Unweit neben dem Weg stand eine Gruppe Kinder, allesamt mit Holzschwertern bewaffnet, und lachten über einen Scherz der einzigen Erwachsenen, die in ihrer Mitte kauerte. Rhapsody wandte sich an Clovis, der stehen geblieben war. Er deutete zu den Kindern hinüber. Sie umringten eine ältere Frau, in deren langem, silberblondem Haar graue und weiße Strähnen zu sehen waren. Sie trug keine Rüstung, keine Waffe und war mit einem einfachen weißen Hemd und einer Hose aus aufgerautem Wildleder bekleidet, die aussah, als wäre sie oft getragen worden. Die Frau sprach mit sanfter Stimme zu den Kindern und berichtigte bei einem von ihnen geduldig die Art, wie es sein Übungsschwert in der Hand hielt. Dann horchte sie plötzlich auf.
Langsam erhob sie sich, sagte leise etwas zu den Kindern und ging auf Rhapsody zu. Diese hielt den Atem an, überwältigt von der Schönheit der Frau. Ihre Schultern waren fast so breit wie Achmeds oder Ashes, und beim Anblick ihres silberblonden Haars, der rosig goldenen Haut und der langen, schlanken Gliedmaßen wurden Rhapsodys Hände feucht. Oelendra war eine Liringlas, eine vom Volk der Felder, eine Himmelssängerin und von der gleichen Gattung wie Rhapsodys Mutter. Schon lange bevor sie Serendair verlassen hatte, hatte sie keinen Angehörigen dieses Stammes mehr gesehen.
»Mhivra evet liathua tyderae. Itahn veriata.«
Rhapsody spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Die altlirinschen Worte stammten aus einer anderen Zeit: In dir fließen zwei Flüsse zusammen. Wie passend. Der Akzent, der Dialekt war genau wie bei Rhapsodys Mutter, und die Metapher der zusammenfließenden Flüsse war einst ein geflügeltes Wort auf der Insel gewesen, um die Halbblut-Lirin zu beschreiben.
»Willkommen«, sagte die Frau, als sie vor Rhapsody stand, und lächelte. Rhapsody war unfähig zu antworten oder sich auch nur zu rühren, denn ein Schwall vergessen geglaubter Gefühle stieg in ihrem Herzen auf. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Ihr Blick begegnete dem der Frau und fand dort die Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Ein staunender Ausdruck breitete sich auf ihrem Gesicht aus, gefolgt von dem Pfad einer Träne, die unbemerkt über ihre Wange rollte. »Ich bin Oelendra.« Die Frau legte in einer zärtlichen Geste die Hand auf Rhapsodys Schulter. »Ich freue mich sehr, dich zu sehen.«
Endlich fand sie ihre Stimme wieder. »Rhapsody. Ich bin Rhapsody«, sagte sie. »Oelendra, wie der gefallene Stern.« Ein unendlich musikalischer Ton tanzte in der Luft, als sie das Wort aussprach, wirbelte wie eine unsichtbare Wolke, bis er leicht und ungesehen auf dem Wind zerschellte. »Man hat mir nicht gesagt, dass Ihr eine Liringlas seid.«
»Und mir hat man nicht gesagt, dass du die Canwr bist, deren Musik wir hörten, als sie den Wald erfüllte; aber jetzt verstehe ich es. Du musst weit gereist sein, denn ich sehe, dass du müde bist. Ich werde dir etwas zu trinken besorgen und einen Platz, wo du dich ausruhen kannst.«
Rhapsody dachte über die Bemerkung der Frau nach. Seit sie den Wald von Tyrian betreten hatte und so weit sie sich erinnern konnte, war das vor acht Tagen gewesen, hatte sie nicht mehr als zwei Stunden am Stück geruht. Der Ruf des Waldes und die sich stetig vertiefende Magie überall um sie herum hatten sie eingelullt wie ein Traum, und bis jetzt hatte sie kein Bedürfnis nach Ruhe verspürt. Nun aber hatte sie das Gefühl, als dürfte sie die Last, die sie so lange mit sich herumgeschleppt hatte, endlich ablegen. Hier war sie in Sicherheit, und nun überkam sie mit einem Mal die Erschöpfung.
»Ich bin schon ein wenig müde«, gestand sie.
»Danke, Clovis.« Rhapsodys Führer nickte und ging den Weg zurück, bis er, genau wie Rial zuvor, im Wald verschwunden war. Oelendra nahm Rhapsody am Arm. »Komm mit, du musst völlig erschöpft sein.« Mit diesen Worten geleitete sie Rhapsody über die Wiese und durch einen Hain voll blühender Bäume, bis sie an den Rand eines Feldes in einer Senke gelangten. An den steilsten Abschnitt des Hangs geschmiegt, stand ein kleines, mit Torf gedecktes Haus. Es hatte weiß verputzte Wände mit frei liegenden Holzbalken, Glasfenster mit schweren Läden und einen Steinkamin, aus dem nur wenig Rauch quoll. Durch die etwas eingesunkene Vordertür traten die beiden Frauen ein. Sie durchquerten einen kleinen Vorraum und gelangten in ein weit größeres Zimmer, das fast die Hälfte des Hauses einnahm.
»Bitte, setz dich und fühl dich ganz wie zu Hause.« Oelendra trat zu einem großen offenen Kamin, in dem ein kleiner Kessel über der schwachen Glut hing. »Du kannst dich niederlassen, wo immer du möchtest.«
Hier im Innern sah Rhapsody, dass ein großer Teil des Hauses ebenfalls eingesunken war; vermutlich war es auf tiefer liegendem Niveau gebaut, sodass es drinnen weit mehr Höhe bot, als es von außen den Anschein hatte.
Wie Oelendra selbst war auch die Einrichtung ganz anders, als Rhapsody es erwartet hatte. Das Haus war karg ausgestattet, mit nur wenig schmückendem oder gemütlichem Beiwerk. Vor dem großen gemauerten Kamin, der die Innenwand des Raums bildete, standen zwei Sessel. Ganz in der Nähe war ein Sofa und in der Ecke ein einfacher geflochtener Schaukelstuhl. Am anderen Ende fand sich ein solider Tisch aus dunklem Kiefernholz mit zwei langen Bänken und zwei massiven Stühlen. Den Rest der Einrichtung bildete eine Reihe großer Kissen, die alle nicht zusammenpassten. Auf dem Waffengestell neben der Tür lagen ein ramponiertes Stahlschwert und ein seltsam geschwungener Bogen aus weißem Holz. Dankbar ließ Rhapsody sich in den Schaukelstuhl sinken und seufzte vor Erleichterung. Vom langen Wandern taten ihr die Füße weh. Während ihre Gastgeberin sich an der Feuerstelle zu schaffen machte, sah sie sich weiter um. Der Raum hatte eine hohe Decke; ziemlich weit oben verlief eine kleine Galerie. Der große gemauerte Kamin wies mehrere Eisentüren auf anscheinend Backöfen und eine zentrale Feuerstelle, in der ein paar dicke Holzscheite leise glühten.
Wie außen waren die Wände auch innen bis auf die Holzbalken weiß verputzt. Eine Leiter führte zu einer Empore, die den großen Raum überblickte. Abgesehen von einem kleinen Teppich mit einem verschlungenen geometrischen Muster war der Fußboden nackt. Rhapsody lächelte. Ohne zu wissen, warum, fühlte sie sich hier wohl und geborgen. Oelendra wandte sich um und ging zu ihr.
»Hier, das erwärmt dein Herz vielleicht ein wenig«, sagte sie und reichte Rhapsody einen großen Keramikbecher. Er fühlte sich heiß an, aber Rhapsody war das nach der kühlen Frühlingsluft gerade recht. In dem Becher war eine rotgoldene Flüssigkeit, von der ein kräftiger Duft nach Gewürzen aufstieg. Rhapsody nahm einen Schluck, und sogleich war ihr Gaumen erfüllt von der Süße des milden Honigweins, versetzt mit Orangen und einer Mischung aus Hibiskus, Hagebutten, Nelken, Zimt und weiteren Gewürzen. Vergessen geglaubte Erinnerungen drangen auf sie ein.
»Dol mwl«, sagte sie leise, schloss die Augen und lächelte traurig. »Meine Mutter hat ihn immer für uns bereitet, wenn wir an kalten Tagen vom Spielen nach Hause kamen.«
»Ja, ich habe mir schon gedacht, dass du ihn kennst«, erwiderte Oelendra. »Obwohl ich vermute, dass deine Mutter wahrscheinlich nur Honig und nicht Met hinzugegeben hat. Bei meiner Mutter war das jedenfalls so.«
»Ich habe ihn nicht mehr getrunken, seit ich ein Kind war.«
»Die Menschen wissen ihn einfach nicht zu schätzen. Nicht mal die Gwenen und die Wald-Lirin können den Trank richtig zubereiten. Sie nehmen den ganz süßen Met anstelle des leichten. Den einzig guten dol mwl, den ich je außerhalb der Langhäuser vorgesetzt bekommen habe, war der im Gasthaus Zum Scheideweg im alten Land, und das ist sehr lange her. Inzwischen ist er aus unserer Kultur einfach verschwunden, fürchte ich, vom Meer verschlungen wie so viele andere Schätze. Leider scheine ich die Einzige zu sein, der das Getränk richtig schmeckt jedenfalls bis du hier angekommen bist.«