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»Ja«, antwortete er nachdenklich. »Obgleich sie die einheimische Bevölkerung nicht mit Gwylliams Sinnspruch begrüßten, denke ich, dass ein eingeborener Seren, der Serendair vor der Katastrophe verlassen hat, dennoch als Cymrer gilt. Auch die Mitglieder der Zweiten Flotte taten das nicht; sie landeten in Manosse oder Gaematria und setzten erst viele Generationen später Fuß auf diesen Kontinent, damals, als der Große Rat einberufen wurde. Und sie sind Cymrer, sie fühlten es tief in ihrer Seele, als das Hörn sie rief, sich beim Großen Gerichtshof zu versammeln. Ja, ich denke, alle, die einmal in Serendair lebten und es verließen, sind Cymrer der Ersten Generation.«

Rhapsody wandte sich von ihm ab und hängte ihren Umhang an den Haken bei der Tür, damit er nicht sehen konnte, wie schwer sie schluckte. »Vermutlich bin ich nach dieser Regel eine Cymrerin der Ersten Generation«, sagte sie, während sie die Falten des Mantels glatt strich und den Staub ausklopfte. Dann drehte sie sich wieder zu Ashe um. Aufmerksam studierte sie sein Gesicht, aber in seine Augen trat kein triumphierendes Funkeln, nur ein kleines Lächeln.

»Wie gelang es dir zu überleben? Wohin gingst du? Es muss ein Ort gewesen sein, den du mit dem Ruderboot oder der Fähre erreichen konntest, da du gesagt hast, du seist nie mit einem anderen Schiff gereist. Wie bist du hierher gekommen, eine halbe Welt entfernt?«

»Das sind aber mehr als nur zwei Fragen«, erwiderte Rhapsody hastig. Die Erinnerung an die endlose Reise durch die Eingeweide der Erde drang auf sie ein. Sie schüttelte sich, denn sie wollte nicht daran denken, wie es gewesen war, an der Axis Mundi entlangzukriechen; dennoch, das Gefühl lauerte nach wie vor dicht unter der Oberfläche ihres Bewusstseins. Sie musste sich anstrengen, den Gedanken zu verscheuchen, aber wenn sie es nicht täte, würde eine fast unüberwindliche Verzweiflung sie überrollen. »Außerdem dachte ich, wir hätten uns darauf geeinigt, Gespräche über die Vergangenheit so weit wie möglich zu vermeiden.«

»Entschuldige«, lenkte Ashe hastig ein. »Danke, dass du mir so viel erzählt hast.«

Rhapsody beäugte ihn beklommen. »Gern geschehen. Nachdem du mir nun diese Information entlockt hast ... was gedenkst du damit anzufangen?«

Ashe stand auf. »Baden.«

Wieder starrte Rhapsody ihn an. »Das ist alles? Die ganze lange Reise über hast du nichts unversucht gelassen, um mir diese Antwort aus der Nase zu ziehen, und jetzt willst du baden?«

»Ja«, erwiderte Ashe mit einem Lachen. »Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, musste ich mit dem Nebel meines Mantels vorlieb nehmen, um mich zu waschen, während du jede geschützte Stelle im Fluss und jeden abgelegenen Teich genutzt hast, um zu schwimmen; das ist wohl kaum gerecht und auch bestimmt nicht ersprießlich, wenn wir die Nacht heute in diesem kleinen Zimmer verbringen wollen. Wenn du mich also entschuldigen würdest, werde ich jetzt baden gehen.« Staunend sah Rhapsody zu, wie er einen Lappen vom Boden aufhob, der in weniger schäbigen Zeiten vielleicht einmal ein Handtuch gewesen war, und pfeifend aus der Hütte ging.

Ashe hatte gerade seine Hose wieder zugebunden, als die Tür sich öffnete und ein Hagel von Schmutz und Abfall aus der Hütte flog. Offenbar hatte Rhapsody einen großen Ast gefunden, den sie als Besen hernehmen konnte, und fegte jetzt das Zimmer mit einer Kraft, die sich mit jedem Wirbelsturm hätte messen können. Einen kurzen Augenblick erschien sie vor der Hütte, und ihre Blicke begegneten sich. Erschrocken hielt sie inne und starrte auf Ashes Brustkorb.

Vom Nabel bis zur linken Schulter zog sich eine hässliche Wunde, schwarz und unregelmäßig, eitrig und rot entzündet.

Sie schien alt, aber nie richtig verheilt zu sein, roh und offen, verbranntes Fleisch, das unter verkohlter Haut Blasen schlug. Blaue Venen liefen strahlenförmig über die Brust und bildeten über dem Herzen eine Art Stern. Der Anblick trieb Rhapsody Tränen in die Augen.

Normalerweise würde ich dir in einem solchen Fall das Herz herausreißen, obwohl es bei dir ganz danach aussieht, als hätte das schon jemand anderes erledigt. Rasch wandte Ashe sich ab und zog sich das Hemd über den Kopf. Als er wieder zur Hütte schaute, war Rhapsody verschwunden. Er fuhr sich mit der Hand durch die frisch gewaschenen Haare und wartete, ob sie noch einmal auftauchen würde, aber sie kam nicht. Schließlich beschloss er, das unbehagliche Schweigen zu brechen.

»Rhapsody?«

Sofort war sie wieder an der Tür. »Ja?«

Er zeigte zum Teich. »Ich habe ein Stück eingedämmt, damit sich eine kleine Lagune bildet, wenn du baden möchtest.«

Ihr Gesicht hellte sich auf. »Wunderbar! Danke, ich komme gleich raus.« Sie verschwand in der Hütte und erschien kurz darauf mit einem vollen Wäschekorb. Entsetzt starrte er sie an, denn die Sachen gehörten ihm.

»Was machst du da?«

»Die Wäsche.« Sie ging sie zu dem kleinen Teich, den er für sie zum Baden angelegt hatte, und ließ ein Kleidungsstück nach dem anderen hineinfallen, gefolgt von einem großen Stück Seife. Eine verdreckte Hose, ein Hemd mit einem großen Fettfleck und mehrere Garnituren gebrauchter Unterwäsche landeten zu Ashes großer Verlegenheit im Wasser. Mit großen Schritten eilte er zu Rhapsody und griff nach dem Korb.

»Hier, gib her. Das mache ich lieber selbst.«

Rhapsodys Augen funkelten. »Unsinn! Du hast mir die Stelle des Dienstmädchens angeboten, und ich habe sie angenommen, wenigstens für heute. So bezahle ich dich auf meine Art für deine Dienste als Führer. Wäschewaschen gehört dazu. Überhaupt wenn du die Kleider, die du anhast, auch noch gewaschen haben möchtest, dann zieh sie einfach aus.« Sie deutete auf die Sachen, die er trug, und nahm einen Stock zur Hand.

»Nein, danke.«

»Du solltest mein Angebot nutzen, so lange du kannst. Wenn wir quitt sind, dann musst du deine Sachen wieder selbst waschen und auch dein Loch äh, Verzeihung, deine Hütte ausfegen.« Das Wasser in der Lagune begann zu blubbern, Dampf stieg in die kühle Vorfrühlingsluft auf. Rhapsody hatte ihr Feuerwissen eingesetzt, um die Wäsche zu kochen, und rührte sie jetzt mitsamt der Seife um, sodass sich in der Lagune dicker Schaum bildete, der zwischen den Felsen abfloss.

Als die Wäsche sauber war, zog Rhapsody sie aus dem Wasser, das nun wieder so kühl geworden war, dass sie hineingreifen konnte, und hängte sie auf die Leine, die sie zwischen den Bäumen gespannt hatte. Ashe berührte jedes Stück, und sofort entwich alles überschüssige Wasser.

»Willst du jetzt baden?«, fragte er dann.

Rhapsody blickte durch das Blätterdach zum Himmel auf. Die Wolken wurden dicker und grauer. »Ich glaube nicht. Es sieht nach Regen aus.«

Auch Ashe betrachtete den Himmel. »Du hast Recht. Lass uns hineingehen.«

Sie rafften die Wäsche zusammen, liefen zur Hütte zurück und zogen gerade die Tür hinter sich zu, als die ersten Regentropfen aufs Dach trommelten. Vor Überraschung blieb Ashe wie angewurzelt stehen. Sein Zimmer war so sauber und ordentlich wie noch nie. Das Bett war gemacht, der Boden gefegt, und eine Teekanne stand auf dem Tisch, der ebenfalls abgewischt und poliert worden war.

»Wie hast du das alles in der kurzen Zeit angestellt?«

»Übung.«

»Aha. Nun, es wäre nicht nötig gewesen. Aber trotzdem danke.«

Rhapsody, die an der Tür stehen geblieben war, lächelte ihn an. »Das gehört zu meinen Aufgaben als Dienstmädchen. Wir leisten einige der Dienste, die du umsonst bekämest, wenn du verheiratet wärst.« Kaum waren die Worte heraus, biss sie sich auch schon auf die Lippen. Sie wusste immer noch nicht genau, ob er verheiratet war.

Aber Ashe lachte nur. »Wenn das der Fall ist, dann gibt es noch ein paar andere Dienste, auf die ich Wert legen würde.« Seine Augen funkelten belustigt.

»Tut mir Leid«, entgegnete Rhapsody, nahm ihm die Wäsche ab und legte sie aufs Bett. »Es handelt sich hier nur um ein zeitlich begrenztes Abkommen, bis meine Schuld an dich abbezahlt ist. Grundlegende Hausarbeit. Andere Dienstleistungen kosten extra, und es gibt gewisse Dinge, die du dir einfach nicht leisten kannst.«