»Dann wissen die anderen nicht, was ihnen entgeht«, sagte Rhapsody. Sie öffnete die Augen wieder und blickte Oelendra nachdenklich an. Die alte Frau saß auf der Armlehne eines Sessels, so ruhig und behaglich, dass auch Rhapsody sich immer mehr entspannte. Ihre grauen Augen schimmerten, und sie schien einfach abzuwarten, schweigend, was in anderer Gesellschaft sicher hätte unangenehm sein können.
Sie ist wunderschön, dachte Rhapsody, obwohl der Körperbau der Kriegerin so gar nicht dem traditionellen Bild von der weiblichen Figur entsprach. Ihre Schultern waren breit, ihre Haut zwar rosig, aber nicht mehr jung und von den feinen Linien des Alters und all der Jahre in der Wildnis durchzogen. In jeder ihrer Bewegungen spiegelten sich ihre Sanftheit und ein unbefangenes Selbstvertrauen, das nichts mit Überheblichkeit zu tun hatte. In den Silberaugen glaubte Rhapsody eine nostalgische Traurigkeit zu erkennen, und sie versuchte sich vorzustellen, wie viele Generationen diese Augen schon hatten auf die Welt kommen und sie wieder verlassen sehen.
»Bestimmt hast du tausend Fragen an mich«, meinte Oelendra und riss Rhapsody damit aus ihrer Grübelei. »Fangen wir gleich mit der ersten Antwort an. Ich bin Oelendra Andaris, vor dir die letzte Iliachenva’ar. Ich habe dich erwartet.«
»Ach ja? Woher wusstet Ihr, dass ich kommen würde?«
»Es war eher eine Hoffnung als das sichere Wissen, Rhapsody. Zwei Jahrzehnte schon habe ich auf die Rückkehr des Schwertes gewartet. Ich wusste, dass es früher oder später zurückkommen würde, und mit ihm die Iliachenva’ar. Dass es eine Frau ist, Cymrerin und vor allem Liringlas, tut mir von Herzen gut.«
»Woher wusstet Ihr, dass ich aus der alten Welt stamme?«
Oelendra lächelte. »Das sieht man dir an, Liebes, aber außerdem habe ich keine Liringlas mehr gesehen, seit ich hier gelandet bin. Mit der Zweiten Flotte, die in Manosse an Land ging, sollen, soweit ich es gehört habe, einige von ihnen gesegelt sein, aber ansonsten gibt es nur dich und mich. Wir allein sind übrig von einer einst weit verzweigten und edlen Linie, die ein paar der größten Krieger und Gelehrten der Welt hervorgebracht hat.«
Rhapsody machte ein beklommenes Gesicht. »Euch kann man dazurechnen, Oelendra, aber mir gebührt eine solche Ehre nicht. Meine Mutter war eine schlichte Bauersfrau.«
»Adel hat rein gar nichts mit der sozialen Schicht oder der Herkunft zu tun, Rhapsody, sondern nur mit dem Herzen. Sag mir, warum du hier bist.«
»Ich bin gekommen, um den Umgang mit dem Schwert zu lernen, falls Ihr bereit wärt, mich zu unterweisen«, antwortete Rhapsody und nahm noch einen Schluck dol mwl. »Ich verdiene es nicht, eine solche Waffe zu tragen, wenn ich nicht angemessen mit ihr umgehen kann.«
»Die erste charakteristische Eigenschaft: der Wunsch, sich der Waffe wert zu erweisen«, sagte Oelendra, mehr zu sich selbst als zu Rhapsody. In ihren grauen Augen glomm ein fernes Licht. »Und was willst du mit diesem Wissen anfangen, sollte ich mich bereit erklären, es dir angedeihen zu lassen?«
»Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich weiß, es klingt dumm, aber ich glaube, dass die Tagessternfanfare aus einem bestimmten Grund zu mir gekommen ist. Vielleicht kann ich helfen, die Kluft zwischen den Cymrern oder den Lirin zu heilen und diesen schrecklichen Grenzüberfällen ein Ende zu bereiten.«
»Das Bestreben, einem höheren Ziel zu dienen«, murmelte Oelendra. »Und was, wenn du bei diesem Versuch dein Leben lässt?«
»Ich gehe davon aus, dass ich dabei sterben werde«, entgegnete Rhapsody mit einem leichten Lächeln. »Ich habe das Gefühl, dass meine Zeit begrenzt ist, trotz allem, was ich über die Unsterblichkeit der Cymrer gehört habe. Und so hoffe ich, vorher etwas Lohnendes tun zu können ich wünsche mir, dass diese Welt, wenn ich sie verlasse, ein wenig besser sein wird, als sie vor meiner Ankunft war.«
»Die Erkenntnis, dass es Höheres gibt als das eigene Selbst, und die Bereitschaft, sein Leben dafür herzugeben«, bemerkte Oelendra leise. Als sie ihre letzte Frage an Rhapsody stellte, wurde ihre Stimme ein wenig lauter. »Und was, wenn du beschließt, diese Macht gegen die Lirin anzuwenden?«
»Hiermit gebe ich Euch die Erlaubnis, mich in einem solchen Fall sofort wegzuschicken, ohne jede Diskussion. Ich würde mein eigenes Volk niemals betrügen.«
»Loyalität und Ergebenheit, sowohl bei der Sache als auch dem eigenen Volk gegenüber«, sagte Oelendra. Ihre Augen wurden klar, und sie lächelte. »Nein, Rhapsody, ich fürchte, du irrst dich. Du bist kein Bauer, du bist eindeutig eine Liringlas in deiner Seele, was immer dein Vater auch gewesen sein mag. Und du wurdest geboren, um die Iliachenva’ar zu sein. Es ist mir eine Ehre, dich unterrichten zu dürfen.«
»Vielleicht solltet Ihr mir am besten sagen, was es bedeutet, die Iliachenva’ar zu sein«, erwiderte Rhapsody unbeholfen. »Ich möchte nichts versprechen, was ich nicht einmal verstehe.«
»Das ist nur recht und billig«, meinte Oelendra und lehnte sich zurück. »Iliachenva’ar, wie würdest du das übersetzen?«
»Licht in der Dunkelheit oder Licht aus der Dunkelheit.«
»Natürlich kennst du die Nachsilbe rar?«
»Überbringer, Träger.«
»Ja. Also bezeichnet das Wort jemanden, ›der oder die Licht an einen dunklen Ort bringt«
»Oder aus einem dunklen Ort.«
»Genau.« Oelendra sah zufrieden aus. »In der alten Welt hatte die Tagessternfanfare noch zwei andere Namen, nämlich Ria, was Licht bedeutet, und Feuerstern. Bestimmt ist dir klar, wie der zweite Name entstanden ist. Verstehst du jetzt, was die Rolle der Iliachenva’ar ist?«
»Ich soll sozusagen eine Laternenanzünderin werden?«
Oelendra lachte, der gleiche fröhliche, glockenhelle Ton, in dem Rhapsodys Mutter in glücklichen Zeiten gelacht hatte, und Rhapsody spürte plötzlich, wie sich ihre Kehle zuschnürte. »Nun, das Schwert würde bestimmt auch in diesem Beruf gute Dienste leisten. Du bist die ideale Person für die Rolle, Rhapsody. Die Iliachenva’ar versucht, Licht an Orte und in Situationen zu bringen, die vom Bösen befleckt oder verwüstet wurden.«
Unbehaglich rutschte Rhapsody auf ihrem Stuhl herum. »Ich bin mir da nicht so sicher, Oelendra ... Ich weiß nicht mal, ob ich das Böse erkenne, wenn ich ihm begegne. Wisst Ihr, mein Urteilsvermögen ist nicht immer das beste. All den Wesen, die gemeinhin als monströs oder minderwertig gelten, schenke ich mein Herz, während ich denen gegenüber, die eine Vormachtstellung innehaben oder über Ansehen verfügen, oft Misstrauen empfinde. Ich kann nicht gut unterscheiden, wem ich vertrauen kann und wann ich lieber meinen Mund halten sollte. In einer solchen Machtstellung könnte das sehr gefährlich sein. Genau genommen wäre es vermutlich besser, wenn ich Euch das Schwert einfach zurückgäbe.«
»Oh? Um was damit anzufangen?«
Das Blut schoss Rhapsody in die Wangen. »Ich ich weiß es auch nicht recht; ich meine, Ihr wart schließlich vor mir die Iliachenva’ar.«
»Und du meinst, ich sollte die Aufgabe erneut übernehmen?«
»Ich glaube, das müsst Ihr entscheiden, Oelendra. Ich wollte nicht anmaßend sein.«
Die Lirin-Kriegerin lächelte. »Du bist keineswegs anmaßend, Rhapsody, nur weißt du nicht alles. Doch das lässt sich leicht beheben.«
Rhapsody seufzte tief. »Von all den Dingen, die ich suche, seit ich in diesem Land weile, finde ich, dass ehrliche Auskünfte mit am schwersten zu bekommen sind, Oelendra. Die Leute geben sie genauso ungern her wie das eigene Familiensilber. Auskünfte und Vertrauen.«
»Du erkennst mehr, als dir bewusst ist, Rhapsody. Drei Dinge möchte ich dir gern sagen. Erstens verstehe ich nur zu gut, wie du dich fühlst, und werde dir gern jeden Gefallen tun, wenn es um Auskünfte geht. Frage mich, was du willst, und ich werde dir ohne Zögern alles sagen, was ich weiß.«
Rhapsody atmete hörbar aus. »Danke. Ich bin nur nicht sicher, ob ich damit umgehen kann.«
»Das kannst du. Zweitens ist das, was du als Unfähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, bezeichnest, ungewöhnliche Weisheit. Nicht alles Gute ist schön, nicht alles Schöne ist gut. Im Allgemeinen wird diese Regel in der Kindheit hübschen Mädchen beigebracht, damit sie nicht eitel werden und damit die weniger Begünstigten sich besser fühlen. Doch die Wahrheit geht tiefer; nicht alles Gute und Wertvolle ist mit bloßem Auge sichtbar. Das gilt auch für das Böse.«