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»Ich werde euch die Lungen durch die Nasenlöcher aussaugen!«, keuchte Jo und musste sich anstrengen, wenigstens die Langsameren nicht auch noch aus den Augen zu verlieren. »Ich werde euch die Augen ausreißen und mir schmecken lassen!« Schon zog sie ihren Dolch mit dem Bronzerücken, den schmalen, tödlichen Dolch, den Grunthor ihr an dem Tag geschenkt hatte, als er und die anderen sie aus dem Haus der Erinnerung befreit hatten; er fing die Sonnenstrahlen ein und damit auch die Aufmerksamkeit der FirBolg-Kinder . Ihre Gesichter verloren den schalkhaften Ausdruck und wurden panisch. Wieder stieß Jo ein schrilles Kriegsgeheul aus und forcierte ihr Tempo. Binnen kurzem hatte sie zwei der langsameren Kinder eingeholt. Eines kam zum Stehen, wandte sich angstvoll um und sprang dann in wilder Flucht von der nächstbesten Felskante in die Tiefe. Sein Schrei wurde im Fallen leiser und verstummte schließlich abrupt.

Voller Entsetzen hielt Jo inne.

»0 nein«, flüsterte sie. »Nein.« Mit ein paar langsamen, benommenen Schritten trat sie an den Felsrand und spähte hinunter.

Das Firbolg-Kind lag zusammengekrümmt auf einem Felsvorsprung, der in einiger Entfernung aus der Klippe ragte. Selbst von hier oben erkannte Jo den Jungen es war Vling, Rhapsodys drittjüngster Enkel. Ihr Gesicht prickelte und wurde heiß, als Übelkeit und Reue sie überkamen.

»Himmel!«, schrie sie. »Vling? Kannst du mich hören?«

Von der Klippe drang ein gedämpftes Wimmern herauf.

Jo steckte den Dolch in die Scheide, sah sich nach einer Möglichkeit um, sich festzuhalten, und fand eine lange, tote Wurzel, die aus dem Fels ragte. Prüfend zerrte sie daran und ließ sich dann schnell die Böschung hinunter, dorthin, wo das verletzte Kind lag.

»Vling?«

Schweigen.

Jo wurde wieder übel. »Vling!«, rief sie. Unter ihr bröckelte der Fels, während sie die Wand zu dem Vorsprung hinunterglitt.

Der Junge blickte auf, als sie sich über ihn beugte; aus seinem schmutzigen Gesicht sprach unverhohlene Angst, und er versuchte, vor Jo wegzukriechen.

»Halt still«, sagte Jo, so sanft sie konnte. »Tut mir Leid, dass ich dich erschreckt habe.« Der Junge, der kein Orlandisch verstand, schüttelte wild den Kopf und versuchte ihr zu entwischen, brach dann aber stöhnend auf dem Boden zusammen.

Jo bemühte sich nach Kräften, ihre Abneigung niederzukämpfen, streckte die Hand aus und tätschelte dem Jungen vorsichtig den Kopf. Seine Augen wurden weit vor Schreck und dann schmal vor Argwohn.

»Schon gut, schon gut, du hast allen Grund, mir nicht zu trauen«, brummte Jo düster. »Ich gebe ja zu, dass ich dich schon mehrmals am liebsten in die Höhle geworfen hätte, aber ich hab es nicht getan, oder? Es ist meine Schuld, dass du gestürzt bist. Das tut mir Leid, und ich bin hier, um dir zu helfen. Schau, Vling, Rhapsody wird mich umbringen, wenn einem von euch Plagen was passiert.«

Das Gesicht des Kindes wurde weich. »Rhapzdie?«

Jo stieß geräuschvoll den Atem aus. »Sie ist nicht da.«

»Rhapzdie?«

»Ich hab doch schon gesagt, Großmutter ist nicht da, aber sie würde nicht wollen, dass du hier liegen bleibst, verletzt und womöglich demnächst Futter für die Habichte.«

Vling setzte sich ein wenig auf. »Rhapzdie?«, wiederholte er hoffnungsvoll.

»Ja, richtig, Rhapsody«, bestätigte Jo. »Komm mit mir, ich bringe dich zu ihr.« Wieder streckte sie dem Kind die Hand entgegen; erst wich es ein Stück zurück, ließ sich dann aber von ihr helfen, auf die Beine zu kommen. Ihr fiel auf, dass sein Arm in einem sonderbaren Winkel herunterhing. Bei dem Anblick wurde ihr schwindlig, und fast hätte sich ihr der Magen umgedreht.

Beim Aufstehen verzog Vling vor Schmerzen das Gesicht, nahm dann aber den stoischen, leicht mürrischen Ausdruck der Bolg-Rasse an. Jo wusste sofort, was ihm durch den Kopf ging. Bei den Bolg galt es als Schande, wenn jemand Schwäche zeigte, denn sie waren mit dem Gedanken, dass Verletzte geheilt werden konnten, immer noch nicht recht warm geworden. Seit unzähligen Jahrtausenden war es bei ihnen Brauch, Verwundete ehrenvoll dem Tod zu überlassen, ganz gleich, wie wertvoll sie auch sein mochten. In den Zahnfelsen hielt sich diese Einstellung immer noch, trotz der von Achmed auf Rhapsodys Drängen eingeführten Veränderungen. Der Bolg-Junge würde bei seinen Altersgenossen das Gesicht verlieren, wenn Jo ihn jetzt trug oder wenn jemand auch nur merkte, dass er sich von ihr hatte helfen lassen.

Jo griff wieder nach der Wurzel, zog sich mitsamt dem Jungen über die Felskante hinauf und setzte sich dann hinter einen großen Felsen, um nachzudenken. Vling schien alles daran zu setzen, dass er bei Bewusstsein blieb, aber Jo merkte deutlich, dass er schreckliche Schmerzen litt.

Endlich kam ihr eine Idee. Sie kramte in ihrem Tornister und zog ein Stück Seil heraus. Ein Ende drückte sie dem verdutzten Kind in die Hand, das andere band sie sich lose um ihre eigenen Handgelenke.

»In Ordnung«, sagte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen und im besten Bolgisch, dessen sie fähig war. »Gehen wir. Bring mich zu Grunthors Baracken.«

Der Junge blinzelte verständnislos, dann begriff er endlich, was Jo vorhatte, und strahlte übers ganze Gesicht. Lächelnd blickte er zu ihr empor, zupfte spielerisch an dem Seil und führte sie im Triumph zurück in den Kessel, den verletzten Arm fest umklammert und zum Schein wüste Drohungen ausstoßend. Er wusste nur zu gut, wie viel Ansehen es ihm einbringen würde, wenn die anderen Bolg-Kinder sahen, wen er da gefangen hatte.

10

Rhapsody konnte sich nicht erinnern, jemals so gut geschlafen zu haben wie in den Armen der Drachin. Stundenlang lag sie in traumlosem Schlummer, ungestört von Albträumen oder der Notwendigkeit, Wache zu halten, und erwachte schließlich erfrischt und glücklich. Als sie das Gesicht der schlafenden Drachin dicht neben sich sah, setzte ihr Herz ein paar Schläge aus, aber dann wurde ihr Blick unwiderstehlich auf die eigene Brust gelenkt:

Glänzende Kupferschuppen bedeckten ihre Körpermitte und schimmerten im Halblicht der Höhle. Vorsichtig hielt Rhapsody das Gebilde hoch: Es war ein Kettenhemd, federleicht und aus tausenden kunstvoll miteinander verbundenen Drachenschuppen gearbeitet. In ihren Händen glitzerte und funkelte es.

»Es gehört dir, Hübsche«, sagte Elynsynos, ohne die Augen zu öffnen. »Ich habe es letzte Nacht für dich gemacht, während du schliefst. Probier es an.«

Rhapsody stand auf, nestelte an ihrem Umhang und legte ihn dann ab. Langsam ließ sie den schimmernden Panzer über ihren Kopf gleiten und zog ihn an sich herunter wie eine Weste. Er passte wie angegossen. Sie hatte Legenden über die Genauigkeit der Drachensinne gehört; jetzt wusste sie, dass der Ruf mehr als angemessen war. Ihr Haar schimmerte im Licht, das die Schuppen reflektierten, rötlich golden.

»Ich danke dir«, sagte sie, gerührt von der Aufmerksamkeit, die Elynsynos ihr schenkte. Aber da war noch etwas anderes. Als sie eingewilligt hatte zu bleiben, hatte sie gefürchtet, die Drachin würde sie nicht wieder gehen lassen, doch diese Furcht war inzwischen verflogen. Das Geschenk war ein Beweis dafür, dass Elynsynos fest davon ausging, Rhapsody werde wieder in die Welt zurückkehren. Sie beugte sich über die riesenhafte Wange der Drachenfrau und küsste sie. »Es ist wunderschön. Ich werde immer an dich denken, wenn ich es trage.«

»Dann trage es oft«, meinte Elynsynos und öffnete die Augen. »Es wird dich beschützen, Hübsche.«

»Ganz bestimmt. Aber du hattest mir eine Frage gestellt, und ich war gestern Abend zu müde, um sie zu beantworten. Würdest du sie noch einmal wiederholen?«

»Ich habe gefragt, warum du im Haus der Erinnerungen warst.«

»Ah, ja.« Rhapsody streckte die Arme über den Kopf und genoss das leise Rascheln des Panzers aus Drachenschuppen; dann setzte sie sich wieder auf das umgedrehte Ruderboot.