»Die zweite der Urrassen waren die F’dor, die Kinder des Feuers. Aber von Anbeginn an trachteten die F’dor zuerst und vor allem nach der Zerstörung der Erde. Vermutlich kann man nichts anderes erwarten; Feuer verzehrt seinen Brennstoff, ohne diesen brennt es aus, zu nichts. Aber und dies war ebenfalls nicht anders zu erwarten die anderen erstgeborenen Rassen konnten dies nicht einfach zulassen, denn es hätte ja bedeutet, dass die Gaben des Schöpfers aus dem Auge der Zeit verschwunden wären und wieder nur das Nichts zurückgelassen hätten. Daher schlössen sich die Seren, die Kith, die Mythlin und natürlich auch die Drachen zu einem schwierigen Bündnis zusammen und trieben die Dämonen ins Zentrum der Erde, um sie dort in Zaum zu halten.
Es versteht sich von selbst, dass wir Drachen von Anfang an über diesen Plan nicht sonderlich erfreut waren. Für uns war es eine grässliche Vorstellung, dass die Erde, unsere Mutter, diese monströsen, bösartigen Wesen in ihrem Herzen gefangen halten sollte; aber es war uns auch klar, dass eine Flucht der F’dor die sichere Zerstörung der Erde bedeutet hätte. Unser Beitrag zur Knechtung der F’dor bestand darin, dass wir die Grube errichteten, die ihr Gefängnis wurde. Wir Drachen formten den Kerker aus unserem heiligsten Besitz, dem Lebendigen Gestein, diesem reinen Element Erde, der einzigen Substanz, von der wir wussten, dass sie stark genug war, um das Böse in Schranken zu halten. Es war ein gewaltiges Opfer, Hübsche, und einer der Gründe dafür, dass wir Drachen bis heute mürrisch sind und unser Territorium gnadenlos verteidigen; wir sind der Auffassung, dass wir mehr für das Land getan haben, das wir unser Eigen nennen, weil wir seine Heiligkeit opfern mussten, um es zu schützen.«
»Ich finde, dass eure Charakterisierung in den Legenden übertrieben wird«, schaltete sich Rhapsody lächelnd ein. »Meiner Erfahrung nach sind Drachen nicht sonderlich mürrisch, es sei denn, man enthält ihnen die Einzelheiten einer Geschichte vor.«
In den Regenbogenaugen der Drachin zeigte sich ein Ausdruck tiefer Zuneigung, doch schon kurz darauf wurde sie wieder ernster. »Die Urrassen des Bündnisses, die Körper hatten wie du, die Kith, Seren und Mythlin, wurden als die Drei bekannt.«
Erstaunt setzte Rhapsody sich auf und wäre dabei fast vom Ruderboot gefallen. »Die Drei?«
»Ja.«
»Llauron hat uns von einer Prophezeiung über die Drei berichtet. Das Kind des Blutes, das Kind der Erde und das Kind des Himmels würden kommen, und nur durch diese drei könnte die Spaltung unter den Cymrern aufgehoben werden und wieder Frieden einkehren.«
Elynsynos lachte. »Dein Zeitgefühl ist ein wenig durcheinander geraten, Hübsche. In der Zeit, über die ich spreche, gab es nur fünf Rassen die Erstgeborenen. Ihre Kinder, die Älteren Rassen, waren noch nicht in Erscheinung getreten. Die Cymrer waren im Großen und Ganzen eine Rasse des Dritten Zeitalters, Kinder der Älteren Rassen. Dieser Name die Drei stammt aus uralten Zeiten, vor Millionen von Jahren. Du kannst das noch nicht ganz verstehen, weil du sc jung bist, aber eines Tages wirst du es erkennen. Vielleicht erlebst du ja sogar selbst eine Geschichte von diesen Ausmaßen. Nach ein paar tausend Jahren wirst du anfangen zt begreifen.« Die Drachin lachte, und Rhapsody schauderte.
»Die Drei hatten allesamt Körper, die zumindest in Sätzen der heutigen menschlichen Gestalt ähnelten«, fuhr Elynsynos fort. »Die Drachen dagegen hatten die Form vor Schlangen, und die F’dor wiesen überhaupt keine körperliche Gestalt auf. Der Grund für all das besteht darin, dass der Schöpfer zum Zeitpunkt des Erschaffens den Dreien sein Bild zeigte, und dieses Bild inspirierte die Form, welche sie annahmen. Auch die Drachen bekamen das Bild des Schöpfers zu Gesicht, aber sie entschieden sich, es zu ignorieren; du hast ja sicher davon gehört, wie sehr wir es hassen, wenn jemand uns sagt, was wir tun sollen. Wie du dir nun sicher auch denken kannst, wurde den F’dor das Bild ebenfalls vorenthalten. Der Schöpfer wusste, dass die Bastarde des Feuers von Geburt an böse waren, und weigerte sich, sein Wissen mit ihnen zu teilen. Möglicherweise haben die F’dor deshalb keine eigene körperliche Gestalt.
Dies führt mich nun weiter zur Lehre von der Seele. Du sagst, du bist von Serendair hierher durch die Erde gereist?«
»Ja«, bestätigte Rhapsody.
»Was für ein Gefühl war das für dich? War es für dich, Lirin, die du bist, sehr unangenehm unter der Erde, abgetrennt vom Himmel?«
Rhapsody schloss die Augen und kämpfte die Erinnerung nieder, die ständig am Rand ihres Bewusstseins lauerte. »Es fühlte sich an, als wäre ich bei lebendigem Leib begraben.«
Elynsynos nickte verständnisvoll. »Der Himmel ist die Verbindung zur Seele des Universums, dem Schöpfer, und diejenigen, die Teil der kollektiven Seele sein möchten, müssen mit ihm in Kontakt stehen. Ohne ihn haben sie keinen Kontakt mit ihren Gefährten im Leben und nach dem Tod keine Unsterblichkeit. Deine Rasse stammt vom Wind und den Sternen ab; ihr seid mit diesem Wissen geboren. Deshalb kannst du den Gesang des Universums hören, deshalb stimmst du in sein Lied mit ein: Du bist Teil der kollektiven Seele. Für diejenigen, die nicht Teil des Himmels und des ewigen Lebens werden, gibt es nach dem Tod nur die Leere, das große Nichts.
Weil die Drachen, die F’dor und sogar die Mythlin sich dafür entschieden haben, vom Himmel getrennt zu leben, haben sie keine Seele. Die Mythlin haben das Leben im Meer gewählt, sie halten sich fern von den anderen Rassen, genau wie die Drachen in der Erde bleiben. Die Meereskinder, die von den Mythlin abstammen Meerjungfrauen, Seenymphen und so weiter, leben Jahrtausende, aber wenn sie sterben, steigt ihre Seele nicht zu den Sternen empor, sondern wird wieder zu Schaum auf den Meereswogen und verschwindet schließlich; ihre einzige Unsterblichkeit liegt in der Erinnerung derer, die sie gekannt haben. Und so wird es auch bei mir sein. Wenn ich endlich lange genug gelebt habe, wenn ich den Schmerz nicht mehr ertragen kann, werde ich mich zur Ruhe legen und nicht mehr aufstehen; das wird mein Ende sein. Dann wird mein Körper dort in meiner Höhle verwesen, mein Blut in der Erde versickern und eines Tages die Adern aus Kupfer bilden, das von den Menschen abgebaut und zu Münzen oder Armbändern verarbeitet wird.
Magst du Kupfer, Hübsche? Es ist im Grunde nichts als das vergossene Blut von Drachen meiner Art, wie das Gold, aus dem dein Medaillon gefertigt wurde, einstmals in den Adern eines goldenen Drachen floss. Smaragde, Rubine, Saphire nichts als geronnenes Lebensblut von uralten Drachen verschiedener Unterarten und Färbungen. Es ist das, was wir hinterlassen, in der Hoffnung, dass die Zeit unsere Erinnerung aufrechterhalten wird; aber das geschieht nie. Stattdessen dient es nur dazu, Frauenbrüste und die leeren Köpfe von Königen zu zieren.
Aber wenn du mich in Erinnerung behältst, Hübsche, wirklich mich und nicht die Legenden oder Geschichten, dann werde ich fortbestehen, zumindest ein wenig. Ich werde einen Hauch von der Unsterblichkeit bekommen, von der Ewigkeit, die ich nicht gewonnen habe, weil ich in der Erde geblieben bin, weil ich nicht den Himmel berührt habe und deshalb keine Seele mein Eigen nenne.«
Die Stimme der Drachin klang versonnen, leicht melancholisch; Rhapsodys bezaubertes Herz hatte indes niemals etwas so Trauriges vernommen. Kummer wallte in ihr auf und drohte sie zu verzehren. Ohne nachzudenken, sprang sie von dem Ruderboot und schlang weinend die Arme um Elynsynos’ Vorderbein.
»Nein«, rief sie, halb erstickt von dem Schmerz in ihrem Herzen. »Nein, Elynsynos, du irrst. Du hast mit Merithyn eine Seele geteilt, und ich bin sicher, dass ein Teil davon jetzt in dir ist. Du hast Kinder: Das ist ganz gewiss eine Form der Unsterblichkeit. Und du hast den Himmel sehr wohl berührt, denn du berührst auch jetzt ein Kind des Himmels. Mein Herz hast du so tief angerührt, dass wir für alle Zeiten miteinander verbunden bleiben werden. Ich werde deine Seele sein, wenn du eine Seele brauchst.«