgekehrt.

»Welche Macht?«

»Die böse Macht; der F’dor.«

Plötzlich füllte das Pochen ihres Herzens Rhapsodys Ohren. »Was meinst du damit, Elynsynos? Gab es hier in diesem Land einen F’dor-Geist? Bist du sicher?«

Elynsynos’ Augen glühten vor Hass. »Ja. Es war ein Dämon aus der alten Welt, schwach und hilflos, als er kam, aber seine Macht mehrte sich rasch.« Die Nasenflügel der Drachin blähten sich bedrohlich. »Anwyn wusste es, sie weiß alles, was in der Vergangenheit geschehen ist. Sie hätte den Dämon vernichten können, aber stattdessen hat sie ihm mein Land geöffnet, weil sie dachte, er könnte ihr eines Tages von Nutzen sein. Und so war es auch. Sie ist böse, Hübsche. Sie hat den Dämon leben lassen, obwohl sie wusste, wessen er fähig ist. Wie derjenige, der mir meine Liebe weggenommen hat. Meine Liebe ist nicht zurückgekommen, nie mehr.« Die Luft im Raum lud sich immer mehr auf, und Rhapsody hörte, wie vor der Höhle Donner grollte. Die der Drachin eingeborene Verbindung mit den Elementen machte sich eindrucksvoll bemerkbar.

»Merithyn?«, fragte sie leise.

Beim Klang des Namens hörte das Summen auf, und die Drachin blinzelte wieder, um die Tränen zurückzuhalten.

»Ja.«

»Es tut mir Leid, Elynsynos. Es tut mir so Leid.«

Rhapsody streckte die Hand aus und streichelte die riesenhafte Vordertatze der Drachin, strich mit der Hand sanft über die Millionen winziger Schuppen. Die Haut des Tiers war kühl und feucht wie Nebel; Rhapsody hatte kurz das Gefühl, als tauchte sie die Hand in einen brausenden Wasserfall. Der Körper der Drachin war einerseits fest, andererseits aber seltsam flüchtig, als wäre ihre Masse kein Fleisch, sondern etwas, was nur durch ihre Willenskraft entstand. Rasch zog Rhapsody die Hand zurück, denn sie fürchtete sich vor dem Sog.

»Die See hat ihn geholt«, sagte die Drachenfrau traurig. »Er schläft nicht in der Erde. Wenn er es täte, würde ich für ihn singen. Wie kann er ewig schlafen, wenn er dazu verdammt ist, das endlose Tosen der Wogen zu hören? Er wird niemals Frieden finden.« Eine riesige Träne rollte über die Schuppen ihres Gesichts und zerschellte auf dem Höhlenboden, sodass der goldene Sand glitzerte.