»Gibt es bestimmte Pflichten für eine Iliachenva’ar, außer einfach den Raum zu erhellen und Böses zu vertreiben?«
Wieder lachte Oelendra. »Nun, traditionell ist die Iliachenva’ar eine geweihte Kämpferin, das heißt, eine Begleiterin oder Beschützerin der Pilger, Kleriker und anderer heiliger Männer und Frauen. Die jeweilige Sekte, der die Betreffenden angehören, spielt dabei keine Rolle. Du musst all die beschützen, die dich brauchen, um Gott was immer sie darunter verstehen verehren zu können.«
Rhapsody nickte. »Und das Dritte, was Ihr mir sagen wolltet?«
Das Lächeln verschwand aus Oelendras Gesicht. »Die Tagessternfanfare wählt sich ihre Träger selbst aus, nicht anders herum. Das Schwert hat dich gewählt, Rhapsody. Ich kann nicht die Iliachenva’ar sein, selbst wenn ich es wollte was nicht der Fall ist.«
»Warum habt Ihr aufgehört, die Iliachenva’ar zu sein, wenn ich fragen darf?«
Langsam stand die ältere Frau auf, ging zum Kamin und bückte sich; gedankenverloren stocherte sie in der Glut unter dem Kessel mit dol mwl. Aus einem Fass neben der Feuerstelle löffelte sie Wasser in einen verbeulten Kessel und hängte ihn neben den dol mwr. Rhapsody konnte sehen, wie sich die Muskeln in ihrem durchtrainierten Rücken zusammenzogen, als sie sich wieder aufrichtete und zu ihr umwandte.
»Ich habe diese Geschichte noch niemandem erzählt, Rhapsody. Aber ich glaube, ich schulde sie dir.«
»Ihr schuldet mir doch nichts, Oelendra«, platzte Rhapsody mit knallrotem Kopf heraus. »Es tut mir sehr Leid, dass ich meine Nase in etwas gesteckt habe, was mich nichts angeht.«
»Niemand sonst hat jemals danach gefragt, hauptsächlich weil man mich für verrückt hält.«
Oelendra ließ sich in ihren Sessel sinken. »Seit Jahrhunderten hatte ich auf sie eingeschimpft und versucht, ihnen klar zu machen, was in ihrer Mitte lebte, was ihnen von der Insel gefolgt war, aber sie weigerten sich zuzuhören.«
»Die Cymrer?«
»Zuerst die Cymrer, dann die Lirin.« Oelendra verschwand in die Küche und kam mit zwei Messern und einem gusseisernen, mit Kartoffeln und Zwiebeln gefüllten Topf zurück. Diesen stellte sie auf den Kieferntisch, ging dann zu den Tonnen neben der Tür, fischte Trockenfleisch, Möhren und Gerste heraus und legte alles neben den Topf. Rhapsody stand auf und trat an den Tisch. Sie zog sich einen Stuhl heran und nahm sich eines der Messer. Mit geübter Hand machte sie sich ans Kartoffelschälen, während Oelendra die Zwiebeln mit heftigen Bewegungen klein schnitt, die dem Feuer in ihren Augen gleichkamen. Doch ihre Stimme klang ruhig.
»Siehst du, Rhapsody, als die Cymrer Serendair verließen, war ich die Schutzherrin der Ersten Flotte, jener Leute also, die ursprünglich geschickt wurden, um den Ort, den Merithyn gefunden hatte, zu besiedeln und aufzubauen. Seinen Berichten zufolge war das Land, das er entdeckt hatte, unbewohnt, abgesehen natürlich von Elynsynos, der Drachenfrau. Gwylliam, der letzte serenische König, der Visionär, hielt das Heer zurück bis zur dritten und letzten Fahrt, denn an einem unbewohnten Ort würden sie es nicht brauchen. Er wollte nicht, dass die Drachin sich bedroht fühlte, und er wollte auch nicht den Eindruck erwecken, dass er vorhatte, zu kämpfen oder in das Land einzumarschieren. Wir waren eingeladen worden, daher kamen wir in Frieden Architekten, Maurer, Zimmerer, Ärzte, Gelehrte, Heiler, Bauern. Die Überfahrt war schwierig, wir verloren Merithyn und viele andere unterwegs, aber das Land hieß uns willkommen, und als wir unsere Heimat fanden, war die Lage der Ersten Flotte nicht schlecht, vor allem im Vergleich zu den anderen, die später kamen.« Oelendra warf die Zwiebeln in den Topf mit den Kartoffeln, dann schabte sie das Fleisch.
»Es dauerte über ein Jahr, bis die Dritte Flotte landete, und über fünfzig weitere Jahre, bis wir uns wieder sahen. Das war ein großer Freudentag; ungute Gefühle kamen erst später ans Licht. Mitten in dem ganzen Jubel darüber, dass wir mit unseren Landsleuten wieder vereint waren, fühlte ich mich plötzlich zutiefst unbehaglich. Ich spürte den Geruch eines Dämons von der gleichen Art wie jener, der am Großen Krieg schuld gewesen war und der Jahrhunderte zuvor fast die ganze Insel vernichtet hatte. Hast du von den F’dor gehört?«
»Ja, ein wenig, aber bitte erzählt mir trotzdem alles über sie.«
»Die F’dor gehörten zu den erstgeborenen Rassen wie die Drachen, eine der ersten fünf, die jemals die Welt beschriften haben. Von Natur aus standen sie in Verbindung mit dem Feuer, mit dunklem Feuer, böse geboren, ein zutiefst abartiges, geisterähnliches Volk, das nach nichts anderem als Zerstörung und Chaos trachtete, Meister der Manipulation, welche eine Ewigkeit damit verbrachten, Wege zu suchen, wie sie über die Grenzen ihrer eigenen Macht hinausgelangen konnten. Sie sind begabte Lügner und überaus fähig, Teile der Wahrheit mit Halbwahrheiten und echten Lügen zu vermischen und sehr überzeugend darzustellen. Als nichtkörperliche Wesen können sie sich an die Seelen von Männern und Frauen binden und mit ihren Wirten verschmelzen.
Manchmal ist die Verbindung nur leicht und zeitlich begrenzt; meist vollbringt das Opfer irgendeine Tat, ohne sich dessen bewusst zu sein, und wird danach nie wieder belästigt. Aber manchmal binden sich die F’dor fest an eine Seele und besitzen diese von nun an für alle Zukunft, bis zu ihrem Tod.
Zur schlimmsten Verbindung kommt es jedoch, wenn sie sich einen echten Wirt aussuchen, ein Individuum, mit dem sie völlig verschmelzen. Das ist mehr als nur Besitzergreifung, es ist die uneingeschränkte Vereinnahmung des Opfers durch den Dämon. Er lebt in diesem Körper, wird stärker, wenn der Wirt stärker wird, nimmt andere Formen an, wenn er selbst mächtiger wird oder wenn der Wirt stirbt. Und dieser Zustand ist für die meisten, mich eingeschlossen, nicht zu erkennen. Ich habe unter den Händen dieser Kreaturen schrecklich gelitten, Rhapsody, ebenso wie viele andere, die ich geliebt habe. Sobald wir der Dritten Flotte wieder begegnet waren, wusste ich, dass einer mitgekommen war. Der Dämon hatte sich an jemanden auf dem letzten Schiff gebunden. Gwylliam hatte versagt, denn als Schirmherr war es seine Aufgabe gewesen, das Böse daran zu hindern, uns zu folgen. Aber niemand wollte mir Glauben schenken.«
Rhapsody schauderte. »Das muss furchtbar gewesen sein. Was habt Ihr getan?«
»Als der Herrscher und die Herrscherin gewählt wurden, die das vereinte cymrische Volk regieren sollten, warnte ich sowohl Gwylliam als auch Anwyn vor dem, was ich fühlte. Doch sie schlugen meine Warnung in den Wind. Da zunächst nichts sonderlich Schlimmes geschah, wurden meine Befürchtungen verlacht und als Verfolgungswahn abgetan. Doch sie verstanden eines nicht: Wenn das Böse eine Weile nicht an die Oberfläche kommt, ist es noch lange nicht verschwunden, sondern es verbirgt sich höchstwahrscheinlich irgendwo in der Dunkelheit, gärt vor sich hin und sammelt neue Kräfte. Aber Anwyn und Gwylliam fühlten sich nur in ihrer Annahme bestätigt. Die F’dor zeigten sich nicht; Anwyn und Gwylliam regierten drei Jahrhunderte lang in relativem Frieden, bis eines Nachts in Canrif, das heute den Namen Ylorc trägt, ihr Reich zusammenbrach. Ob der Dämon eine Rolle dabei spielte oder ob es allein Anwyns und Gwylliams Torheit war, werden wir nie wissen. Es kam zu einem neuerlichen Krieg, der über Jahrhunderte währen sollte, über siebenhundert Jahre, Rhapsody. In jener Zeit bildete ich Kämpfer und Kämpferinnen aus und schickte sie aus, um den Dämon zu finden. Keiner von ihnen ist jemals zurückgekehrt.« Oelendra warf das Fleisch in den Topf und fing an, die Gerste zu putzen.