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In der oberen Ecke der Tür befand sich ein Hexenzeichen, eine Spirale, die einen Kreis bildete. In der Mitte der Tür war das Bild irgendeines mythischen Tiers zu erkennen, vielleicht ein Drache oder ein Greif, in Goldblatt gearbeitet, vom Zahn der Zeit und den Elementen allerdings ziemlich angegriffen. Und noch mehr Llauron hatte gesagt, dass diese Tür einmal der Eingang zu einem Gasthaus in Serendair gewesen sei. Dieses Etablissement hatte eine bedeutsame Rolle gespielt in der Geschichte des Krieges, der sich zusammengebraut hatte, als Rhapsody mit ihren beiden Gefährten die Insel verlassen hatte. So war sie für Rhapsody eine Erinnerung an die Heimat und an ihre eigene Verlorenheit zugleich.

»Es tut gut, diesen Ort wieder zu sehen«, sagte sie zu Gavin, als sie an den breiten Blumenbeeten entlangschritten, die in üppiger Farbenpracht blühten. In den Gärten der Filiden war die Blütezeit dem Rest der Flora auf dem westlichen Kontinent weit voraus. »Ich habe ihn vermisst.«

Gavin lächelte und nickte den Wachen an der Tür zu, die vor ihm salutierten. »Du kannst gern hier bleiben, weißt du. Wenn dir der Luxus in Llaurons Haus nicht behagt, kannst du auch in meiner Hütte wohnen, ich bin sowieso nie zu Hause.« Er öffnete die Tür. Rhapsody folgte ihm in die Eingangshalle des Hauses. Sonnenlicht strömte durch die Fenster in der gewölbten Decke, hinter denen die Baumwipfel über dem hohen Dach zu sehen waren. Ein Duft nach Zedern und frischen Kiefernzweigen erfüllte die Luft des seltsamen Hauses, vermischt mit dem würzigen Aroma von Kräutern und Blumen. Dankbar atmete Rhapsody die tröstlichen Gerüche ein.

In der mittleren Halle stand eine kleine Gruppe von Männern und Frauen in einfacher, bäuerlicher Kleidung und unterhielt sich gedämpft, bis Gavin die Tür hinter sich schloss. Als Ersten erkannte Rhapsody Khaddyr, Llaurons Tanist und oberster Heiler. Khaddyr war der Mann, den die Kreisältesten zum Nachfolger des Fürbitters gewählt hatten, aber nun verbrachte er seine Tage damit, die Novizen in Medizin zu unterrichten und sie in der Pflege der Kranken und Sterbenden in den Hospizen der filidischen Siedlung zu unterweisen. Trotz seiner gelegentlich etwas barschen Art war Khaddyr ein aufopfernder Heiler und kümmerte sich ungezählte Stunden mitfühlend um die ihm anvertrauten Patienten. Seine Gesprächspartnerin war Lark, die stille lirinsche Kräuterfrau. Lark war schüchtern und zurückhaltend und sprach eigentlich nur, wenn jemand ihr eine Frage stellte oder sie in eine Diskussion über ein ihr besonders vertrautes Thema verwickelte. Ein Stück weiter den Gang hinunter stand Bruder Aldo, ein ebenfalls sehr scheuer, vor allem auf Waldtiere spezialisierter Heiler und Leiter der Gruppe, die den Stadtbewohnern bei der Pflege ihres Viehs halfen. Er unterhielt sich mit Ilyana, die für Landwirtschaft zuständig war und Llaurons Gewächshäuser verwaltete. Alle starrten Rhapsody an, als sie ebenso wie die anderen filidischen Oberpriester ihre Kapuze abnahm.

Doch dann schüttelte Khaddyr überrascht den Kopf, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Rhapsody! Welch eine Überraschung! Wie schön, dich hier zu sehen, meine Liebe.«

»Danke, Euer Gnaden, ich freue mich auch sehr, Euch zu sehen.« Damit verneigte sie sich höflich vor den anderen. »Ist auch Llauron zugegen?«

»Allerdings, das ist er«, erklang rechter Hand eine Stimme. Llauron stand in der Tür zu seinen Amtsräumen, gekleidet in sein übliches schlichtes, graues Gewand, in der Hand einen Stapel Papiere.

Das Gesicht des Fürbitters war angenehm und voller Runzeln, mit Lachfalten um die Augen, silberweißen Haaren, buschigen Augenbrauen und einem gepflegten, ebenso dichten Schnurrbart. Er war groß und recht zierlich, schien aber bei guter Gesundheit zu sein. Seine Wettergegerbte Haut zeichnete ihn als einen Menschen aus, der die meiste Zeit im Freien verbringt. »Und er freut sich sehr, dich zu sehen, obwohl ich keine Ahnung hatte, dass du kommen würdest. Entschuldigt mich bitte einen Moment, Eure Gnaden«, fügte er, an die Brüder gewandt, hinzu.

Die anderen nickten, und Llauron drückte die Papiere, die er mitgebracht hatte, Gavin in die Hand. Dann nahm er Rhapsody sanft beim Arm und führte sie in sein Studierzimmer. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, küsste der Fürbitter Rhapsody auf die Wange und ging zum Kamin, wo ein dampfender Kessel hing.

»Tee, meine Liebe?«

»Nein, aber trotzdem vielen Dank, Llauron. Es tut mir Leid, wenn ich Euch störe, indem ich unangekündigt hier hereinplatze.«

»Ganz und gar nicht, es ist eine erquickende Überraschung. Mach es dir gemütlich. Ich muss zwar das Treffen mit den Hohepriestern abhalten, aber ich werde Gwen und Vera Bescheid geben, dass du hier bist. Dann können sie dir ein Essen zubereiten und dein Zimmer fertig machen. Wie lange hast du vor zu bleiben, meine Liebe?«

»Gar nicht, fürchte ich«, entgegnete Rhapsody beklommen. »Ich bin unterwegs an einen anderen Ort und muss mich schon bald wieder auf den Weg machen.«

»Verstehe.« Die kühlen blaugrauen Augen des Fürbitters verengten sich leicht, doch sein Gesicht behielt den freundlichen Ausdruck bei.

»Ich habe gehofft, mich mit einer Bitte an Euch wenden zu dürfen.«

»Unbedingt. Was kann ich für dich tun?«

Rhapsody nahm ihre Handschuhe ab; plötzlich waren ihre Hände schweißfeucht. »Ich muss eine Botschaft nach Hause schicken, zu Achmed, und möchte lieber nicht auf die Karawane warten. Daher hoffe ich, Ihr werdet mir erlauben, mich eines Eurer Botenvögel zu bedienen.«

Llauron nickte nachdenklich. »Gewiss. Deshalb also habe ich so lange nichts von dir gehört; du warst auf Reisen.« Rhapsody machte sich auf die unvermeidlichen Fragen gefasst, aber anscheinend spürte Llauron, dass sie nicht willens war zu antworten, und hakte nicht nach.

»Nun, selbstverständlich können wir für dich eine Botschaft schicken. Setz dich doch und ruh deine Beine aus, meine Liebe. Ich werde dir von Vera etwas zu essen und neuen Proviant bringen lassen. Brauchst du Kräuter oder irgendeine Medizin?«

»Nein, nein, danke«, erwiderte sie und folgte seinem ausgestreckten Finger zu dem Rosshaarsofa, wo sie sich niederließ.

»Nun, vielleicht finden wir trotzdem ein paar spezielle Dinge für dich, die du mit nach Hause nehmen kannst. Ich bin sicher, die Bolg können etwas damit anfangen. Doch nun, meine Liebe, möchte ich, dass du dir das hier ansiehst.« Er ging zu einer von Täfelung und Bücherregalen verborgenen Tür auf der anderen Seite des Studierzimmers und öffnete sie;

Rhapsody kannte sie bereits, sie führte in Llaurons privates Studierzimmer.

»Erinnerst du dich an Mahb, die junge Esche in meinem hinteren Medizingarten?«

»Ja.«

»Hinter dem Baum liegt ein versteckter Eingang, den du benutzen kannst, ungefähr so wie diesen hier. Wenn du das nächste Mal kommst, darfst du dich gern seiner bedienen. Er führt dich in mein privates Studierzimmer, und falls deine Reise heikler Natur ist, was ich dieses Mal vermute, dann muss kein anderer von deiner Ankunft erfahren.«

»Danke«, antwortete sie, während Llauron die Tür wieder schloss. Der Fürbitter schenkte ihr ein herzliches Lächeln. »Keine Ursache. Nun, während du dich erfrischst, werde ich mich um meine Versammlung kümmern, und wenn ich zurückkehre, helfe ich dir beim Versenden deiner Botschaft.«

Rhapsody hatte gerade aufgegessen, was Vera ihr im Studierzimmer aufgetischt hatte, als Llauron zurückkehrte. Sorgsam schloss er die Tür hinter sich. Über seiner Schulter hing ein kleiner Beutel; in der Hand hielt er einen kleinen blaugrauen Wintervogel, ein kräftiges Tier von der Art, die häufig Nachrichten von ihm zu ihr nach Ylorc brachten.

»Nochmals guten Tag«, sagte er, während er den Kopf des Vogels streichelte. »Bist du satt geworden?«

»Mehr als das, danke, Euer Gnaden«, antwortete sie und wischte sich schnell den Mund mit der Leinenserviette ab, die auf dem Tablett lag.

»Das hier ist Swynton, einer meiner besten Boten über große Entfernungen; ich glaube, du kennst ihn bereits. Auf dem Schreibtisch findest du eine Feder, ein Tintenfass und Pergament, falls du so nett sein möchtest, jetzt deine Nachricht zu schreiben; der Vogel ist ein bisschen durcheinander.