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»Schlaf, mein Kind. Ruh dich aus.«

Nach einer Weile seufzte das Kind auf und verfiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Die Großmutter setzte ihr Summen fort, bis sie sicher war, dass das Schlimmste überstanden war, und starrte in die Finsternis der Höhle hoch über ihr.

Grunthor schraubte den Wasserschlauch wieder zu und gab ihn Achmed zurück. Dann lehnte er sich an den Steinaltar und atmete tief aus, um die letzte Anspannung aus seinen Lungen zu vertreiben. Der Firbolg-König beobachtete ihn aufmerksam.

»Hast du es jetzt überwunden?«

»Ja.« Grunthor stand auf und klopfte den Sand von seiner Kleidung. »Tut mir ehrlich Leid, Mann.«

Achmed lächelte leicht. »Und nun? Hättest du die Güte, mich ins Bild zu setzen? Was hast du gesehen?«

Grunthor schüttelte ratlos den großen Kopf. »Chaos. Menschenmassen, die in den Tunneln in beißendem Rauch erstickten. Als wäre ich mittendrin. Hat gestunken wie in einem Schmelzofen.«

»Waren es vielleicht die Schmiedwerkstätten?«

»Kann schon sein.« Der Sergeant fuhr sich mit einer Krallenhand durchs Haar. »Aber weiter unten. An einem Ort, den wir nicht kennen. Ich denke, er gehörte zum cymrischen Reich.«

»Meinst du, dass du diesen Ort finden kannst?«

Abwesend nickte Grunthor. Er dachte an Rhapsody und an all die Male, die er sie gehalten hatte, wenn sie im Schlaf um sich geschlagen und mit den Traumdämonen gekämpft hatte, so wie er es eben getan hatte. Bis heute hatte er die Heftigkeit dieser Albdrücke nie verstanden. Irgendwo im Hinterkopf erinnerte er sich an die Abschiedsworte, die sie ausgetauscht hatten.

Weißt du, ich würde dir jederzeit deine schlimmsten Träume abnehmen, wenn ich könnte, Hoheit.

Ich weiß ... Ich weiß, dass du das tun würdest. Und glaub mir, wenn es in meiner Macht stünde, würde ich dir gern meine schlimmsten Träume überlassen. Vielleicht hatte sie genau das getan. Vielleicht hatte dieser Scherz ihre Fähigkeiten als Benennerin wachgerufen. Vielleicht hatte ihre so eng mit der Wahrheit verknüpfte Begabung, die Achmeds Namen verändert und ihn aus dem Griff des Dämons befreit hatte, bei ihm unabsichtlich das Gegenteil erreicht und dem, was auch immer ihr im Schlaf und manchmal sogar im Wachen die Visionen übermittelte, Tür und Tor geöffnet. Vielleicht hatte er auch nur die Last eines dieser Albträume für sie getragen. Jetzt vermisste er sie umso mehr.

»Wir werden ziemlich viel graben müssen«, meinte er schließlich. »Aber was die Entfernung angeht, ist es nicht sehr weit. Wenn du bereit bist, Herr, können wir loslegen.«

Eine rasche Untersuchung der Gänge des Loritoriums brachte ihnen eine Bestandsaufnahme der Verteidigungsmechanismen und Fallen ein, die in den Komplex eingebaut worden waren. Staunend schüttelte Grunthor den Kopf.

»Scheint mir ein bisschen viel auf so geringem Raum«, meinte er mit einem leicht verächtlichen Unterton. »Eine gute Explosion von einer Seite zur anderen oder ein rausfallendes Stück Decke hätte doch gereicht. Außerdem hat der Narr nicht mal für einen Fluchtweg gesorgt, wie’s aussieht.«

»Möglicherweise hatte Gwylliam längst den Bezug zur Wirklichkeit verloren, als die Bolg damit anfingen, Canrif zu unterwandern«, meinte Achmed, der soeben eine riesige halbkreisförmige Zisterne begutachtete, die in die westliche Bergwand eingelassen war. Mit den Fingerspitzen fuhr er über die breite Rille, die zu einem Steinblock in der Mitte der Zisternenwand führte; dann roch er an den Fingern und zuckte angeekelt zurück. Es war derselbe Geruch, der auch von der dickflüssigen Substanz in den Rinnen bei den Laternenpfählen ausging.

»Das hier muss wohl das Reservoir für das Lampenöl sein«, sagte Achmed zu dem Sergeanten. »In der Handschrift ist erklärt, wie einer von Gwylliams führenden Maurern eine riesige natürliche Quelle von einer öligen Substanz entdeckte, die wie Harz brannte, nur noch heller. Die leitete man in das Lampensystem, damit die Gelehrten Licht zum Lesen hatten.«

»Hat es funktioniert?«

Achmed betrachtete den Steinblock eine Weile nachdenklich, dann sah er sich im Loritorium um. »Das Reservoir befindet sich hinter dieser Zisterne, nicht ganz so weit unten wie wir jetzt. Gwylliam hatte ein System entworfen, bei dem sich das Lampenöl in der Zisterne sammelte, bis sie voll war, und dann in die Rillen auf den Mauern floss. Es stieg weiter in die Röhren in den Laternenpfählen auf, entzündete die Dochte und sorgte für ein ständiges Licht. Die Gewichte in diesem Hauptkanal hier steuern den Ausfluss mit einem Steinstöpsel, der sich automatisch schließt, wenn die Zisterne sich schneller füllt, als die Lampen das Öl verbrennen können, und sich wieder öffnet, wenn der Stand des Öls in den Rillen zurückgeht. So ein Ausgleichssystem ist ziemlich wichtig, denn das Lampenöl ist leicht brennbar, und man braucht immer nur ein kleines bisschen, um die Straße zu beleuchten.«

Achmed wischte sich die Hände an seinem Umhang ab und folgte der Hauptrinne ins Zentrum der kleinen unterirdischen Stadt. Vorsichtig kletterte er in den trockenen Spiegelbrunnen, wobei er jede Berührung mit der glänzenden Silberpfütze tunlichst vermied, fasste an den Hahn des verstopften Brunnens und zog rasch die Hand wieder zurück.

»Das hier war kein Wasserbrunnen, hier brannte ein Feuer von der gleichen Art wie die ewige Flamme der Feuerbasilika in Bethania«, stellte er fest. »Kleiner vielleicht, aber aus derselben Quelle gespeist, direkt aus dem Inferno im Innern der Erde was übrigens zu den wichtigsten Gebieten von Elementarwissen gehörte, die an diesem Ort erforscht werden sollten. Gwylliam hat es als Quelle benutzt, um sein Beleuchtungssystem zu versorgen, und auch als Heizung.«

»Verdammt!«, brummte Grunthor. »Und weshalb ist es ausgegangen?«

»Ich habe den Verdacht, dass es nicht von selbst ausgegangen ist. Es hat nämlich vielmehr den Anschein, als wäre es gestaut worden, absichtlich oder unabsichtlich. In der Öffnung steckt ein Stück Stein von der Decke. Die Hitze von der Quelle ist noch zu spüren. Hilf mir mal, das Rohr zu öffnen.«

»Vielleicht sollten wir auf Ihre Hoheit warten«, schlug Grunthor vor. »Erstens ärgert sie sich bestimmt ganz furchtbar, wenn wir nicht auf sie warten, wie wir es versprochen haben. Zweitens scheint sie gegen Feuer und all so was immun zu sein und könnte den Pfropf hier vermutlich rausnehmen, ohne sich dabei das Gesicht zu verbrennen. Ich weiß nämlich nich recht, ob das auf dich auch zutrifft, Herr, bei allem Respekt.«

»Jo meint, das könnte durchaus eine Verbesserung sein«, gab Achmed sarkastisch zurück.

»Da würd ich mir mal keine Sorgen machen, Herr. Den Schweinen, mit denen du angeblich rumgemacht hast, war es doch auch egal.«

Achmed lachte leise. »Apropos du hast Jo doch freigelassen, oder?«

»Jawohl.«

»Gut. Nun, ich denke, ich habe wirklich genug gesehen, bis Rhapsody zurückgekehrt ist. Möchtest du immer noch herausfinden, woher deine Vision kam?«

Grunthor betrachtete ihn ernst. »Eigentlich müsstest eher du das entscheiden. Ich hab dir alles erzählt, was ich gehört hab.«

Achmed nickte. »Tja, wenn ich tatsächlich gestorben bin und noch nichts davon weiß, dann würde ich schon gern herausfinden, was da einst vorgefallen ist. Wo fangen wir an?«

»Hier entlang«, antwortete Grunthor und deutete nach Süden.

Die beiden Bolg packten ihre Sachen zusammen und gingen zur südöstlichen Wand des Loritoriums. Rasch warf Grunthor noch einen letzten Blick auf den wunderschönen Altar aus Lebendigem Gestein; es würde wehtun, ihn zu verlassen. Doch er schluckte, holte tief Luft und drückte sich dann wie zuvor in die Felswand, verschmolz mit dem Gestein und öffnete einen Tunnel vor sich. Achmed wartete, bis kein Geröll mehr fiel, und folgte dann seinem Freund.