Dann aber tauchten die Menschen auf. Der Wind brachte Kunde von ihnen, lange bevor sie gesichtet wurden. An ihrer Zahl und ihrem Zustand erkannten die Brüder sogleich, dass es keine Invasionsmacht war: zerlumpte, abgerissene Männer und Frauen, alt und jung, mit Kindern im Schlepptau, viele Rassen in einer einzigen Karawane zusammengewürfelt, die über die Wüste in den Norden flohen. Sie kämpften ums Überleben und darum, zusammenzubleiben, und es war klar, dass sie ebenfalls in den Armen der Berge Zuflucht suchten.«
»Die Cymrer«, sagte Achmed. »Gwylliam und die Dritte Flotte.« Grunthor räusperte sich zustimmend.
»Wir haben nie erfahren, wie sie sich selbst nannten«, erwiderte die Großmutter. »Als ihre Absichten klar waren, versteckten sich die Brüder, zogen sich in die Erde zurück und verbargen jegliche Hinweise auf die Kolonie. Wir sind ein Volk, das sich sehr leise fortbewegen kann, und die Kolonie blieb unbemerkt, selbst als sich die Menschen hier niederließen und in der Erde zu graben begann. Sie waren hervorragende Bauleute; die Berge hallten wider vom Klang ihrer Schmiedehämmer, und die Erde erzitterte, als die Menschen sie nach ihrem Willen formten.
Unterdessen schien die Kolonie weiterhin unentdeckt zu bleiben. Es gab nie Kontakt zwischen den Erbauern, wie wir sie nennen, und den Brüdern. Selbst als sie einen neuen Gang direkt auf der anderen Seite der Bergwand aushoben dort, wo man die Kolonie betrat, gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass sie von unserer Anwesenheit wussten. Die Zhereditck hatten inmitten der Kolonie Lauschplätze eingerichtet, um eine Überwachung aufrechtzuerhalten, aber es gab nie einen Hinweis darauf, dass die Menschen wussten, dass sie den Berg mit uns teilten.
Vor der Letzten Nacht schien sich ein Rumpeln in ihrem Reich zu verbreiten, aber niemand kam auf den Gedanken, dass es etwas mit der Kolonie zu tun haben könnte. Die Lauscher fingen Schwingungen von einem Streit auf, der im Lauf der Jahre immer heftiger geworden war, aber er schien zu dieser Kultur dazuzugehören. Die Brüder sind eine einfache Rasse mit einfachen Bedürfnissen und einem einfachen Lebensziel. Anscheinend aber strebten die Erbauer nach Höherem und sie waren eindeutig feindseliger. So war es schon seit Jahrhunderten gewesen. In jenen Tagen war ich eine amelystik, eine Pflegerin des Schlafenden Kindes. Sich um das Mädchen zu kümmern zählte zu den Aufgaben, die der zukünftigen Matriarchin der Stadt auferlegt wurden. Es gab einige von uns, und jede war eine Anwärterin für die Stellung der Großmutter, die das Schicksal selbst nach dem Tod der Alten auserwählen würde. In der Letzten Nacht wurde ich vom Schicksal dazu bestimmt, für das Mädchen zu sorgen. Ehe ich mich zum Schlafen neben sie legte, bemerkte ich, dass sie ruhelos war. Auch meine eigenen Träume waren beunruhigend; ich erwachte aus einem davon, weil ich Asche im Mund schmeckte und mir der Schreck die Kehle zuschnürte. Heißer, beißender Qualm erfüllte den Tunnel. Überall in der Kolonie herrschte Panik, die Zhereditck würgten und rangen in der giftigen Luft nach Atem.
Da das Schicksal selbst in seiner Grausamkeit noch freundlich ist, musste ich nicht viel davon mit ansehen. Die letzte Tat eines der Brüder bestand darin, dass er die großen Eisentüren der Kammer des Erdenkindes zuschlug; ich erinnere mich noch an seinen Gesichtsausdruck in jenem Augenblick, als er mich mit dem Kind einschloss. Hinter ihm sah ich noch eine große Menge wild fuchtelnder, kämpfender Dhrakier, als die Tür sich schloss und das Erdenkind und mich vom brennenden Rauch und dem Rest der Kolonie abtrennte. Als unsere Augen sich begegneten, wussten mein Retter und ich beide, dass er das Einzige tat, was getan werden konnte. Es war die oberste Priorität, der Grund für die Existenz der Kolonie: das Schlafende Kind zu beschützen.« Das Summen der zwei Stimmen der Großmutter wurde schwächer.
»Obgleich ich die Vernichtung der Kolonie nicht mit eigenen Augen sah, erlebte ich sie dennoch mit, denn Dhrakier, die in einer Kolonie leben, sind eines Geistes, ähnlich wie Bienen in einem Bienenstock oder Ameisen in einem Ameisenhaufen. So spürte ich jeden Todeskampf, ertrug jedes Ringen nach Luft, beobachtete durch tausende trübe werdende Augen, wie das Leben unserer Rasse ausgelöscht wurde. Bei jedem wachen Atemzug verfolgen mich diese Bilder. Sogar jetzt noch, Jahrhunderte später, finde ich nur im Schlaf Ruhe davor.
Ich wartete sehr lange, bis die Eisentüren abgekühlt waren, bis der Lärm erstarb. Selbst auf der anderen Seite der Türen vernahm man das Keuchen, die unterdrückten Schreie, die donnernden Schritte. Ich wartete auf meine Ablösung, aber keine andere amelystik kam. Ich war noch eine sehr junge Frau, eigentlich selbst noch ein Mädchen, daher beschloss ich, dass es klug war abzuwarten, bis ich die Schwingungen von Tod und Rauch nicht mehr auf meiner Haut fühlen konnte; das dauerte sehr lange. Auch beobachtete ich das Kind nach Anzeichen, dass der Schrecken sich verzog, und das dauerte sogar noch länger. Als der Lärm endlich nachließ, als ich die Hitze nicht mehr durch die Tür spürte und keinen Ruß in der Luft mehr riechen konnte, als das Erdenkind endlich wieder ruhig schlief, da öffnete ich die Türen. Es war so, wie ich es erwartet hatte; der Rauchdunst hing noch in den stillen Gängen, die Leichen der Brüder verstopften die Tunnel. Ich wartete, dass die Sieger durch die Wand brechen und die Kolonie übernehmen würden, nun, da alle Zhereditck tot waren. Doch niemand kam. Es gab kein Invasionsheer, keine Plünderer. Bis zum heutigen Tag weiß ich nicht, ob alles nur ein schrecklicher Unfall war oder ein geplanter Massenmord. Dabei ist es sehr wichtig, das zu wissen, falls man es noch feststellen kann; denn wenn die F’dor dafür verantwortlich waren, dann kennen sie den Aufenthaltsort des Kindes und werden wiederkommen.
Seit jenem Augenblick vor fast vier Jahrhunderten habe ich gewartet, aber es gab kein Anzeichen. Das Schicksal hat den Brüdern eine furchtbare Tragödie beschert, die niemand außer dem Erdenkind überlebt hat, dessen Leben einem ewigen Tod gleichkommt; um dieses Leben zu schützen, ist eine ganze Zivilisation zugrunde gegangen. Ich bin die zweite Überlebende, ich, die ich vom Schicksal zur Matriarchin auserkoren wurde, ich, die ich niemals ein Kind austragen werde; Mutter, Führerin, Beschützerin für niemanden meiner eigenen Art. Und jetzt du, weiter nichts als ein Gespenst.«
Achmed schloss die Augen und dachte an den Geruch von Kerzenwachs im Kloster und an die leisen, trockenen Worte von Vater Haiphasion. Kind des Blutes, hatte der dhrakische Weise gesagt, Bruder aller, mit niemandem verwandt.
»Endlich seid ihr gekommen, wenn auch spät. Noch is Zeit; ich habe auf euch gewartet.«
»Vielleicht solltet Ihr uns sagen, welche Prophezeiung Euch gegeben wurde«, meinte Achmed ruhig.
Die Erinnerung an die Vergangenheit, welche die Augen der Großmutter umwölkt hatte, schwand, und ihr Blick wurde klar und hart.
»Die Worte sind nicht für dich allein bestimmt.«
»Ihr habt gesagt, man erwartet von mir, dass ich sowohl Jäger als auch Wächter sein soll. Wenn Ihr mir die Prophezeiung nicht sagt, kann ich keins von beidem sein.«
»Nein«, wiederholte die Großmutter. Ihr Tonfall war gleichförmig und brannte auf Achmeds Haut. »Es müssen drei sein. So ist es vorhergesagt.
Eins müsst ihr verstehen, genau wie es auch die Zhereditck lernen mussten, als sie in dieses Land kamen: Hier ist der letzte der Orte, an dem die Zeit geboren wurde. Wenn man die Worte einer Prophezeiung ausspricht, zwingt man ihre Erfüllung schneller herbei. Man muss sehr vorsichtig sein; manchmal kann man es nur ein einziges Mal tun. Sonst könnte die Prophezeiung anders in Erfüllung gehen, als sie beabsichtigt war.« Zögernd nickte Achmed.
»Bringt die andere mit, wenn ihr zurückkommt. Die Zeit wird knapp.«
Damit erhob sich die Großmutter geschmeidig und gab ihnen mit einem Wink zu verstehen, sie sollten sich ebenfalls erheben. »Etwas zu zerstören ist wesentlich einfacher als etwas zu erschaffen, zu nähren, zu erlösen. Um diese Welt zu zerstören, ist nur ein Einziger nötig. Aber die Erlösung dieser Welt ist keine Aufgabe für einen Einzelnen. Eine Welt, deren Schicksal in den Händen eines Einzelnen ruht, ist viel zu simpel, als dass es sich lohnte, sie zu retten.«