Nach drei Tagen Wanderung durch Regen und Schlamm gelangten sie zu einer Lichtung. In der Ferne hörte Rhapsody den Klang fallenden Wassers, aber aus irgendeinem Grund war die genaue Richtung nicht leicht festzustellen. Nach einer Weile war sie überzeugt, dass sie im Kreis gingen, denn sie waren soeben zum dritten Mal am selben Haselstrauch vorbeigekommen. Mitten auf dem Waldweg blieb sie stehen.
»Haben wir uns verirrt?«
»Nein.«
»Warum führst du mich dann im Kreis herum?«
Ashe seufzte, und Rhapsody glaubte ein Lächeln in seiner Stimme zu hören, als er antwortete:
»Ich habe einen Augenblick ganz vergessen, dass du eine Lirin bist. Kein anderer hätte es bemerkt.«
»Und?«, beharrte sie ein klein wenig verärgert.
Er schwieg einen Augenblick. »Tut mir Leid«, antwortete er dann. »Ich erkläre es dir, wenn wir zu unserem Unterschlupf kommen.«
»Unserem Unterschlupf?«
»Ja, es gibt da eine Stelle, an der wir unser Nachtlager aufschlagen werden, eine Stelle, wo wir baden können und zumindest einer von uns in einem Bett schlafen kann. Beide, wenn du dazu bereit bist.« Der neckende Unterton war in seine Stimme zurückgekehrt.
»Aber du willst verhindern, dass ich diese Stelle später wieder finde.«
Wieder seufzte Ashe. »Ja.«
Auch Rhapsody seufzte. »Würde es helfen, wenn ich die Augen schließe?«
»Das ist nicht notwendig«, lachte Ashe. »Komm, ich zeige dir, wo es ist.«
Das Brausen des Wassers wurde lauter, als sie zu einem Wäldchen mit Eschen und blühenden Holzapfelbäumen gelangten. Rhapsody war wie verzaubert, duckte sich unter einem Ast hindurch und trat in das Wäldchen, wo sie sich langsam umdrehte und sich an den zarten rosaroten und weißen Blüten und dem blassen Grün der frischen Frühlingsrinde ergötzte. Die Nachmittagssonne brach durch das Blätterdach, und Rhapsody streckte die Hände aus, als wollte sie ihre Strahlen einfangen. Die Waldluft war süß, reich vom Duft des gefallenen Regens.
»Welch ein wunderschöner Ort«, murmelte sie. »Kein Wunder, dass du ihn für dich behalten willst.«
Ashe lächelte. »Ich möchte ihn aber gar nicht für mich behalten«, widersprach er.
»Schließlich bist du ja hier, oder etwa nicht?«
»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Rhapsody, die immer noch staunend um sich blickte.
»Vielleicht träume ich ja.«
»Das glaube ich nicht«, entgegnete Ashe. »Ich habe deine Träume schon des Öfteren miterlebt, und ich bezweifle stark, dass sie so aussehen.« Rhapsody zuckte zusammen. Natürlich hatte er Recht, aber die Erinnerung daran, wie beunruhigend ihre Albträume sein konnten, ließ sie vor Verlegenheit erröten. So entschloss sie sich, in dieser Nacht möglichst weit weg von ihm zu schlafen.
Sie wanderten weiter in das Tal hinein; das Lied der Vögel wurde lauter und wetteiferte mit dem Wasserrauschen, das ihr zuvor schon aufgefallen war. Endlich erhaschte sie einen Blick auf einen Wasserfall. Er ergoss sich in vier Etappen über einen versteckten Abhang. Der Bach, den er bildete, floss in eine tiefe Schlucht; der Frühlingsregen ließ ihn kräftig anschwellen.
»Zeig mir mal deine Stiefel«, verlangte Ashe. Rhapsody beugte die Knie und hielt eine Sohle hoch. Anscheinend zufrieden gestellt, nickte er. »Dieses Mal musst du meine Hand nehmen, Rhapsody. Die Schlucht ist steil und der Schiefer um den Wasserfall herum äußerst schlüpfrig. Du wirst nicht genug Halt finden, aber wenn du mir deine Hand gibst, verspreche ich dir, dich nicht zu tragen, wenn ich es vermeiden kann.«
Sein Ton war leicht, aber Rhapsody wusste, dass er es ernst meinte; er würde sein Versprechen halten.
»Wie willst du wissen, wo ich Halt finde?«, scherzte sie ebenfalls. »Bist du etwa auch der Allgott?«
Ashe lachte. Rhapsody gab ihm ihre Hand, wobei sie bemerkte, dass er einen Blick auf ihr Handgelenk warf, wie er es immer tat, wenn ihre Hände sich berührten. So führte er sie zum Wasser. »Man hat mir schon einiges vorgeworfen, aber das noch nicht.«
Sie wateten durch den Bach und glitten nur ein einziges Mal aus. Rhapsody war froh, dass er sie festhielt, als sie in die Schlucht hinunterblickte. Sicher geleitete er sie ans andere Ufer, wo Büsche und Kraut die Felswand des Hügels flankierten. Dort hielt Ashe einen großen Ast für sie zur Seite und trat zurück, sodass sie vorgehen konnte.
Sie befand sich in einem verborgenen Teil des Tals, wo es dunkler war. Ihre Augen brauchten eine Weile, bis sie sich angepasst hatten; dann merkte sie, dass vor ihr eine kleine Hütte aufragte. Sie war aus Stein gebaut, das Dach schien aus Torf zu bestehen. Durch die Blumen und Gräser des Waldes, die auf dem Dach und um die Hütte herum wucherten, war sie kaum zu erkennen, schmucklos, mit nur einem Fenster und einer Tür. Neben ihr hatte sich ein großer Teich vom Rückfluss des Wasserfalls gebildet.
»Bleiben wir hier?«
»Ja. Ist das in Ordnung?«
»Ich finde es wundervoll«, sagte Rhapsody und lächelte ihn an. »Ich hätte nie gedacht, dass es hier eine Hütte gibt.«
»Genau das war meine Absicht«, entgegnete Ashe freundlich, nahm sie abermals bei der Hand und führte sie zu der Hütte hinüber. »Dies ist der einzige Ort auf der Welt, an dem ich meinen Umhang ablegen und ein gewöhnlicher Mensch sein kann jedenfalls der einzige Ort an Land. Wenn ich auf See bin, trage ich auch keinen.«
Rhapsody verstand die Bemerkung nicht ganz. Wenn der Nebel des Umhangs Ashes Schwingungen verbarg, dann musste es das Wasser sein, das ihn vor den Blicken seiner Verfolger verbarg. Sie erinnerte sich, dass Ashe einmal etwas Derartiges erwähnt hatte. Allmählich klärten sich die Dinge in ihrem Kopf; kein Wunder, dass Achmed sich in Ashes Gegenwart unwohl fühlte. Er konnte ihn mit seinen Schwingungssinnen nicht wahrnehmen. Das Rauschen des Wasserfalls musste die gleiche Wirkung haben, noch dadurch verstärkt, dass er in dieser versteckten Schlucht lag. Doch dann kam ihr ein Gedanke.
»Nein, das ist nicht der einzige Ort«, sagte sie aufgeregt. »In meinem Haus wärst du auch in Sicherheit.«
Ashe schauderte. »Im Kessel? Nein danke.«
Rhapsody schubste ihn zum Spaß. »Mein Haus liegt nicht im Kessel«, erwiderte sie. »Und ich denke, es ist noch schwerer zu finden als dieser Ort hier.«
»Ach ja?« Ashes Ton klang unverbindlich. Er öffnete die Tür und hielt sie aufgesperrt, damit die Brise vom Wald für ein wenig frische Luft sorgen konnte. Rhapsody spähte hinein. Der Raum war klein, mit einem zerwühlten Einzelbett und einem winzigen Kamin. Außerdem gab es einen Wandschrank ohne Tür, vom Zimmer mittels eines verschlissenen Vorhangs abgeteilt; in dem Schrank konnte sich eigentlich nicht viel befunden, denn auf dem Boden lagen in chaotischer Unordnung alle möglichen Dinge verstreut. Auf jeder horizontalen Fläche stand gebrauchtes Geschirr herum, vermischt mit Socken und Unterwäsche; eine ungewaschene Garnitur hing sogar am Garderobenhaken. Verdutzt über die Schlamperei blickte Rhapsody sich um.
»Himmel, das ist also deine Unterkunft?«, fragte sie ungläubig. »Wie willst du hier drin auch noch Platz finden?«
»Ganz einfach«, erwiderte Ashe abwehrend, jedoch mit einem Lachen in der Stimme. »Nur zu deiner Kenntnis: Die Hütte hat genau die richtige Größe für eine Person und vielleicht noch einen nachsichtigen Gast dazu. Alle anderen müssen draußen schlafen.«