Ich habe ihn ziemlich unsanft aus dem Schlaf geholt, und ich habe das Gefühl, das will er mir noch nicht so ganz verzeihen.«
»Hit mir Leid.« Rhapsody ging eilig zum Schreibtisch, kritzelte eine Notiz, löschte die Tinte und rollte das Stückchen Pergament dann eng zusammen. Llauron lächelte, griff in seine Tasche und zog einen kleinen Metallbehälter heraus, den er Rhapsody reichte. Sie steckte die Botschaft hinein, der Fürbitter befestigte das Röhrchen am Fuß des Vogels und deutete mit einer Kopfbewegung zu der verborgenen Tür.
»Gehen wir durch die Geheimtür, damit du sie auch bestimmt wieder findest«, meinte er.
»Wenn du das nächste Mal kommst, haben wir hoffentlich mehr Zeit und können uns unterhalten. Ich habe dich schrecklich vermisst.«
Rhapsody öffnete die Tür. »Das würde ich sehr gern tun«, erwiderte sie. Dann folgte sie Llauron durch den versteckten Eingang, der sie durch einen dunklen Erdtunnel in den stillen Raum neben der Küche führte. Dort warteten sie, bis die Luft rein war und traten schließlich hinaus ins helle Licht des Spätnachmittags.
»Meinst du, dass du die Tür wieder findest?«, fragte Llauron, als er den Vogel freiließ.
»Ich denke schon.«
»Gut, gut.« Llauron legte die Hand schützend über die Augen, als der Wintervogel aufstieg, sich im Wind in die Kurve legte und kurz darauf über den Baumwipfeln verschwand. »Weg ist er. Keine Sorge, meine Liebe. Deine Freunde werden die Nachricht unbeschadet erhalten.«
Rhapsody lächelte den alten Mann an. Er hatte sie nicht im Geringsten nach ihrem Vorhaben ausgefragt und auch den Inhalt der Botschaft nicht wissen wollen. Sie blickte ihm ins Gesicht und sah dort väterliche Sorge.
»Vielen Dank noch einmal, Llauron«, sagte sie und ergriff seine Hand. »Entschuldigt, dass ich einfach so unhöflich hereingeplatzt bin und sofort weiterhaste.«
»Nun, manchmal geht es eben nicht anders, ganz gleich, wie sehr wir uns alle über einen längeren Besuch von dir freuen würden, meine Liebe. Gwen hat deinen Proviant schon gepackt.« Damit nahm er den Beutel von seiner Schulter und überreichte ihn ihr. »Wenn du mir erlaubst, einen Segen für dich zu sprechen, so bitte ich den Allgott darum, dass er dich auf deiner Reise beschützt, bis du unversehrt wieder zu deinen Freunden nach Ylorc zurückkehrst.«
»Danke.« Rhapsody neigte respektvoll den Kopf; Llauron legte seine Hand auf ihr Haar und sprach ein paar Worte in Altcymrisch, der Sprache ihrer Kindheit, die inzwischen fast vergessen war und nur noch für religiöse Zwecke verwendet wurde. Als seine Fürbitte beendet war, tätschelte der alte Mann sanft Rhapsodys Wange, hob dann ihr Kinn an und musterte ihr Gesicht.
»Sei vorsichtig, meine Liebe; ich möchte nicht, dass dir etwas zustößt. Wenn du irgendetwas brauchst, solange du dich in meinem Land aufhältst, sage bitte jedem, dem du begegnest, dass du unter meinem Schutz stehst; dann wird man dir helfen.«
»Noch einmal danke, Llauron. Doch nun muss ich aufbrechen. Bitte dankt auch Gwen und Vera von mir.« Rhapsody streckte die Arme aus und umarmte den alten Herrn geschwind.
»Bitte passt auch auf Euch selbst gut auf.«
Der Fürbitter erwiderte ihre Umarmung, und als er sie losließ, leuchteten seine Augen voller Zuneigung.
»Für dich, meine Liebe, würde ich alles tun. Gute Reise und grüße deine Freunde in Ylorc herzlich von mir.«
Als Rhapsody am Abend zur Wegmarkierung kam, wartete Ashe dort bereits auf sie.
»Wie ich sehe, hast du es gefunden.«
Er lachte leise. »Ja. Konntest du deine Botschaft abschicken?«
»Ja, danke. Ashe?«
Er hatte sich bereits nach Süden gewandt, bereit zum Aufbruch. »Ja?«
»Danke, dass ich nicht rennen muss, um Schritt mit dir halten zu können.«
»Gern geschehen, Rhapsody. Wie ich dir schon damals bei den Zahnfelsen sagte wenn du anfangen würdest zu rennen, käme ich wahrscheinlich nicht mehr mit.«
Die Reise nach Süden durch den erwachenden Wald verlief ereignislos, gekennzeichnet durch Dickichte aus blühenden Bäumen und grünem Blattwerk, so weit das Auge reichte. Rhapsody fragte sich, wann die Welt wohl nicht mehr wie ein endloser Wald aussähe, durch den sie wanderten.
Der Frühling war bis ins Blut vorgedrungen; Rhapsody atmete die Luft tief ein, und ihre Augen strahlten. So schritt sie mit einem Gefühl von Ehrfurcht einher und fragte sich, was Elynsynos mit ihrer tiefen Verbundenheit zur aufblühenden Erde wohl fühlen mochte. Sie hoffte, dass diese Jahreszeit für die Drachin angenehm war.
Nach einigen Tagen spürte sie, dass sie sich lirinschem Land näherten. Eines Nachmittags wandte sie sich Ashe zu und berührte seinen Arm.
»Ashe?«
»Ja?«
»Jetzt sind wir in Tyrian, oder?«
»Ja, ich denke schon.«
»Ich glaube eigentlich, dass wir schon seit ein paar Stunden in Tyrian sind.«
»Da könntest du Recht haben.«
»Nun«, meinte Rhapsody und blieb stehen, »dann sind wir dort angekommen, von wo aus ich allein weitergehen sollte.«
Ashe antwortete nicht, sondern schnallte seinen Tornister ab und legte den Wanderstab auf den Boden.
Auch Rhapsody entledigte sich ihrer Sachen. Dann blickte sie in die dunkle Kapuze empor, in der Hoffnung, dort einen Blick in seine blauen Augen zu erhaschen. Aber sie konnte nichts dergleichen entdecken.
›»Danke‹ ist wirklich nicht genug, um auszudrücken, wie sehr ich es zu schätzen weiß, was du alles für mich getan hast«, sagte sie und hoffte, dass sie im richtigen Winkel zu ihm aufschaute. »Aber trotzdem sage ich vielen Dank.«
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»Ich bin gern bereit, auf dich zu warten und dich zurück nach Ylorc zu begleiten«, sagte Ashe.
Rhapsody lachte. »Nochmals danke, aber ich glaube, ich habe deine Zeit lange genug in Anspruch genommen. Du möchtest doch bestimmt in dein eigenes Leben zurückkehren, und falls du keines hast, dann such dir eines, um Himmels willen.« Von Ashe kam keine Reaktion.
»Außerdem hoffe ich, dass Oelendra mich als Schülerin aufnimmt, und wenn sie das tut, werde ich voraussichtlich eine ganze Weile hier sein. Und ich bin in der Lage, auf mich selbst aufzupassen. Wirklich.«
»Das weiß ich.«
»Aber falls Herzog Roland mich zu seiner Hochzeit einlädt, kannst du mich gern begleiten«, sagte sie, immer noch lachend. »Unsere Kleidung passt jetzt schon so gut zusammen.« Damit hob sie einen Zipfel ihres Umhangs in die Höhe.
Eine plötzliche kühle Brise fuhr durch die Baumgruppe, blies Rhapsody die losen Haarsträhnen ins Gesicht und betonte das drückende Schweigen. Nochmals berührte sie Ashes Arm. »Nun, dann auf Wiedersehen«, sagte sie. »Ich würde dich gern auf die Wange küssen, aber ich weiß mal wieder nicht, wo sie ist.«
Ashe legte einen behandschuhten Finger auf ihre Lippen, als wollte er sie zum Schweigen bringen. »Wenn du mir gestattest, dich zu führen, würde ich deinen Mund an die richtige Stelle lenken.«
Rhapsody grinste, schloss die Augen und reckte das Kinn nach oben. Behutsam brachte er ihr Gesicht in die richtige Position, und als sein Finger zu ihren Lippen zurückkehrte, folgte sie ihm nach oben ins Innere der weiten Kapuze. Dann zog er seine Hand zurück, und statt den kratzigen Bartstoppeln begegneten ihre Lippen den seinen und drückten sich einen Moment lang auf sie, warm und weich. Sie war nicht wirklich überrascht. Schnell gab sie ihm noch einen Kuss und bückte sich dann, um ihre Sachen aufzuheben.
»Also dann auf Wiedersehen«, wiederholte sie, als sie sich aufrichtete und zum Gehen wandte. »Ich wünsche dir eine gute Reise. Und sei bitte vorsichtig.«
»Du ebenfalls.«
Rhapsodys Gesicht wurde ernst. »Ashe?«
»Ja?«
»Bitte denk über das nach, was ich gesagt habe. Wegen des Barts.«
Aus der Kapuze glaubte sie ein leises Lachen zu hören.
Rhapsody setzte ebenfalls die Kapuze auf, wandte sich um und ging davon. Nach ungefähr zehn Schritten machte sie noch einmal kehrt. »Ich hoffe, dass wir uns eines Tages wieder sehen.«