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»Nein. Deshalb war es im Grunde gar kein so großes Opfer.«

Ein warmes Lächeln überzog Ashes Gesicht, er stand vom Bett auf und hockte sich vor Rhapsody hin. »Ich habe wundervolle Neuigkeiten für dich.«

»Was denn?«

»Wenn du jemals zu dem Entschluss kommen solltest, dass du doch wieder jemanden lieben möchtest, dann kannst du das, frei und ungehindert, ohne damit deinen Eid zu brechen.«

»Wie hast du dir das jetzt zusammengereimt?«

»Weil du geschworen hast, nie wieder zu lieben, bis die Welt untergeht.«

»Ja, das habe ich.«

»Ja, und weißt du was, Rhapsody? Deine Welt ist tatsächlich untergegangen, vor mehr als tausend Jahren. Du bist frei, von ihm und von allen Versprechungen, die du ihm damals gegeben hast.«

Tränen stiegen Rhapsody in die Augen, aus mannigfaltigen Gründen. Ashe nahm tröstend ihre Hand, in der sicheren Erwartung, dass sie anfangen würde zu weinen. Aber Rhapsody hielt ihre Tränen pflichtschuldig zurück und kämpfte mit aller Kraft gegen die Traurigkeit und die Erleichterung an, die seine Worte in ihr ausgelöst hatten. Ashe beobachtete, wie ihr Gesicht sich verzerrte, doch als er die Hand ausstreckte, um sie ihr an die Wange zu legen, schob sie sie weg.

»Bitte nicht«, flüsterte Rhapsody und wandte den Blick ab. »Es ist gleich vorbei.«

»Das ist doch nicht nötig«, entgegnete Ashe sanft. »Es ist in Ordnung, Rhapsody, du kannst dich einfach gehen lassen. Hier bist du in Sicherheit. Lass die Tränen fließen. Du siehst aus, als könntest du das gut gebrauchen.«

»Nein, ich darf das nicht«, erwiderte sie leise. »Es ist gegen unsere Abmachung.«

»Gegen welche Abmachung?«

»Gegen die mit Achmed. Er hat es mir verboten.«

Ashe stieß ein unangenehmes Lachen aus. »Das muss wohl ein Scherz sein.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist kein Scherz? Wie nett von ihm. Hör mal, Rhapsody, Weinen ist kein Zeichen von Schwäche.«

»Ich weiß«, sagte sie und blinzelte gegen die Tränen an. »Aber es ist lästig.«

»Für Achmed? Der Teufel soll ihn holen, er ist nicht hier. Wenn dir nach Weinen ist, dann weine. Mir ist das nicht im Geringsten lästig.«

Rhapsody lächelte. »Danke, aber ich muss ja nicht unbedingt weinen. Mir geht es gut.«

»Nein«, widersprach Ashe kopfschüttelnd. »Ich bin Experte für Salzwasser, egal ob Meerwasser oder Tränen das ist eine Auswirkung des Schwerts, du weißt schon. Und ich versichere dir, dass Körper und Seele die Reinigung durch die Tränen gelegentlich brauchen. Danach ist das Blut sauberer und gesünder. Man sollte eigentlich denken, dass gerade Achmed das wissen musste.« Rhapsodys Augen wurden schmal, aber Ashe fuhr rasch fort; »Wenn du die ganzen Jahrhunderte den natürlichen Vorgang des Weinens zurückgehalten hast, dann tust du dir angesichts des Kummers, den du zweifellos erlebt hast, nicht nur einen schlechten Dienst, sondern schadest dir geradezu. Bitte, Rhapsody, ich kann dich in den Arm nehmen und festhalten, wenn dir das hilft.«

Ihre Augen wanderten zu der monströsen Wunde unter seinem Hemd, und sie zuckte unwillkürlich zurück, weil sie daran denken musste, wie sie ihm mit ihrer Umarmung im Wald unabsichtlich wehgetan hatte. »Nein, danke. Obwohl ich dein Angebot wirklich zu schätzen weiß.«

»Ich könnte dich auch eine Weile allein lassen und einen Spaziergang machen, wenn du möchtest.«

»Nein, danke«, wiederholte sie, diesmal mit fester Stimme. »Mit mir ist wirklich alles in Ordnung, und du brauchst dich deswegen nicht bis auf die Haut nass regnen zu lassen. Aber du könntest doch etwas für mich tun, nämlich mir die Laute geben, die Elynsynos mir geschenkt hat. Möchtest du, dass ich dir darauf etwas vorspiele?«

Sofort stand Ashe auf und ging zum Wandschrank, in dem Rhapsody ihre Sachen abgestellt hatte. »Liebend gern. Bist du sicher, dass du ...«

»Ja«, unterbrach ihn Rhapsody und nahm das Instrument entgegen. »Was möchtest du hören?«

Er seufzte und beschloss, das Thema fallen zu lassen. »Kennst du irgendwelche Lieder aus der alten Welt, die von der See handeln?«

»Ein paar«, antwortete sie lächelnd, weil sie sogleich an Elynsynos denken musste. »Auch in meiner Familie gab es ein paar Seeleute. Zwar ist dafür eigentlich ein Minarello das geeignetere Instrument, aber ich werde mein Bestes tun.« Sie stimmte die Laute und begann zu spielen. Die Saiten waren uralt, aber die Magie des Drachen hatte sie in makellosem Zustand erhalten, und das Holz war weicher geworden, sodass das Instrument nun einen süßen, vollen Klang besaß.

Ashe streckte sich auf dem Bett aus und lauschte hingerissen ihrem Spiel. Rhapsody ahnte nichts von der Tiefe seiner Gefühle, nicht einmal jetzt, da sein Gesicht nicht mehr unter der Kapuze verborgen war. Er ließ die Musik in seinen Kopf eindringen und sich einen Weg bis in sein Herz bahnen, wo sie den beständig pochenden Schmerz ein klein wenig linderte. Auch sein Kopfschmerz, der sich bei der Diskussion über Achmed eingestellt hatte, war auf einmal wie weggeblasen. Ihre Stimme war so schön, luftig und ätherisch, wie der Gesang des Windes, und sie machte ihn angenehm schläfrig. In diesem Augenblick hätte er den Rest seiner Seele dafür gegeben, dass sie noch ein paar Tage bei ihm blieb und für ihn sang, allein für ihn, und ihm ihr Herz öffnete das Herz, das sie nicht zu besitzen glaubte. Nach mehreren Seemannsliedern hörte sie auf zu singen, spielte aber auf der Laute weiter, eine betörende Melodie, die ihn unendlich traurig machte. Er war selbst nahe daran zu weinen, als ihn plötzlich eine Disharmonie aus seiner Träumerei riss. Rhapsody blinzelte, spielte die Passage noch einmal richtig und fuhr fort, bis sie zum nächsten Mal einen Fehler machte. Jetzt hörte sie auf zu spielen.

Ashe richtete sich auf und blickte zu ihr hinüber. Die Finger noch auf den Saiten, war sie im Stuhl eingeschlafen. Er überlegte, ob er sie zum Bett tragen sollte, aber sogleich fiel ihm die Szene am Tara’fel wieder ein, und er verwarf den Gedanken hastig. Stattdessen nahm er ihr die Laute aus den Händen, stellte sie auf den Tisch und deckte Rhapsody dann mit einer seiner Decken zu. Sie seufzte leise im Schlaf und drehte sich auf die Seite. Ashe blickte auf das schwarze Samtband. Er sehnte sich danach, ihr Haar aufzubinden, kam aber zu dem Schluss, dass auch das ein Übergriff gewesen wäre. So legte er denn ein neues Stück Holz aufs Feuer, das inzwischen ruhig und stetig brannte, und ging dann zu dem Stuhl zurück, in dem Rhapsody schlummerte. Lange schaute er auf sie hinab und genoss den Anblick, wie sie da im Feuerschein schlief. Nach annähernd einer Stunde spürte er, dass ihn Erschöpfung zu überwältigen drohte. Er küsste sie sanft auf den Kopf und schlüpfte unter die Bettdecke; er wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er sie im Schlaf schluchzen hörte. Als es so weit war, ging er im Dunkeln zu ihr und flüsterte ihr tröstliche Worte zu, bis sie ruhiger wurde. Der tosende Wolkenbruch war einem gleichmäßigen, stetigen Regen gewichen. Widerwillig kroch er ins Bett zurück und ließ sie mit ihren beunruhigenden Träumen allein.

15

Auch den größten Teil des nächsten Tages regnete es unablässig. Als der Regen endlich ein wenig nachließ, war die Sonne schon wieder untergegangen, und bis auf das Tropfen des Wassers auf Teich und Hütte war es still in der Dunkelheit. Der strömende Regen hatte Rhapsody seltsam müde gemacht, daher verbrachten sie eine weitere Nacht in der Hütte, um dem Boden Gelegenheit zu geben, ein wenig zu trocknen.

Sie hatten den Tag in recht angenehmer Unterhaltung verbracht, hauptsächlich über Pflanzen und Bäume, über die Kriege, in denen Ashe gekämpft hatte, über die Unterwerfung der Firbolg und über die Ausbildung bei Oelendra, von der Ashe einiges gehört hatte. Als hervorragende Kriegerin und legendäre Heldin genoss Oelendra den Ruf einer strengen, ernsten und gelegentlich sogar brutalen Lehrerin, galt aber nach wie vor als die beste Ausbilderin im Schwertkampf. Ashe selbst hatte nicht bei ihr gelernt und war ihr auch nur ein einziges Mal begegnet, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln.