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»Was ist das hier für ein Ort?«

Cedelia blickte von ihrem Essen auf. »Eins der Häuser, welche die Grenzwächter benutzen.«

»Es ist gut versteckt. Ich hätte es niemals gefunden.«

»Genau das ist der Punkt, so soll es sein.«

Ihr kühler Ton nahm Rhapsody den Wind aus den Segeln. »Habe ich Euch irgendwie gekränkt, Cedelia?«

»Ich weiß nicht. Habt Ihr mich gekränkt?« Die rehbraunen Augen verengten sich leicht, sonst veränderte sich ihr Gesichtsausdruck nicht. Sie nahm noch einen Bissen von dem Fleisch.

»Ich verstehe Euch nicht«, entgegnete Rhapsody, und das Blut stieg ihr in die Wangen. »Bitte erklärt mir, was Ihr damit meint, Cedelia. Wir reisen seit vier Tagen zusammen, und ich habe immer noch keine Ahnung, was Euch stört.«

Cedelia legte das Essen beiseite. »Man hat Euch vor fünf Tagen am Rand des Außenwaldes zusammen mit einem Mann in einem grauen Kapuzenumhang gesehen.«

Rhapsody blickte die Lirin-Frau verwundert an. »Ja.«

»Wer war das?«

Rhapsodys Herz begann zu pochen. »Warum?«

»Ein Mann in einem grauen Kapuzenumhang hat in derselben Nacht am Ostrand des Außenwalds einen Überfall auf ein Lirin-Dorf angeführt. Die Siedlung ist niedergebrannt.«

Rhapsody sprang auf die Füße. »Was?«

Blitzschnell richtete die Lirin-Frau einen Bogen mit eingelegtem Pfeil auf ihr Herz. »Setzt Euch wieder hin!« Rhapsody gehorchte. »Vierzehn Männer, sechs Frauen und drei Kinder sind bei dem Überfall ums Leben gekommen.«

Rhapsody begann zu zittern. »Himmel.«

»Nein, der war es ganz sicher nicht.« Cedelias Stimme triefte vor Gift. »Wer war dieser Mann?«

»Sein Name ist Ashe.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Ashe? Ashe was?«

Nachdenklich blickte Rhapsody durchs Fenster in den Wald hinaus. »Das weiß ich nicht.«

»Gehört es zu Euren Gepflogenheiten, Männer zu küssen, die Ihr nicht kennt?«

Sie sah Cedelia ins Gesicht. »Nein.«

Cedelia legte einen zweiten Pfeil neben dem ersten in den Bogen. »Warum seid Ihr wirklich hier?«

Rhapsodys Blick wurde hart. »Ich habe Euch die Wahrheit gesagt. Ich suche Oelendra.«

Cedelia starrte sie weiter unverwandt an. »Was habt Ihr vor?«

»Auch ich habe Euch die Wahrheit gesagt. Ich begleite Euch nach Tyrian-Stadt. Was dann geschieht, muss Rial entscheiden.«

Als sie das Grenzhüterhaus verließen, steckte Cedelia die Pfeile in den Köcher zurück und nahm den Bogen wieder über die Schulter.

»Man hat Euch von allen Seiten im Schussfeld. Also wäre es ausgesprochen dumm, wenn Ihr Euch widerspenstig zeigtet.«

Rhapsody seufzte. Seit sie wusste, dass sie die ganze Zeit über verfolgt worden waren und dass die Lirin glaubten, sie wäre für den hinterhältigen Angriff auf das Dorf mit verantwortlich, war ihr Eindruck vom Paradies ziemlich verblasst. An Ashe mochte sie nicht einmal denken.

In den ersten freudigen Stunden der Wanderung, als sie noch allein gewesen war und sich mithilfe ihrer Musik mit dem Wald ausgetauscht hatte, hatte sie einiges über ihn erfahren. Der Wald von Tyrian erstreckte sich von Osten nach Westen über hundert Meilen weit; von Norden nach Süden maß er annähernd zweihundert Meilen. Im Westen grenzte er ans Meer, im Norden an die Küstenprovinz Avonderre und im Süden an das Gebiet der Lirinwer, der Lirin des Flachlands.

Der wundervolle Eindruck, den sie von der aus der Not geborenen Einstellung der Lirin gewonnen hatte, die in Tyrian lebten, hatte sich durch all das bestätigt, was sie vom Wald selbst erfahren hatte. Es kam ihr regelrecht makaber vor, dass sie nun selbst die Gefangene unsichtbarer Wärter war, unterwegs in die Stadt, wo jemand namens Rial ein Urteil über sie fällen würde. Elynsynos hatte ihn nicht erwähnt, da war sie sich sicher, und Ashe ebenso wenig. Beim Gedanken an ihn wurde Rhapsody schon wieder ganz kalt.

»Hier entlang«, sagte Cedelia höflich. Rhapsody schulterte ihren Tornister und folgte ihr den schlammigen Pfad entlang, während das Regenwasser von den frischen Blättern tropfte wie Tränen.

Nach zwei weiteren Tagen, in denen sie schweigsam durch den dichten Wald gewandert waren, kam die Stadt in Sicht. Rhapsody hatte die Wachtürme schon einige Zeit vorher gesehen, ehe sie endlich begriff, worum es sich handelte: Zahlreiche uralte Heveralt-Bäume, Verwandte des Großen Weißen Baums, waren gleich einer Wand auf einer hügelartigen Anhöhe gepflanzt und an den Stämmen mit einer breiten Barrikade aus Stein und Holz verstärkt worden. Von dort führten Leitern zu den Plattformen hinauf, welche die Wipfel miteinander verbanden.

Diese Mauer erstreckte sich nach Norden, so weit das Auge reichte; Rhapsody schätzte, dass Tyrian-Stadt in etwa so groß sein mochte wie Ostend. Vor der Mauer befand sich ein breiter, steiler Graben, dessen Grund mit glitschigem Moos bedeckt war. Hunderte von Lirin-Wachen, Männer wie Frauen, patrouillierten auf den miteinander verbundenen luftigen Plattformen, so mühelos, als gingen sie auf der Erde. Ihr Anblick erfüllte Rhapsody mit Staunen und mit Trauer. Die Aussicht, dass man sie an diesem wundervollen Ort willkommen hieß, wurde mit jedem Schritt geringer.

Etwa eine halbe Meile vor der Lichtung, welche die Stadt umschloss, bog Cedelia vom Weg ab und führte Rhapsody wieder in ein verstecktes Gebäude, ganz ähnlich dem der Grenzwächter. Allerdings war es größer und innen reicher ausgestattet, ohne Schlafgelegenheiten, aber mit mehreren langen Tischen und zahlreichen Stühlen. In jedem der Fenster befand sich ein Armbrustgestell mitsamt einem Behälter, der aussah wie ein Blumenkasten und hunderte von Bolzen enthielt. Ein beeindruckend bestücktes Waffenregal nahm den Rest der Wand nahe der Tür ein. Cedelia legte einen Pfeil in ihren Bogen und hielt die Waffe schussbereit, ohne sie jedoch auf Rhapsody zu richten.

»Setzt Euch«, sagte sie.

Rhapsody ließ ihren Tornister auf den Tisch fallen. Dann zog sie sich einen roh behauenen Kiefernstuhl heran, setzte sich und seufzte tief. So wartete sie mit ihrer Wächterin über eine Stunde lang. Gerade als sie um ein Glas Wasser bitten wollte, ging die Tür auf, und ein großer, silberhaariger Mann trat in das Langhaus. Er trug wie Cedelia Kleidung in den Farben des Waldes und darüber einen dunkelroten Umhang mit einer polierten Holzschnalle am Gürtel. Sein Gesicht war faltig vom Alter, aber sonnengebräunt und gesund, und seine Augen lächelten, als er Rhapsody anblickte. Dann wandte er sich an ihre Bewacherin und nickte ihr höflich zu.

»Danke, Cedelia.« Nun legte sie ihren Bogen ab und steckte den Pfeil wieder in den Köcher, den sie auf dem Rücken trug. Leise und flink zog sie sich zurück und schloss die Tür hinter sich.

Der Mann durchquerte das Zimmer und blieb vor Rhapsody stehen. »Wie geht es dir?«, erkundigte er sich, streckte ihr die Hand entgegen und half ihr beim Aufstehen. »Ich bin Rial. Ich hoffe, Cedelia hat dich gut behandelt.«

»Ja, danke. Mein Name ist Rhapsody.«

Rial musterte sie aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Dann ließ er ihre Hand los und zog den Stuhl neben dem ihren heran. Rhapsody setzte sich wieder; ihr Rücken tat ihr weh, weil das Holz so hart war. »Du hast eine wunderschöne Stimme«, bemerkte Rial, während er ebenfalls Platz nahm.

Überrascht blickte Rhapsody ihn an. »Wie bitte?«

»Ich habe dich vor einer Woche oder so singen gehört. Zumindest nehme ich an, dass du es warst.«

»Ihr seid uns gefolgt?«

»Nein«, erwiderte Rial mit einem Lächeln. »Ich war hier in der Stadt. Doch in Tyrian gibt es Dinge, die Entfernungen mühelos überwinden. Musik von der Art, wie du sie gemacht hast, gehört dazu.«

Rhapsody wurde rot vor Verlegenheit. »Bedeutet das, dass alle mich gehört haben, oder nur Ihr allein?«