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»Und das reichte nicht aus, um sie zu überzeugen?«

»Während des Krieges waren solche Verluste bedeutungslos; schließlich verschwanden ständig Soldaten. Und nach dem Krieg, in dem unsicheren Frieden, der folgte, nahm man irgendwann an, ich selbst sei in irgendeiner Weise schuld am Verschwinden meiner Kämpfer. Erst dachten nur die Cymrer, ich wäre verrückt und jagte einem Dämon hinterher, der gar nicht existierte, dann schlössen die Lirin sich ihnen an. Allmählich bekam sogar ich selbst Zweifel an mir und fragte mich, ob ich die Zeichen womöglich falsch gedeutet hätte, ob ich so im Kummer der Vergangenheit gefangen war, dass ich mir alles nur einbildete. Nach und nach hörten die Cymrer auf, mir ihre Söhne zur Ausbildung im Schwertkampf zu schicken, weil sie fürchteten, dass ich mit meinem fruchtlosen Unterfangen ihren Tod herbeiführte. Schließlich suchte ich selbst den F’dor, bis ich zu dem Schluss kam, dass die anderen Recht hätten.«

Rhapsody ging zu ihrem Tornister, zog einen der Gewürzbeutel hervor und gab eine Hand voll getrocknete Kräuter und ein wenig wilden Meerrettich in den gusseisernen Topf. »Wie habt Ihr erkannt, dass Ihr Euch doch nicht geirrt hattet?«

»Als ich Gwydion gefunden habe.«

Der Name ließ Rhapsody aufhorchen. »Gwydion von Manosse?«

»Ja. Du kennst ihn?«

»Ich habe seinen Namen einmal gehört«, räumte Rhapsody ein. »Da kann man wohl kaum sagen, dass ich ihn kenne. Herzog Stephen Navarne bewahrt ein paar Erinnerungsstücke an ihn auf.«

»Ich habe ihn auch kaum gekannt. Nur einmal habe ich ihn gesehen, bei seiner Namenszeremonie, als er noch ein Säugling war. Aber Stephen war bei mir zur Ausbildung. Er und Gwydion waren Kinderfreunde, wuchsen aber in verschiedenen Provinzen auf, bis sie sich wieder trafen, als Stephen seine Ausbildung bei Gwydions Vater fortsetzte.«

Rhapsody nahm den Kessel von der Feuerstelle und goss kochendes Wasser in den Topf. Voller Erstaunen starrte Oelendra auf Rhapsodys Hand, die das rot glühende Eisen ungeschützt berührte. Als Rhapsody ihren Blick bemerkte, musste sie lächeln.

»Wer war Gwydions Vater?«

»Llauron, der Fürbitter der Filiden im Gwynwald.« Schnell trat Oelendra zur Seite, um nicht vom dampfenden Wasser verbrüht zu werden, als Rhapsody den Kessel unsanft auf dem Tisch abstellte. Mit einem der Tücher, die am Spülbecken hingen, wischte Rhapsody die Pfütze hastig auf.

»Tut mir Leid. Habt Ihr Euch wehgetan?«

»Nein, nein. Und du?«

»Auch nicht. Habt Ihr gerade gesagt, dass Gwydion von Manosse Llaurons Sohn war?«

»Sein einziger Sohn, sein einziges Kind, sein einziger Erbe. Llaurons lirinsche Ehefrau Cynron starb bei seiner Geburt.«

»Wie traurig.« Langsam nahm Rhapsody Oelendras Worte in sich auf. Sie verspürte Mitleid mit ihrem sanften Mentor; kein Wunder, dass er sich so in seine Arbeit gestürzt hatte. Die Insignien cymrischer Macht konnten das, was er verloren hatte, offensichtlich nicht ersetzen deshalb blieb er für sich, kümmerte sich um seinen Garten und seine Schüler und verschmähte die Reichtümer und Titel seiner Herkunft. So erklärte sich auch seine enge Freundschaft mit Herzog Stephen, dem besten Freund seines Sohnes. »Was habt Ihr damit gemeint, dass Ihr Gwydion gefunden habt?«

Oelendras Augen verengten sich. »Es sind nunmehr zwanzig Jahre, dass ich auf Gwydion traf, blutend und geschunden, dem Tode nahe, am Rand des Gwynwalds in Navarne, unweit vom Haus der Erinnerungen. Er war auf der Suche nach dem Dämon gewesen; meines Wissens ist er der Einzige, der jemals entkommen ist. Doch er war schwer verletzt, sein Brustkorb aufgerissen, ein Stück seiner Seele entblößt.

Als ich ihn sah, wusste ich sofort, dass er sterben würde, und ich wusste auch, was ihn getötet hatte.«

Rhapsody hängte den Kessel wieder übers Feuer und beobachtete, wie die Flammen knisterten, als sie sich ihnen näherte. »Die F’dor?«

»Ohne jeden Zweifel. Seine Seele blutete, ein rotes pulsierendes Licht umgab ihn. Der Anblick wird mir stets unvergesslich bleiben. Man denkt immer, die Seele sei etwas Ätherisches, ohne körperliche Form, aber die F’dor hatten es geschafft, sie aufzuschlitzen. Ein grässlicher Anblick.«

»Ich kann es mir kaum vorstellen. Was habt Ihr getan?«

»Panik überwältigte mich, aber nicht aus Angst um Gwydion. Ich habe in meiner Zeit so viel Tod gesehen, dass er mich nicht mehr beeindrucken kann. Was mir Angst machte, war, wie mächtig der F’dor geworden war, Rhapsody. Gwydion war ein gefährlicher Gegner. Er war in der Wildnis von Manosse groß geworden, er war mit den Meeresmagiern in ferne, abenteuerliche Länder gereist und hatte in mehr als einem Krieg gekämpft. Aber noch mehr als das: Die Macht und die Führungsqualitäten, die er allein durch seine Herkunft erworben hatte, kannten nicht ihresgleichen.

Von Gwylliam, seinem Großvater, besaß er das Anrecht auf das Land, das nur jene erben, in deren Adern uraltes königliches Blut fließt, die Linie der Könige. Von Anwyn, seiner Großmutter, hatte er das Blut der Drachin Elynsynos und Merithyns in sich, der ein Seren war eine weitere der fünf erstgeborenen Rassen, den Elementen entsprungen, aus denen das Universum besteht.

Auf der mütterlichen Seite seiner Familie stammte er von den MacQuieth ab. Er war der Kirsdarkenvar und Herr des Hauses Neuland, des höchsten manossischen Geschlechts. Und all dem zum Trotz war vom Kronprinz der cymrischen Dynastie nichts weiter übrig als ein zitterndes Häufchen blutigen Fleisches. Wenn der F’dor Gwydion von Manosse vernichten konnte, dann war seine Macht so groß geworden, dass ich nicht einmal mehr hoffen konnte, sie allein zu bewältigen. Das war vor zwanzig Jahren, Rhapsody, und ich schaudere bei dem Gedanken, was der Dämon jetzt zu tun vermag.« Sie blickte zu ihrer neuen Schülerin auf und runzelte die Stirn.

Rhapsody zitterte am ganzen Leib.

»Gwydion war der Kirsdarkenvar?«

»Ja, er trug das Schwert des Wasserelements, Kirsdarke, das über Generationen auf ihn herabgekommen war. Durch sein Blutrecht und strenge Initiationsriten vermochte er das Schwert mit der größtmöglichen Macht zu führen. Und wenn er unter Einsatz der Klinge, die eigens dafür gefertigt worden war, böse Wesen wie die F’dor zu töten, dennoch besiegt werden konnte, dann war klar, dass die Zeit gekommen war. Nun konnten nur noch die Drei das Böse besiegen ... Rhapsody? Was ist los?«

Rhapsody starrte aus dem Fenster in das verblassende Zwielicht, das sich im Laufe ihres Gesprächs eingeschlichen hatte.

Hast du selbst eine Verbindung zum Wasser oder besteht sie nur durch dein Schwert?

Das ist schwer zu sagen. Inzwischen trage ich Kirsdarke schon so lange bei mir, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, jemals ohne dieses Element gewesen zu sein. Rhapsody dachte an das verborgene Tal, den unerwarteten Anblick Ashes nach seinem Bad, nackt vom Nabel aufwärts, die grausige Wunde, die im Licht schwärte. Dann wanderten ihre Gedanken unvermittelt zu einem anderen versteckten Tal.

Es muss der Rakshas gewesen sein, dem ihr begegnet seid. Vor zwanzig Jahren schufen die F’dor den Rakshas im Haus der Erinnerungen. Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt. Er besteht aus Blut, dem Blut des Dämons, und manchmal auch aus dem anderer Kreaturen. Für gewöhnlich sind es unschuldige Wesen oder wilde Tiere. Sein Körper ist aus einem Element wie Eis oder Erde gebildet; ich glaube, derjenige im Haus der Erinnerungen besteht aus gefrorener Erde. Das Blut schenkt ihm Leben und Kraft. Ein

Rakshas, der allein aus Blut besteht, ist kurzlebig und geistlos. Aber wenn der Dämon eine Seele besitzt, ganz gleich, ob sie menschlichen Ursprungs ist oder nicht, kann er sich diese einverleiben und nimmt schließlich die Form des Eigentümers der Seele an, wobei dieser natürlich tot ist. Damit verfügt er auch über einen Teil von dessen Wissen und kann all das tun, was dieser zu tun vermochte. Eine entstellte, böse Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, Hübsche. Und höre: Er befindet sich ganz hier in der Nähe. Sei vorsichtig, wenn du meine Höhle verlässt. Dies waren Elynsynos’ Worte gewesen. Cedelia hatte sie angestarrt.