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»Es war in der Erde verborgen. Ich habe es auf dem Weg aus dem alten Land entdeckt.«

»Du bist durch die Erde gekommen, nicht auf einem Schiff?«

»Ja.« Bei der Erinnerung wurde Rhapsodys Gesicht heiß. »Wir sind schon lange vor den Cymrern aufgebrochen und erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit hier angekommen.«

Elynsynos lachte. Rhapsody wartete eine Weile, ob das mächtige Tier ihr erklären würde, was los war, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen betrachtete es sie eindringlich.

»Warst du schon bei Oelendra?«

Auf Serendair stand der Name für ein himmlisches Ereignis. »Beim gefallenen Stern?«

Elynsynos schaute verwirrt drein. »Nein, Oelendra ist eine Lirin wie du. Einst hat sie dieses Schwert getragen.«

Nun erhellte sich Rhapsodys Gesicht, denn sie erinnerte sich, dass Llauron den Namen erwähnt hatte »Ist sie noch am Leben?«

Anscheinend musste die Drachin darüber nachdenken. »Ja. Sie lebt in Tyrian, dem Lirinschen Wald im Süden. Wenn du zu ihr gehst, ist sie vielleicht bereit, dich seine Handhabung zu lehren. Ja, ich glaube, das tut sie.«

»Wie kann ich sie finden?«

»Geh nach Tyrian und bitte um einen Besuch bei ihr. Wenn sie dich sehen will, wird sie dich finden.«

Rhapsody nickte. »Ist sie gütig?«

Elynsynos lächelte. »Ich bin ihr nur ein einziges Mal begegnet. Sie war freundlich zu mir. Sie kam zusammen mit dem, der damals die Stellung des Fürbitters innehatte, die jetzt Llauron bekleidet, um mir mitzuteilen, was Merithyn zugestoßen sei, um mir seine Gaben und ein Stück seines Schiffs zu überbringen. Da wusste ich, dass er vorgehabt hatte, zu mir zurückzukehren, aber gestorben war. Er war so zerbrechlich; ich vermisse ihn sehr.« Wieder bildeten sich riesige Tränen in den faszinierenden Augen. »Ich habe dem Mann ein Geschenk gegeben. Einen weißen Eichenstab mit einem goldenen Blatt an der Spitze.«

»Den trägt jetzt Llauron.«

Die Drachin nickte. »Ich hätte auch Oelendra etwas geschenkt, aber sie wollte nichts annehmen. Aber du behältst den Panzer, nicht wahr, Hübsche?«

Rhapsody lächelte sie an. Elynsynos war eine widersprüchliche Kreatur, gleichzeitig so mächtig und verletzlich, weise und kindlich. »Ja, ich behalte ihn, das versteht sich von selbst. Ich werde ihn über meinem Herzen tragen, in dem ich dich bewahre.«

»Bedeutet das, dass du mich nicht vergessen wirst, Hübsche?«

»Natürlich. Ich werde dich niemals vergessen, Elynsynos.«

Die Drachin lächelte strahlend und entblößte dabei ihre schwertartigen Zähne. »Dann werde ich durch dich vielleicht doch ein wenig unsterblich werden. Danke, Hübsche.« Mit einem leisen Lachen beobachtete sie, wie Rhapsody die Stirn runzelte. »Du verstehst nicht, was ich meine, oder?«

»Nein, ich fürchte nicht.«

Elynsynos schmiegte sich auf den Boden der Höhle, sodass ihr schimmerndes Schuppenkleid im Flackerlicht der Kronleuchter funkelte.

»Drachen leben sehr lange, aber nicht ewig. In der Erde dem Element, dem wir entstammen gibt es keine Zeit, deshalb wird unser Körper nicht alt und stirbt auch nicht. In dieser Hinsicht haben wir etwas gemeinsam, du und ich: Die Zeit ist auch für dich zum Stillstand gekommen, Hübsche.« Tränen schimmerten in Rhapsodys Augen, als wären sie ein Spiegelbild der Tränen der Drachin, aber sie sagte nichts. »Das macht dich traurig«, stellte Elynsynos fest.

»Warum?«

»Weil ich mir so sehr wünsche, dass es wahr wäre«, erwiderte Rhapsody mit halb erstickter Stimme. »Die Zeit ist ohne mich fortgeschritten und hat mir alles genommen, was ich geliebt habe. Die Zeit ist mein Feind.«

Die Drachin beäugte sie nüchtern. »Das glaube ich nicht, Hübsche«, sagte sie, und in ihrer Stimme war ein humorvoller Unterton. »Ich kenne die Zeit sehr gut, und sie bezieht nur äußerst selten Stellung. Doch sie lächelt auf die herab, die sie umarmen. Vielleicht ist die Zeit um dich herum vorangeschritten, aber nun hat sie keine Macht mehr über dich zumindest nicht über deinen Körper. Leider hat die Zeit immer Macht über dein Herz. Du kommst aus Serendair, der Insel, von der die erste Rasse, die Ur-Seren, stammen. Serendair ist auch der erste der fünf Geburtsorte der Zeit. Du bist hierher gekommen, zum letzten dieser Geburtsorte, wo die Drachen, die jüngste Rasse, entstanden sind, und hast dabei den Hauptmeridian überquert. Du hast den Anfang der Zeit mit ihrem Ende verknüpft, wie die Cymrer es getan haben, und noch mehr, du bist durch die Erde gereist, an einen Ort, über den die Zeit keine Macht hat. Dadurch hast du die Zeit besiegt, ihren Kreislauf durchbrochen. Sie wird nie mehr Narben auf deinem Körper hinterlassen. Macht dich diese Aussicht nicht glücklich?«

»Nein«, entgegnete Rhapsody. »Nein.«

In der Dunkelheit lächelte die Drachin. »Du bist klug, Hübsche. Ein an die Ewigkeit grenzendes Leben ist ebenso sehr ein Fluch wie ein Segen. Auch für mich ist die Zeit stehen geblieben. Aber es gibt dennoch einen grundlegenden Unterschied zwischen uns. Im Gegensatz zu mir bist du unsterblich.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Du hast eine Seele«, erklärte die Drachin geduldig. »Sie nährt das Leben in dir, denn die Seele kann nicht sterben. So lange, so endlos dein Leben auch erscheinen mag, wirst du immer noch da sein, wenn dein Leben einst endlich vorüber ist wegen deiner Seele. Sie bleibt bestehen, auch nachdem du beschlossen hast, deinen Körper aufzugeben und ins Licht einzugehen, ins Jenseits. Mit mir wird das nicht geschehen.«

Rhapsody bemühte sich, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. »Jeder hat eine Seele, Elynsynos. Die Lirin glauben, dass alle Lebewesen Teil der einen universellen Seele sind. Manche nennen sie den Lebensspender oder den Allgott, andere einfach das Leben, aber wir besitzen alle ein Stück davon. Es verbindet uns miteinander.«

»Das trifft für die Lirin zu«, entgegnete Elynsynos. »Aber nicht für die Drachen. Du bist von einer besonderen Lirin-Art, nicht wahr? Liringlas?«

»Meine Mutter war eine Liringlas, ja.«

»Was bedeutet das in deiner Sprache?«

Eine schwache Brise stieg vom Höhlenboden auf, schwer vom Sand, ließ sich auf Rhapsodys Wangen nieder und trocknete die unvergossenen Tränen. Unwillkürlich musste sie über Elynsynos’ tröstliche Geste lächeln. »Es bedeutet Himmelssänger. Die Liringlas singen ihre Gebete für die aufgehende und die untergehende Sonne und begrüßen auch das Erscheinen der Sterne in der Abenddämmerung.«

»Und die übrigen Lirin? Wie nennt man sie?«

»Oft bezeichnet man uns als Kinder des Himmels.«

»Genau.« Das große Tier bewegte sich gewichtig auf dem sandigen Höhlenboden. »Du bist eine Sängerin, und ein Teil des Sängerwissens dreht sich um die Reise der Seele, oder etwa nicht?«

»Ja«, antwortete Rhapsody. »Wenn wir Trauerlieder singen, kann ein Sänger manchmal sehen, wie die Seele den Körper verlässt und ins Licht eingeht. Aber viel mehr habe ich nicht gelernt, und ich weiß doch, dass die Lehre von der Seele viel umfassender ist.«

»Nun denn«, meinte die Drachin, »dann werde ich dich ein wenig in der Seelenlehre unterrichten, Hübsche, und auch in der Geschichte der Erdgeborenen. Vielleicht kennst du einen Teil davon ja schon.

In der Vorzeit, als die Welt geboren wurde, gab der, den du Lebensspender genannt hast, allem, was existierte, die für Gaben, die wir jetzt als die Elemente Äther, Feuer, Wasser Wind und Erde kennen. Davon weißt du, nicht wahr?«

»Ja«, antwortete Rhapsody.

»Jede dieser Gaben, oder Elemente, brachte eine Rasse vor Urwesen hervor, die man insgesamt unter dem Namen der Erstgeborenen kennt. Von den Sternen, dem Äther, kamen die Ur-Seren, wie Merithyn.« Elynsynos räusperte sich ein gewaltiges Dröhnen, unter dem das Ruderboot erzitterte, auf dem Rhapsody hockte. »Aus dem Meer wurden die Mythlin geboren, und der Wind gebar die Rasse, die man die Kitt nennt, von denen dein eigenes Volk abstammt.« Rhapsody nickte zustimmend. »Die Erdmutter brachte meine Spezies hervor, die Wyrmer, Drachen, die natürlich das Meisterstück des Schöpfers darstellen. Deshalb hat er uns als Letzte gemacht.« Elynsynos lachte leise, als sie Rhapsodys verstohlenes Lächeln bemerkte.