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»Ja, bitte.«

Die große Drachin setzte sich auf und räusperte sich mit einem mächtigen Husten, dass die Kronleuchter über ihnen klirrten und hektische Wellen rückwärts über die Lagune liefen, im selben wilden Rhythmus, in dem auch Rhapsodys Herz pochte. Als Elynsynos nun sprach, geschah dies nicht mehr in den mehrstimmigen Tönen, in denen sie Rhapsody zum ersten Mal angeredet hatte; indes ertönte ein tiefer, melodischer Bariton, eine wohlklingende Stimme, die Magie in sich trug und den Klang uralter, längst vergangener Zeiten. Merithyns Stimme.

Das Schlafende Kind, sie, die Jüngstgeborene, Lebt weiter in Träumen, doch weilt sie beim Tod, Der ihren Namen in sein Buch zu schreiben gebot, Und keiner beweint sie, die Auserkorene.

Die Mittlere, sie liegt und schlummert leise,

Zwischen dem Himmel aus Wasser und treibendem Sand,

Hält stille, geduldig, Hand auf Hand,

Bis zu dem Tag, an dem sie antritt die Reise.

Das älteste Kind ruht tief, tief drinnen im immerstillen Schoß der Erden. Noch nicht geboren, doch mit seinem Werden Wird das Ende aller Zeit beginnen.

Die Worte hallten von den Höhlenwänden wider und hingen in der abgestandenen Luft, vibrierten in der Stille. Rhapsody schwieg, denn sie fürchtete, ihr Herz werde zerbersten, wenn sie auch nur einen Ton von sich gäbe. Endlich sprach die Drachenfrau.

»Als meine Töchter geboren wurden, waren ihre Augen geschlossen, wie bei kleinen Kätzchen«, begann Elynsynos, und ihre mehrtönige Stimme war zurückgekehrt. »Sie schienen zu schlafen, und einen Augenblick dachte ich, sie wären die drei Kinder aus der Prophezeiung, aber natürlich konnte das nicht stimmen. Ich wusste ja wie jeder Drache, wer das erstgeborene Kind war. Merithyn hatte das Schlafende Kind vor seiner deiner Heimatküste erwähnt. Das wäre das mittlere, nehme ich an.«

»Gibt es denn tatsächlich noch ein anderes?«, erkundigte sich Rhapsody nervös. »Noch ein Schlafendes Kind? Das jüngste?«

»Offenbar«, antwortete Elynsynos lächelnd. Der Anblick des gewaltigen, zu einem Grinsen verzogenen Mauls, in dem die schwertartigen Zähne im blassen Licht schimmerten, war gleichzeitig liebenswert und grausig. »Es hat außerdem den Anschein, als könnte jedes dieser Schlafenden Kinder zum Werkzeug der F’dor werden zu etwas, das hilft, das Ende der Welt herbeizuführen, sie auf die eine oder andere Art zu vernichten.«

»Ich habe immer gebetet, dass der Aufstieg des mittleren Kindes, das die Insel zerstört hat, das Ende dieser Geschichte bedeuten möge«, sagte Rhapsody. »Wir dachten, die F’dor planten, das heraufzubeschwören ...« Als Rhapsody den warnenden Ausdruck bemerkte, der sich blitzschnell auf dem Gesicht der Drachin ausbreitete, brach sie rasch ab. »Wir dachten, der F’dor, von dem Achmed wusste, dass er sich in der alten Welt aufhielt, sei tot. Sein letzter übrig gebliebener Diener, eines der tausend Augen, die er die Shing nannte, erzählte uns das, ehe er sich auflöste; er sagte, der F’dor sei tot, als Mensch wie als Dämon. Und das bedeutete, dass das ... das, was wir befürchteten, vielleicht niemals geschehen würde.«

Die mächtige Drachin streckte sich, und ein Schauer aus Licht flackerte über die Millionen Kupferschuppen hinweg. »Der Dämon, den er kannte, ist vielleicht wirklich zerstört, genau wie ihr angenommen habt. Aber das spielt keine Rolle jeder F’dor würde das Geheimnis des Wyrms kennen, würde wissen, wie er gerufen werden kann, wenn er stark genug geworden ist.«

»Und der, den du vorhin erwähnt hast, Elynsynos? War das ein anderer Dämon? Nicht derjenige, den Achmed kannte?«

»Ich weiß es nicht. Möglicherweise hat es noch einen anderen gegeben, der entflohen ist, als der Stern unter den Meereswellen explodierte. Das ist schwer zu sagen, Hübsche. Nicht viele haben seit der Morgendämmerung der Zeit überlebt, aber sie kommen ohne Warnung, verstecken sich in ihrem Wirt, warten ab und sammeln Kraft, während ihr Wirt erstarkt. Wenn sie genug Kraft in sich tragen, suchen sie sich einen neuen, noch stärkeren Wirt für gewöhnlich einen jüngeren. Ein F’dor kann nur jemanden in Besitz nehmen, der schwächer oder von ähnlicher Stärke ist; er kann niemanden beherrschen, der größere Macht hat als er selbst.«

Rhapsody nickte. »Weißt du, wer es jetzt ist, Elynsynos?«

»Nein, Hübsche. Er hat seinen Wirt im Lauf der Jahre oft gewechselt. Ich spüre ihn zwar, wenn er in der Nähe ist, aber er ist weit weg geblieben, wahrscheinlich, weil er das weiß. Es könnte irgendjemand sein.

Wenn du dir von all den Dingen, die ich dir gesagt habe, eines merken solltest, dann dieses:

Sie sind meisterhafte Lügner, und das arbeitet gegen dich, denn als Benennerin bist du auf die Wahrheit eingeschworen. Ihre größte Macht liegt darin, die Vorzüge ihres Wirts für sich zu nutzen; in unserem Fall konnten sie die von Natur aus zerstörerische Natur der Drachen für ihre Belange einsetzen und daraus eine Waffe zum Erreichen ihrer eigenen bösen Ziele machen. Das Gleiche werden sie bei dir versuchen, nur werden sie es auf deine Wahrheitsliebe abgesehen haben. Nimm dich in Acht, Hübsche. Sie sind wie ein Gast in deinem Bau, von dem du erst zu spät merkst, dass er deine Vorratskammer geplündert hat.«

»Llauron hat mir von einer Prophezeiung Manwyns über einen ungebetenen Gast berichtet«, sagte Rhapsody nachdenklich. »Könnte es sich dabei um den F’dor gehandelt haben?«

Die Luft um die Drachin summte ein Zeichen, wie sehr sie sich für diesen Gedanken erwärmte. »Ich kenne diese Prophezeiung nicht.«

Rhapsody schloss die Augen und versuchte sich an die Nacht im Wald zu erinnern, als Llauron ihr von der Prophezeiung erzählt hatte. Auch Achmed und Grunthor waren dabei gewesen. Sie kramte in ihrem Tornister und zog ein kleines Tagebuch hervor, in dem sie einiges von dem aufgezeichnet hatte, was sie in dieser neuen Welt erfahren hatte. »Hier ist sie«, sagte sie schließlich und las vor:

Er geht als einer der Letzten und kommt als einer der

Ersten, Trachtet danach, aufgenommen zu werden, ungebeten,

an neuem Ort.

Die Macht, die er gewinnt, indem er der Erste ist, Ist verloren, wenn er als Letzter in Erscheinung tritt. Unwissend spenden die, die ihn aufnehmen, ihm

Nahrung,

In Lächeln gehüllt wie er, der Gast; Doch im Geheimen wird die Vorratskammer vergiftet.

Neid, geschützt vor seiner eigenen Macht Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren,

und niemals wird dies geschehen, Wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet. Elynsynos seufzte. »Manwyn war schon immer ein seltsames Wesen«, murmelte sie. »Ich weiß nicht, warum sie nicht einfach sagt, was sie meint. Ja, Hübsche, es klingt, als wäre der F’dor damit gemeint. Für einen Dämon ist die Vermehrung mit sehr viel Macht und Wagnis verbunden. Wenn er es durch den Körper eines menschlichen Wirts versucht, schwächt er sich selbst, bricht seine Lebensessenz auf und gibt etwas davon an das Kind weiter. F’dor sind viel zu gierig und machthungrig, um etwas von ihrer Stärke aufzugeben, deshalb müssen sie auf andere Methoden der Fortpflanzung zurückgreifen.«

»Wie zum Beispiel die Erschaffung des Rakshas?« »Ja, meine Hübsche, meine Seele. In gewisser Weise unterscheidet sich der F’dor nicht von den alten Drachen, was die Vermehrung außerhalb ihrer Rasse angeht. Als uns klar wurde, dass es ein Fehler war, nicht die Gestalt des Schöpfers anzunehmen, versuchten wir, diesen Fehler wieder gutzumachen. Eigentlich ist es eine Ironie; die wenigen Menschen, die Drachenblut in sich haben, wollen nicht menschlicher werden, sondern haben im Allgemeinen den Wunsch, ihre Menschengestalt aufzugeben und Drachenform anzunehmen, was bedeutet, dass sie ihre Seele opfern. Da die Drachen sich nicht mit Angehörigen der Rassen der Drei vermehren konnten, versuchten sie, eine menschenähnliche Rasse aus den wenigen Bruchstücken des Lebendigen Gesteins zu erschaffen, die nach dem Bau des Kerkers noch übrig waren. Außergewöhnlich und schön waren die Kreaturen, die dabei entstanden. Kinder der Erde nannte man sie, und sie hatten menschliche Gestalt, oder zumindest waren sie den Menschen so ähnlich, wie die Drachen es eben fertig brachten.