Sein Lächeln wurde noch wärmer. »Ich fürchte, alle haben es gehört. Doch du solltest dich deswegen wahrlich nicht schämen. Vielleicht hat der Wald auf diese Weise seinen Leuten etwas Wichtiges mitgeteilt. Tyrian ist mehr als nur ein Wald, es ist eine lebendige Einheit, es hat eine Seele. Dein Gesang hat die Seele von Tyrian auf eine Art erfreut, wie sie noch nie zuvor erfreut worden ist. Deshalb hat Tyrian auch beschlossen, die Musik mit seinen Leuten zu teilen.«
Unbeholfen strich sich Rhapsody mit der Hand durchs Haar. »Nun, ich werde das im Gedächtnis behalten, ehe ich den Mund das nächste Mal aufmache.«
»Hoffentlich nicht«, entgegnete Rial. »Es wäre schade, wenn du Hemmungen bekämst wegen etwas, das den Menschen deines Blutes von Nutzen sein könnte. Du bist eine Liringlas, nicht wahr?«
»Meine Mutter war eine Liringlas.«
»Ja, das habe ich mir gedacht. Es ist mir eine Ehre, dich kennen zu lernen, Rhapsody. Ich habe bisher nur einmal Liringlas-Besucher gehabt, Abkömmlinge der Cymrer, die aus Manosse kamen, um dem Großen Weißen Baum ihre Ehrfurcht zu erweisen; sie haben ihre Reise hier unterbrochen und Königin Terrell ihre Aufwartung gemacht.«
»Dann ist Königin Terrell hier die Herrscherin?«
»Das war sie einmal«, antwortete Rial, und seine dunklen Augen glänzten. »Doch sie ist seit dreihundert Jahren tot. Auch die Herrschaft ihres Sohnes ist bereits vorüber; er ist jung gestorben und hat keinen Erben hinterlassen.
Im Augenblick haben die Lirin keinen Herrscher. Ich bin Reichsverweser. Neben mir gibt es noch drei weitere, die als Verbindung zu den anderen Lirin-Gruppen dienen, welche ebenfalls Untertanen der Königin waren: die Lirinwer der Ebenen im Südosten, die See-Lirin um Südwesten und der manossische Teil des Volkes. Die Manosser haben ihre eigene Regierung, betrachten sich aber letztendlich als Bürger Tyrians; zumindest war es so, als es hier noch einen Herrscher gab. Jetzt sind wir ein geteiltes Volk, fast wie Roland. Wirklich eine Schande.«
Rhapsody wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte erwartet, wegen des Überfalls und der Plünderung verhört zu werden, und nun hielt ihr der Reichsverweser persönlich einen Vortrag über die Verhältnisse in Tyrian. Müde stützte sie die Ellbogen auf den Tisch und legte die Stirn auf die Hand.
Rial stand auf und ging zur Tür. Dort stieß er einen seltsamen Pfiff aus, und einen Augenblick später kam ein Wächter mit einem Wasserschlauch. Rial dankte ihm und brachte Rhapsody das Wasser.
»Hier ... Ich verstehe, dass all das sehr viel für dich ist. Trink nur und ruhe dich ein wenig aus.«
Mit einem Lächeln nahm Rhapsody den Schlauch entgegen. »Danke. Ihr habt Recht, ich bin geradezu überwältigt. Es tut mir sehr Leid, von dem Überfall auf das lirinsche Dorf zu hören, aber ich hatte nichts damit zu tun, wirklich.«
Rial nickte. »Das habe ich auch nicht angenommen. Solche Grenzüberfälle gibt es schon seit Jahren, Rhapsody; du bist einfach nur zu einem ungünstigen Zeitpunkt nach Tyrian gekommen. Was kannst du mir über deinen Gefährten berichten?«
Rhapsody dachte kurz nach. Selbst nach all den Monaten in diesem neuen Land war sie noch immer unsicher, wem sie vertrauen konnte. Ashe hatte sie gebeten, seine Verbündete zu sein, doch wenn sie ihn unbeabsichtigt nach Tyrian geführt hatte und der Überfall ihm anzukreiden war, dann trug sie ebenfalls die Verantwortung dafür. Sie schuldete es ihren Blutsverwandten, den Angreifer zu finden.
Andererseits war sie möglicherweise dafür verantwortlich, dass ein Unschuldiger in böse Hände ausgeliefert wurde, wenn Rial und die Lirin aus irgendeinem Grunde in korrupte Machenschaften verwickelt waren, die mit dem von Elynsynos erwähnten Dämon zu tun hatten. Herzog Stephen hatte erzählt, dass seine Frau bei einem brutalen Überfall von Lirin getötet worden war. Achmeds Politik der völligen Isolation, bei der man niemandem außer sich selbst traute, erschien ihr plötzlich sehr vernünftig.
»Über ihn kann ich leider nicht sehr viel berichten. Er nennt sich Ashe und hat mich von Ylorc ich meine von Canrif hierher geführt. In der Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, hat er keinerlei Anstalten gemacht, mir oder sonst jemandem Schaden zuzufügen. Er ist stets in Umhang und Kapuze unterwegs. Ich habe nicht vor, ihn wieder zu sehen.«
Wieder nickte Rial. »Und warum bist du nun nach Tyrian gekommen?«
»Ich suche Oelendra.«
»Würde es dir etwas ausmachen, mir den Grund dafür zu nennen?«
Rhapsody sah ihm offen ins Gesicht. »Nein, das macht mir nichts aus. Ich hoffe, dass sie mich den Umgang mit dem Schwert lehrt.«
Nachdenklich lehnte Rial sich zurück. »Wie hast du von Oelendra erfahren? Für gewöhnlich lehrt sie nicht mehr außerhalb von Tyrian.«
Rhapsody dachte an Elynsynos und lächelte. »Jemand hat mir gesagt, sie sei die beste Ausbilderin für das Schwert, das ich trage.«
»Du hast also ein besonderes Schwert?«
»Ja.«
»Interessant. Ich bin selbst ein Schwertliebhaber. Darf ich einen Blick auf deines werfen?«
Kurz überlegte Rhapsody, ob es wirklich klug wäre, seine Bitte zu erfüllen, doch dann entschied sie sich, es zu wagen. Allerdings stellte sie sich darauf ein, sich im Notfall den Weg aus dem Langhaus freikämpfen zu müssen. Rial sah aus wie ein ernst zu nehmender Gegner, und sie würde möglicherweise ihr ganzes Feuerwissen zu Hilfe nehmen müssen, um ihm zu trotzen.
»Nun gut«, sagte sie und zog die Tagessternfanfare.
Mit einem blendenden Strahl, der die Hütte mit weißem Licht erfüllte, kam das Schwert zum Vorschein; dann leckten die Flammen nur noch bis über die glühende Klinge. Rials Augen wurden groß, und er erhob sich langsam, unfähig, den Blick von der Waffe loszureißen.
»Die Tagessternfanfare«, sagte er leise, und seine Stimme war voller Ehrfurcht.
»Ja.«
Nach einer ganzen Weile gelang es ihm dann doch, die Augen abzuwenden, und er starrte Rhapsody an. »Du bist die Iliachenva’ar.«
»Vermutlich, falls die Trägerin des Schwertes so genannt wird«, erwiderte Rhapsody und hoffte sehr, dass sie nicht respektlos klang.
Wieder verfiel Rial in staunendes Schweigen. Endlich sprach er wieder.
»Ich werde dich zu Oelendra führen, und zwar jetzt sofort.«
20
Rhapsodys neuer Führer war ein Mann namens Clovis; sein Haar und seine Augenfarbe ähnelten Cedelias so sehr, dass man sie für Zwillinge hätte halten können. Allerdings lächelte er mehr, und Rhapsody fühlte sich in seiner Gegenwart weit entspannter, als er sie vom Langhaus auf einem Pfad nach Süden führte. Beim Abschied berührte Rial ihren Arm.
»Rhapsody, ich hoffe, du weißt, dass du hier in Tyrian willkommen bist. Der Wald selbst hat das mehr als deutlich gemacht, und ich hoffe, ich ebenfalls.«
»Danke«, antwortete sie und lächelte den Reichsverweser an. »Nun lasst uns sehen, ob Oelendra mit Euch in ihren Ansichten übereinstimmt.«
»Das wird sie ohne jeden Zweifel. Oelendra hat ihre kleinen Absonderlichkeiten und ihre Launen, aber sie ist eine weise Frau. Mehr als alles andere wünscht sie sich, die Welt in Sicherheit und Frieden zu sehen, denk daran.«
Rhapsody bemühte sich, ihr Lächeln weiter strahlen zu lassen, als Rial sich über ihre Hand beugte und sich dann zum Gehen wandte. Sie erinnerte sich an Ashes Bemerkungen, dass seine Freunde Oelendra als harte, strenge Lehrerin beschrieben hätten, kam aber zu dem Schluss, dass ihr Mangel an Humor keinesfalls schlimmer sein konnte als Achmeds. Sie sah Rial nach, wie er zwischen den Bäumen verschwand, und folgte dann Clovis den Waldweg entlang.
Nach einer Stunde gelangten sie zu einer großen Lichtung. Es war ein weitläufiger Garten, fast ein Park, mit großzügig gepflanzten Zierbäumen, hohem Gras und Wildblumen, die eher an Wildnis denn an einen angelegten Garten gemahnten. Aber hier und dort gab es Anzeichen, die eindeutig auf die Arbeit von lirinschen Händen hinwiesen. Ein gepflegter Weg, ein Blumenbeet, dessen Farbkomposition zu vollkommen war, um dem Zufall entsprungen zu sein, und das spärliche Unterholz alles wies darauf hin, dass hier geplant und eingegriffen wurde und keineswegs Wildwuchs herrschte.