Die Sonne schickte sich bereits an unterzugehen, als Grunthor die Steinbrocken so vor den Eingang des Loritoriums gewälzt hatte, dass er unsichtbar war. Achmed legte die Hand über die Augen und blickte nach Westen, um das Hereinbrechen der Nacht zu beobachten. Das Licht der schwindenden Sonne zauberte breite rote und purpurne Streifen auf die vom Wind abgewandte Seite der Zahnfelsen, sodass es aussah, als stünden die Berge in Flammen. Sein Kopf, der nach allem, was er gerade erlebt hatte, reichlich angespannt war, fühlte sich ganz ähnlich an.
Der Sergeant klatschte in die Hände und klopfte sich den Staub von seinen ramponierten Ziegenlederhandschuhen.
»Das müsste wohl genügen, Herr. Alles klar zur Rückreise?«
Achmed ließ den Blick über den Pfad vom Griwen zu den hohen Gipfeln wandern und versuchte, aus der Entfernung den Eingang zum Kessel zu orten. Einen Augenblick später hatte er ihn gefunden, verdeckt von einem Schwärm winziger menschlicher Gestalten, die am Tor ein wuselndes Durcheinander bildeten. Er verdrehte die Augen.
»Hrekin«, schimpfte er. »Die zweite Welle von Botschaftern von den Außenländern ist eingetroffen, und mit ihnen ein paar von denen, die mit einer Antwort von ihren Herren aus Roland zurückkehren. Sie sind auf den schlammigen Pfaden besser vorwärtsgekommen, als ich dachte.«
Auch Grunthor stieß einen tiefen Seufzer aus. »Da kann man nix machen, denk ich, Herr«, meinte er, während er die schweißdurchtränkten Handschuhe abstreifte und in seinen Tornister stopfte. »Königliche Pflichten sozusagen. Solltest du am besten hinter dich bringen.«
Achmed betrachtete die Szenerie noch einen Augenblick länger. Über einer Stelle der Gruppe hing ein dunkler Nebel, ein Nachmittagsschatten wahrscheinlich, mehr nicht. Dennoch waren seine Gedanken dunkel von Zerstörung und Tod, von all den Bildern, mit denen er konfrontiert worden war.
»Wann wollte Rhapsody zurückkommen?«, fragte er, noch immer die Augen mit der Hand beschirmend, während der Schein des blutroten Sonnenuntergangs sich zu einem sanften Rosa abschwächte und ein bleiches Grau schon auf den Einbruch der Dämmerung lauerte.
»Da hat sie sich nicht festgelegt«, antwortete Grunthor. »Wenn alles so geklappt hat, wie’s in ihrer Nachricht stand, dann müsste sie jetzt mitten in ihrer Ausbildung sein. Könnte ’ne ganze Weile dauern.«
Achmed verzog das Gesicht. »Machen wir uns auf den Rückweg«, sagte er und schulterte seinen Tornister. »Ich muss mit der nächsten Postkarawane eine Botschaft nach Tyrian schicken.«
19
Die Grenzwächter von Tyrian waren ihr schon über eine Stunde gefolgt, als Rhapsody sich endlich entschloss, dem Spiel ein Ende zu machen. Wenige Meilen schon, nachdem sie sich von Ashe getrennt hatte, hatte sie gespürt, dass sie verfolgt wurde. Leise waren sie von den Bäumen herabgekommen, unsichtbar, um zu beobachten, wie Rhapsody pfeifend durch ihren Wald wanderte. Eigentlich hatte sie erwartet, dass sie sich bald zeigen würden, aber stattdessen waren sie ihr lautlos gefolgt, leichtfüßig wie der Wind. Wäre Rhapsody nicht in Einklang mit dem Lied des Waldes gewesen, hätte sie niemals bemerkt, dass jemand hinter ihr war.
Schließlich blieb sie mitten auf dem Weg stehen. »Wenn ihr euch wegen meiner Anwesenheit sorgt, dann zeigt euch und begrüßt mich«, sagte sie und blickte nacheinander zu den vier Stellen, an denen sich die Wächter, wie sie wusste, verbargen. »Ich komme in friedlicher Absicht.«
Einen Augenblick später stand einer der Wächter vor ihr, eine große, breitschultrige Lirin-Frau, mit großen mandelförmigen Augen von der gleichen Farbe wie das rehbraune Haar. Ihr Körper war schmal und hoch gewachsen, mit einer Haut, deren Schattierung von der Berührung durch die Sonne und die Elemente zeugte; insgesamt war sie eine beispielhafte Vertreterin ihrer Rasse. Sie hatte an der Stelle gestanden, an der Rhapsodys Blick zuletzt haften geblieben war.
»Ich bin Cedelia«, erklärte sie auf Orlandisch, der in Roland gängigsten Sprache. »Sucht Ihr etwas Bestimmtes?«
»Ja, eigentlich schon«, antwortete Rhapsody mit einem Lächeln. »Ich möchte Oelendra besuchen.«
Auf dem Gesicht der Frau war keine Reaktion auszumachen. »Dafür seid Ihr aber im falschen Teil von Tyrian.«
»Nun, kann ich von hier aus zu ihr gelangen?«
»Irgendwann schon«, antwortete Cedelia. Sie machte eine leichte Bewegung, und Rhapsody sah, dass sie einen Pfeil in ihren Köcher zurücksteckte. Bisher hatte sie nicht einmal bemerkt, dass die Lirin-Frau einen Bogen bei sich trug. »Ihr seid mehr als eine Woche von dort entfernt. Das Einfachste wäre, wenn Ihr Euch nach Westen wenden und den Weg durch die Stadt Tyrian nehmen würdet. Wer seid Ihr?«
Die Sängerin verneigte sich leicht. »Mein Name ist Rhapsody«, antwortete sie respektvoll.
»Wenn es Euch lieber wäre, können wir uns gern in der Lirin-Sprache unterhalten.«
»Welche Sprache auch immer für Euch am angenehmsten sein mag, ist mir recht.« Im Gesicht der Lirin-Frau war nichts von der Feindseligkeit zu erkennen, die Rhapsody so oft bei Menschen gegenüber Gemischtrassigen wahrgenommen hatte. Sie beugte sich leicht nach Osten und gab eine Reihe von vogelartigen Pfiffen von sich. Rhapsody hörte ein leichtes Rascheln in den Bäumen, mehr nicht. »Ich werde Euch nach Tyrian-Stadt begleiten.«
»Danke«, erwiderte Rhapsody. »Es ist gut, eine Führerin zu haben.« Cedelia deutete auf einen kaum sichtbaren Pfad, der vom Waldweg abzweigte, und Rhapsody folgte ihr in den Wald, mitten hinein in die Welt aus Liedern der Vögel und des Windes, der durch die Bäume von Tyrian wehte.
Beinahe die gesamte Reise über herrschte Schweigen. Ein paarmal versuchte Rhapsody, ein unverbindliches Gespräch anzufangen, und obgleich Cedelia ihr freundlich antwortete, gab sie sich nie die Mühe, die Unterhaltung aufrechtzuerhalten. Schließlich erinnerte sich Rhapsody daran, dass ihre Mutter eigentlich nur gesprochen hatte, wenn sie etwas Wichtiges zu sagen gehabt hatte; und so verfiel sie wie ihre Begleiterin in stille Zufriedenheit und begnügte sich damit, die Schönheit des in den Wald einkehrenden Frühlings zu betrachten. Inzwischen trugen die Bäume dicke Knospen, zartes Laub brach mit der Begeisterung eines Kinderlächelns aus ihnen hervor, grün und silbern, frisch nach dem langen Winterschlaf. Rhapsody spürte, wie ihr das Herz aufging, während sie so hinter ihrer schweigsamen Aufpasserin durch den Wald wanderte. Es hatte etwas Erfrischendes, hier zu sein, im Land des Volks ihrer Mutter, obgleich die Wald-Lirin natürlich keine Liringlas waren. Das Leben, das sie führten, hatte etwas Ehrliches, Einfaches; jedes Dorf, an dem sie vorbeikamen, machte einen fruchtbaren und friedlichen Eindruck, die Leute, denen sie begegneten, waren freundlich und schienen gut miteinander auszukommen. Hier herrschte Freude, oder zumindest etwas, das nahe daran war. Tyrian fühlte sich an wie ein Paradies. Rhapsody spürte, wie ihr inneres Feuer von Tag zu Tag stärker wurde.
Cedelia saß jede Nacht Wache. Zwar hatte Rhapsody angeboten, sich mit ihr abzuwechseln, aber Cedelia hatte ihr Angebot höflich angelehnt und erklärt, sie benötige keinen Schlaf. Zwar brauchte auch Rhapsody weniger Schlaf als ihre Bolg-Freunde und wesentlich weniger als Jo, aber selbst sie musste sich ein paar Stunden ausruhen, was bei Cedelia offenbar nicht der Fall war. So kroch sie jede Nacht unbeholfen unter den Augen ihrer Wächterin in ihre Deckenrolle. Sie hoffte nur, dass sie bei Oelendra willkommener wäre. Am vierten Tag setzte schwerer, prasselnder Regen ein, der auf der Haut wehtat. Sogar Cedelia hatte das Bedürfnis, Schutz zu suchen, und führte Rhapsody in eine Hütte, die diese nicht einmal gesehen hätte, wenn man sie darauf aufmerksam gemacht hätte. Im Innern war sie sparsam eingerichtet mit ein paar Feldbetten und Tischen; außerdem gab es einen Vorrat an getrockneten Lebensmittel. Cedelia öffnete eine Truhe und bot Rhapsody Streifen gepökelten Wildbrets an. Sie nahm es an, um nicht unhöflich zu erscheinen. Schließlich fasste sie den Entschluss, es doch noch einmal mit einem Gespräch zu versuchen.