»Ja.«
»Aber du gehörst nicht zu den Brüdern. Du bist Dhisrik, einer der Ungezählten, der Dhrakier, die keiner Kolonie angehörten. Außerdem bist du ein Ungelehrter, du hast das Bannritual nie gemeistert.«
»Aber ich habe gesehen, wie es durchgeführt wird.« Wieder stieg die Galle in Achmeds Kehle hoch. Er kämpfte die Erinnerungen nieder, die ihre Worte zuhauf in ihm wachriefen.
»Du kannst kein Ungelehrter bleiben«, sagte die Großmutter, während ihre Augen noch immer die stille Höhle über ihr absuchten. »Ich werde dich den Bann lehren. Ohne ihn bist du nicht fähig, das zu erfüllen, was prophezeit worden ist.«
Achmed räusperte sich und schluckte die Säure hinunter, die sich in seiner Kehle angesammelt hatte. »Vielleicht könntest du mir mitteilen, was diese Prophezeiung besagt.«
Die Großmutter blickte auf den Kreis von Worten, von denen die Symbole der Pendeluhr umgeben waren. »Du musst Jäger und Wächter sein. Das ist so vorausgesagt.«
»So eine Prophezeiung kann mich mal«, knurrte Achmed. »Was soll das bedeuten? Wie kann ich beides zugleich sein? Gut, ich weiß mehr oder weniger, was ich jagen soll. Aber was soll ich bewachen? Den Kerker?«
Ohne den Blick von den Runen im Boden abzuwenden, schüttelte die Großmutter den Kopf.
»Nein, aber es ist aus Lebendigem Gestein, genau wie der Kerker.«
»Das Kind.« Die Worte kamen von Grunthor.
Die Großmutter neigte den Kopf. »Ja. Alles, was ihr hier seht, und alles, was einst die Kolonie war, wurde zu seinem Schutz erbaut. Die F’dor suchen das Mädchen und alle von seiner Art, ja, mehr als alles andere in der Welt verlangen die F’dor danach, es zu finden.«
»Warum?«, fragte Achmed.
»Weil die Kinder der Erde aus belebtem Gestein erschaffen wurden, genau wie der Kerker der F’dor. Ihre Knochen, vor allem die Rippen, könnten den Dämonen als Schlüssel dienen, um die Gruft zu öffnen.«
Plötzlich erhob sich der Wind aus den Tiefen der Höhle, und Achmed merkte, wie still es geworden war. Er schmeckte Asche im Mund. Ganz entfernt erinnerte er sich daran, dass er einst einen solchen Schlüssel bekommen hatte.
Er war in eine Ranke eingewickelt, die selbst aus Glas gefertigt zu sein schien, mit schwarzen Dornen bewehrt. Die Ranke war aus dem Boden der Turmspitze gewachsen, dem unheiligen Tempel des Dämons, der im alten Land sein Herr und Meister gewesen war. Achmed schloss die Augen und versuchte, sein Gedächtnis gegen die Erinnerung abzuschotten, aber sie war zu stark, das Grauen zu gewaltig. Er hatte den Schlüssel von der Ranke gepflückt. Darauf war das schwarze Gewächs in seiner Hand zerbrochen wie der Stiel eines zarten Weinglases.
Mit seinen halb bolgschen Augen, den Nachtaugen eines Volks, das aus Höhlen gekommen war, hatte er den Schlüssel genau inspiziert. Dem Anschein nach war er aus dunklen Knochen gefertigt, der Schaft gebogen wie bei einer Rippe. Er hatte in der Dunkelheit leise geschimmert.
Du gehst mit diesem Schlüssel zum Ausgang der Landbrücke vor den Nördlichen Inseln, hatte sein Meister gesagt. Im Fundament dieser Brücke ist ein Tor, wie du so noch keines gesehen, geschweige denn passiert hast. Die Erdkruste dort ist sehr dünn, was dir ein paar Unannehmlichkeiten einbringen könnte. Wie auch immer, wenn du das Tor passiert hast, wirst du dich in einer weiten Wüste wieder finden.
Du wirst wissen, welche Richtung einzuschlagen ist, und bald einem alten Freund von mir begegnen. Den sollst du später durch das Tor auf unsere Seite führen. Vorläufig musst du dich nur über einen Termin mit ihm verständigen. Der sollte allerdings möglichst bald angesetzt werden. Wenn das geschehen ist, kommst du hierher zurück, und ich werde dich auf deinen Dienst als Führer meines Freundes vorbereiten. Achmed hatte getan, was der Dämon verlangt hatte. Dieses Erlebnis war der einzige Grund gewesen, aus dem er und Grunthor von der Insel hatten fliehen wollen. Zwar hatten sie beide keine Angst vor dem Tod, sie schreckten auch nicht vor dem Bösen zurück, aber was ihm in der Wüste jenseits des Horizonts begegnet war, trotzte jeder Beschreibung, derer seine Phantasie fähig war. Angesichts der Verheerung, die bevorgestanden hatte, angesichts der Zerstörung, die über die Welt hereinbrechen sollte, hatten sie beschlossen, zum ersten Mal in ihrer beider Leben davonzulaufen, alles hinter sich zu lassen, was sie besessen hatten, und eine Ewigkeit von etwas Schlimmerem als dem Tod zu riskieren. Alles anderes wäre undenkbar gewesen.
Die letzten Worte des Dämons klangen ihm noch jetzt in den Ohren. Selbst so viele Jahrhunderte später konnte sich Achmed noch immer an den Gestank nach verbranntem menschlichem Fleisch erinnern, der den Atem des Dämons verseucht hatte.
Ich will, dass die Sache schnell über die Bühne geht. Sie ist von entscheidender, weit reichender Bedeutung. Im Vergleich dazu ist alles, was du für besonders wichtig erachtest, von lachhafter Belanglosigkeit. Ich bin dein wahrer Herr und Gebieter, und du wirst mir dienen, freiwillig oder gezwungenermaßen.
Er hatte den Schlüssel stattdessen dazu verwendet, den Stamm von Sagia, der Eiche der tiefen Wurzeln, zu öffnen, im Gedenken an einen anderen Meister, den er sehr geliebt hatte. Vater Haiphasion hatte die gleichen Worte gesprochen, als er ihm von dem Baum erzählt hatte, der ihnen schließlich zur Flucht verholfen hatte.
Sagia wurzelt im Lirin-Wald am jenseitigen Ausläufer des Teichs der Herzenssehnsucht. Die Lirin glauben, dass sie ihre Wurzeln durch die ganze Erde streckt, sodass sie in Verbindung steht mit den Bäumen, die an den Orten stehen, an denen die Zeit begann. Solltest du jemals dort wandern, mein Sohn, so zeige Respekt, denn es ist ein heiliger Ort. Du wirst die Zerbrechlichkeit des Universums in den Schwingungen erkennen, die von diesem Ort ausgehen, denn dort ist der Stoff der Erde dünn geworden und abgetragen.
Als sie den Baum betreten hatten, an seiner Wurzel entlanggekrochen und schließlich durch das Feuer im Zentrum der Erde gegangen waren, hatte der Schlüssel seine schimmernde Macht verloren und die andere Seite nicht zu öffnen vermocht. Jetzt ruhte er in einem Samtbeutel in einem verschlossenen Reliquienschrein im Boden seines Gemachs in Ylorc, fast vergessen.
Er schüttelte den Kopf, um den Wust von verbliebenen Schwingungen auf seiner Haut loszuwerden. Die Großmutter musterte ihn durchdringend. Einen Augenblick später schien sie zufrieden gestellt, setzte sich geschmeidig neben ihnen nieder, und legte die gefalteten Hände an die Lippen.
»Was stimmt eigentlich nicht mit der Kleinen?«, wollte Grunthor wissen. »Warum schläft sie ständig?«
Zum ersten Mal wirkte die alte Frau traurig. »In der Dämmerung des Zeitalters der Menschen wurde sie schwer verletzt. Es geschah während eines blutigen Krieges zwischen den Zhereditck einer Kolonie in Marincaer, einer Provinz westlich des Großen Meers, und den verderbten Dämonenscharen, die es auf ihre Knochen abgesehen hatten, um ihre gefangenen Kameraden aus dem Kerker zu befreien. Sie ist eine der Letzten ihrer Art, die noch lebt, vielleicht sogar die Allerletzte. Es gab keine Zuflucht; das Wagnis des Kampfs um ihr Leben hätte nicht höher sein können, und so tobte er mit der Wildheit kochender Meereswogen. Am Ende siegten die Brüder und brachten das unheilbar verletzte Kind hierher, um es für alle Zeit tief in den undurchdringlichen Bergen zu verstecken.
Jahrhundertlang waren die Berge wirklich undurchdringlich. Das Mädchen blieb hier, zwar von seinen schlimmsten Schmerzen geheilt, aber nicht wieder zu beleben, sicher inmitten der Kolonie, die um es herum gebaut wurde. Während die Brüder hauptsächlich in der Erde wohnten, gingen die Patrouillen in jenen Tagen noch immer nach oben, sammelten Nahrung und hielten Ausschau nach Feinden. Niemand kam, um die Schwingungen des Windes zwischen den Gipfeln zu stören. Man sagt, es waren gute Zeiten, sichere Tage.