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Zärtlich strich die Drachin mit einer Vorderklaue über das goldene Haar der Himmelssängerin. »Sei vorsichtig, Hübsche, es wäre nicht gut, wenn du dir einen neuen Namen gäbest. In dir ist eine Kraft, die dein Versprechen wirklich werden lassen könnte, und dann wärst du meine Sklavin. Aber ich bin froh, dass ich eine Seele habe und dass sie so eine Hübsche ist.«

Abermals streichelte sie Rhapsody, und die Sängerin setzte sich wiederum auf das Boot. »Du hast Recht, was meine Kinder angeht«, fuhr die Drachenfrau fort, »obgleich sie so fern zu sein scheinen, so fremd. Kaum kann ich glauben, dass es meine eigenen sind, vor allem bei Anwyn.

Die seelenlosen Rassen haben oft eine sehr starke Sehnsucht, Nachfahren zu zeugen, weil ihnen dies ja tatsächlich eine Art Unsterblichkeit verleiht. Deshalb hat der F’dor auch den Rakshas hervorgebracht. Er wollte Abkömmlinge, aber natürlich ist der Rakshas ein Bastard, denn der F’dor hätte seine eigene Lebensessenz öffnen müssen, um ein Kind zu zeugen, das wirklich sein Eigen wäre, und dies hätte ihn mehr geschwächt, als er es zulassen will. Aber ist das nicht bei allen Eltern so? Man tauscht einen Teil seiner Seele ein, um ein bisschen Unsterblichkeit zu erlangen?«

»Wahrscheinlich hast du Recht«, meinte Rhapsody und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Daran habe ich noch nie gedacht.«

»Es gibt viele Beweggründe selbstsüchtiger und selbstloser Art, aus denen heraus Kinder in die Welt gesetzt werden. Der F’dor wollte den Rakshas, um seine Wünsche in der Welt der Menschen durchzusetzen. Er ist ein Spielzeug, ein Werkzeug, das er einsetzt, um sein höchstes Ziel zu erreichen.«

»Und was ist dieses Ziel, Elynsynos? Trachtet er nach der Macht? Nach der Weltherrschaft?«

Elynsynos lachte leise. »Du denkst wie ein Mensch, Hübsche. Um die Beweggründe des F’dor zu verstehen, musst du wie ein F’dor denken soweit das überhaupt möglich ist, denn es gibt Mächte des Chaos, und ihre Absichten und Taten sind nicht leicht vorherzusagen. Die F’dor benutzen die Menschen auch als Werkzeuge, um ihre Ziele zu erreichen. Sie streben nicht danach, Macht zu erringen und über die Massen, zu herrschen oder ihre Feinde zu unterdrücken, nein. Sie haben nichts anderes als Tod und Zerstörung im Sinn, und die Reibungsenergie jeglicher Auseinandersetzungen verschafft ihnen Kraft und Vergnügen. Allerdings werden sie sich selbst zerstören, wenn sie ihr höchstes Ziel erreichen, denn sie streben ja danach, die Erde zu vernichten. Dann werden auch sie nur mehr in der Unterwelt existieren und in Albdrücken. Genau wie wir alle.«

11

Elynsynos’ Worte hallten durch die dunkle Höhle und hinterließen eine dröhnende Stille. Der Flammenschein von den Kronleuchtern flackerte über das Gesicht der Sängerin, das auf einmal leichenblass geworden war.

Die Drachin senkte langsam den Kopf, bis sie Rhapsody aus gleicher Höhe in die Augen sehen konnte. Voller Verständnis und Mitgefühl blickte sie die Sängerin an, doch ihr riesiges Gesicht blieb ernst.

»Was ist, Hübsche?«, fragte sie sanft, die Stimme nicht lauter als das Zirpen einer Grille.

»Woran erinnerst du dich?«

Rhapsody schloss die Augen; sie kämpfte mit der Erinnerung an den schrecklichsten Albtraum, den sie auf der Reise durch die Erde durchlitten hatte. Achmed hatte sie aus ihrem ruhelosen Schlaf geweckt und sie zu einem weitläufigen Tunnel gebracht, auf dessen Grund sie das Schlagen eines gigantischen Herzens hatte hören können, das im gemächlichen Rhythmus eines Winterschlafs gepocht hatte.

Es ruht etwas Schreckliches an diesem Ort, etwas, das mächtiger und entsetzlicher ist, als du es dir vorzustellen vermagst und dessen Namen ich nicht einmal zu nennen wage. Was tief in diesem Tunnel, im Bauch der Erde schläft, darf auf keinen Fall aufwachen. Niemals. Er hatte Angst gehabt zu reden, die Worte der uralten Geschichte auszusprechen; zum ersten Mal war er nicht unverschämt oder überheblich gewesen. Zum ersten Mal hatte sie Angst in seinen Augen wahrgenommen.

In der Vorzeit, als die Erde und das Meer entstanden, wurde der Urmutter aller Drachen, dem Urwyrm, ein Ei gestohlen ... Dieses Ei wurde hier, in der Erde, versteckt gehalten, und zwar von dämonischen Wesen, die dem Feuer entsprungen waren ... Der kleine Wyrm, der dem Ei entschlüpft ist, hat hier in den gefrorenen Tiefen der Erde gelebt. Er wurde größer und größer, bis er mit seinem Leib das Herz der Welt umschlingen konnte. Der Wurm ist ein angeborener Bestandteil der Erde, sein Körper Teil der Weltmasse. Noch schläft er, doch schon bald wird sich dieser Dämon regen und zur Oberfläche aufsteigen ... Genau darauf haben es die Diebe angelegt, die das Ei hier versteckt haben. Es wartet nur noch auf den Befehl des Dämons, der bald erfolgen wird dessen bin ich mir sicher. Das weiß ich, weil der Dämon versucht hat, mich zu seinem Werkzeug zu machen.

Was, wenn die Bestie diesen Ruf nicht hört?, hatte sie gefragt. Wenn wir dafür sorgen könnten, dass der Ruf ungehört bleibt, würde sie vielleicht weiter schlafen und keine Antwort geben. Fürs Erste jedenfalls.

Sie hatten Schritte unternommen, den Schlaf des Wyrms zu verlängern, hatten ein Netz aus Tönen im Tunnel gewoben, hatten endlose disharmonische Melodien ersonnen, die den Ruf des Dämons stören sollten. Doch Achmed hatte sie gewarnt, dass auch diese Lösung nur eine zeitlich begrenzte sei.

Aber damit wäre nur Zeit gewonnen. Ihn vollständig zu vernichten wird weder uns noch irgendjemandem sonst jemals gelingen.

»Es schläft noch«, sagte Elynsynos und riss Rhapsody aus ihren Grübeleien. Ihr Herz pochte; die Drachin hatte ihre Gedanken gelesen. Das große Biest lachte leise, als es den panischen Ausdruck bemerkte, der über Rhapsodys Gesicht huschte. »Nein, Hübsche, ich kann nicht all deine Gedanken erkennen, nur dann, wenn du an das Schlafende Kind denkst.«

Rhapsody blinzelte. »Ich habe nicht an das Schlafende Kind gedacht«, entgegnete sie. »Ich habe ...«

»Sprich es nicht aus. Ich weiß, was du im Innern der Erde gesehen hast. Gerade ging dir etwas durch den Kopf, wovon nur Drachen und F’dor etwas wissen, etwas Unendliches und Uraltes, was bei meiner Rasse heilige Abscheu hervorruft. Du bist zufällig darauf gestoßen. Jetzt gehörst du zu den wenigen Lebewesen, die wissen, dass es existiert.

Die Kreatur, die gerade in deinen Gedanken war, ist das Gegenstück zu deinem Lebensspender. Es war das Erste Kind unserer Rasse, als Ei entführt und von Kreaturen aufgezogen, die unser Gegenstück waren wo wir die Erde und ihre Reichtümer lieben und verehren, gieren die F’dor nach ihr, um ihre eigenen lachhaften Gelüste zu befriedigen. Dieses Kind ist kein Wyrm mehr; die F’dor haben es vergiftet, haben es in Besitz genommen, wie sie es auch mit menschlichen Wirten tun. Jetzt ist es Teil der Erde, ein großer Teil sogar, und wird sich eines Tages erheben und die Erde als sein Eigen beanspruchen. Wenn das unser Schicksal ist, soll es so sein. Aber es ist ein heiliges Geheimnis, eines, das kein Drache ausspricht, außer in den Gebetsliedern. Wir beten, dass das Erste Kind weiterschlafen möge dafür gibt es Drachenlieder. Ein Schlaflied für das Schlafende Kind.«

»Das Schlafende Kind«, murmelte Rhapsody nachdenklich. »Im überlieferten Wissen Serendairs hatten diese Worte eine andere Bedeutung. In unseren Legenden war das Schlafende Kind Melita, ein Stern, der vom Himmel fiel. Er stürzte nahe der Insel ins Meer und riss viel von dem, was einst Land war, für immer mit sich in die Tiefe. Aber das Meer konnte ihn nicht auslöschen, er blieb vielmehr unter den Wogen liegen, in unverbrauchtem Feuer kochend, bis er sich schließlich erhob ...« Ihre Stimme zitterte und erstarb. Als sie sich wieder in der Hand hatte, fuhr sie fort. »Er erhob sich und nahm die gesamte Insel mit sich in die Tiefe dieses Mal im Prasseln eines vulkanischen Feuers.«

»Vielleicht steht der Name, wie auch immer er verwendet wird, für die Prophezeiung des Untergangs unserer jeweiligen Rassen«, meinte Elynsynos. »Merithyn pflegte mir ein Lied aus deiner Heimat vorzusingen, in dem auch das Schlafende Kind vorkam. Möchtest du, dass ich dir die Worte aufsage?«