»Ja«, antwortete Ashe, und Rhapsody meinte ein Lächeln in seiner Stimme zu vernehmen. Nachdem sie nun sein Gesicht kannte und es angenehm fand, war es noch netter, sich vorzustellen, wie er lächelte. Vorher war alles ihrer Phantasie überlassen gewesen.
»Nun, warum treffen wir uns nicht heute Abend dort? Es sind etwa neun Meilen Fußmarsch von hier, das müsste ich schaffen, wenn ich nicht aufgehalten werde.«
»Ich warte auf dich.«
»Nur bis heute Abend. Wenn ich nicht komme, dann geh ohne mich weiter. Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, wenn du auch nur einen Augenblick später als nötig zu deiner Liebsten kommst. Ich bin sicher, dass Llauron mir einen Waldhüter als Begleiter aussuchen kann, der nach Süden unterwegs ist.«
Ashe schüttelte den Kopf. »Tu das lieber nicht«, entgegnete er, und jegliche Wärme war aus seiner Stimme verschwunden. »Je weniger Leute wissen, wohin du gehst, desto besser, Rhapsody. Ich würde nicht einmal Llauron davon erzählen, wenn es nicht unbedingt sein muss.«
Rhapsody seufzte. »Weißt du, dass du mehr Ähnlichkeit mit Achmed hast, als mir jemals bewusst geworden ist?«, sagte sie und setzte die Kapuze auf. »Nun gut, ich werde verschwiegen sein. Leb wohl, Ashe. Falls ich dich heute Abend nicht wieder sehe, danke ich dir schon jetzt noch einmal für all deine Hilfe.«
»Gern geschehen. Ich bringe dich noch bis zu den Herber~ gen, ehe sich unsere Wege trennen. Und du wirst mich heute Abend wieder sehen.«
Sie lächelte. »Da bin ich sicher so viel du mich eben von dir sehen lässt.«
Der Wind wurde stärker und verschluckte fast Ashes leise Antwort.
»Ich habe dir weit mehr von mir gezeigt als den meisten. Hoffen wir, dass wir es beide nicht bereuen müssen.«
Außerhalb des Rings von Waldhütten, die den größten Kreis der filidischen Siedlung bildeten, befand sich eine Herberge eine Reihe kleiner Wandererhütten mit einem größeren Haus in der Mitte. Rhapsody erkannte die Gebäudegruppe als eine der Pilgerherbergen wieder. Zu einer dieser Unterkünfte hatte Llaurons Tanist Khaddyr sie gebracht, als sie zum ersten Mal zum Kreis gekommen war.
Ashe war an einer Anzahl ähnlicher Herbergen vorübergegangen, ehe er sie auf ein etwas kleineres Gebäude aufmerksam machte.
»Warum gerade dieses?«, fragte sie. »Warum nicht eines von denen, die wir vorhin gesehen haben?«
»Weil ich glaube, dass du dort Gavin finden wirst«, antwortete Ashe. Rhapsody lachte. »Es ist leichter, ein bestimmtes Flachskorn in einem Zwei-Zentner-Sack zu finden, als Gavin an einem Ort, an dem man ihn vermutet«, meinte sie. »Er könnte sich irgendwo auf dieser Seite des Kontinents befinden.«
»Nun, dann besteht die gleiche Wahrscheinlichkeit, dass er hier ist, wie irgendwo sonst«, entgegnete er achselzuckend. »Willst du ihn eigentlich aus einem besonderen Grund sehen?«
»Nein. Jemand anderes, der mich zur Burg bringen kann, ohne dass er unterwegs angehalten wird, wäre mir genauso recht.«
»Dann bist du am richtigen Ort. Frag einfach nach einem der Waldhüter; ich bin überzeugt, dass sie dir mehr als bereitwillig helfen. Aber verhandle nur mit einem, Rhapsody. Und lass deine Kapuze auf. Dann also bis heute Abend.«
Rhapsody sah ihm nach, wie er zwischen den Bäumen verschwand. Dann wandte sie sich wieder zu dem knospenden Wald um, der vor ihr lag.
Ein paar Novizen in den kapuzenlosen Roben des Filiden-Ordens wanderten plaudernd zwischen den Herbergen umher. Rhapsody wartete, bis sie im Wald verschwunden waren, ging dann zur Tür des Hauptgebäudes und wollte anklopfen.
Doch ehe ihre Knöchel das Holz berührten, öffnete sich die Tür. Vor ihr stand ein braunhäutiger Mann mit einem dunklen Vollbart, gekleidet in die grünbraune Tracht des Waldhüterregiments, jener Männer, die den Pilgern auf ihrer Reise zum Kreis und zum Großen Baum als Führer dienten. Rhapsody hielt mitten in der Bewegung inne; ansonsten wäre ihre Hand in seinem Gesicht gelandet.
»Gavin? Entschuldige!«
»Rhapsody!« Gavin starrte sie an und begann dann zu lächeln. »Was machst du denn hier?«
»Ich muss Llauron um einen Gefallen bitten«, antwortete sie. »Meinst du, ich könnte ihn sehen?«
»Das denke ich schon«, erwiderte er und zog an der Klinke, um die Tür hinter sich zu schließen. »Ich bin gerade auf dem Weg zur Burg. Nach jedem Neumond hält Llauron ein Treffen der Hauptleute ab. Du kannst mich gern begleiten, wenn du möchtest.«
»Danke«, sagte Rhapsody und folgte ihm von der Schwelle in den Wald hinein. »Mit Freuden.« Sie musste sich beeilen, mit ihm Schritt zu halten, und nahm sich vor, Ashe das nächste Mal, wenn sie ihm begegnete, ein Kompliment zu machen. Er war ungefähr genauso groß wie Gavin, hatte sich aber auf ihren gemeinsamen Wanderungen immer gebremst, damit sie nicht hinter ihm her rennen musste.
17
Gegen Mittag gelangten sie zu der weiten Waldwiese, die den Großen Weißen Baum umgab. Seit sie den Waldrand erreicht hatten, war Rhapsody seinem Gesang gefolgt; was als tiefes Summen in ihrer Seele begonnen hatte, war jetzt eine laut schallende Melodie, langsam und nur leicht variierend, aber erfüllt von einer bezaubernden Schönheit und unverkennbaren Kraft.
Ganz ähnlich wie Sagias Lied, dachte sie und erinnerte sich an die Melodie des Baums auf der anderen Seite der Welt, durch den sie mit Grunthor und Achmed entflohen war; nur besaß die hiesige Melodie einen jugendlichen Schwung, der Sagia gefehlt hatte. Dafür barg Sagias Lied eine gelassene Weisheit und eine Tiefe in sich, mit denen sich das, was jetzt an ihr Ohr drang, nicht messen konnte. Vielleicht war es darauf zurückzuführen, dass die Sagia sich an dem Ort entwickelt hatte, an dem das erste Element der Äther geboren worden war, und dass der Große Weiße Baum dort stand, wo das letzte die Erde erschienen war. Alter und Jugend, zusammengehalten von der Geschichte und der Axis Mundi.
Als sie den Baum endlich sehen konnte, blieb Rhapsody vor Ehrfurcht unwillkürlich stehen. Der Stamm des Großen Weißen Baums maß gut und gern fünfzig Fuß im Durchmesser; der erste Hauptast zweigte mehr als hundert Fuß über dem Boden ab und führte mit immer mehr Ästen zu der ausladenden, in der grünweißen Pracht frischer Blätter erstrahlenden Krone. Die Mittagssonne schien auf die Rinde und verlieh ihr einen beinahe ätherischen Glanz, warf Flecken aus goldenem Licht zwischen die gigantischen Äste und ließ verschwommene Strahlen auf den Boden hinabregnen, erfüllt von verträumter Magie. Rund um den Baum, etwa hundert Fuß von der Stelle entfernt, wo die mächtigen Wurzeln die Erde durchbrachen, war ein Ring von Bäumen angepflanzt worden, einer von jeder auf der Welt bekannten Art und einige davon die letzten Vertreter ihrer Art, wie Llauron Rhapsody einst erklärt hatte.
Auf der anderen Seite der Wiese stand eine Gruppe uralter Bäume, allesamt sehr hoch und breit, aber in ihren Ausmaßen doch nie und nimmer mit dem Großen Weißen Baum vergleichbar. Zwischen den Bäumen und um sie herum lag ein großes, wunderschönes Gebäude, von sehr einfacher, jedoch zugleich atemberaubender Architektur. Bei seinem Anblick wurde Rhapsody warm ums Herz.
Llaurons verwinkeltes Haus war teilweise hoch in die Äste hinein, teilweise auf Stelzen gebaut, mit Fenstern, von denen aus man auf den großen Baum sehen konnte. Kunstvolle Schnitzereien verzierten das Äußere, vor allem den Turm, der hoch über den Baumkronen aufragte. Mit der Ankunft des Frühlings hatte das Haus einen ähnlichen Glanz angenommen wie die Rinde des Großen Weißen Baums; schimmernd stand es im kühlen Schatten des Wäldchens.
Eine hohe Steinmauer, gesäumt von blühenden Gärten, die geschlafen hatten, als Rhapsody das letzte Mal hier gewesen war, führte zu einem Teil des kleineren Gebäudeflügels, wo eine schwere Holztür, alt und scheinbar von Salzgischt ramponiert, zu beiden Seiten von Soldaten bewacht wurde.