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»Wir haben das Haus der Erinnerungen auf Herzog Stephens Geheiß hin aufgesucht, weil es das älteste noch existierende Gebäude sein soll, das die Cymrer erschaffen haben. Dort stießen wir auf eine Gruppe von Kindern, die als Geiseln festgehalten wurden; im Haus fanden wir Gerätschaften, mit denen man ihnen das Blut abzapfen konnte. Und wir haben mit einem Mann gekämpft, der dunkles Feuer als Waffe gegen uns einsetzte.« Im Halbdunkel der Drachenhöhle wurde ihr Gesicht bleich. »Es war das erste Mal, dass ich jemanden getötet habe.«

Elynsynos schnaubte und schubste Rhapsody spielerisch mit ihrem Schwanz, sodass sie vom Ruderboot rutschte und auf dem Hinterteil im goldenen Sand landete.

»Und du nennst dich eine Sängerin?«, meinte die Drachin scherzend. »Das war die schlechteste Geschichte, die ich seit sieben Jahrhunderten gehört habe. Versuch es noch einmal, aber nimm dir ein wenig Zeit. Einzelheiten, Hübsche, auf die Einzelheiten kommt es an. Ohne Einzelheiten lohnt sich das Anhören einer Geschichte nicht.«

Rhapsody klopfte sich den Sand aus den Kleidern und kletterte zittrig auf das Ruderboot. Als sie wieder zu Atem gekommen war, erzählte sie Elynsynos die Geschichte bis in die kleinste peinigende Einzelheit, angefangen bei Llaurons Vorschlag, mehr über die Cymrer in Haguefort herauszufinden, bis zu dem Nachspiel, als sie die gestohlenen Kinder von Navarne zurückbrachten und Rhapsody Jo adoptierte. Sie brauchte lange, denn obwohl sie alle Einzelheiten erwähnte, unterbrach Elynsynos sie immer wieder, um auch den kleinsten fraglichen Punkt klarzustellen. Als sie geendet hatte, schien die Drachin allerdings zufrieden, streckte sich und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf.

»Wie sah der Mann aus, der euch beim Haus der Erinnerungen angriff?«

»Das weiß ich ehrlich gesagt nicht«, antwortete Rhapsody. Sie starrte gebannt auf den Teller knuspriger Brötchen und Himbeeren, der erschienen war, als die Drachin sich aufgesetzt hatte. »Ich habe ihn nur blitzschnell vorbeilaufen sehen. Grunthor erging es ebenso. Nur Achmed ist ihm direkt begegnet, und nicht einmal er hat den Mann richtig zu Gesicht bekommen, denn er trug einen gepanzerten Helm.«

»Iss.«

»Danke.« Rhapsody nahm ein Brötchen und brach es in der Mitte durch. »Möchtest du auch etwas?«

»Nein, ich habe erst vor drei Wochen gegessen.«

»Und du bist noch nicht wieder hungrig?«

»Es dauert eine Weile, bis man sechs Hirsche verdaut hat.«

»Oh.« Rhapsody fing an zu essen.

»Es muss der Rakshas gewesen sein, dem ihr begegnet seid.«

Sie blickte in das Gesicht der Drachin auf; Elynsynos betrachtete sie aufmerksam. »Kannst du mir etwas über den Rakshas erzählen?«, fragte Rhapsody. »Wer ist er?«

Die Drachin nickte. »Genau genommen ist der Rakshas ein Es. Das Spielzeug des F’dor.«

Eine Gänsehaut fuhr Rhapsody über den Rücken. »Der Dämon, von dem du mir gestern Abend erzählt hast? Derjenige, dem Anwyn Macht verliehen hat?«

»Ja. Vor zwanzig Jahren schufen die F’dor den Rakshas im Haus der Erinnerungen - eine Schande, denn es war ein wunderschönes Denkmal für die tapferen Cymrer in jener Zeit vor Anwyns Krieg. Und dann hat er es vergiftet, hat es sich zu Eigen gemacht. Der Schössling von Sagia war das Erste, was entweiht wurde. Er war ein Zweigkind der großen Eiche der Tiefen Wurzeln, dem heiligen Baum der Lirin von Serendair, den die Cymrer aus dem alten Land mitgebracht und im Garten des Hauses angepflanzt hatten. Selbst aus so großer Entfernung konnte ich den Baum schreien hören.«

»Während ich dort war, habe ich mich um ihn gekümmert«, sagte Rhapsody und wischte sich mit ihrem Taschentuch die Krümel vom Mund. »Ich habe meine Harfe in ihm zurückgelassen, um das Lied seiner Heilung zu erneuern. Dieses Frühjahr hätte er blühen müssen, nur war ich leider nicht zugegen, um es zu sehen.«

»Aber ich.« Die Drachenfrau lachte leise. »Neben den Blättern war der Baum voll weißer Blüten, wie Sternblumen. Eine nette Idee, Hübsche.«

»Was meinst du damit?«

Wieder lachte die Drachenfrau. »Der Schössling ist eine Eiche. Hast du in deinem Land jemals gehört, dass eine Eiche geblüht hat?«

Rhapsodys Kehle wurde trocken. »Nein.«

»Natürlich blüht eine Eiche, um Eicheln hervorzubringen, aber die Blüten sind im Allgemeinen so klein, dass man sie mit Augen wie den deinen kaum sehen kann. Diese Blüten aber waren gefüllt und weiß und bedeckten den Baum wie Schneeflocken. Hast du dem Baum in deinem Lied gesagt, dass er blühen soll?« Rhapsody nickte. »Nun, ich bin beeindruckt. Es ist mir eine Ehre, eine Benennerin in meiner Höhle empfangen zu dürfen. Wie oft begegnet ein Tier schon jemandem, der einem Eichbaum befehlen kann zu blühen? Nach allem, was der Rakshas getan hat, um den Baum zu zerstören, war er sicherlich fuchsteufelswild oder zumindest sein Herr und Meister war es.«

»Bitte erzähle mir mehr über diesen Rakshas. Du hast gesagt, der Dämon habe ihn erschaffen aber er sah aus wie ein Mann und verhielt sich auch so.«

»Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt. Er besteht aus Blut, dem Blut des Dämons, und manchmal auch aus dem anderer Kreaturen. Für gewöhnlich sind es unschuldige Wesen oder wilde Tiere. Sein Körper ist aus einem Element wie Eis oder Erde gebildet; ich glaube, derjenige im Haus der Erinnerungen besteht aus gefrorener Erde. Das Blut schenkt ihm Leben und Kraft.«

»Hast du nicht gerade etwas von einer Seele gesagt?«

»Ein Rakshas, der allein aus Blut besteht, ist kurzlebig und geistlos. Aber wenn der Dämon eine Seele besitzt, ganz gleich, ob sie menschlichen Ursprungs ist oder nicht, kann er sich diese einverleiben und nimmt schließlich die Form des Eigentümers der Seele an, wobei dieser natürlich tot ist. Damit verfügt er auch über einen Teil von dessen Wissen und kann all das tun, was dieser zu tun vermochte. Eine entstellte, böse Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, Hübsche.«

Rhapsody schauderte. »Und du bist sicher, dass diese Person dieses Ding, mit dem wir gekämpft haben, wirklich der Rakshas war, der, den der F’dor gemacht hat?«

Elynsynos nickte. »Er muss es gewesen sein. Und höre: Er befindet sich ganz hier in der Nähe. Sei vorsichtig, wenn du meine Höhle verlässt.«

Kalte Säure stieg in Rhapsodys Magen auf, und sie legte den Rest des Brötchens weg. »Mach dir keine Sorgen, Elynsynos. Ich habe das Schwert.«

»Welches Schwert, Hübsche?«

»Die Tagessternfanfare. Ich bin sicher, dass du weißt, was es ist.«

Die Drachenfrau blickte sie fragend an. »Hast du es bei dir zu Hause?«

»Nein, ich trage es bei mir«, antwortete Rhapsody mit einem Kopfschütteln. »Soll ich es dir zeigen?«

Die Drachin nickte, und Rhapsody zog das Schwert aus der Scheide. In den Drachenschuppen spiegelten sich die lodernden Flammen und ließen Millionen Regenbogen durch die Dunkelheit der Höhle tanzen. Zu seiner Begrüßung brannten die Flammen in den Kronleuchtern hell auf.

Elynsynos’ Augen wurden groß, und Rhapsody fühlte eine Welle der Bezauberung. Sie versuchte wegzusehen, blieb jedoch gebannt stehen, während die Drachin den Kopf neigte, um das Schwert zu begutachten. Dann strich sie mit der Klaue über die Scheide an Rhapsodys Seite.

»Natürlich«, sagte sie nach kurzem Nachdenken, und ihr Gesicht entspannte sich. »Schwarzes Elfenbein. Kein Wunder, dass ich nichts davon spüren konnte.«

»Ich verstehe nicht, was du meinst«, stammelte Rhapsody und versuchte, sich aus ihrer seltsamen Trance zu befreien.

»Schwarzes Elfenbein ist der wirkungsvollste Schutz, den man unter den Tieren kennt«, erklärte Elynsynos. »Eigentlich ist es eine falsche Bezeichnung, denn es ist nicht wirklich Elfenbein, sondern eine Steinart, die dem Lebendigen Gestein stark ähnelt. Man kann sie zu Schachteln oder Scheiden oder sonstigen Behältnissen verarbeiten, und der Gegenstand, den man darin aufbewahrt, wird unaufspürbar, selbst für die Sinne eines Drachen. Das ist gut, Hübsche. Niemand wird wissen, dass du dieses Schwert mit dir führst, es sei denn, du ziehst es aus der Scheide. Wo hast du es gefunden?«