»Er war ein Seefahrer«, erwiderte Rhapsody, ehe sie sich zur Vorsicht mahnen konnte.
»Seeleute finden ihren Frieden im Meer, genau wie Lirin ihn im Wind unter den Sternen finden. Durch das Feuer übergeben wir unseren Körper dem Wind, nicht der Erde, genau wie Seeleute ihn dem Meer überantworten. Der Schlüssel zum Frieden liegt nicht dort, wo der Körper ruht, sondern wo das Herz bleibt. Mein Großvater war Seemann, Elynsynos, das hat er mir gesagt. Merithyns Liebe ist hier, hier bei dir.« Sie blickte auf die Vielfalt von Meeresschätzen, welche die Höhle füllten. »Ich bin sicher, dass er hier zu Hause ist.«
Elynsynos schniefte und nickte dann.
»Wo bleibt mein Meerlied?«, wollte sie wissen.
Ihr Ton ließ Rhapsody frösteln. Eilig stimmte sie die Laute nach und begann leise ein einfaches Seemannslied zu summen. Die Drachenfrau seufzte, und ihr warmer Atem war wie ein heißer Wind, der Rhapsodys Haar zerzauste und sie vor Angst, sie könnten verbrennen, die Augen schließen ließ. Die Lautensaiten wurden heiß, und sie musste sich konzentrieren, um mit Hilfe ihres Wissens das Feuer in ihre Fingerspitzen zu leiten und so zu verhindern, dass die Saiten Feuer fingen und die Laute verbrannte.
Elynsynos legte den Kopf auf den Boden, schloss die Augen und atmete die Musik ein, die Rhapsody spielte und sang. Sie sang alle Seemannslieder, die sie kannte, und achtete nicht auf die Riesentränen, die ihre Kleider durchweichten und ihre Stiefel nass machten, denn sie wusste, wie gut es tat zu weinen, um den Schmerz wegzuschwemmen; manchmal wünschte sie sich, das auch zu können. Der Text der meisten Lieder war auf Altcymrisch, ein paar waren auf Altlirin; Elynsynos verstand beide Sprachen, aber sie kümmerte sich ohnehin nicht viel um die Worte.
Rhapsody wusste nicht, wie viele Stunden sie gesungen hatte, bis ihr Vorrat an Seemanns und anderen Meeresliedern erschöpft war. Sie ließ die Laute sinken und beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt.
»Elynsynos, singst du auch etwas für mich?«
Langsam öffnete sich ein großes Auge, dann das andere. »Warum möchtest du das, Hübsche?«
»Bitte. Sing für mich.«
Die Drachenfrau schloss wieder die Augen. Einen Atemzug später hörte Rhapsody, wie das Schlagen der Wellen in der Lagune einen anderen Rhythmus annahm, seltsam klickend, wie das Pochen eines dreikämmrigen Herzens. Im Höhleneingang pfiff der Wind, blies mit unterschiedlicher Kraft über die Öffnung und produzierte verschiedene Töne. Der Boden unter dem Boot, auf dem Rhapsody saß, bebte angenehm, sodass die Münzen in den Truhen klimperten und die metallenen Schiffsinstrumente schwangen und gegeneinander schlugen. Ein Elementarlied, dachte Rhapsody fasziniert.
Aus der Kehle der Drachenfrau drang ein Krächzen, ein hoher, dünner Laut, der Rhapsody einen Schauder über den Rücken jagte. Es klang wie das Pfeifen eines schnarchenden Bettgefährten, begleitet von tiefem Grunzen und unregelmäßigem Zischen. Das Lied ging in ein ausuferndes Zwischenspiel über; am Ende war Rhapsody atemlos. Als sie die Fassung wieder gewonnen hatte, applaudierte sie höflich.
»Hat es dir gefallen, Hübsche? Ja? Das freut mich.«
»Haben dir die cymrischen Lieder auch gefallen, Elynsynos?«
»O ja. Weißt du, du solltest sie zu deinem Hort machen.«
Bei dem Gedanken musste Rhapsody lächeln. »Nun, in gewisser Hinsicht sind sie es schon. Die Lieder und meine Instrumente. Zu Hause habe ich eine ganze Menge davon. Die Musik und mein Garten, wahrscheinlich ist das mein Schatz. Und meine Kleider das würde zumindest eine meiner Freundinnen sagen.«
Das große Schlangentier schüttelte den Kopf und wirbelte dabei eine Sandwolke auf, die sich vom Boden erhob und Rhapsody für einen Augenblick blind machte. »Nicht die Musik, Hübsche. Die Cymrer.«
»Wie bitte?«
»Du solltest die Cymrer zu deinem Schatz machen, genau wie Anwyn es getan hat. Sie würden auf dich hören, Hübsche. Du könntest sie wieder vereinen.«
»Dein Enkel hat das gleiche Ziel«, entgegnete Rhapsody zögernd. »Llauron möchte sie ebenfalls wieder vereinen.«
Elynsynos schnaubte, wobei sie eine Dampfwolke über Rhapsody und die Lagune ausstieß.
»Auf Llauron wird niemand hören. Er hat sich auf Anwyns Seite geschlagen, das werden sie ihm nicht verzeihen. Nein, Hübsche, aber auf dich werden sie hören. Du singst so schön, und deine Augen sind so grün. Du solltest sie zu deinem Hort machen.«
Rhapsody lächelte vor sich hin. Trotz all ihrer uralten Weisheit verstand Elynsynos das Konzept von sozialer Schicht und von Erbfolge offensichtlich nicht. »Was ist mit deinem anderen Enkel?«
»Mit welchem der anderen Enkel?«
Überrascht riss Rhapsody die Augen auf. »Hast du mehr als noch einen?«
»Anwyn und Gwylliam hatten drei Söhne vor dem Schweren Schlag, dem Gewaltakt, der den Krieg auslöste«, antwortete die Drachenfrau. »Anwyn wählte die Zeit, in der sie ihre Kinder trug, denn die erstgeborenen Rassen können wie die Drachen ihre Fortpflanzung selbst bestimmen. Zum größten Teil hat sie eine gute Wahl getroffen. Der Älteste, Edwyn Griffyth, ist mein Liebling, aber ich habe ihn zum letzten Mal gesehen, als er noch ein junger Mann war. Er ist auf die See hinausgefahren, angewidert von seinen Eltern und ihrem Krieg.«
»Wer ist der andere? Er wird in den Schriften nirgendwo erwähnt.«
»Anborn war der Jüngste. Er unterstützte seinen Vater, bis auch er es nicht mehr aushalten konnte. Schließlich ertrug auch Llauron Anwyns Blutdurst nicht mehr und fuhr ebenfalls zur See. Aber Anborn blieb und versuchte, die Übeltaten, die er den Nachfolgern seiner Mutter angetan hatte, zu rächen.«
Rhapsody nickte. »Mir war nicht klar, dass Anborn der Sohn von Anwyn und Gwylliam war, aber ich denke, es ist einleuchtend.« Sie dachte an den General mit dem wütenden Gesicht, die schwarze Rüstung mit Silberringen durchsetzt, die azurblauen Augen zornig vom Rücken seines schwarzen Schiachtrosses herabfunkelnd. »Meine Freunde und ich sind ihm im Wald begegnet, auf dem Weg zu Herzog Stephen Navarne, und sein Name wurde in einem Buch erwähnt, das wir im Haus der Erinnerungen gefunden haben.«
»Deine Freunde ihr seid zu dritt?«
»Ja, warum?«
Die Drachin lächelte. »Auch das ist einleuchtend.« Doch sie führte ihre Bemerkung nicht weiter aus. »Warum wart ihr im Haus der Erinnerungen?«
Rhapsody gähnte; auf einmal merkte sie, wie erschöpft sie war. »Ich würde es dir gern erzählen, Elynsynos, aber ich fürchte, ich kann meine Augen nicht mehr lange offen halten.«
»Komm hierher zu mir«, sagte die Drachin. »Ich werde dich in den Schlaf wiegen, Hübsche, und deine schlechten Träume von dir fern halten.« Rhapsody sprang von dem Ruderboot herunter und überließ sich Elynsynos’ Armen ohne jede Furcht. Sie setzte sich und lehnte sich an sie, spürte die glatten Kupferschuppen und die Hitze ihres Atems. Ihr kam nicht einmal in den Sinn, dass die Situation etwas Sonderbares an sich hatte.
Elynsynos streckte eine Klaue aus und strich mit unendlicher Zärtlichkeit eine Haarsträhne aus Rhapsodys Stirn. Dann summte sie eine seltsame Melodie und bewegte die Armbeuge wiegend hin und her, während sie Rhapsody vom Boden hob.
»Ich habe geträumt, du hättest mich gerettet, Elynsynos, du hast mich in die Arme genommen, als ich in Gefahr schwebte«, sagte Rhapsody schläfrig. Elynsynos lächelte, als die kleine Lirin-Frau in ihren Armen einschlief. Sie legte ihren Kopf ganz nahe an Rhapsodys Ohr, aber sie wusste, dass die Sängerin sie ohnehin nicht hören würde.
»Nein, Hübsche, das war nicht ich in deinem Traum.«
8
Er bekam keine Luft und konnte die Augen in der sengenden Hitze nicht länger offen halten. Beißender Rauch füllte die Höhle bis hinauf zur Decke und presste alles Leben aus seiner Lunge. Grunthor schlug wild mit den Armen um sich, um sich der Asche zu erwehren, aber die panische Bewegung machte das Atmen nur noch schwerer.