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In mancherlei Hinsicht waren sie brillante Geschöpfe, in anderer abscheulich, aber jedenfalls konnten sie sich mit den Dreien mischen. Anders als der Rakshas hatten die Kinder der Erde eine Seele, denn im Gegensatz zu den F’dor waren die Drachen willens, einen Teil ihrer Lebensessenz dafür zu geben, um sie hervorzubringen. Ihre Nachkommen, die Älteren Rassen, die sie ins Leben riefen, sind die Erdgeborenen, die in ihrem Schoß leben wollen, deren Seelen jedoch den Himmel berühren.«

Rhapsody kritzelte eifrig in ihr Tagebuch. »Und welche Form nehmen diese Rassen an?«

»Die Nachkommen der Kinder der Erde und die Seren bildeten eine Rasse, die man Gwadd nennt, kleine, zierliche Menschen, eng mit der der Erde innewohnenden Magie verbunden. Eine Mischung von Erde und Sternen.«

Jetzt hielt Rhapsody im Schreiben inne und blickte traurig auf. »Ich erinnere mich an die Gwadd aus der alten Welt«, sagte sie wehmütig.

»Sie sind mir die Liebsten unter den Drachenenkeln«, meinte Elynsynos. »Auch die Nain mag ich ganz besonders. Die Nain waren die Abkömmlinge der Kinder der Erde und der Mythlin.

215

Sie sind Naturbegabte Bildhauer und Bergleute, talentiert für alles, was mit Stein zu tun hat, denn sie haben von einem Elternteil das Wissen über die Erde und vom anderen das Wissen über das Meer geerbt. Für sie ist Granit wie eine Flüssigkeit; es gibt unter ihren Händen bereitwillig nach.«

Rhapsody nickte und machte sich wieder Notizen. »Und die Kith? Hat die Rasse des Windes auch Erdgeborene Kinder hervorgebracht?«

»Ja«, antwortete Elynsynos. »Ihre Vereinigung schuf eine Rasse, die man Firbolga nennt, wörtlich übersetzt Wind der Erde.«

Vor Erstaunen blieb der Sängerin der Mund offen stehen. »Firbolga? Firbolg? Die Bolg stammen von den Drachen ab?«

»Nun ja, in gewisser Weise. Aber sie sind eher eine Art adoptierter Enkel, denn die Kinder der Erde wurden ja von den Drachen aus dem Lebendigen Gestein geformt, ohne direkte Verbindung zu ihrem Blut zu haben. Die Kith waren eine harte Rasse, und die Bolg sind es auch, aber sie lieben die Erde von Herzen. Ich mag sie, trotz ihrer grobschlächtigen Art. Von allen Erdgeborenen haben sie am meisten mit ihren Wyrm-Vorfahren gemeinsam.«

Rhapsody lachte. »Wahrscheinlich könnte ich wirklich die Seele eines Drachen sein«, meinte sie. »Ich habe selbst ein Dutzend Firbolg-Enkel adoptiert.« Ihr Gesicht wurde wieder ernst.

»Deshalb muss ich dich jetzt auch etwas fragen, Elynsynos.«

»Was denn, Hübsche?«

»Du hast nicht vor, die Bolg irgendwie dafür zu bestrafen, dass sie den Krallendolch behalten haben, oder?«

»Selbstverständlich nicht. Nur weil ich ein Drache bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich böse und rachsüchtig bin.« Eins der riesigen Augen schloss sich, und die Drachenfrau betrachtete Rhapsody mit dem offen gebliebenen durchdringend. »Hast du etwa diesen Schund von der Verheerung des Wyrms gelesen?«

Im Licht der Kronleuchter errötete Rhapsody. »Ja.«

»Es ist ausgemachter Unsinn. Den Schreiberling, der das verbrochen hat, hätte ich bei lebendigem Leibe fressen sollen.

216

Als Merithyn starb, spielte ich mit der Idee, den Kontinent in Flammen aufgehen zu lassen, aber du weißt selbst, dass ich es nicht getan habe.«

»Ja, ich habe es auch nicht wirklich geglaubt.«

»Glaube mir, wenn ich auf Verheerung aus wäre, dann wäre dieser Kontinent nichts als ein großes, schwarzes Loch, das noch heute qualmt.«

Rhapsody schauderte. »Ich glaube dir. Und ich bin froh zu hören, dass du die Bolg nicht für schuldig hältst.« Vor ihrem inneren Auge erschienen die Gesichter ihrer Freunde und ihrer Enkel. »Und so gern ich auch für immer bei dir bleiben würde, muss ich wirklich zu ihnen zurückkehren.«

»Du willst jetzt gehen?«

»Ich sollte mich auf den Weg machen«, seufzte Rhapsody. »Obwohl ich gern länger bleiben wollte.«

»Wirst du zurückkommen, Hübsche?«

»Ja, ganz gewiss«, antwortete Rhapsody. Dann dachte sie an Merithyn. »Wenn ich am Leben bin, Elynsynos. Das Einzige, was mich daran hindern könnte, dich aufzusuchen, wäre mein Tod.«

Die Drachin begleitete Rhapsody zurück zum Tunnel. »Du darfst nicht sterben, Hübsche. Wenn du stirbst, wird mein Herz brechen. Ich habe meine einzige Liebe verloren. Ich möchte nicht meine einzige Freundin auch noch verlieren.« Vor einer der Galionsfiguren blieb sie stehen; die Figur war mit Salz verkrustet, und die Farbe blätterte ab. »Diese hier stammt von Merithyns Schiff.«

Nachdenklich betrachtete Rhapsody die Holzstatue, eine goldhaarige Frau, nackt von der Taille aufwärts, mit ausgestreckten Armen, die ins Nichts griffen. Ihre vom Wasser gebleichten Augen waren grün wie das Meer.

»Sie sieht aus wie du«, stellte Elynsynos trocken fest. Zweifelnd blickte Rhapsody auf den üppigen Busen der Figur und dann auf ihre eigene Brust. »Nicht mal an meinen besten Tagen, aber trotzdem vielen Dank.«

12

Die Dunkelheit in den unterirdischen Tunneln war so allgegenwärtig, dass sie die Großmutter vor sich, die sie tiefer in die Erde hineinführte, kaum zu sehen vermochten. Gelegentlich hörte Grunthor ein Rascheln ihres Gewandes oder ein Knirschen, wenn ihre bloßen Füße etwas auf dem Boden zertraten, aber im Großen und Ganzen bewegte sie sich lautlos und nahezu unsichtbar im Schein der ersterbenden Fackel.

Eben dieser Schein erhellte die Tunnelwände nur sehr dürftig, aber was sie erblickten, weckte in Achmed und Grunthor den Wunsch, sie würden langsamer gehen und hätten die Gelegenheit, sich genauer umzusehen. Anders als die von Grunthor ausgehobenen Gänge waren diese vor Jahrhunderten entstanden und trugen die Handschrift durchdachter architektonischer Planung, auch wenn diese ganz anders als die der Cymrer zu sein schien. Die Korridore waren glatt und ebenmäßig, geschmückt mit den Überresten uralter Reliefs, allesamt überzogen von einer dicken Schicht aus feuchtem Ruß und Asche, den Nebenprodukten der Schmieden, in denen Eisen geschmolzen wurde. So lange es auch her sein mochte, dass sie geplündert worden waren, blieb ihr Geruch dennoch erhalten und war inzwischen ein dauerhafter Bestandteil der steinernen Gänge mit ihrer abgestandenen Luft. Nach einer Weile öffnete sich der Tunnel vor ihnen in eine riesige Höhle. Die Basaltdecke war annähernd so hoch wie die des Loritoriums, aus der Erde selbst gehauen und poliert. Über dem Eingang zu einer tiefer in der Höhle gelegenen Kammer spannte sich ein immenser Torbogen, in den Worte eingemeißelt waren. Die Buchstaben, jeder so groß wie ein Mann, entstammten keiner den Firbolg bekannten Schrift. Die Höhlenwände waren ebenfalls von Rauch und Ruß geschwärzt. Von dieser Höhle zweigten Gänge in alle Richtungen ab.

Vor der Kammer blieb die Großmutter stehen und deutete mit ihrem langen, knochigen Finger auf die massive Inschrift des Bogens. »Lass das, was in der Erde ruht, ungestört schlafen; sein Erwachen kündet von ewiger Nacht«, übersetzte sie. Wieder sprach sie wortlos mit zwei verschiedenen Stimmen. Grunthor und Achmed schauderte es innerlich, als sie an ihre Reise entlang der Axis Mundi denken mussten. Auch sie hatten etwas gesehen, was tief in der Erde schlummerte, und sie pflichteten der Bedeutung der hier eingemeißelten Worte von Herzen bei.

Wieder faltete die Großmutter die Hände und beäugte die beiden Fremdlinge voller Ernst.

»Dieser Ort wurde in seiner Zeit als Kolonie bezeichnet«, erklärte sie in ihrer zischenden und schnalzenden Sprache ohne Worte. »Vor dem Ende war es ein Stadtstaat aus Dhrakiern. Löscht eure Fackel. Ich werde euch jetzt zeigen, warum meine Ahnen die Kolonie an dieser Stelle gebaut haben.«