Lächelnd wandte Ashe sich ab. »Es gibt Dinge, für die es sich lohnt zu betteln, zu borgen und sogar zu stehlen.«
Rhapsody faltete die Wäsche auf dem Bett zusammen. »Ja, aber ich glaube kaum, dass dergleichen dazugehört.«
Ashe hob ein Hemd aus Kambrik auf und hängte es im Wandschrank an einen Haken. »Ich bezweifle, dass du eine Ahnung hast, wovon ich rede, Rhapsody.«
Sie hob ihren Tornister vom Boden auf, öffnete ihn und sortierte die Dinge neu, um für ihre Wäsche, die sie zusammen mit Ashes gewaschen hatte, Platz zu schaffen. »Ich kann es mir aber denken«, entgegnete sie trocken.
»Du könntest dich irren«, meinte Ashe scherzhaft. »Warum versuchst du es nicht zu erraten? Welche Dienstleistung einer Ehefrau würde ich mir wohl von dir wünschen?«
Sie holte ein paar Beutel ganz unten aus dem Tornister. »Ich will aber nicht raten. Warum sagst du es mir nicht einfach, und ich versuche dich nicht zu verprügeln, es sei denn, du beleidigst mich.«
Ashe nahm seine Lederhandschuhe auf. Dann setzte er sich auf den verschlissenen Polsterstuhl und legte die Füße hoch, offensichtlich höchst angetan von der Aussicht, sie ein wenig zu necken. »In Ordnung.« Er musterte sie, während sie ihn weiterhin ignorierte und ihre Sachen ordnete. Kinder großziehen, dachte er.
»In der südlichen Neutralen Zone gibt es eine Gegend namens Gallo. Dort benutzen die Männer ihre Frauen als Schild, wenn sie in den Kampf ziehen. Die Frauen gehen vor den Männern her, um die Pfeile abzufangen.« Er wartete auf einen Ausbruch, aber Rhapsody schwieg. Er versuchte es noch einmal. »Wenn jemand beim Pferdehandel etwas braucht, um den Unterschied im Wert zweier Tiere auszugleichen ...« Er unterbrach sich, als er merkte, dass sie einen Gegenstand in ihrer Hand anstarrte. »Was ist los?«
»Sieh dir das an«, antwortete sie mit Staunen in der Stimme. Ashe stand auf und ging zu ihr hinüber. In ihrer Hand war der Krallendolch, den sie Elynsynos zurückgebracht hatte. »Ich habe ihn ihr doch gegeben.«
»Offenbar möchte sie, dass du ihn behältst.«
»Wahrscheinlich. Ich frage mich, wie sie ihn in meinen Tornister geschmuggelt hat, ohne dass ich etwas davon bemerkt habe.«
Ashe lächelte sie an. »Man darf die Entschlossenheit eines Drachen nie unterschätzen, wenn es um etwas geht, was sie lieben, Rhapsody. Ein Drache findet immer Mittel und Wege, das zu bekommen, was er sich wünscht.« Damit legte er seine zusammengefaltete Wäsche in den Wandschrank und trat hinaus in den Regen.
14
»Der Tee ist fertig. Möchtest du welchen?«
»Ja, bitte«, antwortete Rhapsody. Noch einmal sah sie sich in dem Raum um, während Ashe mit den feuchten Zweigen, die er hinter der Hütte gefunden hatte, ein Feuer aufschichtete. Sie trat zur Feuerstelle und schob den kleinen Schirm beiseite.
»Der Tee steht auf dem Tisch«, sagte Ashe.
»Danke.« Rhapsody sah auf das Holz. Noch einen Augenblick zuvor war es grün und nass gewesen; jetzt hatte es den Anschein, als wäre es mindestens ein Jahr getrocknet worden jede Spur von Feuchtigkeit war verschwunden. Sie berührte das Anmachholz, sprach das Wort für Zündung, dann das für Nahrung, und schon stoben die Funken empor und setzten die Scheite in Brand. Rhapsody lächelte und sah Ashe an, der gerade ganz nebenbei das Handtuch, das er auf den Boden hatte fallen lassen, mit dem Fuß unters Bett schob.
»Hast du selbst eine Verbindung zum Wasser, oder besteht sie nur durch dein Schwert?« Sie stand auf, nahm den Becher, den er für sie auf den Tisch gestellt hatte, ging zu dem alten Stuhl hinüber und machte es sich darauf bequem.
Zuerst wirkte er erschrocken, doch dann entspannte er sich wieder, schnallte seine alte, ramponierte Schwertscheide ab, legte sie auf die Knie und strich mit der Hand über das narbige Leder. »Das ist schwer zu sagen. Inzwischen trage ich Kirsdarke schon so lange bei mir, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, jemals ohne dieses Element gewesen zu sein. Meine Familie bestand größtenteils aus Seefahrern, da liegt es wahrscheinlich in meiner Natur.« Rhapsody wartete, dass er weitersprach, aber er ging zur Feuerstelle und nahm den Schürhaken in die Hand. Sie rutschte auf dem Stuhl herum; er war so alt und das Polster so verschlissen, dass es schwer für sie war, aufrecht zu sitzen.
»Was ist es denn nun, das du dir von mir wünschst?«
Ashe bückte sich, um das Feuer zu schüren, und sie spürte, wie ein Prickeln über ihre Wirbelsäule lief, als widmete er sich nicht dem Feuer, sondern vielmehr ihr. Einen Augenblick lang fühlte sie Panik in sich aufsteigen, dann aber wurde ihr klar, dass das Gefühl von ihrer Verbindung zum Feuer kam und nicht durch etwas ausgelöst wurde, was Ashe absichtlich tat. Sie konzentrierte sich und schüttelte die Empfindung ab, während er den Ofenschirm wieder an Ort und Stelle rückte und ihr dann das Gesicht zuwandte.
»Was meinst du?«
»Nun«, antwortete Rhapsody und nippte an ihrem Tee, »du liegst mir seit Wochen damit in den Ohren, dass ich dir etwas über meine cymrische Herkunft erzähle. Das schien dir äußerst wichtig zu sein, und jetzt, da du mich überredet und eine Antwort bekommen hast, möchte ich wissen, was du mit deinen neu erworbenen Kenntnissen vorhast. Was willst du von uns? Oder von mir?«
»Nichts, was du nicht zu geben bereit wärst.«
Rhapsody seufzte. »Weißt du, ich bin wahrscheinlich keine gute Cymrerin, und mir gefällt es nicht mal besonders, eine zu sein. Leute wie du können um nichts in der Welt eine Frage ohne Umschweife beantworten.«
Wider Willen musste Ashe grinsen. »Du hast Recht, es tut mir Leid. Ich weiß, das ist nervtötend, aber es ist eine jahrhundertealte Angewohnheit, eingeimpft durch Erziehung, verstärkt durch Verfolgungswahn und Misstrauen, alles geschmiedet in den Schmelzöfen eines schrecklichen Krieges. So sind sie alle, fürchte ich, und ich gehöre sicher zu den Schlimmsten.«
»Das habe ich schon gemerkt. Ich meine, wie viele Leute laufen schon freiwillig in einem Nebelumhang herum, um sich vor den Augen der Welt zu verstecken?«
Durchdringende blaue Augen bohrten sich in ihre. »Wer hat gesagt, dass ich es freiwillig tue?«
Einen Moment lang konnte sie weder seinen Augen ausweichen noch etwas sagen.
»Entschuldige«, murmelte sie, als sie wieder ein Wort herausbrachte. »Als du mir zum ersten Mal dein Gesicht zeigtest, hatte ich das Gefühl, dass es nicht so war.«
»Warum?«
Rhapsody überlegte ihre Antwort genau. Bis zu dem Augenblick, als er seine Kapuze gelüftet und sich ihr gezeigt hatte, war sie davon ausgegangen, dass er auf irgendeine Weise entstellt war, Opfer eines Unfalls oder einer Kriegsverletzung oder vielleicht einer schwierigen Geburt. Sie hatte sich ihm deswegen verbunden gefühlt, denn manchmal erging es ihr selbst ganz ähnlich; zumindest kannte sie den Wunsch, sich vor den neugierigen Blicken zu verhüllen, mit denen sie auf der Straße so oft bedacht wurde.
Sie hatte ihr Gesicht immer wieder im Spiegel angeschaut und herauszufinden versucht, was so ungewöhnlich daran war. Irgendwann war sie zu dem Schluss gekommen, es müsse an ihrem Lirin-Erbe liegen; wahrscheinlich waren die Menschen in diesem Land solche Gesichter einfach nicht gewohnt und empfanden sie als fremdartig. Obgleich Rhapsody sich nicht für hässlich hielt, fühlte sie sich manchmal so, wenn jemand sie anglotzte. Aber Ashe war nicht hässlich. Im Gegenteil, sein Gesicht war schön und von einer Anziehungskraft, die man trotz seines struppigen Barts und der ungepflegten Haare deutlich erkannte. Obwohl er einfach gekleidet war und einen sehr muskulösen Körper hatte, hatte er etwas Aristokratisches an sich; seinen langen, starken und sehnigen Beinen nach zu urteilen war er viel in der Welt herumgekommen. Seine Schultern waren breit, die Taille schmal, wie bei einem Mann, der auf einem Bauernhof arbeitete, oder bei einem Holzfäller, und auch seine Hände hatten offensichtlich harte Arbeit und schwere Zeiten mitbekommen. Von dem Augenblick an, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte Rhapsody gewusst, dass die Nebelwand eine Notwendigkeit war, keine Eitelkeit. Inzwischen war ihr klar geworden, dass Ashe gejagt wurde und dass seine Verfolger einflussreich und mächtig waren. Die schreckliche schwarze Wunde auf seiner Brust hatte sie in diesem Glauben nur noch bestärkt. Und in ihrem Herzen litt sie mit ihm, obgleich sie ihn doch nicht wirklich kannte. Der Regen trommelte heftig auf das Torfdach, und die Luft im Raum wurde feucht. »Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte Rhapsody schließlich. »Was willst du nun von mir falls du etwas willst?«