Habe ich Euch irgendwie gekränkt, Cedelia?
Man hat Euch vor fünf Tagen am Rand des Außenwaldes zusammen mit einem Mann in einem grauen Kapuzenumhang gesehen. Ein Mann in einem grauen Kapuzenumhang hat in derselben Nacht am Ostrand des Außenwalds einen Überfall auf ein Lirin-Dorf angeführt.
Die Siedlung ist niedergebrannt. Vierzehn Männer, sechs Frauen und drei Kinder sind bei dem Überfall ums Leben gekommen.
Sie konnte sich Achmeds Gesichtsausdruck noch genau vor Augen rufen, als sie ihm aus dem Vertrag vorlas, den sie im Haus der Erinnerungen gefunden hatten.
Die Vertragspartner sind Cifiona ich schätze, das ist die Frau mit dem großen Dolch und eine Person namens Rakshas, die aber nur als Mittelsmann für einen Herrn in Erscheinung tritt, dessen Name interessanterweise unerwähnt bleibt. Zu diesen Pflichten gehört der Vollzug der Blutopferung von dreiunddreißig unschuldigen Herzen und unberührten Körpern menschlicher Abstammung sowie von Lirin oder Halb-Lirin in gleicher Zahl.
»Rhapsody?« Oelendras kräftige Hände umfassten ihren Oberarm.
Rhapsody wandte sich zu ihr um. »Ja?«
»Woran denkst du gerade?«
Rhapsody schaute wieder zum Fenster und schluckte; die Nacht brach herein.
»Wir können uns nach dem Abendessen weiter unterhalten, Oelendra. Jetzt müssen wir uns beeilen, sonst verpassen wir die Gebete.«
»Welche Gebete?«
Überrascht blickte Rhapsody die alte Lirin-Kriegerin an. Sie musste doch mit den Liedern der aufgehenden Sterne und der untergehenden Sonne vertraut sein Oelendra war eine Liringlas, eine Himmelssängerin! Doch sie starrte Rhapsody nur voller Verwirrung an. Vielleicht hatten die Gebete hier eine andere Bezeichnung.
»Bitte, Oelendra, kommt mit mir. Wir können die Gebete gemeinsam verrichten. Es ist so lange her, dass jemand mit mir gesungen hat.« Mit diesen Worten nahm sie Oelendra bei der Hand und eilte in der hereinbrechenden Dämmerung zur nächsten Waldlichtung.
21
Das Zwielicht verwandelte sich bereits in tiefblaue Dunkelheit, als die beiden Frauen die Lichtung erreichten. Der Tagesstern war untergegangen, doch die Sterne der Nacht lugten einer nach dem anderen hervor und schimmerten sanft, ehe sie ihre Plätze am Nachthimmel beanspruchten und hell durch die Wolkenfetzen schienen, die vor dem aufgehenden Mond vorüberzogen.
Rhapsody räusperte sich und sammelte ihre Gedanken. Sie fühlte sich wie getrieben, nachdem sie den Nachmittag unbemerkt hatte verstreichen lassen, und brauchte deshalb ein paar Atemzüge, um sich zu sammeln und Ehrfurcht zu verspüren. Die erschreckenden Neuigkeiten, die Oelendra ihr erzählt hatte, waren für den Moment vergessen, damit sie die uralte Zeremonie nicht störten, die sie Tag um Tag zum Andenken an ihre Mutter vollzog. Als auch der allerletzte Sonnenstrahl hinter dem Horizont versunken war, sang sie die ersten Töne der Abschiedsvesper, des Abendlieds, das der Sonne auf ihrem Weg durch die Dunkelheit eine gute Reise wünschte und versprach, sie am Morgen voller Freude zu begrüßen.
Sie sang leise und wartete, dass Oelendra einstimmte, aber die Lirin-Kämpferin stand schweigend da und lauschte. Rhapsodys Stimme wurde voller, während die Nacht sich weiter herabsenkte und die Sterne heller strahlten; sie konnte ihr Licht in den Augen spüren. Es fühlte sich so richtig an, hier in Tyrian zu singen, und ein Gefühl von Freiheit und Wohlbehagen stieg in ihr auf. Das Lied wurde nicht von Wind und Erde festgehalten, sondern schwebte frei und leicht zum Himmel empor. Die Lirin dieses Landes waren keine Liringlas, keine Himmelssänger, aber sie waren immer noch Himmelskinder.
Die Begrüßung der Sterne währte nicht lange; die Verse waren kurz und knapp, und schon bald hatte Rhapsody ihre Gebete beendet. Die komplexeren Lobgesänge ließ sie aus, denn sie wusste nicht recht, warum Oelendra nicht einstimmte, und wollte die Situation keinesfalls schlimmer machen, falls sie aus irgendeinem Grund ihr Missfallen erregt hatte. So atmete sie die süße Nachtluft tief ein und wandte sich an Oelendra. Ihr Lächeln verblasste, als sie deren Miene gewahrte.
»Oelendra? Was ist mit dir?«
Die Lirin-Kämpferin starrte mit einem völlig verlorenen Gesichtsausdruck gen Himmel. Sie sah so traurig aus, dass Rhapsody zuerst nur tiefstes Mitleid empfand. Dann aber fing sich Oelendra wieder, und ihr Gesicht spiegelte jene sanfte Weisheit, zu der sich Rhapsody bei ihrer ersten Begegnung so hingezogen gefühlt hatte.
»Nichts, Liebes. Ich habe nur nachgedacht. Warum gehst du nicht zurück ins Haus? Ich komme gleich nach.«
Rhapsody nickte und gehorchte. Sie ging den Weg zurück zu Oelendras Behausung, trat ein und ließ die Tür hinter sich offen stehen.
Im Schutz der Dunkelheit stand Oelendra wartend da und starrte zu den Sternen empor. Rhapsodys Lied hatte in ihr eine Erinnerung geweckt die Erinnerung an ein Ritual, das sie jeden Morgen und jeden Abend an jedem Tag ihres Lebens treu begangen hatte, ehe sie ihre Heimat verlassen hatte und hierher gekommen war. Ein Ritual, das sie bis eben vollkommen vergessen hatte.
Ihre eigenen Gebete hatten nicht nur die übliche Liringlas-Vesper umfasst, die Rhapsody gerade gesungen hatte, sondern auch das Klagelied des Gefallenen Sterns, des Sterns, dem sie ihren Namen verdankte. Wie lange war es her, dass dieses Lied gesungen worden war? Erinnerte sich unter den jetzt Lebenden überhaupt noch jemand an den verloschenen Stern, oder hatte sie mit ihrer Nachlässigkeit sein Andenken für immer getilgt? Sie spürte, wie ihr verkrampftes Herz sich entspannte, während die Erinnerungen zurückkehrten; die Lieder, die ihr in all den kummervollen Stunden Trost gespendet und eine Orientierung gegeben hatten, gehörten ihr jetzt wieder. Dabei hatte sie nicht einmal bemerkt, dass sie nicht mehr da gewesen waren. Dieses Mädchen hatte sie ihr geschenkt; der erste dunkle Ort, an den Rhapsody Licht brachte, war Oelendras eigenes Herz. Und der Ort, von dem das Licht stammte, war ebenfalls dunkel; er lag verborgen in den Tiefen der stillen See. Licht ins und aus dem Dunkel. Die Iliachenva’ar.
Der frische Wind der Frühlingsnacht griff nach dem Saum von Oelendras Umhang, aber es war nicht die Brise, die die Augen der Kriegerin feucht werden ließ. Oelendra wischte sich die Tränen von den Wangen, als sie am Rand der Lichtung Halt machte, um ihr Haus zu betrachten. Wie konnte ich das vergessen? Es muss geschehen sein, als die Tagessternfanfare verstummte, in dem Augenblick, als das Schwert und Serendair für immer voneinander getrennt wurden.
Nun umschloss die Dunkelheit sie von allen Seiten. Das Licht, das aus ihrem Heim strömte, war wie eine warme Insel mitten im schwarzen See der Nacht. Im Innern des Hauses sah sie Rhapsody umhergehen. Sie rührte in dem Eintopf, der über dem Feuer hing, und wandte sich dann einer Vase mit Frühlingsblumen auf dem Tisch zu; offenbar hatte sie diese im Dunkeln gepflückt.
Oelendra lächelte unwillkürlich. In ihr schlummern Möglichkeiten, dachte die alte Kriegerin, während sie die junge Sängerin beobachtete. Sie hat ein edles Herz und ist voll selbstloser Hingabe an andere. Sie weiß, dass es Dinge gibt, die größer, höher sind als sie selbst, und sie möchte ihnen dienen. Sie könnte dort erfolgreich sein, wo die anderen wo wir anderen versagt haben. Das Mädchen stellte zwei Teller auf den Tisch und blickte kurz aus dem Fenster, ehe sie sich wieder dem Eintopf zuwandte. Wie lange ist es her, dass jemand für mich den Tisch gedeckt hat?, überlegte Oelendra, als Rhapsody aus ihrem Blickfeld verschwand. Das Mädchen war anders, das machte die Sache schwieriger. Oelendra wusste, dass ihr vernarbtes Herz sich noch einmal öffnen musste, dass es den Schmerz noch einmal riskieren würde, um an dieses Mädchen zu glauben, ihr zu helfen und sie zu lieben, unter Tränen zu beten, dass sie die Prüfung überlebte, die das Schicksal ihr zugedacht hatte. Rhapsody reichte Oelendra die abgetrockneten Teller zum Wegstellen und setzte sich dann ans Feuer. »Erzählt Ihr mir die Geschichte von Gwydion bitte zu Ende?«