Er ging zum Bett, setzte sich und warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. »Es wäre schön, dich als Verbündete zu haben. Deine Freunde natürlich auch, aber dich ganz besonders.«
»Warum mich ganz besonders?«
Er lächelte ein wenig. »Weil es mir so vorkommt, als wärst du eine Person, die man im Kampf gern um sich haben möchte.«
Rhapsody lachte. »Nun, ich danke dir, aber anscheinend kannst du einen Kämpfer schlecht einschätzen. Wenn du einem Feind gegenüberstehst, dann wünschst du dir besser einen Partner wie Grunthor. Oder Achmed!«
»Warum Achmed?«
»Achmed ist nun ja, er ist talentiert.« Sie beschloss, nicht zu viel zu verraten. »Bevor ich deine Verbündete werden kann, muss ich wissen, gegen wen oder was du kämpfst. Wirst du mir das verraten?«
»Nein.« Seine Antwort klang schroff und fegte ihnen beiden das Lächeln vom Gesicht. »Tut mir Leid.«
»Nun, das macht es wirklich schwer für mich, deine Verbündete zu werden.«
»Ich weiß.« Er seufzte tief.
»Traust du irgendjemandem genug, um es ihm zu sagen?«
»Nein.«
»Welch ein furchtbares Leben.« Rhapsody fuhr mit dem Finger um den Rand ihres Teebechers, den sie fast leer getrunken hatte. »Glaubst du nicht, dass es Dinge gibt, die es wert sind, ein Risiko einzugehen, etwas dafür aufs Spiel zu setzen?«, fragte sie sanft.
»Ich bin kein Spieler, fürchte ich. Nicht mehr.«
Schweigen senkte sich über sie, schwer und greifbar. Rhapsody warf einen Blick zum Feuer, das auf dem Rost knackte und zischte, und schaute dann wieder zu Ashe, dessen vertikale Pupillen vom Licht der Flammen noch betont wurden. Sie konnte den Blick in diesen Augen nicht lesen, aber er erfüllte sie mit einer Traurigkeit, die ihr das Herz schwer machte.
»Lässt du dir immer ein Hintertürchen offen?«, fragte sie.
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
Rhapsody starrte in ihre Teetasse, dann trank sie noch einen Schluck. »Meine Vergangenheit ist ein Korridor voller Türen, die ich offen gelassen habe und die ich auch nicht zu schließen gedenke. Ich habe auch nie eine Tür absichtlich geschlossen, es sei denn, ich wurde dazu gezwungen; denn ich hege die Hoffnung, dass eines Tages alles wieder in Ordnung kommen wird, wenn ich mich den Gelegenheiten dazu nicht verschließe. Du möchtest nicht das Risiko eingehen, jemandem jetzt deine Geheimnisse anzuvertrauen, aber könnte es denn sein, dass du eines Tages dazu bereit wärst? Wäre das möglich?«
Ashe blickte lange ins Feuer. Dann endlich sagte er: »Ich glaube nicht. Ich glaube, diese Tür ist nicht nur verschlossen, sondern mehrfach verriegelt und verrammelt. Und versiegelt.«
Wieder trat Stille ein. Rhapsody stellte ihre Teetasse ab.
»Dann ist es vermutlich am besten, wenn wir unserer Abmachung treu bleiben und versuchen, nicht über die Vergangenheit zu sprechen«, meinte sie leise.
»Einverstanden.«
»Vielleicht aber sollte ich dir wenigstens in groben Zügen mitteilen, wofür ich zu kämpfen bereit bin, und wenn das zu deinen Zielen passt, wirst du wissen, dass ich deine Verbündete bin, selbst wenn du dich mir nicht anvertrauen kannst.«
Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf, und die vertikalen Pupillen glitzerten. »Ja, das wäre ein Weg.«
»Gut. Erstens: Wenn du plantest, die Bolg anzugreifen oder Achmed den Berg wegzunehmen, dann wären wir Gegner.«
»Nein, das sind wir nicht.«
»Nun, das habe ich auch nicht erwartet, aber man kann ja nie wissen. Jeder, der einem Kind, einer unschuldigen Person, dem heiligen Baum der Lirin oder ihrem Wald ein Leid zufügen will, ist gleichermaßen mein Feind. Ich wünsche mir, dass der Frieden Wurzeln schlägt. Allgemein stehe ich auf der Seite der Verteidiger, es sei denn, ich habe gute Gründe dagegen. Jeden Vergewaltiger und jeden Kinderschänder, den ich auf frischer Tat ertappe, werde ich kastrieren.
Darüber hinaus werde ich mir vielleicht eines schönen Tages eine Ziegenhütte im Wald bauen, wenn die Lirin mich bei sich aufnehmen, und dort in Frieden leben, ohne einem anderen zu schaden, werde mich meinen Pflanzen widmen und an meiner Musik arbeiten. Irgendwann einmal würde ich gern eine Heilstätte gründen oder beim Erbauen einer solchen helfen, mit meinem Gesang Krankheiten und Verletzungen behandeln und anderen das beibringen, was ich kann. Wie ich dir schon gesagt habe, bezweifle ich, dass ich diese gefährlichen Zeiten überleben werde, deshalb setze ich nicht sehr viel Hoffnung in meine längerfristigen Ziele. Ich gehe davon aus, dass mich der Tod überfällt, während ich dabei bin, etwas zu tun, das die Welt auf diese oder jene Weise besser machen soll. Also bin ich deine Verbündete?«
Ashe lächelte. »Es klingt ganz danach.«
Rhapsody blickte ihn ernst an. »Würdest du es mir denn sagen, wenn es nicht so wäre?«
»Wahrscheinlich nicht.«
»Das habe ich auch nicht erwartet«, seufzte sie. In der Ferne hörte man Donnergrollen. »Ist das alles, was du dir von mir wünschst?«
Widerstreitende Gefühle spiegelten sich auf Ashes Gesicht, aber was er sagte, war klar: »Ich möchte, dass du meine Freundin bist.«
»Das möchte ich auch«, erwiderte sie und legte die Füße auf den Bettrand. »Und wenn du das bist, was du mir zu sein scheinst, denke ich, dass ich bereits deine Freundin bin.«
»Und bist du wirklich das, was du zu sein scheinst?«
»Durch und durch«, lachte Rhapsody. »Ich weiß zwar nicht, was ich dir zu sein scheine, aber ich bin, was ich bin. Ich fürchte, ich habe nie gelernt, meine Fehler zu verbergen, und ich bin sehr unkompliziert. Du weißt ja, dass ich versuche, niemals zu lügen, wenn ich nicht dazu gezwungen werde.«
Er horchte auf. »Wie kann man gezwungen sein zu lügen?«
Rhapsody dachte an Michael, den Wind des Todes, und das grausame Funkeln in seinen Augen, als er ihr seine Bedingungen unterbreitet hatte.
Du wirst meine Wünsche nicht nur befriedigen, sondern auch Lust und Engagement dabei an den Tag legen. Du wirst deine Liebe zu mir nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit Worten zum Ausdruck bringen. Wenn ich diesen Ort verlasse, will ich dein Herz gewonnen haben und es mit mir nehmen. Haben wir uns verstanden? Versprichst du mir, meine Gefühle für dich zu erwidern?
Sie schloss die Augen und versuchte, die Erinnerung an die Angstschreie des Kindes zu vertreiben.
Also gut, Michael, ich sage alles, was du nur hören willst. Lass sie gehen. Rhapsody kreuzte die Arme vor der Brust. Sie erinnerte sich noch allzu gut an Michaels triumphierendes Lächeln; entweder würde sie ihm wahrheitsgemäß sagen, was er hören wollte, oder sie würde lügen müssen, ein weit schlimmeres Schicksal. In beiden Fällen hätte er gewonnen.
»Du kannst mir glauben, es ist möglich«, sagte sie schließlich. Ihr Blick begegnete Ashes, und eine Sekunde lang raubte er ihr den Atem. Er hatte die gleiche blaue Iris wie Michael.
»Stimmt etwas nicht?«
Sie schüttelte den Kopf. Vielleicht hatte Michael die gleichen blauen Augen gehabt, aber ganz bestimmt keine vertikalen Pupillen. Vielleicht wurde Ashe unter anderem auch wegen dieser fremdartigen Augen verfolgt.
»Nein, alles in Ordnung«, antwortete sie. Rasch trank sie ihren Tee aus und stellte die Tasse auf den Tisch neben ihrem Stuhl. »Ich hoffe nur, du wirst nie in eine Situation kommen, in der du gezwungen bist zu lügen. Es ist eines vom Schlimmsten, was es überhaupt gibt. Aber wie dem auch sei, ich denke, dass das, was du dir wünschst, durchaus möglich ist. Ich werde versuchen, deine Freundin und deine Verbündete zu sein. Natürlich kann ich nicht für Grunthor und Achmed sprechen, aber wenn ich ein gutes Wort für dich einlege und du nichts tust, um sie vor den Kopf zu stoßen, dann sind sie wahrscheinlich ebenfalls bereit, sich mit dir zu verbünden.« Sie sah, wie sich Ashes Miene veränderte und einen angeekelten Ausdruck annahm. »Was ist?«