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Aus der Stimme, die aus dem nebligen Umhang kam, konnte man das Lächeln beinahe heraushören. »Wenn ich ein Spieler wäre, würde ich darauf wetten.«

Rhapsody blickte ihn nachdenklich an. »Ja, aber wir wissen beide, dass du kein Spieler bist.«

Noch einmal lächelte sie ihm zu, dann wandte sie sich um und verschwand. So lange wie möglich sah Ashe ihr nach. Noch eine ganze Weile konnte er ihre Stimme hören, wie sie das Flüsterlied der Bäume sang, wie sie die wortlose Melodie des Windes über das Hochgras pfiff und mit der Schwingung der Erde summte, hier an diesem Ort, wo sie nach Antworten suchte und den sie, so hoffte er, eines Tages regieren würde. Und so wurde sie eins mit Tyrian, lernte sein Lied, seine Geheimnisse kennen.

Erst als sie gut zwei Meilen entfernt war, konnte er ihren Duft nicht mehr wahrnehmen und sich körperlich nicht mehr erinnern, wie ihn der Geruch ihres Haars an einen heraufdämmernden Morgen gemahnte. Noch einmal acht Meilen dauerte es, bis er die Wärme ihres inneren Feuers nicht mehr spürte. Der würzigsüße Geschmack ihres Mundes und die schüchterne Sanftheit ihres Kusses würden noch viele Wochen auf seinen Lippen verweilen. Er wusste, dass die Bilder, wie sie sich von ihm verabschiedet und wie sie im Schatten des Feuerscheins ausgesehen hatte, ihn sein Leben lang begleiten würden. Er hatte sie nicht berührt außer mit der behandschuhten Hand und bei einem kurzen freundschaftlichen Kuss. Doch seine Finger taten noch immer weh, ein stechender Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete und ihm mit grässlicher Härte seine Einsamkeit vor Augen führte. Mit großer Heftigkeit wallte die Qual wieder auf, die beinahe geschlummert hatte. Der Drache in ihm zürnte wegen des Verlusts ihres eingeborenen Zaubers; der Mann in ihm vermisste noch viel mehr.

Und mit der Rückkehr seiner Einsamkeit und seines Schmerzes kam die Erinnerung an das, was bevorstand, und an die Rolle, die er dabei spielen würde. Die Erkenntnis, dass auch sie solch grausamen Schmerz erfahren würde, war unerträglich für sein gemartertes Herz. Ashe fiel auf die Knie und krümmte sich zusammen, bis seine Stirn den Boden berührte. Den Kopf mit den Händen umklammert, weinte er, sog den scharfen Geruch des Waldweges ein und benetzte die Erde mit Drachentränen, die ein Stück Obsidian zurückließen, mit goldenen Sprenkeln, die im Sonnenlicht glitzerten.

18

Eine lange Zeit hörte man im großen Herzen dessen, was einst die Kolonie gewesen war, nichts als das sanfte Schwirren des alten Uhrenpendels, das langsam in der Dunkelheit hin und her schwang. Die alte Dhrakierin schlang ihr Gewand enger um sich und ließ schweigend den Blick durch die leere Ruine schweifen. Als sie endlich sprach, hallte ihre wortlose Stimme durch die Höhle und wurde vom schalen, feuchten Wind verschluckt.

»Am Tag, als die Kolonie zerstört wurde, herrschte an diesem Ort ebenso viel Leben, wie ihm jetzt mangelt.« Ihre Augen schweiften über die dunklen Gänge, als wollte sich die alte Frau die einstige Betriebsamkeit in Erinnerung rufen. Achmed sah, wie sich die durchscheinende Haut ihres Gesichts spannte, wie die Muskeln darunter sich zusammenzogen, als wollten sie einen Schutzwall gegen die Erinnerung errichten. Die zarten Adern, welche die Haut durchzogen, färbten sich dunkler, während der Blutstrom aus ihrem Herzen stärker wurde und der Puls, den Achmed in seiner eigenen Haut spüren konnte, sich beschleunigte.

»F’dor«, flüsterte die Großmutter mit noch immer geschlossenen Augen. Achmeds Blut hämmerte gegen sein Trommelfell und dröhnte in seinem Kopf. Neben sich hörte er, wie auch Grunthors kräftiger Herzschlag schneller wurde und mehr Blut durch die Adern pumpte. Da öffnete die alte Frau die Augen und starrte direkt in die Achmeds.

»Schon das Wort ist dir ein Ärgernis«, stellte sie fest. Langsam nickte der Firbolg-König .

»Dein Blut singt vor Hass, genau wie das meine, wegen eines alten Schwurs, den deine Vorfahren, die Kith, abgelegt haben. Sie waren die Söhne des Windes, eine der ersten fünf Rassen dieser Welt.« Während sie redete, fühlte Achmed, wie sich die Schwingungen in der Ruine zu einem leisen Summen verdichteten. Der feuchte Wind aus den Tiefen der Höhle wurde ein wenig frischer, als beteiligte auch er sich an der Geschichte, die sie erzählte.

»In den Tagen der Vorzeit machten sich vier dieser alten Rassen daran, die F’dor in den Tiefen der Welt einzusperren«, fuhr die Großmutter fort. »Eine jede übernahm bei diesem Vorhaben eine besondere Aufgabe. Die jüngste Rasse, die man als Wyrmril kennt, baute den Kerker, in dem die F’dor für alle Zeiten gefangen bleiben sollten. Aus Lebendigem Gestein.«

Die schwarzen Augen der Alten funkelten unheimlich. »Genau so, wie sie auch die Kinder der Erde geschaffen hatten.« Achmed blickte zu Grunthor hinüber, aber der Bolg-Riese schwieg. Er lauschte gespannt auf die zweite Stimme der Matriarchin, die mit einer tieferen Schwingung zu ihm sprach.

»Die anderen beiden Rassen, die Mythlin und die Seren, bauten die Falle auf und fingen die F’dor-Geister in dem Käfig aus Lebendigem Gestein, tief in der Erde. Es war eine organische Gruft, ein lebendiges Gefängnis, denn der Stein, aus dem es gebaut war, lebte ebenfalls. Seine Doppelnatur gab ihm die Macht, Geister gefangen zu halten, die wie die F’dor zwischen dieser Welt und dem Geisterreich der Unterwelt hinüberwechseln können. Die Kith übernahmen die Aufgabe, die eingesperrten F’dor zu bewachen; sie waren sozusagen ihre Gefängniswärter. Diese Pflicht fiel ihnen zu, weil sie die Gabe des kirai besaßen, die Fähigkeit, Luftströme zu lesen, zu schmecken, zu fühlen, zu verändern und daraus Dinge zu erfahren. Ihre Empfindlichkeit für Schwingungen befähigte sie, die F’dor auch dann zu sehen und in Schach zu halten, wenn sie keine körperliche Form besaßen. Mit den Vibrationen, die sie aussendeten, konnten sie ein Netz sorgfältig ausgewählter Geräusche spinnen, mit dem sie die Dämonengeister in Bann halten würden, falls es ihnen jemals gelingen sollte, ihrem Gefängnis zu entweichen.

Diese Aufgabe war mit einem großen Opfer verbunden, denn sie verlangte von den Söhnen des Windes, dass sie für immer im Reich der Erde lebten, weit weg vom Himmel und seinen Geistern. Die Gefängniswärter die Angehörigen der Kith-Rasse, die als Wachposten auftraten, als Hüter der F’dor entwickelten sich zu der älteren Rasse, die man als Dhrakier kennt.«

Die Augen der Großmutter wurden schmal; als sich das Summen auf Achmeds Haut veränderte, wusste er sofort, dass sie ihn mit ihren Suchschwingungen einzuschätzen versuchte, um herauszufinden, wie viel von dieser Information ihm neu war. Er senkte sein eigenes verteidigendes kirai und gewährte ihr damit den verlangten Einblick. Er hatte gewusst, dass die F’dor von den anderen vier Rassen gefangen gehalten worden waren, aber nicht, mit welchen Mitteln.

Die Großmutter starrte ihn an, dann entspannte sich ihr Gesicht wieder und nahm seinen gewohnten unbeteiligten Ausdruck an.

»Alles blieb, wie man es geplant hatte, bis eines Tages ein Stern vom Himmel fiel und die Erde traf. Er beschädigte die Kerkergruft aus Lebendigem Gestein, das Gefängnis der F’dor. Ehe die überlebenden Wächter der Dhrakier sie instand setzen konnten, waren einige der Dämonengeister bereits entflohen. Dies war der Beginn der Urjagd, der Blutsuche, an der alle Dhrakier beteiligt sind. Schon bei der Geburt wird ihre Lehenstreue eingeschworen, und sie reicht bis weit über den Tod hinaus. Unser Lebenssinn besteht darin, die entflohenen F’dor zu jagen und zu zerstören. Das hast du gewusst, oder nicht?«

»Ja«, antwortete Achmed fest. In der Stimme der Großmutter hatte eine Veränderung stattgefunden, die seine Haut zum Jucken brachte.

»Die Dhrakier, die sich der großen Jagd anschlössen, ihre Wache an der Gruft in der Erde aufgaben und wieder an die Luft kamen, um die F’dor zu suchen, fanden sich zu Kolonien zusammen, die unter der Erde lebten, sich aber für ihre Suche in den Wind hinaufwagten. Große Kreuzzüge wurden unternommen, um die F’dor aufzuspüren und auszurotten, ihre menschlichen Wirte zu finden, sie in den Bann zu schlagen und Mensch und Geist zu vernichten. War dir dies ebenfalls bekannt?«